Im Glashaus

04.10.2006 um 11:15 Uhr

Seeing sights

von: Qos

Meine Lieben, ahlan wa sahlan,

mein Kairo-Aufenthalt neigt sich dem Ende zu, und das, obwohl ich mich gerade so schön wieder eingerichtet hatte :)

Emma und ich haben unsere Dominanzkämpfe beendet, natürlich habe ich gewonnen und nachdem sie das Geknallere auf den Straßen so kirre gemacht hat, dass sie mich beim Gassi gehen über die halbe Insel geschleppt hat, ohne mir jemals dahin zu folgen, wo ich hin wollte, ist sie jetzt wieder fromm wie ein Lamm. Natürlich sind da ein paar Bestechungen mit im Spiel, aber sei`s drum :)

Ricarda ist mittlerweile wieder in Bonn und ich bin nicht krank geworden, am Tag nach den Pyramiden ist sie alleine zur Zitadelle gefahren und ich habe mich ein bisschen auskuriert und seitdem geht es besser. Ich huste zwar immer noch, aber faszinierenderweise liegt das am Smog und da heute Tag 42 meiner Nichtraucherkarriere ist und ich somit nicht mehr den Teer von 20 Zigaretten täglich in meinen Lungen ansammle, machen mir die Abgase und der Schmutz Kairos zum ersten Mal etwas aus.

Ricarda und ich haben dann jedenfalls noch einen Haufen schöner Sachen gemacht, u.a. waren wir auf dem Kamelmarkt in Birqash, auf dem es viel besser zuging, als wir gedacht hätten, denn die Tiere waren alle in relativ guter Verfassung. Trotzdem blieb uns schleierhaft, wozu all diese Kamele benötigt werden, die man höchtens zur Touristenbelustigung oder in der Wüste einsetzt, bis mein Freund Nader abends vorschlug, dass sie vermutlich gegessen werden. Umgerechnet ist Kamelfleisch sehr billig und ich weiß, dass in Syrien Kamele gegessen werden, warum nicht auch hier? Süß sahen sie jedenfalls aus, sie gucken immer so erhaben und manche hatten lange Fellhaare auf ihren Höckern zum Festhalten :)

Außerdem sind wir noch zu den Pyramiden in Saqqara gefahren, die Stufenpyramidenform gilt als Vorläufer der Pyramiden von Gizeh (was in Ägypten Giza heißt) und man kann dort richtige Grabstätten mit Hieroglyphen, Statuen und Zeichnungen angucken. Es war sehr heiß, aber sehr interessant und eindrucksvoll. Übrigens, dabei fällt mir ein, die Sphinx heiß im Aarabischen Abu-l-Hol, was übersetzt "Vater des Schreckens" bedeutet, sie ist somit männlich.

Samstag Abend haben wir uns eine Aufführung tanzender Derwische angesehen, ein Sufiritual, bei dem sich die Tänzer zum Takt von Trommel- und Flötenmusik in Trance tanzen. Sehr beeindruckend. Das Ganze fand in einer Karawanserei aus dem 14. Jhd. statt, die sehr schön restauriert war und mitten im islamischen Kairo hinter der berühmten Al-Azhar Moschee steht. Vor Beginn der Aufführung hatten wir noch etwas Zeit, die wir genutzt haben, um uns mitten im islamischen Kairo in ein winziges Straßenshishacafé zu setzen, sehr zum Leidwesen der anwesenden Männer, die es grimmig guckend über sich ergehen ließen. Sehr witzig, irgendwie.

Endlich war ich auch mal in der Al-Azhar Moschee, es ist ein komisches Gefühl, in diesem Innenhof herumzulaufen, den man von Fernsehbildern kennt, bei denen eine aufgebrachte Menge nach den Freitagsgebeten Parolen skandiert. Die Frauenabteilung liegt natürlich in einem unspektakulären Seitenteil, Ricarda und ich haben uns ein paar Minuten dort ausgeruht. Die Atmosphäre in der Al-Azhar gefällt mir sehr gut, Muslime aus allen Teilen der Welt sitzen um den Hof herum oder im  Gebetsraum und diskutieren den Koran und lesen. Beim Hinausgehen hat ein Mann mein Arabisch gelobt und mir empfohlen, doch jeden Tag zu kommen, damit ich meine Kenntnisse verbessern kann. Im Allgemeinen sind Koranschulen der beste Weg zu einer sauberen Aussprache, aber naja. Meine syrische Gastmutter hat damals immer zu mir gesagt, ich müsse unbedingt Kurse an der Al-Azhar besuchen, damit ich eine arabische Sängerin und keine europäische werde und dank meiner guten Aussprache die nächste Um Kulthum werden könnte. Sehr süß. Vor unserem Besuch in der Azhar Moschee waren wir in der Moschee Ibn Tulun, die vor allem architektonisch sehr interessant ist. Dort haben wir uns dann ins Monarett gesetzt und den Ausblick genossen.

Sonntag Nacht ist Ricarda dann gefahren, der Weg zum Flughafen brachte noch einige Merkwürdigkeiten. Wir haben ein Taxi an der Straße angehalten, der Fahrer war sehr nett und als wir zum Flughafen kamen, war vor der Zufahrt eine Polizeiabsperrung, insgesamt ca. 15 Polizisten mit Gewehren. Der Taxifahrer musste seine Lizenz vorzeigen und dann haben sie ihm gesagt, er müsse den Schriftzug von der Heckscheibe abkratzen. Sehr viele Wagen haben hier Aufkleber, die die ganze Heckscheibe einnehmen, meist sind sie religiös, im Falle unseres Fahrers handelte es sich jedoch um einen Englischsprachigen Schriftzug, der irgendetwas mir Racing Car hieß. Ricarda und ich saßen derweil ohne Infos im Auto, als der Fahrer unter den gelangweilten Blicken der Polizisten mit verzweifelter Miene begann, den Schirftzug mit Hilfe seines Schlüssels abzukratzen. Kurzer Einschub: Es gibt kaum anstrengendere Menschen als ägyptische Polizisten, die fast alles vor Langeweile eingehen, die Arbeitslosenquote senken und sich auf jeden Touristen stürzen, um irgendwie zu helfen oder Frauen anzugraben. Ich war jedenfalls echt geladen, bin aus dem Taxi und zu den Polizisten und habe ihnen auf Englisch gesagt, dass wir dringend zum Flugzeug müssten, woraufhin sie uns fahren ließen. Mit Arroganz und Europäertum kommt man hier immer weiter, was natürlich auch bescheuert ist. Der Fahrer musste allerdings während er auf mich wartete den Rest abkratzen, wir haben dann zusammen ein bisschen rumgekratzt und schließlich musste er das Ganze beim Wegfahren noch mal den Polizisten präsentieren.

Montag Abend war ich auf der Vernissage des ägyptischen Fotografen Omar Nabil, der früher für ap gearbeitet hat und dem bei Unruhen auf der Straße ein Auge verletzt wurde, woraufhin er seinen Job verlor. Er hat mehrere OPs (u.a. in Deutschland) hinter sich und trägt eine Spezialbrille. Die Aufnahmen hatten alle irgendwie mit Ramadan zu tun, viele waren Porträts von Menschen bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten. Veranstaltet hatte das Ganze die Ägypterin, die ich letztens bei ihrer eigenen Geburstatgsparty kennen gelernt hatte. Ganz nach ägyptischer Manier kam sie 2 Std. zu spät, aber auf eine sehr besondere Art ist sie so umwerfend, dass ich ihr nicht böse sein konnte. Das Ganze fand im Superposhviertel Maadi statt und erst als sie ankam, erfuhr ich, dass es sich um ihre Villa handelte, die ihre Eltern für kulturelle Zwecke gestiftet hatten.

Gestern Abend bin ich über DAAD-Einladungsumwege zum Empfang in der Deutschen Botschaft anlässlich des Nationalfeiertags gegangen. Sehr schön, eine Gartenparty, für die ich mir noch schnell Schuhe und eine Handtasche zulegen musste (hihi) und die ich dann auf Grund meiner neuen Schuhe irgendwann mit unglaublich schmerzenden Füßen wieder verließ. Der Botschafter hat seit meinem letzten Kairoaufenthalt gewechselt, der frühere Botschafter ist in den Irak gegangen und der deutsche Botschafter im Irak ist nach Kairo gekommen. Der Abend war sehr schön, ein bisschen Shake Hands, aber nicht zuviel, schließlich kenne ich niemanden mehr, ein paar Leute haben sich an mich erinnert, es gab leckeres Essen (u.a. Bratwürste, Spätzle, Kartoffelpüree), außerdem sehr gute Weine (alles Marriott-Catering) und leckere süße Sachen (Apfelstrudel). Mein früherer Chef hat mich denn auch eingeschleust, damit wir trotz Ramadan nochmal anstoßen können.

Jetzt bricht die letzte halbe Woche an :-( Ich freue mich aber auch auf den Bonner Herbst, bestimmt sieht die Südstadt schon total schön aus.

Bis dann! qos.


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