Luselei

12.02.2012 um 08:18 Uhr

Liebes Lusel,

manche Daten, wenn man sie schreibt, erinnern einen an längst vergangene Zeiten, obwohl sie zum Heute keinerlei Bezug mehr haben.

Am 12.Februar 1983 hatte ich mich für eine Faschingsfeier zurecht gemacht als frecher Bengel mit Kochhose, Hosenträgern, Strubbelkopf und vielen Sommersprossen. Am nächsten Morgen kamst du ein Sekündchen zu früh von deinen Großeltern zurück und sagtest: "Küss meine Mutti nicht!" zu dem Mann, der der einzige Vater sein sollte, den du je haben würdest.

Fünf Jahre später, am 12.Februar, haben wir geheiratet, um unseren Ausreiseantrag gemeinsam stellen zu können. 

10.02.2012 um 21:30 Uhr

Liebes Lusel,

heute mittag um zehn nach zwölf warst du 34 jahre alt (den rest des jahres natürlich auch). und ich dachte an diesen tag im jahr 1978, an dem es genauso kalt war wie jetzt. es lag viel schnee und wir hatten alle mühe, dich in deinem kissen ins taxi zu buchsieren. als wir dich zu hause zum ersten mal auspackten, um dich zu wickeln, bekamst du sofort blaue lippen und hast gezittert wie espenlaub. dein vater, der alle öfen der wohnung auf hochtouren gebracht hatte, und ich fielen uns in die arme, weinten und glaubten, wir würden dich zartes ding nie groß kriegen.

jetzt bist du also 34 und zitterst um deinen kleinen, der sich mit dem freunde-finden schwer tut und lieber noch nicht in die schule soll.

was ich nur weiss, weil wir telefoniert haben.

es ist gut zu wissen, dass die bande doch noch nicht zerrissen sind. seltsamerweise ist es jedes mal, als hätten wir erst gestern telefoniert. dabei war es diesmal zwei jahre her, dass wir zuletzt miteinander sprachen.

27.12.2011 um 21:29 Uhr

Liebes Lusel,

nach allzu langer zeit hast du dich wieder einmal gemeldet. so muss ich glauben, dass das weihnachtspaket in ordnung war.

dennoch gab es da einen wermutstropfen. deine art, dich nach meinen elektronischen malfortschritten zu erkundigen, klang reichlich nach oberlehrerin. nur weil du mit deinem i-pad neuerdings auch ein bisschen auf fotos herumpinselst, gibt dir das nicht das recht, meine dreieinhalb jahre harter arbeit zu verniedlichen.

meine freundin sagt, die mail an dich war ebenso wenig nett wie die deine an mich. ganz entschieden finden wir nicht mehr den richtigen ton. während ich keine von deinen behinderten bin, bist du niemand aus den künstlerkreisen, in denen ich mich bewege. da geht man hart miteinander um.

ich fürchte, das wird nichts mehr.

27.12.2011 um 21:19 Uhr

Lieber Schnicki,

bei deinem besuch fragte ich dich, warum du damals nichts sagtest.

du hast geantwortet, dass du fürchtetest, es könnte noch schlimmer werden, wenn ich mich einmische (und das hätte ich natürlich getan!).

ich hoffe, die kinder heute haben ein aufgeklärteres verhältnis zu mobbing.

14.08.2011 um 10:43 Uhr

14082011

lieber schnicki,

 je offener wir miteinander umgehen (und das tun wir, gottseidank, in zunehmendem maße) umso klarer wird mir das ausmaß der einstigen katastrophe.

warum, um himmels willen!, hast du damals nie etwas gesagt???