Ist das Christentum noch haltbar?

21.09.2005 um 17:10 Uhr

Ecce homo – ein Plädoyer gegen Gott

Ecce homo – Siehe der Mensch
Ein Plädoyer in Sachen Gott

30.9.05: Beitrag leicht bearbeitet und mit Ergänzung versehen: Zum Begriff "Ecce homo", Siehe am Schluss

„Streit mit Gott“ - So heisst ein preis-ausgezeichneter halbstündiger Dokumentarfilm über einen katholischen Priester, der infolge einer nicht genannten Virus-Erkrankung (Guillaume Barré Syndrom?) im Ergebnis querschnittgelähmt und von da an auf einen Rollstuhl angewiesen war.

 

Im Erzählen des Betroffenen (mit bayerischen Akzent) ist immer noch die tiefe Verzweiflung hörbar und spürbar, als ob die Krankheit vor kurzem aufgetreten wäre und nicht schon vor Jahren. Er sagte, dass er das Gerede vom „lieben“ Gott nicht mehr habe ertragen können und sich am liebsten in einer leeren schmucklosen Kirche aufgehalten habe. Beten habe er auch nicht mehr können, nur noch die Psalmen lesen können, wo von Flehen und Schreien zu Gott aus tiefster Not die Rede ist. Anhänger und Freunde hätten gebetet, gefastet und seien nach Lourdes gewallfahrtet, damit er wieder gesund werde. Und er selber habe auf ein WUNDER gehofft; habe ein Wunder ertrotzen wollen in einer heiligen Osternacht, auf die er sich mit Fasten und Beten vorbereitet hat und voller Hoffnung war. Doch das Wunder kam NICHT, was ihn in tiefste Verzweiflung stürzte. Trotzdem das Hoffen auf ein Wunder eigentlich lächerlich erscheint, ist man doch tief angerührt durch das schwere Schicksal, das ihm, dem überzeugten Diener Gottes, widerfahren ist. Er konnte den SINN nicht einsehen, denn als Gesunder konnte er "Gottes Wort" besser verkünden; davon war er überzeugt. Hatte er vielleicht zu wenig an Gottes Macht geglaubt, das Wunder zu bewirken - und war er deshalb quasi selber schuld, dass er nicht geheilt wurde? Diese Erwartung wird doch durch die Bibel gefördert. Sagte nicht Jesus zu einem Geheilten, "Dein Glaube hat dich gerettet"? Das Christentum geht doch davon aus, dass der "liebe" Gott oder Jesus oder der heilige Geist auch heute noch im Leben jedes Einzelnen wirkt. Diese Fragen und Gedanken wurden im Film nicht angesprochen, aber dennoch eine versöhnliches Ende der Geschichte des Pfarrers geboten.

 

Nach Wochen und Monaten der Verzweiflung fand er wieder Mut zum Leben, und zwar in sich selber, wie ich behaupten möchte. Dabei haben ihm Menschen seiner Gemeinde entscheidend geholfen. Diese hatten ihn nicht aufgegeben und wollten ihren Pfarrer wieder haben. Diese Menschen haben ihm aus der Verzweiflung geholfen. Es wurden Anpassungen gemacht, dass er wieder Gottesdienst in der Kirche halten und Abendmahl feiern konnte. Ein Schreiner machte einen niedrigeren Tisch, eine sehr schöne Arbeit. Und er fand weiter eine befriedigende Tätigkeit als Spitalseelsorger. Im Rollstuhl besucht er die Patienten im Spitalzimmer und findet, wenn er mühsam mit dem Rollstuhl ins Zimmer fährt und Hindernisse wegschiebt, vielfach besseren Zugang zu den Menschen. Einige Patienten wurden aber durch sein Erscheinen verschreckt (erinnert, das so etwas möglich ist) und wollten mit dem Pfarrer im Rollstuhl nichts zu tun haben. Auch das erzählte er.

 

Seine Rückkehr ins Leben mit einer befriedigenden Tätigkeit als Seelsorger bezeichnete der Pfarrer als Wunder, oder fast so etwas wie ein Wunder. Dabei mochte er das andere Wunder, dass er wieder gesund wird, nicht ausschliessen. Er hat also immer noch Hoffnung.

 

Dieser Film stellt Anlass zu Fragen und Schlüssen, die sich jeder selber machen kann:

 Da ist ein Mensch, der sich als treuer Diener Gottes sieht, auf brutale Weise auf sich selber zurückgeworfen worden, und Gott hat dazu geschwiegen. Der Titel des Films "Streit mit Gott" ist eigentlich falsch und irreführend. Ein Streit setzt einen Kampf zwischen zwei Beteiligten voraus, ob ein gleicher oder ein ungleicher Kampf. Hier erlitt einer einen Schicksalsschlag, der ihn in seiner Existenz zutiefst getroffen hat, und den ein angeblich allmächtige Gott zugelassen hat. Das muss man sich klar werden. Der Film sollte eigentlich "das Schweigen Gottes" oder die Gemeinheit Gottes heissen, wenn man von einem existenten Gott ausgeht, aber nicht Streit mit Gott. Oder sollte man etwa annehmen, dass Gott, diese Krankheit zugelassen hat, um seinen Diener, der eine zu begeisterte Heilsgewissheit an den Tag legte, eine Prüfung ähnlich wie Hiob aufzuerlegen? Wozu wäre denn eine solche, wenn nicht aus reinem Sadismus? Um jemandem etwas vor Augen zu führen; um diesen Dokumentarfilm zu machen; damit ich ihn sehe im Kirchgemeindehaus, und diese Zeilen schreibe? Ein solches Spiel, anders kann man es nicht bezeichnen, wäre doch nur zynisch, und von einem Gott, der ja gemäss 1. Johannes 4/8 die LIEBE ist, eigentlich nicht zu erwarten. Also ist Gott entweder nicht allmächtig oder nicht die Liebe. Man komme mir nicht mit dem Spruch: Es hat Gott in seinem unerforschlichen Ratschluss gefallen, dieses oder jenes zu machen oder zuzulassen. Es gibt noch eine weitere Denkvariante: Vielleicht gibt es diesen schweigenden Gott gar nicht. Die einzige Entschuldigung dieses entweder nicht lieben oder nicht allmächtigen Gottes ist, dass es ihn nicht gibt, dass er nur ein Denk- bzw. Glaubenskonstrukt ist.

 

"Ecce homo" bezieht sich auf einen Ausspruch von Pilatus mit Bezug auf den in seinen Augen unschuldigen Jesus. Ich verstehe darunter, den  betreffenden Menschen in seiner dramatisch-tragischen Einzigartigkeit anzuschauen und als Existenz zur Kenntnis zu nehmen, ohne irgendeine Wertung oder Spekulation.

17.09.2005 um 17:37 Uhr

Condition humaine - Die Bedingungen der menschlichen Existenz

Sucht man bei google deutsch nach "condition humaine", so erscheint dieser post unter den ersten 10! Die vermehrten und verbesserten posts findet ihr unter: http://gottlos.blog.de/?tag=condition-humaine

 

 

Viel versprechender Ansatz eines Theologen: La condition humaine

Condition humaine steht für die das menschliche DASEIN charakteristischen Dinge: Geburt und Tod,  Ich-Bewusstsein [Selbst], Kampf, Liebe und Hass, Angst und Wahn.

[Das und noch anderes sind die Existenziale nach Heidegger]

Das habe ich auf der Site von Fritz P. Schaller (atelier-fuer-theologie.net) gefunden. Leider hat FPS die entsprechende Datei „Profil Theologie“ über die Condition humaine auf seiner Site gelöscht. Vielleicht war er nicht ganz zufrieden damit. Ich habe jedenfalls die Datei ausgedruckt. Der Text hat mich ziemlich beeindruckt.

Condition humaine bedeutet nach FPS kurz: «menschliches Dasein» - zur Freiheit berufen, zum Sterben bestimmt. - Diese Aussagen sind EXISTENZIALISMUS pur.

Exkurs: Zur condition humaine gehört natürlich auch das Negative und Schlechte, Krankheit und Tod; was ich als Hinfälligkeit des Menschen bezeichnen möchte. Zur condition humaine gehört für mich ebenfalls die sogenannte "Sündhaftigkeit" des Menschen, d.h. was die christliche Dogmatik als solche bezeichnet. Darunter verstehe ich die moralische Hinfälligkeit des Menschen, d.h. die Möglichkeit des Bösen und Schlechten. Eine "Erbsünde", d.h. eine  metaphysische Verworfenheit des Menschen, weshalb er der "Erlösung" bedürfe, lehne ich ab.

Weil mich der Titel (Begriff) so faszinierte (wie anscheinend Schaller) habe ich das Buch „la condition humaine“ des französischen Schriftstellers André Malraux vor vielen Jahren, als ich jung war, auch gelesen. Das Buch war eigentlich eine Enttäuschung. In Erinnerung geblieben ist mir nichts, ausser der Beschreibung eines Mordes aus der Perspektive des Mörders am Anfang. Das Buch hielt nicht, was der Titel versprach, wie die "Sieben Säulen der Weisheit" von Lawrence of Arabia. Ein anderes solches Buch ist "Der Gottes-Komplex" von Horst E. Richter, das sich wegen seines Titels noch gut verkauft.

Es gibt so Wörter (heute v.a. englische) die sofort eine ganze Kaskade von Gedanken und Gefühlen auslösen, ja einen fast besoffen machen können. Ein solches Wort ist 'Gott' oder eben „condition humaine“. Wir müssen die so sehr bedeutenden Wörter (= Begriffe) auf ihren Gehalt und Zusammenhang mit anderen abklopfen, um herauszufinden, was sie eigentlich bedeuten. Wörter sind eigentlich nur Zeichen für etwas.

Schaller versteht unter Condition humaine: Voraussetzungen, Bedingungen menschlicher Existenz; Lebensbedingungen (soziale Verhältnisse, Umstände menschlichen Lebens; Stellung, Situation, Rolle des Menschen, Verfassung und Konditionierung des Menschlichen.

Ich stimme diesen Beschreibungen grundsätzlich zug. Sie betreffen mehrheitlich die äusseren Umstände des Menschen. Die entsprechenden inneren Umstände möchte ich als die verschiedenen Aspekte des Selbst bezeichnet (vgl. dazu meinen Beitrag zu SELBST in meinem anderen Blog existenz).

Ich möchte nur beifügen: Condition (lat., franz., englisch) heisst zunächst mal nicht Bedingung im Sinne von conditio sine qua non (notwendige Voraussetzung für etwas) sondern ganz einfach, Verhältnisse, Umstände oder eben Lebensbedingungen.

Nun zur Schlussfolgerung von Schaller aus der condition humaine, die ich als grossartig bezeichnen möchte:

Jeder Mensch ist ein geschichtliches Wesen, an einem Punkt der Evolution aufgetaucht, den er nicht gewählt hat, gebaut als ein Individuum von einzigartiger genetischer Konstitution. Und er stirbt nach einem Leben von begrenzter Dauer.

Hier meine Bemerkungen:

- Geschichtlich: kommt von geschehen, dazu gehört wesentlich die Zeit, die unwiederbringlich verstreicht, in der das Leben verläuft.

- Evolution: Ist diese immer noch im Gang? Oder wirkt sich diese in einem Menschenalter noch aus.

Auftauchen: Wir werden ins Sein geworfen, ohne gefragt zu werden.

- Individuum: Wir sind durch unsere Eltern (genetisch) aber auch durch die Umwelt (Ort) als auch den Zeitpunkt einzigartig. Zeit und Ort machen letztlich die Einzigartigkeit des menschlichen Seins aus.

- Begrenztes Leben: Der Tod ist unvermeidlich … und nachher ist Schluss, alles andere ist eigentlich Wunschdenken, wenn man ehrlich zu sich selber ist. Der Tod gehört wesentlich zur menschlichen Existenz.

Schaller fährt sehr hellsichtig weiter:

Die Wurzel seines religiösen Gefühls  steckt nicht in Gott, nicht in der Offenbarung, sie steckt in seiner dramatisch-tragischen, auf ein Unbedingtes bezogene EXISTENZ.

- Religiöses Gefühl: Ich möchte dieses nicht als religiös bezeichnen, sondern als zutiefst existenzialistisch. Dafür ist weder ein Gott noch eine Offenbarung (Gottes) notwendig.

- Die Existenz sei auf etwas Unbedingtes bezogen, letztlich unbedingt und voraussetzungslos ist einzig der Tod. Das ist sich der Mensch meistens nicht bewusst.

Schaller führt weiter aus:

Konservative Theologie nennt dieses Unbedingte „Gott“ und fragt: Was hat Gott offenbart? Was steht in der Heiligen Schrift?  Bei Atelier für Theologie stellt sich die Frage anders herum: Wie sind Menschen dazu gekommen, ihre Heiligen Schriften für offenbart zu halten. Offenbart, aber wie? Von aussen, durch göttliche Inspiration? Oder von innen durch Einsicht?

Schallers Frage ist wirklich genial: Wie – um Himmels willen – kommen Menschen dazu, eine „Heiligen Schrift“ (also irgendwelche Geschichten, Mythen) als angebliche göttliche Wahrheiten zu halten und zu verkündigen? Da kann man immer wieder nur staunen und sich wundern. Daraus resultieren dann die Fragen. Die Theologie fragt übrigens nicht, sondern behauptet etwas aus einem angeblichen, angemassten Wissen heraus.

Ich habe Mühe (und Schaller kann dafür nichts) wenn an einem Punkt eines Diskurses (fortschreitende Abhandlung) GOTT wie ein Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert und dieser uns als besondere Erkenntnis dargeboten wird, deren Wert bei genauerer Betrachtung gleich Null ist. Das gibt nur ein erstes Gefühl von Bedeutsamkeit,  das sich als schal herausstellt. im Endergebnis ist es eine Gedankenkonstruktion, ein Wunschgebilde, ein dem Menschen ähnliches personales überirdisches Wesen.  

Ich stimme mit Schaller nicht überein: Konservative (christliche) Theologen fragen nicht, was glauben Muslime, Juden (diesen verdanken wir das Alte Testament, das sie kennen), Buddhisten (diese brauchen keinen Gott als Hilfskonstrukt!), Hindus, sondern stellen ihren Glauben als überlegen dar. Die sogenannten  Dogmatiker bemühen sich um den „rechten“ Glauben.

Ich gehe mit Schaller völlig einig: Modernes Wissen [über die Natur und den Menschen] spielt eine zentrale Rolle. Ich (FPS) gehe davon aus, dass die religiösen Vordenker, die Weisen, die Propheten, die Schriftgelehrten, sogar die Dogmatiker der Vergangenheit sehr Vieles nicht wissen [und verstehen] konnten, was wir heute wissen, z.B. in der Mikrobiologie, Evolution, Psychologie etc.

- Das ist der Grund, weshalb man im Gegensatz zu früheren Zeiten Menschen heute, auch wenn er noch so eine bescheidene Bildung hat, gewisse Geschichten einfach nicht mehr erzählen kann.

Schaller: Die religiösen Lehrer, die Mystiker, die Propheten [und die Philosophen] konnten sich zu ihrer Zeit nicht auf soviel Wissen abstützen, wie wir heute. Zu wesentlichen [höheren] Einsichtigen gelangten sie [einige davon] trotzdem.

- Das kann man wirklich nur unterschreiben. Das Wissen dieser Denker ist heute noch bedeutsam, vielleicht nicht in allen Teilen.

Sodann erklärt Schaller sein Vorgehen in seiner theologischen Arbeit: Historisch-kritisch in der Analyse; hermeneutisch-dialektisch im Denken

Das kann ich nur begrüssen, und habe ansonsten keine Bemerkungen dazu.

14.09.2005 um 16:59 Uhr

Gott 3: Offener Brief an einen Atheisten

Ich befasse mich zurzeit wieder vermehrt mit Philosophie, insbesondere - halten Sie sich fest - mit Gott! Anlässlich des 100. Geburtstages von Jean Paul Sartre bin ich durch entsprechende Zeitungsberichte auf diesen Philosophen aufmerksam geworden, der einen radikal atheistischen Existenzialismus vertrat, wobei der Existenzialismus eine Folge des Atheismus ist und nicht umgekehrt. Die Beschäftigung mit JPS führte natürlich sofort zu anderen Philosophen und deren Werken. Man schaut nach, was dieser und jener gedacht oder geschrieben hat. Kein Philosoph denkt im luftleeren Raum, alle sind in einer Linie und bauen auf Vorgängern auf. Praktisch alle gingen mal von Platon und/oder der Bibel aus, oder haben sich mit diesen beschäftigt.

 

Ich bin schon mal auf dem Standpunkt, dass es bei "Gott" immer nur (aber immerhin) um eine Vorstellung von Gott geht, und eine solche Vorstellung ist in jedem Menschen irgendwie vorhanden, wenn auch als Negation wie bei den Atheisten, die vorher vielleicht einmal gott-gläubig waren. Das Gottesbild hat sich im Lauf der Zeit seit der Antike gewandelt. Dann muss man noch unterscheiden zwischen dem Gott der Religion/en, insbesondere des Christentums, aber auch den Gott der Philosophen. Bei der Philosophie muss man aufpassen, denn es gibt als Philosophie verkappte Theologie (va. im deutschen Idealismus: Hegel, Schelling etc). Dies führt dann eigentlich zum Pantheismus (Weltseele, Weltgrund, Weltgeist nach Spinoza, Hegel, Tao etc. etc., vielleicht auch der Wille nach Schopenhauer, obwohl dieser sich vom Pantheismus distanziert hat), der eigentlich recht verlockend ist. In diesem Zusammenhang bin ich auf ein sehr merkwürdiges Buch von Hans Rudolf Corti gestossen, dem Gründer des Pestalozzi-Kinderdorfs: "Vom Werden Gottes im Menschen" mit verschiedenen z.T. sehr lesenswerten Aufsätzen. Der erste handelt von der Sinnunruhe oder Sinnsuche („das Herz ist unruhig, bis es ruht in dir …oh Gott(!)", nach Augustinus oder so schön Latein: „cor inquietum est..“. Nach diesem Buch ist der Mensch quasi ein Organ Gottes sein, der unfertig, also im Werden ist, was natürlich schon eine sehr merkwürdige Vorstellung ist und viele Fragen aufwirft.

 

Ich denke, die Frage nach Gott ist in erster Linie ein Fragen nach dem Menschen und seinem Wesen, d.h. Sein, v.a. Bewusst-Sein, oder SELBST, was ich für den besten Begriff halte. Hier liegt meines Erachtens der Schlüssel, aber ich will (noch) nicht zuviel verraten. Hier nur so viel: Ich denke, letztlich ist Gott eine Projektion des Selbst (Ich, Person, Subjekt, Identität, Selbst oder wie man das bezeichnen will), dessen verschiedene Bereiche, Anteile, Schichten man noch genauer untersuchen und definieren müsste. Die Hirnforschung (Neuropsychologie) ist schon dabei, dies zu tun. Die Neurophilosophie ist das erregende Ergebnis davon.

Gott bzw. die Vorstellung von Gott [Gott-Vater, Gott-Herr, Herrgott] davon hat die Funktion (Hermeneutik) Lebens-Sinn zu stiften, Urvertrauen zu schaffen oder eher zu fördern (dies geschieht in erster Linie durch die Eltern, insbesondere die Mutter) oder besser gesagt zu erhalten, Versöhnung (was mit „Erlösung“ bezeichnet wird), mit sich selbst, mit der Welt, mit seinem Leben und den Mitmenschen zu bewirken. Das „Sinnesorgan“, dass Gott (d.h. die Vorstellung von Gott) erzeugt, projiziert, ist das das spirituelle Selbst, was bei den Menschen verschieden stark ausgebildet ist. Selbst Atheisten haben ein spirituelles Selbst, das sehr stark sein kann. In analoger Weise wie Gott-Vater kann man Gott-Sohn, der mit ihm identisch sein soll, behandeln. Bei Gott-Sohn kommt hinzu, dass sich die entsprechende Vorstellung auf angebliche „Offenbarung“ stützen, die geglaubt werden kann oder nicht. Das sind wirkmächtige Geschichte, und werden als Mythen bezeichnet. Das heisst nicht, dass das Erzählte unwahr ist, es ist eine Frage der überhöhten Interpretation. Bleibt nur noch der Geist (Heilige Geist) zu behandeln, den man näher definieren muss. Darüber werde ich noch eine kürzere Abhandlung schreiben, die natürlich, wie alles andere Geschriebene, vorläufig ist und nicht definitiv und auch nicht sein kann.

All diese Überlegungen haben vermutlich andere Denker - wahrscheinlich viel besser dafür vielleicht weniger verständlich -  schon getan, in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Ein Mangel ist, dass man praktisch keinen Gesprächspartner hat, mit dem man solche Gedanken austauschen kann, denn die meisten Menschen stellen die Frage nach Gott („Was ist das überhaupt?“) nicht oder es interessiert sie nicht. Sie haben keine Zeit und andere Sorgen. Sie haben vielleicht so eine vage Vorstellung aus der Kindheit; irgendeine Vater-Figur à la Samichlaus existiert da im Hinterkopf. Obwohl die Kirchen praktisch leer sind (die Kirchen ist ein Thema für sich) glauben  gemäss Meinungsumfragen die meisten Befragten an irgendein höheres Wesen, mit dem sie es nicht verderben wollen. Wie gesagt findet leider kaum eine Kommunikation über Gott etc. statt, welche Verständigung (Verstand) voraussetzt. Gemäss Sartre ist Kommunikation das Angewiesensein [des Menschen] auf den Umgang mit anderen. Dies sei ein Ur-Unglück des Selbst-seins. (aus Herders Kl. Phil. Wörterbuch). Das Bedürfnis nach Kommunikation (Mitteilung) ist anscheinend ein Grundbedürfnis des Menschen. Das Bedürfnis nach Gott ebenfalls, nur gibt es dafür viele verschiedene Vorstellungen und Deutungen.

10.09.2005 um 14:03 Uhr

PERLEN: Gedanken zur einer Religion ohne Kirche; Ansichten eines Heiden über Gott

Verwirrung macht sich breit, was eigentlich unvermeidbar ist bei dieser Informationsflut. Das Internet ist voller Abgründe des Unsinns (geistiger Mischmasch: zusammen gebastelte Psychologik, Esoterik, Heilslehren aller Art, religiöse Schwärmerei, Skuriles, oder aber Unverständliches), dass es einen graust. Beim Suchen nach einem Thema im unendlichen Meer des Internet findet man aber immer wieder unerwartet PERLEN, z.B. eine hervorragende Darstellung zu einem ganzen Themenkreis. Texte, die interessante Gedanken enthalten, die man gut versteht und mit Gewinn liest. Darum geht es. Das müssen keine wissenschaftlichen Texte sein, und es muss nicht alles stimmen. Hauptsache, man wird zum Denken und Fragen stellen angeregt. Hier zwei Beispiele.

 

Bei der Suche nach "Mithraskult" (ich wollte mal wissen, was das ist) habe ich Folgendes Gefunden:

 

RELIGION OHNE KIRCHE - Aufgeklärte Religiosität im postchristlichen Zeitalter

von Martin Lackner

http://mitglied.lycos.de/Querbeet/referate/

Kann als gezippte Word-Datei (249 MB) downgeloadet werden: ca. 60 Seiten gut verständliche Information zum Christentum und sein historische und philosophische Einordnung; eine sich absolut lohnende Lektüre. - Diese Lektüre, d.h. einzelne Kapitel, werde ich noch inhaltlich näher kommentieren.

 

Zum Inhalt:

Vorwort

AUFKLÄRUNG ÜBER DIE CHRISTLICHE RELIGION

Anmerkungen zum christlichen Mythos

Der Jesus der Evangelien

Mithraskult und Christuskult

Leitlinien der Kirchengeschichte

AUFGEKLÄRTE RELIGIOSITÄT

Eine freiere Gottesanschauung

Das Problem von Leiden und Tod

Der Ruf des Gewissens

LEITBILDER RELIGIÖSEN DENKENS

Gesichtspunkte aus Senecas stoischer Philosophie

Mystisches Denken bei Meister Eckhart

Der Glaube Spinozas an die Transzendenz

Nachwort

 

Bei der Suche nach "Julian Apostata" (röm. Kaiser und ganz interessante hist. Figur) fand ich Folgendes:

 

ANSICHTEN ÜBER GOTT - Annotationen eines Heiden  [aus persönlicher, kritischer Sicht]

von Prometheus (Pseudonym)

http://www.gratis-webserver.de/Prometheus/2.html

(ebenfalls ca. 60 Seiten, zum Downloaden folgendermassen vorgehen: Text markieren – tippe <strg-c> – Worpad öffnen und Text mit <strg-v> einfügen – als rtf-Datei abspeichern – ausdrucken - lesen)

 

Inhaltsverzeichnis:

Prolog

1. Kapitel: Am Anfang war der Kult

2. Kapitel: Der Kult-Trieb und die Götter

3. Kapitel: Der Kriegsgott [des Alten Testaments]

4. Kapitel: Gefahr für den patriarchalischen Gott

5. Kapitel: Der Teufel als Machtfaktor

6. Kapitel: Kult und Bekehrung

7. Kapitel: Der patriarchalische Monotheismus Teil II

8. Kapitel: Ketzer und Ungläubige

9. Kapitel: Die Macht im patriarchalischen Kult

10. Kapitel: Der Kult und der Staat

11. Kapitel: Der Kult und das Internet

12. Kapitel: Kult - Quo vadis

08.09.2005 um 12:13 Uhr

Gott2: Die Theologie – das GEREDE von Gott (V.2)

Theologie sei eine Wissenschaft und heisse Rede von von Gott (ich dachte -logie heisse Lehre, was natürlich so ist). Auf der andern Seite heisst ja Logos auch "das Wort" (.. und das Wort war bei Gott, wie es im Johannes-Evangelium heisst. Man lese mal Vers 1-3 und man sieht, dass es ein ganz rätselhafter Text ist. Gemäss dem bedeutenden Theologen Rudolf Bultmann ist das Evangelium Johanni z.T. einer „gnostischen Erlösungslehre“ zuzurechnen. Das EVJoh wird gerne beim Missionieren verteilt, weil es so schön feierlich ist. Ein Pfarrer hat den schönen Titel verbi Dei minister (Diener am Wort Gottes). Die Worte der Theologen sind manchmal so gut, dass ich sie manchmal gar nicht verstehe, trotzdem ich mal ein Studium absolviert habe und einmal Latein gelernt habe (ich sage nicht, ich könne es). Altgriechisch habe ich leider nicht gelernt, aber einige Wörter weiss man ja, was es bedeuten soll.

Wenn die Theologensprache  unverständlich wird, rede ich gerne von Wortgeklingel. Ich gebe zu, die Sprache der Philosophen ist manchmal auch (sehr) unverständlich. Vielleicht liegt es an mir, wenn ich etwas nicht verstehe (who knows?).Logos heisst übrigens auch Sinn, oder Vernunft oder Weltgrund (oder Weltseele) etc. aber primär Rede. Bei der Philosophie, v.a. beim deutschen Idealismus (Hegel, Schelling) muss man sich bewusst sein, dass es sich evtl. um verkappte Theologie handelt.

Gegenstand der Theologie genannten Wissenschaft ist wörtlich Gott (Theos, dessen Existenz, obwohl umstritten, ohne Begründung als gegeben vorausgesetzt wird) bzw. die „Offenbarung“ von Gott. Ich möchte der Theologie nicht die Wissenschaftlichkeit absprechen, aber ich spreche lieber von Geschichten (eigentlich Mythen) über Gott. Als Wissenschaft ist Theologie zunächst einmal Philologie (Sprachwissenschaft), d.h. alte, und daher als autoritativ angesehene Texte auf Latein, Griechisch, Hebräisch, Aramäisch sind zu übersetzten, zu verstehen und auszulegen. Dann ist Theologie Philosophie und Psychologie, die Bedeutung von Gott im Denken allgemein als auch im Denken und Fühlen des einzelnen Menschen ist herauszuschälen. Das ist meines Erachtens im Prinzip Theologie, d.h. Gerede von Gott. Mit „Gerede“ meine ich mal völlig wertfrei eine Gesamtheit, wie im Wort „Gebirge“; aber das muss man sich mal vor Augen halten.

 

Ein Kommentator schrieb zu meinem Blog (Gott1), was soll ich mich mit Religion beschäftigen, es glaubt eh jeder an etwas anderes. Das ist der springende Punkt: Wenn zwei von Gott reden, wer sagt ihnen, dass sie über denselben Gott reden? Klar: Gott ist immer nur eine mehr oder weniger gemeinsame oder verschiedene VORSTELLUNG von Gott.

 

Ich möchte den folgenden Text von Wolfgang W. MÜLLER (Prof. Dr. theol., Professor für Dogmatik, Professor für Dogmatik DBW, Leiter des Ökumenischen Instituts, Theologische Fakultät, Universität Luzern) mit dem Titel „Das NICHTS als Ausgangspunkt der Rede von Gott in der Moderne“ etwas kommentieren, d.h. mit meinen Gedanken versehen, wie die Glossatoren, welche bei Lehrtexten im Mittelalter Randbemerkungen geschrieben haben. Als der Existenzphilosophie zugeneigter Denker - jeder kann für sich beanspruchen, Denker zu sein, so auch ich als eigenständige Existenz - hat mich der z.T. schwere Text des zweifellos hochgelehrten Autors beeindruckt. Einen solchen Text, mit dem ich mich befasse, gebe ich immer an. Ich fühle mich dabei berechtigt, eigene Gedanken, Anmerkungen in [kursiv] beizufügen. Dies bringt/zwingt einen dazu, den Text genau zu studieren. Wer den Text ungestört davon im Original lesen will, findet ihn unter

http://biblio.domuni.org/articlestheo/dasnichts/

DOMUNI - Theologische Wissensvermittlung über Internet. Das Internet ist eine so wunderbare Sache und dient dem Gedankeaustausch. Nun zum Artikel:

 

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Theologie wird gemeinhin verstanden als ein der griechischen Antike entstammender Begriff, der eine vernünftige [hoffentlich nachvollziehbare], reflektierende [überlegende] Rede des Menschen über Gott meint. Dieser theologische Diskurs [Diskurs = logische fortschreitende Abhandlung] kann in ganz verschiedenen Textgattungen von seinem Objekt [Gegenstand: Gott wird als seiend vorausgesetzt, was er in Gedanken ist] handeln. Der Diskurs kann hymnisch, mystisch, *philosophisch*, systematisch, biblisch [und polemisch] geprägt sein, immer setzt er den Glauben an die Existenz eines Gottes als alles begründenden Grund der Wirklichkeit voraus. [Da muss ich nun entschieden widersprechen, theologisieren kann man auch, wenn man die Existenz Gottes nicht voraussetzt sondern nur als gegeben annimmt, im Sinne von ‚etsi Deus daretur’, wenn es Gott gäbe, dann …. Wenn von Gott gedacht, geredet und geschrieben wird, so ist meines Erachtens immer nur Gott in der persönlichen Vorstellung des Betreffenden gemeint].

 

Christliche Theologie zeichnet sich dadurch aus, dass dieser Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist [Das ist mal einfach eine kühne Behauptung wenn auch christliches Dogma. Es bedeutet weiter dass J. Christus ist mit Gott identisch ist und immer war]. In Folge der von Karl Rahner initiierten Transzendentaltheologie [Transzendenz heisst Überschreitung in eine andere Wirklichkeit] kann das Wesen [Kernbedeutung] der Theologie als das ausdrücklich bemühte Hören des glaubenden Menschen [auch ein ungläubiger kann hören, vielleicht wird er dann gläubig] auf die eigentliche, geschichtlich ergangene [tatsächlich geschehen] Wortoffenbarung Gottes [Das eine ist das Wort, das andere ist seine Auslegung. das Wort Offenbarung kommt 7 Mal im Text vor. Was heisst das eigentlich? Ich verstehe darunter die Aufdeckung/Mitteilung eines höheren, zunächst verborgenen Wissens/Erkenntnis. Das ist ein ungeheurer Anspruch] und das wissenschaftlich methodische Bemühen um ihre Erkenntnis [und Verstehen] und die reflektierte Entfaltung des [eingewickelten?] Erkenntnisgegenstandes [ Erkenntnis heisst gr. wörtlich Gnosis, was das Christentum letztlich ist] verstanden werden. Objekt der Theologie ist also nicht Gott, denn Theologie setzt die Wortoffenbarung voraus. [Ja, Gegenstand sind nur die als Offenbarung angesehenen Geschichten = Mythen der Bibel, denn die negative Theologie sagt sehr eindrücklich, dass Gott absolut und jenseits jeder Erkenntnis und Vorstellung ist] „Gotteswort im Menschenwort" [hier kann man folgern: „Gotteswort“ ist Menschenwort] hat bereits im Wissen um begriffliche und satzhafte Art [i.S.v. Satzung = Statut oder Lehrsätze (?), die auf ihre Stimmigkeit überprüft werden können] das Moment des Glaubens [Glauben = es wird etwas vorhanden und so beschaffen oder als wahr vorausgesetzt, daraus resultiert das Bewegende=Moment] und seiner verantwortbaren [was heisst das?] Verkündigung in sich, das zu weiterer Entfaltung, Reflexion und Konfrontation mit anderen Erkenntnissen treibt [Ja! Der Drang zu wahrer Erkenntnis treibt mich zur Reflexion und Konfrontation mit diesem Text]. Ebenso besteht keine feste, allgemeine Grenze zwischen vorwissenschaftlicher und wissenschaftlich methodischer Gotteserkenntnis [theologisieren kann jeder]. Christliche Theologie hat als Gegen-stand der Theologie die Offenbarung des Gottes zum Inhalt der sich im Wort (=Jesus Christus) [hier haben wir den LOGOS wieder] und seinem Heiligen Geist den Menschen kundgeben wollte und sich in seiner Gnade [Güte Gottes] selber den Menschen mitteilt. Somit gehören Akt [verstehe ich nicht, das ist aristotelisch] und Inhalt des Glaubens und kirchlicher Glaube zusammen [über den Inhalt des Glaubens an Gott oder nicht an Gott kann man in guten Treuen sehr verschiedener Meinung sein]. In klassischer Weise handelt die Gottesrede zunächst vom Gott der biblischen Offenbarung. Der biblische Gottesbegriff vermittelt keine einheitliche Gottesrede [sondern verschiedene Geschichten von Menschen und Völkern], sondern stellt in einer heilsgeschichtlichen Schau die Erfahrung des Gottesvolkes [Israel] dar, so dass Wesensaussagen Gottes [im AT erscheint Gott zunächst als kriegerischer Stammesgott] deutlich werden. In einem weiteren Zugang wird Gott zum Thema einer christlichen Philosophie [die bei der heidnisch-griechischen Philosophie grosse Anleihen gemacht hat, v.a. bei Aristoteles]. Nachbiblische Theologen haben Transzendenz, Allgegenwart und das Gott-Welt-Verhältnis thematisiert. Die altkirchliche Gotteslehre der Griechen nahm eine Parallelisierung vor: Während die Philosophen das Gottdenken der Griechen reflektieren, wird im Glaubensleben am Gott der Offenbarung festgehalten [Offenbarung kann hier als Erkenntnis verstanden werden]. Das mittelalterliche Denken hat Gott zum Hauptthema. Die thomasische [Thomas von Aquin] Gottesphilosophie deutet Gott im logisch-kausalen Zusammenhang, gedacht als das einzige unabhängige Seiende (,,ens a se" ist Gott allein, alles andere ist ,,ens ab alio"). Die Gottesrede der Neuzeit kennt unterschiedliche Etappen. Nach I. Kant kann die objektivierte Realität Gottes weder bewiesen noch widerlegt werden [Das ist äusserst wichtig: Kant hat mit den (positiven und negativen) sogenannten „Gottesbeweisen“ aufgeräumt. Die Philosophie ist nicht mehr die „Magd der Theologie“]. Wenn die Vernunft Gott als Gedanken [d.h. als reine Idee] seiner reinen Möglichkeit nach deutet, dann konstituiert sie damit das Ideal als oberste regulative Idee der theoretischen Vernunft [Gott als letzte Begründung für die Ethik]. Der solchermassen [rein abstrakt] gedachte Gott beeinträchtigt die Autonomie der transzendentalen Selbstbegründung des Bewusstseins und der Freiheit des Menschen nicht [mehr], er garantiert den Sinn der moralischen *Subjektivität* und ist damit fundamental für die Humanisierung [Dasselbe hat doch Sartre gesagt, der die atheistische Grundhaltung (seines) Existenzialismus als (wirklicher) Humanismus betonte.] Einen anderen Weg schlägt Hegel ein. Sein Denken unternimmt den Versuch, Freiheit, Vernunft unter den Vorzeichen ihrer jeweiligen geschichtlichen Entzweiung [Dialektik?] zu denken. Gott als absoluter Begriff versteht Gott weder als Sein noch als Wesen, sondern als Begriff, der sich zur Idee entwickelt [Gott ist also reiner Geist. Man muss wissen, dass Hegel eigentlich zutiefst vom Glauben an Gott überzeugt war]. Mit Links- und Junghegelianern setzt die radikale Kritik der Gottesrede in der Neuzeit ein. Verstand L. Feuerbach [S. „Das Wesen des Christentums“, bei Reclam] Gott als Projektion aller menschlichen Wünsche [F: „Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bild“ - nicht umgekehrt], postulierte K. Marx die Aufhebung des Wesens Gottes als notwendig für einen theoretischen Humanismus. F. Nietzsche, S. Freud [„Der Mann Moses“, wonach Moses ein Aegypter war und der jüdische Monotheismus eine Erfindung der Aegypter] als weitere ,,Meister des Verdachts" verstehen die Gottesfrage als Resultat eines gestörten menschlichen Verhältnisses [S. Tilman Moser: Gottesvergiftung]. E. Husserl, M. Heidegger und K. Jaspers sparen die Gottesfrage explizit aus der philosophischen Fragestellung aus. Vertreter der sprach- analytischen Philosophie bestreiten, dass von Gott sinnvoll geredet werden könne. Die feministische Theologie weist auf den Andromorphismus der traditionellen Gottesrede hin. [Ja, warum ist nie von einer Göttin die Rede, immer vom Herrgott (Herr Gott). Ich würde mir Gott noch gerne als schöne Frau mit grossen Brüsten vorstellen statt als Mann mit Rauschebart, wie in Michelangelo in der sixtinischen Kapelle gemalt hat. Vielleicht wäre es daher besser von „Das Gott“ zu sprechen. An Gott als für sich existierendes persönliches Wesen zu glauben, mit dem man auf Du und Du kommunizieren kann, ist eigentlich eine unmögliche, groteske Vorsellung.]

Diese kurze Skizzierung der Gottesthematik bestimmt bis auf den heutigen Tag den geistesgeschichtlichen Hintergrund sowohl des theologischen Diskurses als auch der vorwissenschaftlichen Rede von Gott. Die Postmoderne kennt ein Wiedererwachen der Gottesfrage. So hat die Zeitschrift ,,Merkur" im Jahr 1999 eine Doppelnummer zum Thema ,,Nach Gott fragen. Über das Religiöse" herausgegeben, der französische Philosoph Régis Debray publizierte ,,Dieu, un Itinéraire", in dem er die Gottesfrage unter den postmodernen Bedingungen bedenkt. Der Grazer Philosoph Peter Strasser nennt in seinem ,,Journal der letzten Dinge" das SCHWEIGEN GOTTES die Bedingung seiner Existenz in der Moderne.  Die Gottesrede oszilliert angesichts der Herausforderung des postmodernen Pluralismus zwischen gegenläufigen Tendenzen: einer TOTALEN BELIEBIGKEIT oder GLEICHGÜLTIGKEIT einerseits, eines fanatischen Fundamentalismus andererseits [es gibt auch die Gott- und Papstschwärmerei]. Von Hause aus ist man entweder Christ, Jude, Buddhist, Moslem, ... , nichts" [übrigens kommt der Buddhismus ohne einen persönlichen Gott aus, nur schon das macht den Buddhismus so anziehend]. Die theologische Relevanz der Frage nach der Erfahrung des Nichts verliert ihre Berechtigung auch dann nicht, wenn von der Wiederkehr des Religiösen ausgegangen wird. Die Frage nach Gott wird in diesem Kontext gerade nach(!) einer Erfahrung des Nichts gestellt. [Nichts ist ein grosses Wort. Der Übergang zum NICHTS erscheint hier abrupt und nicht nachvollziehbar. Sich das Nichts als solches vorzustellen, ist praktisch unmöglich. Anders ist es mit der Vorstellung der eigenen Nichtigkeit. Ausgangspunkt dieses Artikels war aber die Rede von Gott. Die meisten Menschen, ausser die religiös oder philosophisch Interessierten, was eine gewisse Denkfähigkeit und Bildung voraussetzt, können mit der Frage nach Gott schlicht nichts anfangen, weichen ihr aus und verharren im Unbestimmten oder geben Gemeinplätze von sich. Die grosse Mehrheit der Menschen beantwortet entspr. Umfragen, ob sie an ein wie auch immer geartetes höheres Wesen (Gott) zu glauben, mit Ja. Die wenigsten stellen sich aber die Frage: „Was (nicht wer!) ist das eigentlich – Gott?“]

 

Glaubensrede von Gott [das ist die eigentliche Definition von Theologie, der Gegenstand dieser Wissenschaft ist der Glaube an etwas, das für wahr gehalten wird und nicht bewiesen werden kann], zweifelnde [!] und fragende Suche nach Gott, radikale Kritik an der Gottesrede artikulieren sich - schultheologisch klassisch - im normativen Dispositiv negativer und positiver Theologie. Einen Schritt weiter geht der theologische Diskurs der Moderne, der die Rede von Gott angesichts des Schweigens Gottes und der Erfahrung des Nichts im theologischen Diskurs bedenken will.

Eingedenk der klassischen, neuzeitlichen wie aktuellen Fragestellung der Theologie nach den Bedingungen der Möglichkeit einer verantwortenden Rede von und über Gott muss man sich, so lautet die vorgelegte Arbeitshypothese, mit dem Phänomen des Nichts auseinandersetzen.

[Da muss ich meine Kommentierung des Artikels abbrechen, das Nichts kann ich hier (noch) nicht behandeln; es ist mir im Moment zu schwierig. Den Rest des Artikels werde ich bei späterer Gelegenheit behandeln, ebenfalls die „Gnosis“].