An mich
Heute ein Gastbeitrag von jemandem, der lieber anonym bleiben möchte. Auch ist es nicht per se ein Brief, aber dennoch eine Auseinandersetzung mit dem Selbst.
Auch hier freue ich mich sehr über die Teilname :)
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An mich
„Du bist schön“, sagt mein zukünftiges Ich, „so wunderschön.“ Mein
Spiegelbild starrt mich an. Die Augen, die mir entgegenblicken sind mir
fremd. Sie mustern mich auf abschätzige Weise, kalt und berechnend. Die
Pupillen sind groß und dunkel. Sobald ich diese bodenlose Schwärze
entdeckt habe, kann ich den Blick nicht mehr lösen. Tief, sehr tief
falle ich. Sie ziehen mich nach unten, immer weiter und weiter nach
unten. Keine Chance auf Entkommen. Ich ringe mit der Angst und den
Zweifeln, die sich mir entgegenstellen. So hart, so gnadenlos rauben sie
mir meine Kräfte. Erdrücken mich Tag für Tag, Woche um Woche. Ein
Schatten legt sich über meine Augen.
„Da ist mehr. Da ist so viel mehr!“, kontert mein zukünftiges Ich.
Ich schließe die Lider für einen kurzen Moment und versuche mich zu erinnern.
Die Seeoberfläche kräuselt sich ein wenig, als der Wind sanft darüber
hinweg streicht. In der Ferne hört man Motorengeräusche und das
hektische Treiben der Stadt ist nur zwei Straßenecken entfernt. In
meinen Wimpern verfangen sich einige Sonnenstrahlen und ich muss
blinzeln. Die Wärme macht sich in meinem ganzen Körper breit. Ich spüre,
wie sie mich durchströmt und schließlich völlig ausfüllt.
Rasant schlängelt sich der Zug durch das enge Tal. Die Landschaft fliegt
an mir vorbei und verwischt zu einem unkenntlichen Farbenwirbel. Das
monotone Rattern der Bahn macht mich schläfrig. Als ich die Augen wieder
öffne, hat sich unsere Fahrt verlangsamt. Über den schneebedeckten
Häusern stehen Rauchfahnen in der eisigen Luft. Die Sonne ist schon fast
im Zenit, doch gegen diese frostige Umklammerung ist sie machtlos.
Leise fallen die ersten Schneeflocken. Glitzernd und funkelnd tanzen sie
zu ihrer eigenen Melodie. Ich summe sie in Gedanken mit.
Schwarz ist die Nacht, die Lichter längst gelöscht, als ich mich an
seinen Rücken lehne. Ich atme tief ein, mein Kopf ist leer. Er nimmt
meine Hände in seine, erwartet nichts und stellt keine Fragen. Ist
einfach nur da. Wandert mit seinem Finger auf meinem Arm, schweigt. Die
Zeit steht für einen Moment still und ich bin weit, weit weg.
Langsam öffne ich die Augen, fürchte mich vor dem, was ich erblicken werde. Mein Herz pocht wild.
Der schwarze Strudel ist verschwunden und einem sanften Grün gewichen.
Forschend blicke ich genauer hin und sehe sie. Die Geschichte. Meine
Geschichte. Sehr viel Schmerz, Angst und Zweifel. Aber ja, da ist
wirklich mehr.
Mein zukünftiges Ich lächelt und schweigt.
