dear-me

22.02.2012 um 15:52 Uhr

An mich

von: Delanji

Heute ein Gastbeitrag von jemandem, der lieber anonym bleiben möchte. Auch ist es nicht per se ein Brief, aber dennoch eine Auseinandersetzung mit dem Selbst.

Auch hier freue ich mich sehr über die Teilname :)

 

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 An mich

„Du bist schön“, sagt mein zukünftiges Ich, „so wunderschön.“ Mein Spiegelbild starrt mich an. Die Augen, die mir entgegenblicken sind mir fremd. Sie mustern mich auf abschätzige Weise, kalt und berechnend. Die Pupillen sind groß und dunkel. Sobald ich diese bodenlose Schwärze entdeckt habe, kann ich den Blick nicht mehr lösen. Tief, sehr tief falle ich. Sie ziehen mich nach unten, immer weiter und weiter nach unten. Keine Chance auf Entkommen. Ich ringe mit der Angst und den Zweifeln, die sich mir entgegenstellen. So hart, so gnadenlos rauben sie mir meine Kräfte. Erdrücken mich Tag für Tag, Woche um Woche. Ein Schatten legt sich über meine Augen.

„Da ist mehr. Da ist so viel mehr!“, kontert mein zukünftiges Ich.
Ich schließe die Lider für einen kurzen Moment und versuche mich zu erinnern.
Die Seeoberfläche kräuselt sich ein wenig, als der Wind sanft darüber hinweg streicht. In der Ferne hört man Motorengeräusche und das hektische Treiben der Stadt ist nur zwei Straßenecken entfernt. In meinen Wimpern verfangen sich einige Sonnenstrahlen und ich muss blinzeln. Die Wärme macht sich in meinem ganzen Körper breit. Ich spüre, wie sie mich durchströmt und schließlich völlig ausfüllt.
Rasant schlängelt sich der Zug durch das enge Tal. Die Landschaft fliegt an mir vorbei und verwischt zu einem unkenntlichen Farbenwirbel. Das monotone Rattern der Bahn macht mich schläfrig. Als ich die Augen wieder öffne, hat sich unsere Fahrt verlangsamt. Über den schneebedeckten Häusern stehen Rauchfahnen in der eisigen Luft. Die Sonne ist schon fast im Zenit, doch gegen diese frostige Umklammerung ist sie machtlos. Leise fallen die ersten Schneeflocken. Glitzernd und funkelnd tanzen sie zu ihrer eigenen Melodie. Ich summe sie in Gedanken mit.
Schwarz ist die Nacht, die Lichter längst gelöscht, als ich mich an seinen Rücken lehne. Ich atme tief ein, mein Kopf ist leer. Er nimmt meine Hände in seine, erwartet nichts und stellt keine Fragen. Ist einfach nur da. Wandert mit seinem Finger auf meinem Arm, schweigt. Die Zeit steht für einen Moment still und ich bin weit, weit weg.
Langsam öffne ich die Augen, fürchte mich vor dem, was ich erblicken werde. Mein Herz pocht wild.
Der schwarze Strudel ist verschwunden und einem sanften Grün gewichen. Forschend blicke ich genauer hin und sehe sie. Die Geschichte. Meine Geschichte. Sehr viel Schmerz, Angst und Zweifel. Aber ja, da ist wirklich mehr.
Mein zukünftiges Ich lächelt und schweigt.

22.02.2012 um 15:51 Uhr

Administratives - Anonyme Veröffentlichungen

von: Delanji

An dieser Stelle auch hier nochmal aus gegebenen Anlass: Selbstverständlich dürft ihr auch Anonym mitmachen. Und solang es sich bei euren Texten um eine Selbstreflexion der einen oder anderen Art handelt, braucht ihr euch auch um die Form keine Sorgen machen.
Ich freue mich auf eure Teilnahme *lächel*
Beste Grüße

Marlén 

21.02.2012 um 21:16 Uhr

Für 3, die mich mal mochten

von: Delanji

Von Melanie Bensch, eine gute Freundin die ich glücklicherweise schon während meines Studiums kennenlernen durfte.Ich hab dich lieb, du Nuss! Danke fürs Mitmachen

 

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Hy "Du"...

falls es sowas wie ein Du für dich überhaupt gibt.

Egal ob vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Ich hasse das was du bist. Und ich hasse wie du dich verhälst. Du bist schwach, verschlossen, egozentrisch und garstig - vorallem garstig...
Warum du so bist versteh ich nicht. Sitzt ständig in einer Ecke und heulst, vergräbst dich, baust den Panzer um dich rum immer fester.

Und dann fragst du dich allen ernstes warum niemand für dich da ist?! Selber schuld du Weichei, wenn du die Leute mit Füßen trittst... Niemand will jemanden f**ken, der sich nicht mal selbst f**ken will - das ist dir doch klar oder?!

Also: reiß dich am Riemen.

Setz dich auf deinen fetten Arsch und tu etwas! Entschuldige dich dafür wer und was du bist... Und fang an jemand zu werden den du wirklich gern haben kannst. Sad but true!


Das Leben ist scheiße - wissen wir beide. Aber: genieß die Grafik und machs beste drauß. Und hör verdammt noch mal auf zu heulen - sieht nämlich scheißeaus!


Hochachtungsvoll,

"Du"

19.02.2012 um 15:57 Uhr

An ein Ich

von: Delanji

Text und Copyright: René Kanzler , 2012
 
 
An ein Ich

Dies ist meine Seelenkotze. Dies ist für euch. Ich kotze euch an. Jetzt!

Wohin hast du zu gehen, wenn nicht geradewegs in die Einsamkeit? Der Alltagsmensch lauert überall, lockt dich mit süßen Düften, mit einem markdurchdringenden Lächeln und so mancherlei Liebkosungen. Was hast du, liebes Ich, hier verloren? Was willst du noch in dieser Stadt, was hält dich hier noch? Dein Herz schlägt in die Ferne, dein Geist schwebt längst schon in fremden Höhen. Wundere dich nicht, dass er dich verließ. Ihr habt euch entfremdet. Wie geschah es? Genau – das weißt du nicht …
Vielleicht solltest du einfach verschwinden. Plane dies nicht, tu es einfach, jetzt und hier, ohne jemandem Lebewohl zu sagen, ohne jemandem nur ein leises Wort mit auf den Weg zu geben. Was liegt schon an deinen Worten? Erhört werden sie nicht, dazu sind alle viel zu taub. Wer redet, der verliert. So war es hier, in dieser Stadt, doch immer. Wehre dich nicht gegen das oberste Gesetz der heutigen Zeit: Zeige, dass du noch ein Mensch bist und du wirst bestraft werden!
Liebes Ich, dein Selbstzweifel ist größer denn je. Wie sollte es auch anders sein? Du darbst ohne Geist, dein Herzschlag ist nur noch in deinen Erinnerungen ein wohliger Klang.  Weder achtest du deine Taten, ob von heute oder gestern, noch achtest du dich. Warum noch dieser lange Atem, auf was wartest du? Was soll geschehen, hier in dieser Stadt, wo man den mit Steinen bewirft, der den Mund nur halb öffnet?
Du hast dich des Nachts im Spiegel gesehen, ja, wahrlich einem Zarathustra gleich. Doch sahst du kein Kind, keine Fratze, sondern ein mürbes, verwelktes Gesicht, mit zwei Augen, deren Glut längst verloschen ist. Sie sehen nichts mehr, als dein Elend. Und weißt du noch, wie du einst sagtest: Ja, meine Augen; noch schauen sie hinauf, aber bald, sehr bald schauen sie von hoch, von ganz weit hoch oben, auf diese Welt hinab.
Gib, du baldiges Ich, welches man schon fast als vornehm hätte bezeichnen können, nicht dir die Schuld. Gib auch nicht dieser Stadt, dieser Zeit, dieser Welt die Schuld. Denn selbst das Schuldgeben erfordert ein bisschen Mut, verlangt ein wenig Kraft ab. Selbst die Zeit zum Schuldigsprechen ist für dich vorbei.
Nur die Einsamkeit, dieser stille Ort, den du nicht mehr finden wirst, liebes Ich, wird dir etwas wie Ruhe verschaffen. Denn an jenem Ort, gibt es keine Meinungen, keine süßen Düfte, keine Liebkosungen, nicht ein Lächeln.
Aber du wirst nicht verschwinden. Das weiß ich, denn ich kenne dich! Du glaubst viel zu fest an deinen langen Atem und erkennst nicht, dass dies längst kein Atem mehr ist, sondern Angst.
Was nützen diese Worte an dich? Warum halte ich dir diesen Spiegel vor?
Genau – das weißt du nicht …

Ich werde es dir sagen: Weil ich jetzt noch lachen kann! Weil ich jetzt noch Mut zu meinem Wissen habe. Weil ich jetzt noch nicht du bin! Aber es fehlt nicht mehr viel, liebes Ich, liebes notwendig auferstehende Ich.

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Bitte unterstützt den Künstler, er ist menschlich und literarisch großartig :)

Danke für die Teilnahme!

17.02.2012 um 18:30 Uhr

An mein zukünftiges Ich

von: Delanji

Text und Copyright by  Paul Parszyk - 2012, ein sehr großartiger Künstler und enger Freund. Unterstützt ihn! Schenkt ihm Liebe! Schenkt ihm Alkohol!
 
 
Sie sind alle tot. Alle genialen Menschen sind tot. Sagt sie, als sie sich mit einem
Kanister übergießt. Ihr grinsen - und auch ich muss es - erinnert mich an etwas,
eine Mischung aus Wahrheit und Theatralität …. Was wäre das Leben ohne
Feuer?
Wenn ich mir mit Einem sicher bin, dann das mir der Drang zum Drama wichtig
war, ist und sein wird – nicht weil das Leben im wesentlichen im Leiden besteht
und man daher die Leidenschaft in großen feurigen Lettern auf die Körper
schreiben sollte, die man liebte und hasste; ALSO die, die man hatte und die, die
man mochte und weniger mochte und ganz wichtig, die, die man nie hatte oder
vielleicht nur ein bisschen; für einen Moment: Nein, weil sie die notwendige
Unzufriedenheit der Diskrepanz unterschreibt, die zwischen unserem Gesicht,
einer kontingenten Realisierung von kunderaschen Gesichtszügen – auch (nicht
vorhandene) Identität genannt – und unser so selbstreflektierter Individualität.
Auf dieser Bühne spielt sich alles ab. Dies, liebes Ich der Zukunft, ist wie eine
Linie, die uns zur folgenden Frage führt: Wann?
Kurz nach meinem 27igsten oder kurz vor dem 28igsten? Oder nun doch
irgendwo in der Mitte? Hauptsache mit 27, dass ist die logisch-existentialistische
Konsequenz oder besser gesagt das Ende der Linie. Hat eine Linie ein Ende? Denn
nur eine gespannte Linie, hat keinen Kreis und ohne Spannung kein Drama? Ich
will nicht daher tümpeln, wie eine ausgeleiherte … nun, lassen wir das. Was ich
sagen will: Qualität vor Quantität. Ich kaufe also den besten Wein, das beste Gras
und natürlich die beste Schokoladen und vielleicht auch ein bisschen Bier; den
Kanister lasse ich vorsichtshalber weg. Warum? Um dich zu ehren, dich zu feiern,
mein liebes Ich aus der Zukunft. Denn wenn du dann erst enmal 27 bist, heißt
das, dass du niemals 28 werden wirst; es Zeit wird die Bühne zu verlassen, da man
ja gehen soll, wenn es am schönsten ist, und das ist ja nun mal mit 27:
ein Leben – ein Mythos – ein Ende. Ohne Feuerwerk. Und damit du, liebes 27-
jähriges Ich, das auch nicht vergisst, schreibe ich dir kurz vor/nach meinem 24
und mache dir auch noch so klar, dass du vielleicht in den letzten 3 Jahren deines
Lebens, besonders auf drei Aspekte achten solltest:
1) Verlier dein Gesicht, denn es besteht nur aus unindividuellen
Gesichtsverstellungen → Freiheit
2) fang an den besten Wein zu trinken, den Besten, der dir am besten
schmeckt → Wahn
3) Vergiss nicht die, die dich zu dieser Erkenntnis gebracht haben – am besten
mit einem dramatischen Paukenschlag → Abgang
Ich wünsche dir alles Beste – und natürlich einen sensationellen Abtritt –
mein 27-jähriges Ich.
Und young nicht vergessen: Es ist besser auszubrennen, als zu verblassen.
 
Danke für den ersten Eintrag <3