Der Fall Grass
Der Fall Grass
Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich
Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich
von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der
walrössischen Oberlippenbehaarung.
Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an
moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief
eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als
könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische
Instanz sein.
Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf
Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll,
für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu
begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich
selbst aufmerksam zu machen.
Einen dummen Jungen zum "SS-Mann" hochzustilisieren, das zeugt nicht
gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von
psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene
Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder
verdrängt.
Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der
Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem
Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden
kann: Der Bart ist ab.
Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.
Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen
Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass
heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen
Mitglied der SS war.
Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor's ein andrer tut.



Meine Meinung : die Tatsache als solche finde ich für einen Siebzehnjährigen entschuldbar. Die sehr, sehr späte Bekanntgabe - ich vermeide das Wort Geständnis - finde ich problematisch und nur schwer zu verstehen. Drittens bin ich für eine Trennung von Autor und Werk, d.h., seine literarischen Verdienste, so man sie ihm denn wie ich zubilligt, bleiben davon unberührt, und demzufolge wäre die Aberkennung literarischer Preise für mich unverständlich. Bei Preisen für moralisches oder politisches Handeln hätte ich mehr Bauchschmerzen. LG rollblau