Schwanken zwischen Stop & Go
Bilde ich mir das nur ein, oder ist es wirklich so? Wenn alte Probleme wieder auftauchen, zeigen sie sich meist in einem neuen Kleid, verstecken sich hinter neuen Facetten und erfinden immer gewagtere Scheinargumente. Oder bin ich es selbst, der diese Tarnung erfindet? Weil ich mir nicht eingestehen will, den gleichen Fehler zum wiederholten Male zu machen? Ich hab da gerade echt so meine Zweifel.
Der Grund dieser Überlegungen: Ich arbeite mal wieder zu viel.
Wobei das nicht ganz korrekt ist. Zeitlich gesehen arbeite ich nicht mehr als sonst auch, aber ich arbeite deutlich intensiver - hoch konzentriert und effektiv.
Das an sich wäre völlig okay, wenn es sich eben auf die Arbeit beschränkte, doch es gibt Nebenwirkungen, die nicht gut sind. Der Schlaf ist nicht mehr erholsam. Vor allem die Träume sind völlig anders. In der Freizeit brauche ich mehr Ruhephasen - Zeiten, die ich normalerweise für mich, respektive mein Innenleben, nutzen sollte, die inzwischen aber der blanken Regeneration dienen. Meditation funktioniert kaum noch. Sobald es mir gelingt loszulassen, schlafe ich ein. Das ist mir neulich sogar am Schreibtisch passiert. Wie peinlich. ;-)
Kurz: Ich bin mal wieder aus meiner Mitte geraten - genau so ist es.
Ja, ja, ich weiß, ich habe es selbst in der Hand, daran etwas zu ändern. Was zu tun wäre, ist mir völlig klar. Nur einfach ist das nicht - und zwar aus zweierlei Gründen. (Im Gründefinden war ich schon immer gut. Nur sind diese hier so robust, daß ich sie bisher nicht aus der Welt schaffen konnte oder wollte.)
Der erste Grund ist sehr komplex und mächtig. Und weil er in seinen Wirkmechanismen von den meisten Menschen (mich eingeschlossen) noch gar nicht völlig erkannt wurde, sondern einfach nur spürbar ist, wird er meistens verdrängt oder ignoriert oder (in einzelnen Fällen) auch mal völlig überbewertet. Es ist das kollektive Bewußtsein.
Gemeinsam mit meinen vierzehn Kollegen bilden wir eine soziale Zelle, die in ihrem inneren Zusammenspiel zumindest schon einmal Tuchfühlung zu meinen Idealvorstellungen aufgenommen hat. Wir arbeiten gemeinsam, wir denken gemeinsam, oft fühlen wir vergleichbar und wir leben gemeinsam. Ja, auch wenn es absurd klingen mag: Wir leben gemeinsam - zumindest dreißig Prozent unserer jährlichen Zeit. Und wer wollte schon behaupten, daß seine Lebenszeit während der Arbeitszeit aussetzt? Dieses Kollektiv ist meine Zweitfamilie, ein Stück meines Lebens - und zwar ein sehr wesentliches. Was hier passiert, bewegt mich und beeinflußt mich nachhaltig. Und es gibt keinen der Kollegen, der es nicht ebenso sehen würde.
Was landläufig so lapidar als Teamgeist bezeichnet wird, leben wir tatsächlich. Wertschätzung und Einfühlungsvermögen gehören ebenso zu diesem kollektiven Bewußtsein, wie Verantwortungsgefühl, Berechenbarkeit und Selbstverständlichkeit. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist ein Punkt, in dem wir uns wohl am stärksten von anderen Firmen unterscheiden. Das Selbstverständnis jeder einzelnen dieser fünfzehn Persönlichkeiten besteht zu mindestens einem Drittel aus dem kollektiven Bewußtsein dieser Firma. Jeder ist sich im Klaren darüber, daß wir nur gemeinsam so gut funktionieren können - daß jeder jeden beeinflußt und auch jeder von jedem in gewissen Grenzen abhängig ist. Insofern hat dieses Kollektiv eine ganz eigene, gewissermaßen verkapselte Ethik entwickelt.
...viele Worte um einen einfachen Fakt: Wenn ich an meiner Arbeitsweise etwas ändern wollte - egal in welcher Hinsicht - dann kann ich das nur im Rahmen dieses kollektiven Bewußtseins tun. Es sei denn, ich würde mich entschließen, völlig auszusteigen. Aber soweit bin ich noch lange nicht.
Der zweite Grund, der es mir schwer macht, zumindest partiell aus dieser Mühle auszubrechen, ist ein recht trivialer: Mir macht meine Arbeit Spaß.
Egal ob man das Privileg ansehen möchte oder nicht, jeder, der meint, alleine dieser Grund wäre stark genug, um mit meinem Leben zufrieden zu sein, der irrt. Warum? Siehe erster Abschnitt.
Nein, ich bin nicht mehr der Workaholic, der ich vor zehn Jahren war. Es ist definitiv nicht mehr die Flucht vor inneren Problemen, die mich in die Arbeit treibt. Es ist das Bedürfnis nach einer sinnvollen Aufgabe. Ich möchte Bewegung in mir spüren, Ziele verfolgen - egal welcher Art.
Das klingt einfach und natürlich, stimmt’s? Doch genau hier liegt die Crux. (Bevor hier schwere Irritationen aufkommen, sollten die Psychologen unter Euch mal besser weghören. ;-) )
Es gibt da zwei Persönlichkeiten die sich meinen Körper teilen:
Die eine ist sozusagen "Emo", liebt das Schöngeistige, die Auseinandersetzung mit Menschen und ihren Gefühlen, philosophiert gerne und lauscht den inneren Stimmen.
Die andere Persönlichkeit ist ein Technik-Freak, mit erbarmungslos streng strukturierten Denkweisen und der Fähigkeit zur Analyse, Perfektionist in Reinkultur, kreativ und zielstrebig.
Diese beiden Teile kamen in den letzten Jahren eigentlich ganz gut miteinander aus. Nicht zuletzt deswegen, weil beide ihre Ziele und Beschäftigungen hatten. Um es einmal bildlich auszudrücken: Sie haben sich schön brav mein Gehirn geteilt. Jede Seite bekam ihre Zeit. Emo und Ratio lebten in Einklang - verständnisvoll und ohne innere Kriege. Eben das, was man so als "in seiner Mitte sein" bezeichnet.
Nun scheint mir in den letzten Woche jedoch ein Stück meiner emotionalen Seite verlorengegangen zu sein, und ich habe nicht die geringste Ahnung warum. Vielleicht braucht sie ja nur eine Pause, und der Freak hat diese Chance schamlos ausgenutzt und sich die freien Hirnkapazitäten angeeignet. Vielleicht aber hat sich auch der Freak - genährt durch neue und interessante Aufgaben - einfach breitgemacht und den armen sensiblen Emo verdrängt. Ich weiß es nicht, ich kann es nicht deuten. An dieser Stelle versagt meine Selbstanalyse.
Möglicherweise braucht der Emo ja nur wieder eine Aufgabe, etwas was berührt und bewegt...
Keine Ahnung. Ich weiß nur, daß ich meine Mitte, meine innere Balance, wiederfinden muß und sicher auch wiederfinden werde. Denn so ausbalanciert hatte ich mich einfach großartig gefühlt.
Nun mag der Umfang dieses Textes darauf hindeuten, daß mein Problem schwerwiegender Natur sei. Doch dem ist nicht so. Also keine Angst. Ich mußte das nur eben mal aufschreiben - so als Vorbeugung einer kleinen Herbstdepression gewissermaßen. ;-)

mit Spannung habe ich jetzt Deinen Eintrag gelesen.
Erstmal Glückwunsch zu einer Arbeit die Spaß macht!!
Und Dein Arbeitsteam wo Wertschätzung und Einfühlungsvermögen Werte sind!Find ich toll!
Um Deine "Gehirn-Arbeitsteilung" beneide ich Dich,
obwohl ich nicht "auf der Brennsuppe dahergeschwommen bin", so gewinnen meist die Emotionen bei mir die Oberhand, da kann ich mir von Dir was abschauen...
Auch wenn Du "kein schwerwiegendes Problem" beschreibst,so wünsche ich Dir, dass Du wieder Deine Mitte findest, dass Dir etwas begegnet, das Dich anrührt, dass sozusagen statt die Herbstdepression ein laues Herbststürmchen Deine Seele/Emotionen anstupst und dann alles wieder in Balance ist.
Einen sonnigen Herbsttag wünsch ich Dir
@Schnute: Ohne nachzudenken: müde, ausgelaugt, sehnsüchtig (nach was auch immer)
Ich wünsche Dir, dass Dich Deine Sehnsucht wohin treibt, wo Dein Ausgelaugtsein vertrieben wird.
Einen sonnigen Tag
Und...
Danke! Das wird schon. :)
Und nach Wandlung…
Nach einer Phase…
Es erinnert mich nichts an diese damalige Worcaholic-Energie, wenn Du mich fragst (Hast Du nicht, ich weiß ;) )
Für mich klingt das Erleben an sich nicht schlimm.
Ich glaube, das was wirklich zum inneren Konflikt für Dich wird, ist, dass Du Dir diesen Zustand nicht erlaubst. Dass Du unbedingt die Mitte wieder herbei“kämpfen“ möchtest. Ja, es ist ein erstrebenswerter Zustand, aber einer, der nicht fortwährend und immer aufrecht erhalten werden kann ~Wandlung & Co und so... Schon gar nicht „zwanghaft“. Du musst Dich nicht zum Meditieren überreden. Wenn Dein Körper schlafen will, dann nimmt er sich das *und wenn es am Schreibtisch ist ;)* Auch das ist heilsam gerade. Vielleicht bist Du einfach nur in einer ganz natürlichen murmeltierigen vorherbstlichen Stimmung!? Und das darfst Du sein…
Aber Du hast recht. Vielleicht bin ich mal wieder zu streng in meiner Selbstbeobachtung und sollte einfach darauf bauen, daß sich das, wie bisher, bald wieder selbst reguliert. Auch das wäre nichts Neues.
Vielleicht nimmt meine kleine Sehnsucht ja demnächst auch irgendwie Gestalt an und läßt sich stillen. ;-)
Klingt nach Herbst? Seit heute ist Herbst.
((@))
Du, lass mal… Warum sollte diese riiiiesen Umbruchsphase, die hier üüüüberall rumgeht, wie ne Epidimie und ganze Löcher einreißt ausgerechnet an Dir mit ner kleinen Ausgelaugtphase vorüberziehen??? Allet is jut! Nur der Anspruch an Dir selbst zu hoch – jenau!
Seeeehnsucht ist sowas Schönes! Besonders, wenn sie durch erfüllende Ereignisse noch genährt und irgendwie gleichzeitig gestillt werden ;)
*an mein Herz drück*
Danke! :-*
Also doch ein immer wiederkehrendes Problem?
Okay, dein kollektives Bewusstsein innerhalb der Firma ist ja schoen, und auch gut. Aber es hat doch bisher auch funktioniert. Mit bisher meine ich die Zeit, in der du besser geschlafen hast und nicht ueberarbeitet warst. Also ist das doch kein Grund, weshalb es so sein muss, wie es jetzt zu sein scheint.
Nein, nein, da hast du schon Recht. Die Laenge eines Textes weisst nicht immer auf die Schwere oder Tiefsinnigkeit hin. Nicht, dass er nicht tiefsinnig waere, ich wollte dem nur grundsaetzlich zustimmen. Manchmal sagt ein einzelner Satz so viel mehr als tausend Worte.
Wenn aber momentan das Geschäft ziemlich krasse Formen annimmt (was nicht mal negativ gemeint ist), dann muß ich die Mehrbelastung natürlich auch selbst mit tragen. Hier kann sich keiner hinter den Kollegen verstecken - selbst ich nicht. ;-)
@TL: Wunderschön? Ich weiß zwar nicht, worauf genau Du hierbei hinaus willst, aber bezogen auf die Menschen, die hier lesen und schreiben hast Du recht: die sind alle wunderschön. :)
Ich wünsch Dir jedenfalls, daß es noch seeeehr lange hin ist, bis Du "mitreden" kannst. Besser noch, Du wirst es nie erleben.
Den hab ich auch stundenlang geuebt, Tigerschnute. Harte Arbeit. Ach, hinter allem, was gut ist, steckt harte Arbeit.
ich weiß nicht so recht was ich sagen soll, nach all den vielen klugen Kommentaren. Eigentlich kommt mir das alles aus eigenem Erleben, eigener Erfahrung sehr bekannt vor. Eben menschlich.
LG Aenne
@Aenne: Bei uns menschelt es immer. :)))
Merkt Ihr was? Ich bin gerade seeehr gut drauf. Kein Wunder nach zwei Stunden Powersport. DAS sollte ich mir öfter gönnen. Definitiv.
Einen schönen Abend für alle die noch online sind.
Und natürlich einen dicken ((@))
Dann geniess mal edine Laune des Powersportes *gg*
Na ja, dann ist doch das männliche Menschlein auf einen guten (super) Weg.
Gönn dir das, was dir gut tut. Wirklich geniale Erkenntnis. ;)
Ich drück dich.
Da kam gerade eine Mail von "Toni", die hat nicht nur mich erheitert, sondern der ganzen Firma eine Reihe von Lachkrämpfen beschert.
Lachen tut gut. Immer wieder. :)))
Ein schönes Wochenende Euch allen!
((@))
@Schnute: Auf dem Zahnarztsessel altern Männer und Frauen unterschiedlich schnell.
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Je nachdem wer den Bohrer in der Hand hält. :)))