Lyriost – Madentiraden

26.08.2014 um 12:17 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 41

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 41

Der geschmeidig kraftvolle Wuchs seiner Gliedmaßen verriet eine sportliche Natur, die durch sein lässiges Outfit noch betont wurde.“ Was ist eine sportliche Natur? Ich kenne wohl Sport in der Natur, wie etwa Sackhüpfen am Waldsee oder das Verschwinden zweier Gleichgesinnter in den Büschen, wo man sich mit Betätigungen sportlicher Natur fit hält, aber eine sportliche Natur hinter Wachstumsprozessen der Gliedmaßen ... ich weiß nicht, ob das die richtige Sicht der Dinge sein kann, etwa so: „Seine DNA war sportorientiert.“ Die Autorin meint wahrscheinlich: Seinem Körper war anzusehen, daß er regelmäßig Sport trieb.

Durch das „lässige Outfit“ (eine Zeile weiter: „zwanglos gekleidet“) wird auch nicht die „sportliche Natur“ betont, sondern eventuell der muskulöse Körper.

Außer den „Gliedmaßen“ gibt es noch einen „beeindruckenden Rest“, der Chloes Herz in gröbste Schwingungen versetzt („Ihr Herz hüpfte wie ein außer Kontrolle geratener Pingpong-Ball auf und ab“) angesichts dessen, was er „zu bieten hatte“: „lange Beine“ (gehören zum beeindruckenden Rest, sind, schon wieder, anscheinend also keine Gliedmaßen), „knackiger Hintern“, von „Jeansstoff umspannt“, und „ein weißes Longsleeve“, also langärmliges T-Shirt. Ja, schön, aber was hat das Herz damit zu tun? Eigentlich nichts. (Bei einem knackigen Hintern hüpft das Herz?) Hier scheint das Herz in einem ganz anderen als dem üblichen Sinne vielmehr in die Hose gerutscht zu sein: „Unwillkürlich wünschte sie sich an die Stelle seines Oberteils.“ Man stelle sich das vor.

Begierig fasste er nach ihrer Hand … und diese Geste besaß etwas dermaßen Liebevolles ...“ Also, mal abgesehen davon, daß eine Geste in durchdachter Sprache nichts besitzen kann, aber durchaus etwas haben, finde ich, daß begierig und liebevoll nicht so recht zueinander passen. Gier und Liebe schließen sich zwar nicht völlig aus, aber meistens bleibt bei der Gier die Liebe, zu was oder wem auch immer, auf der Strecke.

Angesichts derartig gieriger Liebevollheit, Liebevolligkeit „wandte sich Chloe ab, um tief durchzuatmen“. Als Außenstehender könnte man meinen, tiefes Atmen wäre dort gesellschaftlich verpönt, so daß man es heimlich tun muß.

Das tiefe Atmen hilft jedoch nicht, denn Chloes „Magen schien sich mehrfach zu überschlagen“, als sie in dem Naturburschen den Herrn aus dem „Herrenhaus“ wiedererkennt.

Wenn sich etwas mehrfach überschlägt, handelt es sich, wie man hört oder liest, meist nicht um einen Magen, sondern um einen Wagen mit Insassen. Folge: Es gibt Blechschäden, und der Inhalt der Blechbüchsen wird ordentlich durcheinandergeschüttelt, kommt jedoch dank der Gurte meist glimpflich davon.

Wie ist das nun beim Magen? Überschlüge sich ein Magen, dazu noch mehrfach, dann würde er aus der Verbindung mit der Speiseröhre und dem Duodenum gerissen, und der nicht angeschnallte, durcheinandergeschüttelte Mageninhalt wüßte nicht mehr, wohin. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind die Verbindungen des Magens so beschaffen, daß er sich nicht überschlagen kann, sondern sich schlimmstenfalls gleichzeitig nach oben und nach unten entleert. Die Autorin hat hier wohl Magen und Wagen verwechselt, aber sie schreibt immerhin vorsichtig „schien“. So ein anscheinend irrwitziger Anschein kann ja mal vorkommen.

Frau Hall schreibt über ihre Hauptfigur, daß deren „gesunder Menschenverstand außer Kraft gesetzt“ sei. Zumindest zeitweise. Das gilt auch für die Autorin selbst, wenn sie schreibt: „Diese Erkenntnis schnürte ihr die Luftzufuhr ab, als würde jemand in ihren Thoraxbereich hineingreifen, die Finger zwischen Rippenwirbel und Brustbein schieben und ihre Lungen miteinander verknoten … jeder Atemzug verursachte einen stechenden Schmerz, der den vorherigen übertraf.“ Nicht nur bei Erkenntnissen, sondern auch bei solchen Formulierungsexzessen bleibt manchen die Luft weg. Ich sehe das nüchterner und komme bei Betrachtung dieser wahnwitzigen anatomischen Metaphorik nur zu dem Schluß: Da spinnt jemand, und der „stechende Schmerz“ rührt wahrscheinlich daher, daß die Metaphorikerin die Knochensäge im „Thoraxbereich“ liegengelassen hat.

Hätte sie doch einfach geschrieben: Chloe blieb die Luft weg, dann wäre es gut gewesen. Bei einer solchen Schreibweise könnte sie allerdings nur Fünfzig-Seiten-Bücher schreiben, oder sie müßte sich inhaltlich etwas Besseres einfallen lassen als verknotete Lungen.

Morgen geht’s weiter mit Seite 42 und „ozeanblauen Sturmaugen“.