Lyriost – Madentiraden

16.06.2006 um 09:33 Uhr

Der Niemand und die "Niemandheit"

von: Lyriost

Der Niemand und die "Niemandheit"

"Jemand zu sein ist nicht möglich, es liegt nicht in der Natur der Dinge. Wir können nur niemand sein", sagte der Guru, heimlich durchdrungen von seinem eigenen Jemandsein im Niemandsein.

Aber ist es nicht in Wirklichkeit so: Auch wer niemand ist, ist jemand, denn das Sein konstituiert sich im "ist" – und nicht im "...mand". Niemand könnte nur "sein", wer nicht ist. Aber wenn er nicht ist, ist er nicht. Auch nicht niemand. Niemand gibt's nicht. Es gibt nur den Niemand als Wertkategorie, nicht als Seinskategorie. Wenn der Guru also absieht von "der Natur der Dinge" und die Niemandheit begrenzt auf ihr blutleeres kategoriales Sein, das Existentielle außer acht lassend, dann will ich dem gerne Geltung zusprechen, möchte dabei jedoch die nichtautonome metaphysische Seinsqualität des Gurus ausdrücklich mit einbeziehen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenArioso schreibt am 16.06.2006 um 20:01 Uhr:\"Jemand zu sein ist nicht möglich, es liegt nicht in der Natur der Dinge. Wir können nur niemand sein\"

    Das ist die komprimierte Weisheit des Ostens, und ich stimme ihr letztlich zu. Nach meinem Verständnis meint \'niemand sein\' \'keine (abgeschlossene) Person sein\'. Wir gehen üblicherweise davon aus, konstante Individuen zu sein. Tatsache ist aber, dass wir ein ständig sich wandelnder Fluss sind - ein Fluss der Gedanken und Empfindungen, etwas Zusammengesetztes, Sekundäres, ein inneres und äußeres Kollektiv diverser Stimmen. Wir sind somit nicht \'jemand\', sondern Teil im Gesamtstrom der Ereignisse, von dem wir nicht wissen, wo er herkommt und wo er hingeht. Wir sind - wie alles - Teil eines Gesamtstromes, dessen Wesen wir nicht bestimmen können.
  2. zitierenLyriost schreibt am 16.06.2006 um 21:36 Uhr:
  3. zitierenLyriost schreibt am 16.06.2006 um 21:52 Uhr:Das leuchtet mir alles ein, Arioso, und das ist nicht nur östliches Denken (obwohl es da sehr unterschiedliche Spielarten gibt), sondern auch heraklitisches und zum Teil auch pythagoreisches. Aber alle haben gemeinsam die Ablehnung der Überbewertung der individuellen Persönlichkeit.



    Auch Nietzsches Zertrümmerung des herkömmlichen Subjektbegriffes geht in diese Richtung. Aber das Wesentliche in uns hat nichts mit uns als Individuum zu tun, es ist jenseits des Schleiers der Maya, wie Schopenhauer das nennt, aber es ist. Und so SIND wir dieses Wesentliche, nur so können wir unseres SEINS gewahr werden. Wären wir nichts, könnten wir das nicht.



    Mag sein, daß viele von uns, besonders im Westen, den äußeren Schein des principium individuationis mit dem Wesentlichen verwechseln. Aber wir sind nicht niemand, sondern jemand, Objektivationen von Dahinterliegendem, aber keinesfalls sind wir nichts und niemand. Wir sind, ganz im Gegenteil, das, was die mittelalterlichen Mystiker gesagt und womit sie sich dem Bannstrahl der persönlichkeitsvergötternden Kirche ausgesetzt haben.



    Wir sind kein Teil im Gesamtstrom, denn es läge im Bereich des individualisierenden Denkens, wenn wir uns als TEIL betrachteten. Wir sind kein Teil des Stromes, wir sind dieser Strom. Und manchmal werden wir uns dessen bewußt und lächeln über unsere Hervorbringungen und über Gurus, die sich nicht darüber im klaren sind, daß es manches gibt, das falsch wird, wenn es ein Mund mit vergoldeten Zähnen ausspricht.



    Je weiter wir zum Kern unseres Seins vordringen, um so mehr werden wir uns bewußt, wer wir sind. Und wir sind gewiß nicht niemand. Auch wenn uns Karl-Friedhelm Egonanda das weismachen will, weil er gerne mal Rolls-Royce fahren möchte wie weiland Bhagwan.
  4. zitierenArioso schreibt am 17.06.2006 um 09:29 Uhr:Nein, lyriost, \"je weiter wir zum Kern unseres Seins vordringen, um so mehr werden wir uns bewußt\", dass wir \'Nichts\' sind. Wir sind wie eine Zwiebel aufgebaut; man löst Schale um Schale und im Innern ist nichts. Das ist zumindest die buddhistische Lehre. Natürlich existieren wir, das will und kann niemand bezweifeln. Wir sind aber nur wie eine Welle auf dem Ozean, jetzt bildet sie sich ab, im nächsten Augenblick ist sie verschwunden.

    Wenn wir wirklich erkennen, dass unsere Existenz leer und unbeständig ist, dann ist das eine absolute Revolution.

    Überhaupt gehst du von fragwürdigen, antiquierten Voraussetzungen aus, von einem mechanistischen Weltbild. Sind nicht (nach Einstein) unsere individuellen Existenzen wie auch Raum, Zeit, Materie überhaupt nur Manisfestationsformen eines Energiestromes? Letztlich ist alles nur Teil eines Gesamtstromes - aber die Teile bilden sich ein, eine selbständige Existenz zu besitzen.



    Ich würde aber vorschlagen, das nicht weiter zu diskutieren, denn das muss individuell nachvollzogen werden, kann nicht intelektuell erfasst werden.



    Einmal abgesehen davon. Woher weißt du, dass Karl-Friedhelm Egonanda (den ich nicht kenne) \"gerne mal Rolls-Royce fahren möchte wie weiland Bhagwan\". Das ist eine bloße Unterstellung, denn du kannst seine Gedanken doch nicht lesen. Ohne ein Bhagwan-Anhänger zu sein, muss ich auch folgendes anmerken. Bhagwan ließ sich tatsächlich im Rolls-Royce herumkutschieren. Aber woher möchtest du wissen, dass er das \"wollte\". Er selbst hat gesagt, seine Anhänger haben das für ihn gemacht. Keiner ist bisher in der Lage gewesen, das was mit Bhagwan und seiner Bewegung geschah wirklich zu durchschauen.



    Entscheidend ist, bei den Tatsachen zu bleiben.

    Gruß



  5. zitierenLyriost schreibt am 17.06.2006 um 09:51 Uhr:Lieber Arioso, das mit dem mechanistischen Weltbild stimmt eben gerade nicht. Entscheidend ist, daß wir nicht \"Teile\" von etwas sind und auch nicht \"Teile einer Welle\", das wäre in der Tat mechanistisch gedacht, wenn auch energetisch modernisiert, sondern selbst die Welle. Wir schauen ständig an uns vorbei, wenn wir uns wie eine Zwiebel schälen, denn wir schälen nicht uns, sondern nur unsere Verhüllung. Das ist so, als wunderten wir uns darüber, daß wir kein Blut finden, wenn wir unsern Mantel sezieren.



    Was Egonanda betrifft, dann ist damit ein Typus gemeint, ein Typus von vorgeblichen Ego-Zertrümmerern, die andere lehren, das Ego sei es, das es zu bekämpfen gälte, und dabei gleichzeitig ihr eigenes Ego bis zur Lächerlichkeit aufblasen. Ihr Denken ist natürlich nicht direkt lesbar, aber an ihrem Habitus können wir erkennen, worum es geht. Daß die Anhänger häufig schlimmer sind als die \"Meister\" selbst, will ich dir gerne zugestehen.
  6. zitierenArioso schreibt am 17.06.2006 um 10:18 Uhr:Lieber lyriost,



    wie ich schon schrieb:

    \"wir sind nur wie eine Welle auf dem Ozean, jetzt bildet sie sich ab, im nächsten Augenblick ist sie verschwunden.\"



    Das ist ALLES, was wir erkennen können.

    Ich verstehe deine Einwände nicht (Teile einer Welle oder die Welle selbst etc.). Bei dem Bild mit der Zwiebel möchtest du offenbar sagen, dass in unserem Innern doch ein individueller, beständiger Kern ist. Das ist eine unbewiesene Annahme. Wenn das deine Erfahrung ist, will ich sie dir gerne belassen.



    \"Was Egonanda betrifft, dann ist damit ein Typus gemeint, ein Typus von vorgeblichen Ego-Zertrümmerern, die andere lehren, das Ego sei es, das es zu bekämpfen gälte, und dabei gleichzeitig ihr eigenes Ego bis zur Lächerlichkeit aufblasen.\" - Da könnte etwas dran sein. Aber die Diskussion ist müßig, denn der Mensch ist nun einmal widersprüchlich. Und warum muss ein \'Meister\' widerspruchsfrei sein? Tatsache ist, dass gerade die Meister dies häufig nicht sind. Und können wir deshalb gleich ihre Botschaft verwerfen? Man kann allerdings entscheiden, dass man sich nicht zu ihnen hingezogen fühlt.
  7. zitierenLyriost schreibt am 17.06.2006 um 10:28 Uhr:Lieber Arioso, ein Kern, der kein individueller ist. Unsere Individuation ist Schein. Wir sind wirich. Das kann man aber nur fühlen: Tat twam asi.
  8. zitierenArioso schreibt am 17.06.2006 um 16:07 Uhr:Es ist o.k. Abschließend muss aber gesagt werden, dass du absolut metaphysisch argumentierst. Das Problem dabei ist, dass eigentlich jeder für sich in Anspruch nimmt, etwas Absolutes gefunden zu haben...Mich interessieren hingegen eigentlich nur Tatsachen.
  9. zitierenLyriost schreibt am 17.06.2006 um 23:46 Uhr:Lieber Arioso, bei meinem Eintrag wird nicht metaphysisch, sondern streng logisch-rational argumentiert. Unser beider Argumentation im Kommentar aber ist metaphysisch, was nicht verwundert, denn es geht doch hier um Metaphysik. Schönen Gruß
  10. zitierenArioso schreibt am 18.06.2006 um 19:38 Uhr:Lieber lyriost, auch wenn du mir widersprechen wirst:



    Die folgende Aussage ist eine Feststellung von Tatsachen:

    \"Jemand zu sein ist nicht möglich, es liegt nicht in der Natur der Dinge. Wir können nur niemand sein.\"



    Ebenso ist die folgende Aussage eine Feststellung von Tatsachen:

    Je weiter wir zum Kern unseres Seins vordringen, um so mehr werden wir uns bewußt, dass wir \'Nichts\' sind.



    Demgegenüber ist die folgende Aussage offensichtlich eine metaphysische Behauptung oder ein religiöser Glaubenssatz:

    Im Menschen liegt ein Kern, der überindividuell und ewig ist. Diesen Kern kann man nur intuitiv (gefühlsmäßig) erfassen.



    Schöner Gruß
  11. zitierenLyriost schreibt am 19.06.2006 um 09:09 Uhr:Lieber Arioso,



    wie du schon erwartet hast, widerspreche ich dir. Ich muß dich, weg von den Kommentaren, auf meinen Eintrag verweisen. Offensichtlich existierst du, und damit bist du jemand und nicht niemand. Deine bloße physische Existenz bezeugt das. Das ist eine empirische Aussage jenseits aller Metaphysik.

    DASS du bist, steht außer Frage. Und dadurch, daß du bist, bist du jemand (oder meinetwegen auch etwas, wenn man genau sein will). Etwas anderes ist die Frage, WAS du bist, und da kommen wir nun zur metaphysischen Spekulation, zu Glaubenssätzen, mehr oder weniger plausiblen Annahmen und dergleichen. Daß du niemand bist, ist eine wenig plausible Annahme, für die es zwar Argumente gibt, wie wir etwa bei Nagarjuna nachlesen können, der das auf höchstem Niveau versucht hat zu erläutern, aber gegen all solche durchaus logisch nachvollziehbaren Deduktionen steht die innere Erfahrung: Du nimmst dich selbst wahr. Was könnte ein besserer Beweis für dein Jemandsein sein?



    Deine \"Tatsachenfeststellung\": \"Je weiter wir zum Kern unseres Seins vordringen ...\" beinhaltet eine metaphysische Aussage, nämlich daß es einen \"Kern\" unseres Seins gäbe, und wird damit logischerweise in Gänze zur metaphysischen Aussage, denn eine Conclusio kann nicht nichtmetaphysisch sein, wenn eine ihrer Prämissen eine metaphysische ist.



    Deshalb kann ich guten Gewissens meine Behauptung wiederholen, daß mein Eintrag nichtmetaphysisch ist, während unserer beider Kommentare (außer diesem vorerst letzten) teilweise metaphysisch orientiert sind. Was aber durchaus nichts Schlimmes und Verwerfliches ist.



    Herzliche Grüße

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