erphschwester

21.02.2015 um 17:30 Uhr

21022015

ich wusste gar nich, dass geburtstagskarten-kaufen so schwierig is.
und weil ich geburtagskarten-geschwurbel so wenig beherrsche wie small talk, dachte ich: kaufst ne schöne karte und schreibst einfach drunter "deine erphschwester".
is jetz zwar nich so persönlich, vermeidet aber jeglichen stein des anstoßes, den man so ins rollen bringen könnte. denn als wir letzthin miteinander sprachen, hatte ich das gefühl, die siebzig trifft sie doch recht hart. fünfzig war kein problem und sechzig auch ganz locker. aber jetzt die siebzig, daran knabbert sie.
 
obwohl ich sie unbesehen noch immer "schöne schwester" nenne. denn so viel wird sich ja nicht verändert haben. sie war immer diejenige, der die kerls auf der straße hinterher gepfiffen haben. auch noch zu einer zeit, wo wir schwestern alle aus dem hinterher-pfeif-alter raus waren.
 
aber die idee mit der karte war wohl dann doch nichts so gut. irgendwie steht überall drauf auf die eine oder andere weise, dass das geburtstagskind es "nicht so schwer nehmen" soll, weil man es ja liebt. aus welchen gründen auch immer. klar hab ich meine schwester lieb, aber auch nicht die absicht, ihr ihres alters wegen irgendwelchen trost zu spenden. den hat sie nämlich nich nötich. im zweifelsfall macht sie mehr äktschn als ich.
 
und was den rest angeht: klar wird die luft nach oben immer dünner. aber wenns einem gut geht, denkt man doch darüber nich nach und schon gar nicht wird man - auch noch mit einer geburtstagskarte! - jemanden drauf stoßen. vermutlich, so gut wie sie drauf ist, reisst sie den altersdurchschnitt in unserer familie schwer nach oben und wird uns alle überleben. oder so.
 
scheiß-jugendwahn, sage ich mir. und: die ham doch alle keine ahnung. denn witzich is das nich, wenn leute, denen es gut geht, ihres alters wegen "getröstet" oder gefrotzelt werden.
jedenfalls hab ich jetzt eine textfreie karte gekauft. mit einer sektflasche drauf. und werd bloß reinschreiben "lass die korken knallen!".
 
ist vielleicht ein bissel minimalistisch, aber doch so viel besser als all diese abgesänge.
Korken knallen is immer gut. und wenn einer in unserer familie feste feiern kann, dann ist das meine schwester. und das soll auch so bleiben.
 

20.02.2015 um 00:33 Uhr

20022015

hätte, hätte, fahrradkette

 

kann schon sein, nein!, ziemlich sicher ist, dass ich mich wiederhole.

aber: ich steh ganz und gar nicht auf leute, die immer ganz genau wissen, wie MAN sich zu verhalten hat, was richtig und falsch ist und was sie in meiner situation gemacht HÄTTEN.

 

denn sie sind nicht in meiner situation, warens vielleicht  nie und werdens vielleicht nie sein.

und sowieso sind sie ja nicht ich.

und, das sei am rande mal erwähnt, ICH SELBST weiss oft im vorhinein nicht, wie ich mich in manchen situationen verhalten würde. kommt auf die tagesform an. darauf, ob ich gerade stark bin oder eher nicht. ob mich was aus dem hinterhalt erwischt oder frontal. ob ich müde bin, kopfschmerzen habe oder überrascht werde von etwas, das ich für unmöglich oder überkommen hielt.

 

manchmal schäme ich mich, weil ich irgendwo nicht so genau wissen wollte, was da vor sich geht, statt herzhaft einzuschreiten. und manchmal erschrecke ich vor meiner eigenen impulsivität, die mich im wahrsten sinne des wortes den kopf hätte kosten können. und manchmal frage ich mich auch, warum denn AUSGERECHNET ICH etwas hätte unternehmen sollen, wo doch die anderen auch nichts taten.

 

all die anderen, die nichts tun, müssen ja irgendwo sein und herkommen. redet man mit den leuten, sind nicht sie die untätigen, sondern die, die HÄTTEN. da muss ein loch sein, in dem sich all die untätigen ständig verkriechen. oben in der öffentlichkeit sind immer nur die ICHHÄTTER.

 

wenn doch nur endlich mal einer dieses loch mit all den unsichtbaren untätigen zuschütten würde, damit da nur noch ICHHÄTTER wären. was wäre die welt doch für ein angenehmer ort.

 

vielleicht aber sollte man nur diesen dämlichen konjunktiv verbuddeln.

14.02.2015 um 08:13 Uhr

14022015

Legenden (ein mädchenblog)

 

ich mag chanel nicht, auch nicht nr.5.  ich mag nicht dieses theater um das kleine schwarze. (das kleine schwarze aber mag ich sehr.) und ich mag den karl nicht. den am allerwenigsten. seine geriertheit, seine hohen kragen (die doch nur ein meer von flatterfalten am hals verbergen sollen.), seine art, "mädchen" zu forcieren und irgendwann fallen zu lassen.

 

all das mag ich nicht.

 

aber ich mag diese damen ganz da oben unter den dächern von paris. die die stoffe streicheln, auch wenn es nur panneésamt ist statt richtiger (der liegt; richtiger steht). die noch in handarbeit sticheln, schicht um schicht. die glauben an eine bessere modewelt. (auch wenn das zeugs nur tragbar ist für größe 36) ich mag diese damen, die weitaus älter sind als karl es jemals bei seinen modells dulden würde. die tragen selbst eher größe 42 bis 44. aber sie können, was sie können, weshalb der karl auf sie nicht verzichten kann. und sie beherrschen ihr geschäft, eben weil sie älter sind als die damen später auf dem catwalk. ihr tun hat bestand. im gegensatz zu dem der dann eben nicht mehr ganz so schönen.

ich mag es, dass eben diese nicht mehr ganz jungen und ganz gewiss nicht so schönen damen so sehr glauben an das, was sie tun, dass sie aufgehen in ihrem tun, auf schlaf verzichten und so voller begeisterung sind.

denn die wahrhaftigkeit ihres tuns trägt sie über die jugend und schönheit hinweg.

 

da kann man von karl und chanel halten was man will.

12.02.2015 um 23:22 Uhr

12022015


PH = √ (e2 + ve2)(d2) + (cg + dr)2 + π ...

 

nein, ich bin NICHT unter die wissenschaftler geraten.

vielmehr war ich auf der suche nach meinungen.
zu gepflogenheiten des alltags.
und der frage:
richtig oder falsch?
 
Problem:
als mensch, der täglich mit allerhand anderen zu tun hat, frage ich mich, gerade jetzt in der erkältungszeit, hände schütteln oder nicht?
und ich lese da, dass dies in unserem kulturkreis eine vertrauensbildende geste ist. erfahre darüber hinaus, dass ein händedruck über sympathie und antipathie entscheiden kann, dass hände drücken - eingebildet oder echt - informationen über den charakter des gegenübers liefert. zudem erfahre ich, dass warme oder kalte hände zu jeweils anderen entscheidungen führen und ein händedruck geschäftliche verhandlungen fairer macht.
 
so weit, so gut.
und wie ist es nun mit dem infektionsrisiko?
das, klar, vergrößert sich immens. nicht nur durch erkältungen, sondern auch durch menschen, die nach dem toilettenbesuch keine hände waschen (immerhin zwei drittel der männer und immernoch ein drittel der frauen). ich selbst kenne eine, die ihr nicht-hände-waschen mit den keimen am wasserhahn begründet. die toilettentür fasst sie allerdings ohne bedenken an. :/
bei meiner recherche stoße ich auf berichte von amerikanischen politikern, die im wahlkampf massenhaft hände schütteln (wir erinnern uns an die vertrauensbildung! der rekord liegt übrigens bei 1200 hand-shakes in einer stunde.), um hernach in einem unbeobachteten moment ihr allzeit bereites desinfektionsmittel zu zücken. dass sie dabei krankheiten unter ihrem wahlvolk verteilten, spielt angesichts des gebildeten vertrauens eine untergeordnete rolle. 
und ich erfahre, dass tierärzte dazu übergehen, kleinere chirurgische eingriffe im häuslichen umfeld vorzunehmen. denn die keime zu hause (die es -natürlich! - trotz aller sauberkeit gibt) seien die tiere gewöhnt. die gefahr von wundinfektionen sinke hierdurch ganz erheblich.
 
und jetzt habe ich den salat:
entscheide ich mich nun für vertrauensbildung oder für infektionsreduzierung?
 
die formel da oben ist übrigens die für den idealen hände druck. ;)

11.02.2015 um 23:14 Uhr

11022015

du kannst die vergangenheit nicht ändern

 

... ist die erkenntnis der heutigen zeit. gedanklich spielen wir die sache mit der einstein-rosen-brücke durch und landen bei einer jungfrau: gucken (in die vergangenheit), ja,  aber nicht anfassen oder gar ändern.

die vergangenheit also eine jungfrau? (und das meine ich eher mental, denn wir sind natürlich alles andere als jungfräulich.) und doch verändert sie sich ja, täglich. indem wie an ihr "arbeiten", sie stück um stück vergessen oder umschreiben.

war die kindheit nun schön oder eher nicht? (haben wir das nicht-schöne nur verdrängt?)

oder - andersrum - haben jene, die ihre schwere kindheit beklagen, nur die schönen momente in den hintergrund gerückt?

 

das gleiche mit der ersten liebe, dem kinderkriegen (da, zum glück!, vergessen wir sehr rasch. andernfalls bekämen nur sehr wenige frauen mehr als eines.), trennung, tod.

 

vergessen, verdrängt? oder tatsächlich verarbeitet? im eigenen kopf zum besseren gewendet. wie auch immer dieses kunststück zu bewerkstelligen ist.

 

du kannst die vergangenheit nicht ändern?

nicht die fakten.

aber die eigene sicht darauf.

 

gott sei dank.

 

(solche gedanken passieren mir, wenn ich - mit rockmusik auf den ohren - stundenlang im atelier stehe und versuche, wolken und schneehügel zu malen. und dann begegnet mir, völlig erschöpft, denzel washington im kampf gegen das, was schon passiert ist. der verstand ist ein seltsames ding.)

 

29.01.2015 um 19:56 Uhr

IT

Als mir neulich meine (Groß-)Tante Paula einfiel, hat sie mich auf eine Reise mit genommen.

 

Das ist typisch für sie. Selbst viel herum gekommen, hatte sie oft viel zu erzählen. Auf eine ganz trockene und sehr preussische Art und Weise.

Manchmal steckten in zwei Sätzen ganze Romane. Und manchmal steckte in einem einzigen Wort die Geschichte einer ganzen Emanzipation.

Tante Paula war die erste alte Dame, die ich "Scheiße" sagen hörte. In den Sechzigern war das und damals nicht nur für alte Damen nicht üblich, sondern ganz und gar unmöglich. Seltsamerweise klang das bei ihr weder obszön, noch sonst irgendwie schmutzig, sondern ganz genau so wie heute bei uns. Eher beiläufig und als ganz natürlicher Ausdruck für Missfallen an was auch immer. Dass ihre Schwester Rosl, meine Großmutter, sie stets dafür maßregelte, quittierte sie jeweils mit einem sowohl charmanten, als auch geschwisterlich kecken Klaps auf deren Arm: "Stell dich nicht so an, Rosl!"

 

Paula, geboren 1899, war schon immer ein wildes Ding gewesen. Das reimte ich mir aus Diesem und Jenem über die Jahre langsam zusammen.

Sie, ebenso wie die zwei Schwestern, war vom elterlichen Bauernhof in die Stadt geschickt worden, um Hauswirtschaft zu lernen. Was nicht nur gut für eine eventuelle Heirat war, sondern auch für den Fall, dass sich keiner fände. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg gab es durchaus einen Mangel an Männern im heiratsfähigen Alter. Da war es gut, wenn Frau sich selbst durchbringen konnte. Denn so viel warf der kleine Hof dann doch nicht ab, dass er drei Töchter hätte ernähren können.

Der Plan ging auf: Zwei der drei Töchter, Paula und Rosl, kamen nicht nach Hause zurück, sondern landeten praktisch direkt im städtischen Hafen der Ehe.

Rosl naturgemäß, denn sie war vier Jahre jünger, ein paar Jahre später.

Im Gegensatz zu Rosl bekam Paula nie Kinder, obwohl ich sie mir als Mutter, Groß- und Urgroßmutter wunderbar hätte vorstellen können. Die lieben Kleinen hätten an ihr ihre helle Freude gehabt!

"Es hat nicht sein sollen.", erklärte sie zuweilen, war aber im Laufe der Zeit so unglücklich nicht mehr.

Während also Rosl am heimischen Herd die zwei Kinder großzog und tat, was Frauen damals eben so taten, machte Paula ganz andere Sachen. Sie mag sich damals so nicht genannt haben, aber sie war es: ein Flapper, also eine von den frechen jungen Frauen mit kurzen Röcken, Bubiköpfen und ohne Korsett, die Charleston tanzten, rauchten, Alkohol tranken und sich schminkten.

 

Und auch, wenn eine Vielzahl der Leute dachte, dass diese Mädels ganz lose Geschöpfe waren, die keine Grenzen kannten, wusste Paula schon, was sich gehört.

Sie heiratete einmal.

Und wurde eine der frühen Kriegerwitwen.

Sie heiratete ein zweites Mal.

Und sah ihren Mann beim sonntäglichen Bade im See ertrinken.

(Die Geschichte geht noch heute durch unsere Familie: Er, vom Wasser aus, winkte ihr zu. Sie winkte fröhlich zurück. Und dann war er weg. Herzinfarkt beim Schwimmen. Wer hätte das auch ahnen können?)

Woran der Dritte gestorben ist, ist mir nicht überliefert.

 

Paula, nach jeweils angemessener Trauerzeit, war in ihrem Optimismus unbeirrbar.

Ein viertes Mal hat sie nicht geheiratet, nur noch hier und da einen Freund gehabt.

Vielleicht war sie es leid, die geliebten Männer unter die Erde bringen zu müssen?

Vielleicht war der Topf ihrer großen Liebe zur Neige gegangen?

Wer weiß?

Zuletzt sah ich Tante Paula bei der Beerdigung meiner Großmutter, wo sie - ganz wie immer - auf ihre charmante Art Dinge sagte und tat, die da nicht hin gehörten, aber in meinem Zweig der Familie durchaus für Erheiterung sorgten.

Da war sie schon über achtzig und sah nichts mehr, was sie für gewollte Verwirrung ausnutzte. (Sie wusste ganz genau, was sie tat!)

 

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Und wo ist jetzt die Reise?, wird sich mancher fragen, dem diese Lebensgeschichte nicht genug ist.

Diese meine Reise ist eine ganz profane ins Reich der Erkenntnis gewesen.

Auf der Suche nach den Flappers nämlich stieß ich auf das allererste IT-Girl, das es je gab: Clara Bow.

 

  http://de.wikipedia.org/wiki/Flapper#mediaviewer/File:Clara_Bow_Brewster_1921.PNG

 

Und ich erfuhr, dass dies die Hauptdarstellerin des Filmes IT aus 1927 nach der Romanvorlage von Elinor Glyn war.

Und auch, dass IT schlechterdings für ES steht. Damit auch die etwas langsamen Deutschen (sone wie ich) verstehen, was gemeint ist, hieß der Film in Deutschland "Das gewisse Etwas".

Womit geklärt wäre, dass heutige IT-Girls nur noch so heißen. Dem Anspruch werden sie beileibe höchst selten gerecht.

 

Meine Tante Paula aber, dafür stehe ich!, DIE hat es gehabt!

 

 

25.10.2014 um 16:27 Uhr

25102014

Herr Juncker und dem Fischer syn Fru



Ich sah diese Woche den Herrn Juncker im Fernsehen. Sie wissen schon, den künftigen EU-Kommissionspräsidenten. Also nicht, dass das was Besonderes ist, den Herrn Juncker im Fernsehen zu sehen. Der ist da öfter. Weil so viele ihn mögen. Und weil er einen sagenhaften Aufstieg in der Politik gemacht und so viel zu Europa, wie es heute ist, beigetragen hat. Juncker gilt gern als der Stille und Bedachte, so dass ihm kleine Skandale noch weniger schaden als anderen Politikern. Und er hatte auch keine Scheu, sein luxemburgisches Wahlvolk gelegentlich nachdrücklich auf ihre Wahlpflichten aufmerksam zu machen, wobei er auch schon mal, so oder so, seinen Posten als Premier zur Disposition stellte. (Aber auch das haben andere schon getan.) Ihm selbst konnte nie etwas passieren, nehme ich an, weshalb es sich leicht so argumentieren lässt. J. hatte immer schon die Füße in mehreren Türen. Der brauchte nicht drauf zu warten, dass sich eine neue öffnete; er war immer schon halb drin.
Aber was wollte ich eigentlich sagen? Ahso: Juncker hat mich nie sonderlich interessiert, aber neulich, als ich ihn sah, hätte er mir nicht direkt gegenüber stehen dürfen. da sagte er:
"Volkswirtschaften, in denen nicht investiert wird, können nicht wachsen. Volkswirtschaften, die nicht wachsen, können keine Beschäftigung sicherstellen"
Erst einmal sagte ich "NEIN!". Ganz einfach in meine leere Stube hinein. Was ich gar nicht so selten tue, einfach mal sagen, was gesagt werden muss.
Und dann sortierte ich.
Herr Juncker, der also gern EU-Kommissionspräsident werden möchte, weiss ziemlich genau, warum bei den Europäern die Akzeptanz für Europa so gering ist. Denn Europa regelt so viel Klein-Klein-Kram, kümmert sich aber viel zu wenig um die großen Dinge. Juncker will weg von den Gurken-gerade-Biegern hin zum Mindestlohn für alle Europäer. Wobei Juncker vielleicht noch am Wenigsten das Wohl der derzeitigen Unter-Mindestlöhner, sondern den Absatz im Auge hat. (Wir erinnern uns: Erst Absatz bringt Profit.)  
Und so werden wir auch im 21.Jahrhundert fröhlich weiter eine Politik praktizieren, die nichts anderes zur Folge hat, als unseren Planeten (der eben nicht mit wächst!) noch mehr zu verdrecken, noch mehr zu betonieren, noch mehr irgendwelchen Interessen unterzuordnen, die nicht die der Allgemeinheit sein können.
Übrigens hat Juncker in seiner gesamten Laufbahn noch ziemlich wenig zur Globalisierung gesagt. Woraus man herleiten könnte, dass es ihm noch am Wenigsten um die Menschen, sondern um Profite (auch persönliches Profitieren) geht. Was auch scheren ihn die Menschen in aller Welt, wo er doch schon seit jeher Politik in Europa macht?
Genau genommen scheren ihn vielleicht einmal die Menschen in Europa. Schließlich stammt von ihm das Zitat:
„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“
Zu dumm, dass immer mehr nun doch wegen TTIP aufschreien.
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Was das mit dem Fischer seiner Frau zu tun hat?
Naja, die wollte am Ende auch Gott sein.

08.05.2014 um 15:44 Uhr

08052014

Fliege, Fliege, wenn ich dich kriege …“, summt es in meinem Kopf, „rupf ich dir ein Beinchen aus.“

In Wahrheit ist es selbst den Fliegen heute zu kalt. Ich hab noch keine gesehen. Und dieses Summen in meinem Kopf gilt dem schwarzen Faden auf schwarzem Stoff, den ich kaum erkennen kann. Schwer, da eine vernünftige Naht zu machen. Es fühlt sich ein bisschen wie Fliegengekribbel an (und wird hoffentlich hernach nicht so aussehen!). Und es macht mich kribbelig. Aber ich bin noch nicht so weit, dass ich aufgeben und das Zeug in eine Näherei bringen würde. Noch nicht. (Dermaleinst hatte ich eine eigene Kollektion im Schrank. Bis hin zum Abendkleid alles selbst entworfen und genäht. Es hätte vielleicht nicht den kritischen Augen eines gelernten Schneiders stand gehalten, aber es war einzigartig. Und immerhin so viel ordentlicher als dieses Zeugs aus sonstwo, das man heute in Läden für nicht wenig Geld kaufen kann. Nie werde ich mich mit aussen liegenden aufgeribbelten Nähten abfinden!) Die Hose also, kürzer machen. Nebenher läuft schöngeistiges Fernsehen. Zur Beruhigung.

Ich höre von der Tänzerin aus Soveto, die Tschaikowsky so ganz anders tanzt, werfe gelegentlich einen Blick hin. Und ich sehe mich selbst, im Alter von fünf Jahren, wie ich am Wohnzimmerbüffet stehe, dessen Unterteil so etwas nach vorn gezogen war und die richtige Höhe für einen Ballettstangenersatz hat. Während Mutter die Wohnung putzte oder kochte, stand ich da, schwang die Beine, beugte den Arm, der nicht an der Stange war, im Halbkreis über den Kopf und wünschte mir sehnlichst ein Tutu. Rosa natürlich und ganz steif abstehend. Aber ich hatte so viele Ideen im Laufe der Jahre und da war nicht sonderlich viel Geld und mütterlicherseits wenig Talent zum Selbernähen. Die Nähmaschine nutzte der Vater, wenn offene Nähte wieder zu schließen waren. (In Wahrheit hatte er sie nur erworben, weil sie billig war und ihn als Werkzeugmacher das „Projekt Nähmaschine“ interessierte. Da man sie nun einmal hatte und sie jetzt auch funktionierte, musste sie genutzt werden. Später versuchte er sich an einem Rock für die Mutter, der ganz nett aussah und tatsächlich getragen wurde.)

Und während ich so sinniere und den unsichtbaren Faden durch den Stoff ziehe, hat das Programm im Fernsehen gewechselt. Kinder fragen eine Polarfotografin: „Werden die Tiere dort überleben, wenn kein Eis mehr da ist?“. Keiner weiss die Antwort. An Bord sitzt der Maler und malt seine weiss-blauen Aquarelle, die Gischttropfen abkriegen sollen. Das gehört zum Konzept. Oft frieren die Bilder auch ein. Ob sie gelungen sind, sieht man nach dem Auftauen.

„Ich möchte gerne denken, dass es hier in zwanzig Jahren noch Eis gibt.“, sagt die Fotografin am Ende des Berichts.

Der letzte Faden ist vernäht. Und ich erinnere mich, warum ich einst Handarbeiten so gerne machte: Man sieht ein Ergebnis. Und nebenher sind die Gedanken spazieren gegangen in allerlei Richtungen. Zum Südpol und in die Kinderstube.

03.03.2014 um 17:28 Uhr

03032014 (Faschingsfreunde bitte weitergehen!)

anders als im letzten blog dachte ich neulich über das lesen nach, als ich eine randnotiz im FREITAG las, der zu folge wir neuzeitmenschen ein volk von schreibern, nicht jedoch lesern seien.
gleich hatte ich diese weibliche reklamestimme im ohr, die da mitteilte: „wir posten und twittern … alles ist ganz normal.“
wie normal jedoch ist es, wenn wir vor lauter eigener äusserungen keine zeit mehr haben, uns lesend über inhalte zu informieren, e h e wir eine meinung äussern?

nahezu umgehend bekam ich ein praktisches beispiel geliefert:
eine bekannte postete das bild eines hundes, der an einem strick hinter einem fahrzeug her geschleift wurde.
man kann sich ja seine eigenen gedanken darüber machen, wer so etwas fotografiert, statt etwas zu unternehmen.
man kann sich auch fragen, wie sinnvoll es ist, statt etwas zu unternehmen, so ein foto ins internet zu stellen mit der bitte, den fahrzeughalter (kfz-kennzeichen vergrößert auf dem foto angegeben) ausfindig und dingfest zu machen.
man kann aber auch einmal nachschauen, was das soll.
drei klicks vom eigentlich posting entfernt fand ich die übersetzung eines zeitungsartikels, in dem nicht nur dieses foto, sondern auch eines vom tierquäler in handschellen gezeigt wurde, der – wie ebenfalls zu lesen war – inzwischen rechtskräftig zu elf monaten haft auf bewährung (3 jahre) und einer zahlung von 500 euro strafe verurteilt wurde, was in bulgarien sicherlich eine menge geld ist.

im posting meiner bekannten jedoch war der eindruck geweckt worden, man wisse nicht, um wen es sich handelt und suche mit aller gemeinsamen kraft der internetgemeinde nach diesem schuft.
meine bekannte selbst zeigte sich ausnehmend betroffen.

betroffenheit geht uns heute ja allgemein sehr leicht über die lippen. alleweil sind wir über irgend etwas betroffen, was irgendwie bewirkt, dass wir uns gut fühlen, so als mensch, und uns im übrigen davon entbindet, sachliche inhalte in zusammenhänge zu setzen.

ich kann mich nicht erinnern, dass man früher, in meiner kindheit und jugend, betroffenheit so oft oder überhaupt im munde geführt hätte.
ich habe meine mutter drei mal über den tod fremder menschen weinen sehen ( Gerard Philipe, J.F.Kennedy, W.Brandt), aber da war sie nicht betroffen, sondern schlichtweg traurig.
ich erinnere lediglich lothar kusche, der in den siebziger jahren des letzten jahrhunderts einen aufsatz „über die kunst, jederzeit so betrübt zu sein“ verfasste. womit er freilich die entschuldigungsformel der engländer aufs korn nahm. die heute allgemeine betroffenheit kannte er noch nicht.
unsere allzeit bereite betroffenheit ist jedoch von ganz anderem kaliber. sie ist so hübsch bequem, weil wir uns keine mühe machen müssen. wir holen die betroffenheitsgesten (gerne auch gepaart mit bekundeter wut, die sich dann doch sehr schnell beruhigt) aus der tasche wie ein taschentuch und stecken sie nach vollbrachter bekundung genauso schnell auch wieder ein. pflicht ohne großen aufwand erfüllt.

eine geste, die wir eventuell von allerhand personen der öffentlichen wahrnehmung übernommen haben. die, so immerhin kann man ihnen zugute halten, nicht über jede gerade passierte sache bescheid wissen und sich eine meinung gebildet haben können und dennoch jederzeit damit rechnen müssen, dass man ihnen ein mikrophon vor die nase hält.
betroffen dagegen kann man immer sein.


inzwischen hat jeder passant auf der straße, der von den reportern in ermangelung von augenzeugen oder fachleuten angehalten wird, seine betroffenheit parat.
es scheint, als würden einen solche gesten davon entbinden, noch irgendwie mehr zu tun. mehr zu fühlen. zuzupacken. es scheint auch, als habe man sich darauf verständigt, dass in einer so vielfältigen, ohnehin mit worthülsen überpfropften welt, es ausreichend ist, betroffen zu sein, obwohl die meisten von den dingen, die solcherart betroffenheitsstürme auslösen, die betroffenheitsbekunder ja eben nicht betreffen, zumeist nicht einmal tangieren. was die bekundungen so einfach macht.

umso erstaunlicher ist, wie oft man in letzter zeit hört, dass menschen sich nicht interessieren, und gefragt wird, warum man sich um eine sache kümmere, die einen doch gar nicht betreffe. sollten nicht jedoch erkenntnisse über anderer menschen befindlichkeiten das tor zum mitgefühl öffnen?

als wir uns noch nicht im zeitalter der großen betroffenheit befanden, wagten wir gelegentlich, manchmal auch öfter, zuzugeben, dass wir „von dieser sache da“ keine ahnung haben, was uns, die wir ja nicht alles wissen konnten, von einer meinungsäusserung entband. man mochte uns für dumm, uninformiert oder desinteressiert halten, aber wenigstens waren wir ehrlich. denn wir lebten noch nicht im informationszeitalter, wo imgrunde jeder alles wissen kann, wenn er denn nur will und halbwegs verständig ist.


noch immer ist informationsbeschaffung eine mühe, der man sich unterziehen muss, egal, wie verfügbar die quellen sind. trotzdem mag keiner zugeben, dass er sich dieser mühe nicht unterziehen wollte oder konnte. was ja keine schande ist. jeder trifft seine wahl, denke ich mir dann. und jedenfalls ist es mir lieber, wenn einer zugibt, dass er sich mit einer sache nicht auskennt, als die vielen betroffenheitsheimer, die so gar nicht betroffen sind.

01.03.2014 um 00:43 Uhr

01032014

zwar kann ich mich nicht erinnern, wann genau meine liebe zum lesen erwachte. aber ich weiss genau, dass das zu einer zeit war, zu der ich noch nicht lesen konnte. ich sah fünf große menschen um mich herum, die ständig bücher lasen und zuweilen über diese bücher sprachen. und wenn sie das taten, drüber sprechen, dann waren sie oft voller begeisterung und ganz bei der sache, dass mir bald klar wurde: mit diesen büchern musste es etwas ganz besonderes auf sich haben.
so, wie meine mutter veranlagt war, könnte ich mir vorstellen, dass sie etwas gesagt hat wie: „wenn du wissen willst, was da drin steht, musst du lesen lernen.“ ich erinnere sie nicht als vorleserin. ohnehin war sie nicht der große händchenhalter. sie hat nur, beinahe im vobeigehen oder auch nur mit dem fuß, türen aufgestoßen. durchgehen mussten wir dann selber.

gut erinnern kann ich mich jedoch an jenes erste buch, um dessentwillen ich zu lesen begann. ein bilderbuch natürlich. wunderschön blauer nachthimmel mit märchenhaften hausdächern drunter, einer mondsichel oben links wie neulich morgens und sternen drumherum.
tatsächlich lernte ich schnell lesen und machte sehr früh, in mutters begleitung, bekanntschaft mit der bibliothek, weil die – wenngleich zahlreichen – büchergeschenke zum geburtstag und zu weihnachten nicht mehr ausreichten. da schlich ich dann ehrfürchtig durch die reihen der kinderbuchabteilung und konnte es lange nicht fassen, dass ich diese schätze eine zeit lang haben durfte. und oft handelte ich mir schwerste diskussionen ein, weil der stapel, den ich der bibliothekarin zum mitnehmen vorlegte, viel zu groß war. „das schaffst du nie in vier wochen.“, hieß es oft.
auf diese weise erfuhr ich, nachdem mir die trompeterbücher zu dünn und zu kindisch geworden waren, von justus liebig, timbuktu und dem koran (eine zeit lang wollte ich unbedingt moslem werden) und einer menge anderer aufregender menschen und dinge auf dieser welt.

kein tag in meinem leben ist ohne buch vergangen. selbst an tagen, die keinerlei zeitliche reserven zum lesen hergaben, fand ich nicht ohne ein paar seiten gelesenes in den schlaf (was vielleicht erklärt, dass ich nie ein krimifan geworden bin.) die begeisterung ist geblieben und auch nach tausenden von büchern bin ich noch zu überraschen, was mir gut gefällt, denn eigentlich neige ich dazu, mich schnell zu langweilen.

vor ein paar jahren allerdings bekam ich große probleme mit den augen, was der leserei ganz und gar abträglich war. eine zeit lang versuchte ich es, musste jedoch regelmäßig vor den juckenden, tränenden augen kapitulieren. eine schlimme zeit, in der ich nur schwer in den schlaf kam, weil irgend etwas ganz wichtiges fehlte. bis ich schließlich auf hörbücher verfiel. seither lese ich nicht mehr, sondern lasse lesen. vorlesen. so hole ich, obwohl es den augen seit langem schon wieder besser geht, ein ganzes stück kindheit nach, indem ich abends einen – meist prominenten – vorleser in mein bett einlade, um in den schlaf gelesen zu werden. und einmal im monat ist MEIN HÖRBUCHTAG, auf den ich mich wie in kindheitstagen ganz narrisch freue. schon tage vorher schreite ich durch die virtuellen buchreihen und suche mir die fettesten (=längsten) wälzer aus, damit es bis zum nächsten besuch ausreicht.

ganz nebenher pflege ich mit dieser angewohnheit mein image als im alter merkwürdig werdender mensch. denn wenn zum beispiel max goldt mich ins bett begleitet, dann bleibt bei aller nachdenklichkeit kein auge trocken und ich lache schon mal herzhaft laut. was, fragen sich die nachbarn womöglich, gibt’s mitten in der nacht im schlafzimmer zu lachen, wenn frau allein lebt?

ich weiss es, die leser dieses blogs jetzt auch. und was die anderen denken … wen juckts?

25.02.2014 um 20:12 Uhr

25022014

"wie´s drinnen aussieht, geht keinen ´was an.", pflegte meine mutter zu sagen, die - was ich gut fand - es nicht schätzte, familiäre uneinvernehmlichkeiten in aller öffentlichkeit auszutragen. es ist, so meinte sie, schon schlimm genug, wenn man sich in einer familie uneins ist, aber man muss den anderen damit nicht noch freude bereiten.

aber natürlich gilt dieser spruch auch für allerhand andere bereiche, die der dichter (ja, wer war das noch gleich?) mit "die gedanken sind frei" in worte fasste.
tatsächlich bekommen die dinge häufig den sinn, den der betrachter ihnen unterstellt. und weil wir nicht wissen, was andere betrachter denken, bleiben wir am eigenen denken hängen. was im zweifelsfall nicht uns selbst schlecht machen muss, sondern allenfalls unsere eigene meinung von dem, was andere wohl denken mögen.

nehmen wir die sache mit den kinderbildern.
klar ist es in ordnung, wenn wir unsere eigenen fotografieren. wir lieben sie. und als sie damals so fröhlich am fkk-strand rumsprangen, mochten wir sie genauso. und klar haben wir die bilder vom fkk-strand unseren anderen fkk-freunden, die diesmal nicht dabei sein konnten, auch gezeigt. und, klar, ist uns nicht in den sinn gekommen, dass irgendwer unsere kinder am fkk-strand auf eine unbotmäßige art betrachtet haben könnten. da waren ja da doch alle nackt. oder?

sowieso: wer nun bilder von nackten oder fast nicht bekleideten kindern verbieten will, blendet der nicht einen bedeutenden teil des menschlichen lebens aus? meine kinder liebten den sommer, weil der warm war und man nicht viel anziehen musste. und, ja, das wenige zogen sie manchmal auch aus. und fühlten sich wohl und glücklich dabei, ohne dass irgendwer sich irgendwas schlimmes dabei gedacht hätte.
sind doch kinder, dachten wir, und beneideten sie zuweilen. denn jenseits des fkk-strandes wars für uns große nix mit nacktheit.

gar nicht zu reden von all den vielen nackten kindern auf gemälden alter meister. ob nun kinder oder engelchen. erscheinen die künftighin alle mit schwarzen balken drüber?

nicht nur kunst, auch moral liegt im auge des betrachters, denke ich mir. und auch: dinge zu verbieten, heisst nicht, ihre moralwidrige nutzung tatsächlich zu unterbinden. wer in der prohibition saufen wollte, hats getan; wer kiffen will, tut´s; wer eine waffe zu brauchen meint, hat eine. und wer bilder unbekleideter kinder zu irgendwelchen dreckszwecken haben will, wird sie haben, mit und ohne verbot.

freiheit, denke ich mir, heisst doch nicht, auf jeden verdammten dreckskaffeebecher schreiben zu müssen, dass das getränk darin heiß ist und man sich verbrennen könnte.

13.02.2014 um 16:35 Uhr

13022014 ... oder: Let´s Talk About Sex

Als Kinder erreichte uns im dazu noch keinesfalls geeigneten Alter das Gerücht von einer Sache namens Sex. Einmal einzelner Details teilhaftig geworden, waren wir uns sicher, dass unsere Eltern so etwas inzwischen wohl seit langem nicht mehr machten. Obwohl ich nicht zu jenen gehörte, die die Anzahl der elterlichen Kinder zusammenrechneten und dann zu wissen meinten, wie oft ihre Eltern ES getan hatten.

Schließlich war ich vermutlich das best aufgeklärteste Kind der Stadt.
(Ich erinnere mich an jenen denkwürdigen Nachmittag, der dem Mittag folgte, an dem meine postpubertären und längst sexuell aktiven Geschwister sich bei der Mutter über die quasi nicht vorhandene Aufklärung beklagt hatten. Über meinen Kopf hinweg wurde da beschlossen, es bei mir besser zu machen. Und tat es.
Ich durchlief drei Versuchsanordnungen:
den Bruder, der mir anhand seiner Mediziner-Lehrbücher die Sache anatomisch und biologisch näher brachte.
die Mutter, die mir erläuterte, DAS tue man nur, wenn man sich seiner Liebe sicher sei.
und schließlich der Vater, der mir die Sache quasi handwerklich erläuterte.)
Ich war übrigens neun und von nun an durch keinerlei Halbwissen mehr anfechtbar. Ich wusste alles viel genauer und besser als die anderen.

Dachte ich.

Denn trotz jahrzehntelanger praktischer Erfahrung sind noch immer nicht alle Fragen geklärt.

Zwar weiß ich jetzt, was man(n) in so einem Swingerclub trägt. Von einem guten Bekannten, der in Ermangelung anderer Möglichkeiten gerne dort sein Mütchen kühlte und mich jahrelang zur Begleitung ermutigen wollte. Denn Männer mit Begleitung haben freien Eintritt, ohne aber löhnen sie irgendwas um die hundert bis hundertfünfzig Ökken.

Unklar bleibt dennoch:

Wie ist das denn nun mit den 6000 "Schuss" des Mannes. Bereits von Luther erwähnt, von Kinsey wieder aufgegriffen: Sind sie nun eine fixe Zahl oder abhängig von der Gesamtform des Typen oder sowieso nur eine sehr grobe Schätzung?

Was hat es auf sich mit jenen Gleichaltrigen, die auf Teufel komm raus jetzt noch einmal alles ausprobieren wollen, was sie sich früher - bei den eigenen Frauen - nie zu tun trauten. Torschlusspanik?

Und was geht in jenen zwanzig Jahre älteren Herren vor, die mit schöner Selbstverständlichkeit meine Geneigheit voraussetzen?
(Und dabei, fällt mir ein, ist Respekt gegenüber älteren Herren, die unsere Väter sein könnten, keineswegs eine dienliche Sache.
Erlebte ich doch vor zwei Jahren einen wirklich entfernten Bekannten, der - seiner Ehefrau auf dem natürlichen Weg verlustig gegangen - ein paar Freundlichkeiten von mir sehr missverstand. Was ihn dazu verleitete, sich ein paar Wochen lang wie ein liebestoller Kater aufzuführen und mir eine Reihe unschöner Momente bescherte.)

Und auch: Wie ernst muss ich es nehmen, wenn Frauen jenseits der mitte Fünfzig ein merkliches Nachlassen der Libido bescheinigt wird? Von gleichaltrigen Herren. (Die offenbar noch nie etwas von erektiler Dysfunktion gehört haben.) Gehts dabei wirklich um die Frauen oder nicht viel mehr um die Illusion, dass diese, weil nicht mehr so "knackig", schuld am dysfunktionieren sind?

Fragen über Fragen.
Wie, verflixt, muss es dann erst denen gehen, die nicht aufgeklärt wurden?

06.02.2014 um 21:22 Uhr

06022014

" berlin ist ein dorf.", sagte meine mutter zuweilen. was sie nicht aus eigenem ansehen wusste (war sie überhaupt jemals dort?), sondern von ihrer tante, die - ende des 19.jahrhunderts geboren - mit ihren drei ehemännern viel herum gekommen war. (nein, nein, damals ließ frau sich nicht von ihren männern scheiden, sondern begrub sie.)

gewiss ist jedoch, dass dieser spruch auch nicht von der tante stammte, sondern einer allgemeinen erkenntnis entspricht, die auf so ziemlich jede großstadt zutrifft: jeder stadtteil hat ein eigenes einkaufszentrum, eigene festivitäten, eigene sonderlinge und eigenen tratsch. so ganz anonym ist es auch in einer großstadt nur für den, der die einsamkeit sucht.

dass großstädte ihren weltmännischen charakter jedoch gerne herausstellen, sieht man dann, wenn zu ereignissen (gerne verbunden mit irgendwelchen preisverleihungen) internationales publikum eingeladen wird.
da bleibt otto normalverbraucher üblicherweise in seinem kiez und schaut sichs im fernsehen an, wie ich ja auch. (warum also sollte ich in die stadt ziehen?)

und wirklich kann uns aller anke es ja inzwischen mit den großen verleihungen beinahe aufnehmen. flockig locker plappert sie zwischen englisch und deutsch hin und her, bezieht das internationale publikum beim gang durch die reihen mit ein.

john hurt hängt an ihren lippen. bei tilda swinton, die lieber david bowie sein möchte, weiss man nicht, ob ihr anke oder die unerwartete aufmerksamkeit missbehagt. bill murray mag beides nicht, weder anke, noch die aufmerksamkeit. (und tatsächlich war es ein wenig despektierlich, dass anke ihn auf das kurz zuvor genommene getränk ansprach. was war das wohl? - wie taktlos, denke ich. und auch: da muss sie noch ein wenig hollywood schauen. so etwas würde da keiner machen.)

ganz zwanglos, zwischen allerhand geplapper, begrüßt a. die anwesende politprominenz und nennt später jeden sponsor beim namen, was vermutlich nicht nur ich ein wenig peinlich finde.
und irgendwann, und zwar sehr schnell, ist dann auch die luft schon raus. bei anke, bill murray (der in die kamera gähnt) und mancherlei kaugummikauendem deutschen darsteller, der schon nicht mehr damit rechnete, in einen kameraschwenk zu geraten.

die frau staats-wasauchimmer für kultur und zeugs gibt lippenbekenntnisse ab (sie preist kunst und künstler, die der notwendige stachel in wessen fleisch auch immer seien) und ein paar größen vom film-himmel bauchpinseln und knutschen sich auf der bühne gegenseitig.

anke, in einer stunde des nicht mehr ganz altersgemäßen jugendgetues sichtlich verfallen, droht schließlich noch an, dass man sich wieder sähe. wenn die bären verteilt werden.

wirklich?

nö, muss nicht sein.

29.01.2014 um 20:39 Uhr

29012014

irgendso ein schmächtiges kerlchen aus der CDU/CSU-Fraktion verkündete heute: "Das Gesetz ist nicht ausgereift. Es muss nachgebessert werden.", nachdem frau nahles erklärt hatte, die lebensleistung der menschen müsse mehr anerkannt werden.

vermutlich ist es zufall, dass die zahl, die das neue gesetz kostet (160 milliarden), in ein drittel bildschirmgröße eingeblendet wird.

jaja, wir reden von der rente.
und dass mir spontan beim hören dieser immensen kosten aus meinem frechen mundwerk rutschte: "eine bank weniger gerettet und schon habt ihr die knete wieder drin.", ist natürlich mehr als unangemessen.

irgendwann einmal werde ich nachdenken über angemessenheiten, lebensleistungen und (un)ausgereifte gesetze und äußerungen. und inzwischen verlasse ich mich auf nichts.
denn: alles ist im fluss.

vielleicht,ja, vielleicht sollte sich leistung wieder lohnen.
aber: welche leistung?

20.01.2014 um 22:37 Uhr

20012014

Guten Vorsatzes für das neue Jahr hatte ich mir vor Monaten einen Aufräumkalender gekauft. Den fand ich dieser Tage wieder, was ein Beispiel gibt, wie Not das Aufräumen bei mir tut. Ein Tagesabreisskalender, an dessen Ende ich womöglich geschafft hätte, was früher die häufigen Umzüge erledigten.

 

Mit dem Erwerb dieses Kalenders folgte ich einem Vorsatz, den ich nicht nur seit längerer Zeit schon habe, sondern Stück für Stück bereits umsetze.  Erst letzthin brachte ich einige Säcke Kleidung und Wäsche zum Container, die ich ausgemistet hatte. Während andere mir naseweis erklärten, sie TÄTEN einfach, war ich schon mitten drin.

 

Angesichts des verspäteten Fundes gab es einiges, zumindest an Erkenntnissen, nachzuholen. Bereits beim siebten Januar  jedoch stockte ich.

Da gings ums Bücher wegwerfen, was mir ein großes Thema ist und gleichzeitig ein großer Leidensdruck.  Zwar wird für diesen siebten Januar erklärt, dass Bücher wegwerfen nicht mehr so schlimm und die „Haltbarkeit“ von Büchern auch nicht mehr die ist, die sie mal war … dennoch habe ich im Kopf, was ich einst lernte:  Die Herstellung von Büchern ist viel Arbeit! Sie müssen geschrieben, lektoriert, gesetzt, gedruckt, gebunden werden. Und ich weiß, wovon ich rede, denn mit den buchherstellenden Handwerken hatte ich beruflich lange zu tun.

Und selbst wenn man in Betracht zieht, dass in heutigen Zeiten alles viel schneller geht und Buchsetzer im herkömmlichen Sinne gar nichts mehr zu tun haben, macht es doch mein Gefühl in Bezug aufs Bücherwegwerfen nicht anders. Denn: Einer hats geschrieben.

Da hilft es auch nichts, mir zu sagen, dass ich quasi gar nicht mehr lese, sondern mir vorlesen lasse, der am Abend – und nur da las ich immer schon – müden Augen wegen. So sind die vielen Bücher (drei mannshoch und ebenso breit doppelseitig bestellte Regale) doppelt nutzlos. Schon gleich gar, wo man heute alles im Netz nachschlagen kann.

Und dennoch, wollte ich etwas nachschlagen, wäre es da nicht viel besser, es bei mir zu haben? Und das meiste, was mir so durch den Kopf geht, habe ich ja auch wirklich irgendwo da stehen. Wenngleich nicht mehr in der gleichen Ordnung wie früher, als ich praktisch jährlich alles aus- und sortiert wieder einräumte. Ich fühlte mich nur halb, ahne ich, würde ich wegwerfen und ein halbes Jahr später fiele mir gerade von einem jener weggeworfenen etwas ein, das ich nachschlagen wollte. Es wäre wie damals, als ich die Jacke mit dem langen Revers wegwarf und nur ein halbes Jahr später, als sie gerade wieder modern geworden war, so schmerzlich vermisste.

 

Vielleicht, denke ich mir, lasse ich es noch ein wenig hingehen, dieses Jahr, zusammen mit dem Kalender, der mich aufräumen lehrt.

Vielleicht gehe ich erst die anderen Dinge an.

Und wenn da rundum Ordnung ist … dann stören sie womöglich gar nicht mehr

26.12.2013 um 21:19 Uhr

26122013

abgesehen davon, dass der kabelanbieter meines vertrauens (!) UNITYMEDIA mich ausgerechnet zu weihnachten total hängenlässt, hätte ich ja sowieso den TATORT geschaut. das mache ich schon seit ein paar jahren. weil ich das alter danach habe? vielleicht. weil die hier und da ganz gut gewesen sind? bis vor kurzem.

inzwischen weiss ich nicht mehr, ob die den zuschauer, die ossis (tatort erfurt + weimar) oder das format verar..., äh, -albern wollen.

jedenfalls wären diese varianten immer noch besser als der gedanke, dass die neue generation der drehbuchschreiber ebenso total verblödet ist wie die standup-comedy-schreiber der privatsender, die ich heftigst zu vermeiden suche.

ohnee! ich will meine fernsehgebühren zurück!!!

PS: zwar gab man sich bei der ard ganz modern mit chat und so. die negativen kommentare wurden jedoch kurzerhand weg-moderiert.

früher musste man so etwas einfach aushalten.;)

24.10.2013 um 19:00 Uhr

24102013

so traurig3 005

09.10.2013 um 14:39 Uhr

09102013

während der bahnfahrt höre ich noch einmal dieses hörbuch, das ich neulich in einem rutsch hörte. es geht um gewalt, gegenwehr, notwehr, unser deutsches bestrafungssystem, das nicht selten die sich wehrenden opfer bestraft, während sie die angreifer in jugendliche hätschelsysteme packt oder ihnen bewährungsstrafen auferlegt.
ich höre den einen angegriffenen, der sich dank seiner kampfkunstkenntnisse erfolgreich vierer angreifer erwehren konnte und behandelt wurde, als sei e r der täter, sagen, dass es einen unterschied gäbe zwischen der gewalt des angreifers und der von dem, der sich verteidigt. und ich höre einen anderen denken, dass wir uns einbilden, unsere moral sei eine bessere, wenn wir nicht zurückschlügen.

und währenddessen setzt sich mir dieses mädchen gegenüber, 15 vielleicht, das in einem moment, in dem ich mich gerade aufsetze, meine beine weit unter meinen eigenen sitz ziehe, die ihren provokativ in meinen fußraum stellt. sie auch nicht zurücknimmt, als ich mich wieder normal hinsetzen will. ich scheue die berührung ihrer füße mit meinen nicht. ich greife wieder raum, m e i n e n raum. stück um stück. schließlich wendet sie sich ihrer unscheinbaren begleiterin zu und fordert diese auf, sich mit ihr auf ein paar andere sitze zu setzen.

und ich denke: ein, zwei jahre noch, dann hast du (wenn dir vater oder bruder bis dahin nicht die billige schminke aus dem gesicht geprügelt haben) eine horde ebenso übergriffiger jungs um dich, für die deine aufmachung verheißung ist.
ein, zwei jahre noch ...

03.10.2013 um 16:09 Uhr

03102013

die frau vom checkpoint charly erfolgreich wegklicken.
ich verstehe diesen sch... nicht: die kinder verlassen und dann auf tragische heldin machen, die statt zu arbeiten da rum steht und eben diesen verlassenen kindern nachtrauert.
mir zu hoch, hätt´ ich nich gemacht. find ich nich gut.
auch nach der siebten wiederholung nich.

01.10.2013 um 06:02 Uhr

01102013

ich. darf. nicht. schlafen.
nein, in wahrheit kann und will ich nicht schlafen.
nicht, ehe ich erfahre, was weiter passiert.

eschbach hat mich hier und da schon auch enttäuscht. jetzt aber fesselt er mich so sehr wie mich lange nichts mehr fesselte. so nah am leben in unserer heutigen gesellschaft war er selten. ich liege im bett und lache. kein fröhliches lachen, sondern dieses verblüffte, beinahe böse lachen, das man lacht, wenn einem widersinn deutlich wird, der sich aus politischer korrektheit, mitgefühl für täter und politischen fehlentscheidungen ergibt.
wer sein "todesengel" liest oder hört, plane zeit ein, viel zeit am stück. man kann es nicht weglegen.