Lyriost – Madentiraden

14.08.2006 um 08:12 Uhr

Der Fall Grass

von: Lyriost   Kategorie: Statements   Stichwörter: Grass, SS, Bart, Instanz

Der Fall Grass

Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der walrössischen Oberlippenbehaarung.

Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische Instanz sein.

Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll, für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich selbst aufmerksam zu machen.

Einen dummen Jungen zum "SS-Mann" hochzustilisieren, das zeugt nicht gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder verdrängt.

Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden kann: Der Bart ist ab.

Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.

Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen Mitglied der SS war.

Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor's ein andrer tut.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenrollblau schreibt am 17.08.2006 um 11:02 Uhr:Hallo, lieber Lyriost, ich habe den News - Bereich in meinem Blog bewußt ohne Kommentarmöglichkeit gelassen, denn erstens gab es die vorher schon nicht, als ich die Nachrichten in der Seitenleiste unterbringen mußte, und zweitens bin ich derzeit immer noch mit dem Umbau/Wiederaufbau meines Weblogs beschäftigt, sodaß ich längere und eventuell konfontative Auseinandersetzungen vermeiden möchte... Es gibt hier und in der gesamten Blogosphäre viel Raum, das Thema zu diskutieren : bei Dir, erphschwester etc. Außerdem schwebt ja auch noch unser Hausidiot - derzeit als infamous - bei blogigo rum, dem ich nicht noch Möglichkeiten auf dem goldenen Teller bieten möchte.
    Meine Meinung : die Tatsache als solche finde ich für einen Siebzehnjährigen entschuldbar. Die sehr, sehr späte Bekanntgabe - ich vermeide das Wort Geständnis - finde ich problematisch und nur schwer zu verstehen. Drittens bin ich für eine Trennung von Autor und Werk, d.h., seine literarischen Verdienste, so man sie ihm denn wie ich zubilligt, bleiben davon unberührt, und demzufolge wäre die Aberkennung literarischer Preise für mich unverständlich. Bei Preisen für moralisches oder politisches Handeln hätte ich mehr Bauchschmerzen. LG rollblau
  2. zitierenLyriost schreibt am 17.08.2006 um 11:21 Uhr:Danke für deine Meinung, rollblau. Ich denke, Grass hat sich einfach zu sehr geschämt. Schöne Grüße

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