Lyriost – Madentiraden

21.04.2010 um 21:52 Uhr

Der Gesellschaftsentwurf und Sinn von Sinn

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der Gesellschaftsentwurf und Sinn von Sinn

Seit Platon ist es so, daß utopische Gesellschaftsentwürfe abhängig sind von den gegebenen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, auf die sie zurückwirken oder zurückzuwirken versuchen. Ob sie nun affirmativ-naiv auf Herrschaftszähmung aus ist oder Herrschaft negiert, stets bleibt die Utopie der Folie verpflichtet, auf der sie sichtbar wird. Als Negation der Verhältnisse ist Utopie das Wahre, das im Falschen spiegelbildlich aufscheint und aus ihm herausdestilliert werden kann. Im Unglück ist das Glück verborgen und im Sinnlosen der Sinn. Die Vorstellungen von Glück und Unglück werden ebenso selbstverständlich aus den Verhältnissen herausgezogen wie die Idee der Herrschaft und ihre Negation, und hinter ihnen allen steht das Konzept Sinn, so als handle es sich dabei um ein nicht hinterfragbares abstraktes Prinzip.

Was aber ist Sinn? Wenn wir uns fragen, welchen Sinn etwas für wen hat, dann setzen wir bereits voraus, wir wüßten, was Sinn bedeutet. Was aber finden wir, wenn wir den Sinn hinter dem Wort Sinn suchen? Wir finden genau das, was wir in das Wort hineinlegen. Und nicht mehr. Wir werfen eine Handvoll Teleologie ins Universum und freuen uns wie die Kinder, wenn wir nach langem Suchen darin den Telos finden.

Um unsere Existenz und ihre Form zu deuten, geben wir allem Bedeutung, ohne zu wissen, ob Bedeutung überhaupt etwas bedeutet. Die Erkenntnis dieses Pferdefußes der Erkenntnis berechtigt uns zu ausgeprägter erkenntnistheoretischer Bescheidenheit und erst recht zu größter Zurückhaltung bei der Formulierung utopischer Gesellschaftsentwürfe, sowohl der herrschaftsfreien Art wie auch solcher, die (vorgeblich) Herrschaft als Mittel zum Zweck betrachten, um das (ferne, allzu ferne) Glück der Menschheit zu erreichen.

Glück kann es jedoch nur für den einzelnen geben, und zwar jetzt, genau in diesem Augenblick.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAquarius schreibt am 21.04.2010 um 22:14 Uhr:Gerade nach den Grundsätzen der Teleologie, da sie ja im Ursprung aus den Prinzipien der Theologie wurzelt, bleibt in der Findung des Telos eine große Bandbreite an Spekulation. Für mich ist die teleologische Beschreibung lediglich ein Hilfsmittel der Vernunft. Ich halte es da eher mit Leukipp mit seiner Auffassung "Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde und mit Notwendigkeit"
  2. zitierenLyriost schreibt am 21.04.2010 um 22:43 Uhr:Da sind wir ruck, zuck beim Problem des freien Willens, das ja gerade mal wieder heiß diskutiert wird. Ich selbst glaube nicht an den Zufall, sondern orientiere mich auch eher am Satz vom zureichenden Grund.
  3. zitierenameparia schreibt am 25.04.2010 um 23:36 Uhr:"Wir werfen eine Handvoll Teleologie ins Universum und freuen uns wie die Kinder, wenn wir nach langem Suchen darin den Telos finden. "

    *g* sehr cooler Satz. Ich ziehe meinen Hut.


    Noch eine Frage, weil es mir nicht ganz klar ist: Ist Macht immer negativ und gibt es nur Macht oder Nicht-Macht...? Eine nähere Ausführung dazu würde mich interessieren, hänge nämlich gerade beim Machtbegriff von Foucault und hab mich bisher noch gar nicht mit dem Thema auseinander gesetzt.
  4. zitierenLyriost schreibt am 26.04.2010 um 14:36 Uhr:Liebe ameparia, das ist eine schwierige Frage, und es hakt bereits dort, wo ich mich frage, was du wohl unter negativ verstehst. Macht ist nach meinem Verständnis erst einmal eine neutrale Kraftrepräsentation. Auf die Gesellschaft bezogen ist Macht sowohl Triebkraft von Veränderung wie auch eine Form, strukturelles Gleichgewicht zu halten. Hab leider im Augenblick wenig Zeit, aber wenn du dich mit Foucault auseinandergesetzt hast, können wir gern mal darüber reden.
  5. zitierenameparia schreibt am 26.04.2010 um 14:50 Uhr:"Negativ" im Sinne von "schädlich". Beispiel: in der antiautoritären Pädagogik wurde Macht/Machtverhältnisse als negativ nd schädlich angesehen.

    Dein Angebot ist sehr lieb, danke :). Aber ich glaube, ein Gespräch über Macht würde ich mich nicht trauen. *lächel* Ich lese zwar Foucault, versuche ihn zu verstehen, verstehe aber doch relativ wenig. Ein interessanter Gesprächspartner wäre ich also wohl eher nicht ;).

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