Genie und Wahnsinn
Genie und Wahnsinn
Im Genotyp sind viele Menschen wahnsinnige Genies. Die überaus meisten haben jedoch nicht genügend Zeit und Muße, ihre Genialität zu bemerken und phänotypisch werden zu lassen, so daß bestenfalls ihr Wahnsinn sichtbar wird.
Andere wiederum werden zu sehr von ihrer Langeweile abgelenkt und sind nicht wahnsinnig genug, um ihre Genialität wahrzunehmen und vorzuführen.
Deshalb kann man mit Fug und Recht sagen: Genie ist Zeit und Muße plus Langeweile plus Wahnsinn.



(...) zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen tritt innerhalb einer Familie die geniale Begabung auf? Auch darauf ist die Antwort wissenschaftlich klar: Wenn die Familie zu entarten beginnt, der wirtschaftliche Konkurs, der Selbstmord, die Kriminalität, dann ist auch die Stunde des Genies.
(...) Genie ist eine bestimmte Form reiner Entartung unter Auslösung von Produktivität. (...)
Es litten an ausgesprochener klinischer Schizophrenie: Tasso, Newton, Lenz, Hölderlin, Swedenborg, Panizza, van Gogh, Gogol, Strindberg; latent schizophren waren: Kleist, Claude Lorrain. An Paranoia: Gutzkow, Rousseau, Pascal. Melancholie: Thorwaldsen, Weber, Schubert, Chopin, Liszt, Rossini, Molière, Lichtenberg: mit Vergiftungsideen: Mozart; mit Selbstmord: Raimund. Hysterische Anfälle hatten: Platen, Flaubert, Otto Ludwig, Molière. Es starben an Paralyse: Makart, Manet, Maupassant, Lenau, Donizetti, Schumann, Nietzsche, Jules Goncourt, Baudelaire, Smetana. Es starben an arteriosklerotischer Verblödung: Knat, Gottfried Keller, Stendhal, Linné, Böcklin, Farraday. Es starben durch Selbstmord: van Gogh, Raimund, Weininger, Garschin. Es waren ihr Leben lang asexuell: Kant, Spinoza, Newton, Menzel (die berühmte Stelle aus seinem Testament: "es fehlt an jedem selbstgeschaffenen Klebstoff zwischen mir und der Außenwelt"). Es tranken, wobei Trinken keine bürgerliche Flüssigkeitsaufnahme bedeutet, sondern Trinken mit der erklärten Absicht des Rauschs: Opium: Shelley, Heine, Quincey (5000 Tropfen pro Tag), Coleridge, Poe. Absinth: Musset, Wilde. Äther: Maupassant (außer Alkohol und Opium), Jean Lorrain. Haschisch: Baudelaire, Gautier. Alkohol: Alexander (der im Rausch seinen besten Freund und Mentor tötete und der an den Folgen schwerster Exzesse starb), Sokrates, Seneca, Alkibiades, Cato, Septimius Severus (starb im Rausch), Cäsar, Muhamed II., der Große (starb im Delirium tremens), Steen, Rembrandt, Caracci, Barbatelli Pocetta, Lo-Tei-Ke ("der große Dichter, welcher trinkt", starb durch Alkohol), Burns, Gluck (Wein, Branntwein, starb an Alkoholvergiftung), der Dichter Schubart (trank seit dem 15. Lebensjahr), Nerval, Tasso, Händel, Düssek, Gottfried Keller, Hoffmann, Poe, Musset, Verlaine, Lamb, Murger, Grabbe, Lenz, Jean Paul, Reuter (Dipsomane, Quartalsäufer), Scheffel, Reger, Beethoven (starb bekanntlich an alkoholischer Leberzirrhose). - Fast alle waren ehelos, fast alle waren kinderlos, über glückliche Ehen weiß man eigentlich nur von einem halben Dutzend Musikern, dann von Schiller und Herder. Viele hatten körperliche Mißbildungen: Mozart hatte verkrüppelte atavistische Ohren, Scarron war ein Krüppel ohne Beine, Toulouse-Lautrec von Kindheit an gelähmt, Verlaine hatte Henkelohren, der einen Wasserkopf, jener einen prognathen kriminellen Oberkiefer,der eine tierische fliehende Stirn, der idiotische Kinder - das Produktive, wo immer man es berührt, eine Masse durchsetzt von Stigmatisierungen, Rausch, Halbschlaf, Paroxysmen; ein Hin und Her von Triebvarianten, Anomalien, Fetischismen, Impotenzen -: gibt es überhaupt ein gesundes Genie?"
G. BENN, Das Genieproblem (1929)
@lyriost, Interessant, welches Problem hatte Gottfried denn?
Meine Meinung, die verkappten armen Genies hatten wegen finanzieller Nöte, oder Unbekanntheit gar nicht die materielle Möglichkeit bekannt zu werden. Genie hat was mit Schöpfung zu tun, dazu braucht man nicht krank sein.
Die Veranlagung ist meist da, die Förderung zu gewissem Zeitpunkt ist immens wichtig. " Die Gunst der Stunde " sozusagen. LG Lexa