Lyriost – Madentiraden

19.01.2007 um 11:54 Uhr

Genie und Wahnsinn

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Zeit, Langeweile, Genie, Wahnsinn

Gestruepp

 

Genie und Wahnsinn

Im Genotyp sind viele Menschen wahnsinnige Genies. Die überaus meisten haben jedoch nicht genügend Zeit und Muße, ihre Genialität zu bemerken und phänotypisch werden zu lassen, so daß bestenfalls ihr Wahnsinn sichtbar wird.

Andere wiederum werden zu sehr von ihrer Langeweile abgelenkt und sind nicht wahnsinnig genug, um ihre Genialität wahrzunehmen und vorzuführen.

Deshalb kann man mit Fug und Recht sagen: Genie ist Zeit und Muße plus Langeweile plus Wahnsinn.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenkanzleirat11 schreibt am 19.01.2007 um 18:05 Uhr:die frage nach dem zusammenhang von genie und wahnsinn trifft nur auf das äußerste der tatsache,das bedeutende dichter und denker so oft kranke,krüppel und psychopathen waren.es wäre wenig geist in der welt,wenn die schöpfungen der beschädigten und verwundeten fehlten.es ist ein erstaunlicher anblick,was der mensch vermag im überwinden des kranken und durch das kranke selber.
  2. zitierenLyriost schreibt am 19.01.2007 um 19:57 Uhr:"... gehen wir davon aus, daß aus der Stimmung der Zeit heraus eine ziemlich genaue Gruppe von Namen als Genie bezeichnet wird, vielleicht 100 oder 150, meistens Tote, meistens Männer, wenig Gelehrte, einige Feldherren, meistens Künstler, Dichter, Philosophen und die Legierungen zwischen ihnen. Der Rahmen, der sie umspannt, ist riesig weit, er reicht von Plato bis Baudelaire, von Weininger bis Goethe, von Menzel bis Palestrina; die meisten hinterließen Dokumente künstlerischer oder schriftstellerischer Art, einer färbte die Haare grün, einer schnitt sich das linke Ohr ab, um das Freudenhaus zu bezahlen; Heerführer, die durch alle Völkertore brachen, Exzellenzen, Armenhäusler, Hermaphroditen, halbe Knaben.

    (...) zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Bedingungen tritt innerhalb einer Familie die geniale Begabung auf? Auch darauf ist die Antwort wissenschaftlich klar: Wenn die Familie zu entarten beginnt, der wirtschaftliche Konkurs, der Selbstmord, die Kriminalität, dann ist auch die Stunde des Genies.

    (...) Genie ist eine bestimmte Form reiner Entartung unter Auslösung von Produktivität. (...)

    Es litten an ausgesprochener klinischer Schizophrenie: Tasso, Newton, Lenz, Hölderlin, Swedenborg, Panizza, van Gogh, Gogol, Strindberg; latent schizophren waren: Kleist, Claude Lorrain. An Paranoia: Gutzkow, Rousseau, Pascal. Melancholie: Thorwaldsen, Weber, Schubert, Chopin, Liszt, Rossini, Molière, Lichtenberg: mit Vergiftungsideen: Mozart; mit Selbstmord: Raimund. Hysterische Anfälle hatten: Platen, Flaubert, Otto Ludwig, Molière. Es starben an Paralyse: Makart, Manet, Maupassant, Lenau, Donizetti, Schumann, Nietzsche, Jules Goncourt, Baudelaire, Smetana. Es starben an arteriosklerotischer Verblödung: Knat, Gottfried Keller, Stendhal, Linné, Böcklin, Farraday. Es starben durch Selbstmord: van Gogh, Raimund, Weininger, Garschin. Es waren ihr Leben lang asexuell: Kant, Spinoza, Newton, Menzel (die berühmte Stelle aus seinem Testament: "es fehlt an jedem selbstgeschaffenen Klebstoff zwischen mir und der Außenwelt"). Es tranken, wobei Trinken keine bürgerliche Flüssigkeitsaufnahme bedeutet, sondern Trinken mit der erklärten Absicht des Rauschs: Opium: Shelley, Heine, Quincey (5000 Tropfen pro Tag), Coleridge, Poe. Absinth: Musset, Wilde. Äther: Maupassant (außer Alkohol und Opium), Jean Lorrain. Haschisch: Baudelaire, Gautier. Alkohol: Alexander (der im Rausch seinen besten Freund und Mentor tötete und der an den Folgen schwerster Exzesse starb), Sokrates, Seneca, Alkibiades, Cato, Septimius Severus (starb im Rausch), Cäsar, Muhamed II., der Große (starb im Delirium tremens), Steen, Rembrandt, Caracci, Barbatelli Pocetta, Lo-Tei-Ke ("der große Dichter, welcher trinkt", starb durch Alkohol), Burns, Gluck (Wein, Branntwein, starb an Alkoholvergiftung), der Dichter Schubart (trank seit dem 15. Lebensjahr), Nerval, Tasso, Händel, Düssek, Gottfried Keller, Hoffmann, Poe, Musset, Verlaine, Lamb, Murger, Grabbe, Lenz, Jean Paul, Reuter (Dipsomane, Quartalsäufer), Scheffel, Reger, Beethoven (starb bekanntlich an alkoholischer Leberzirrhose). - Fast alle waren ehelos, fast alle waren kinderlos, über glückliche Ehen weiß man eigentlich nur von einem halben Dutzend Musikern, dann von Schiller und Herder. Viele hatten körperliche Mißbildungen: Mozart hatte verkrüppelte atavistische Ohren, Scarron war ein Krüppel ohne Beine, Toulouse-Lautrec von Kindheit an gelähmt, Verlaine hatte Henkelohren, der einen Wasserkopf, jener einen prognathen kriminellen Oberkiefer,der eine tierische fliehende Stirn, der idiotische Kinder - das Produktive, wo immer man es berührt, eine Masse durchsetzt von Stigmatisierungen, Rausch, Halbschlaf, Paroxysmen; ein Hin und Her von Triebvarianten, Anomalien, Fetischismen, Impotenzen -: gibt es überhaupt ein gesundes Genie?"

    G. BENN, Das Genieproblem (1929)
  3. zitierenkanzleirat11 schreibt am 20.01.2007 um 00:19 Uhr:das war und ist sehr interessant für mich,habe ich mir gedruckt!. gruß!
  4. zitierenLexa schreibt am 20.01.2007 um 14:20 Uhr:@kanzleirat, bestes Beispiel, Stephen Hawking.
    @lyriost, Interessant, welches Problem hatte Gottfried denn?
    Meine Meinung, die verkappten armen Genies hatten wegen finanzieller Nöte, oder Unbekanntheit gar nicht die materielle Möglichkeit bekannt zu werden. Genie hat was mit Schöpfung zu tun, dazu braucht man nicht krank sein.
    Die Veranlagung ist meist da, die Förderung zu gewissem Zeitpunkt ist immens wichtig. " Die Gunst der Stunde " sozusagen. LG Lexa
  5. zitierenLyriost schreibt am 20.01.2007 um 18:06 Uhr:Benn, der sensible Dichter, sah eher aus wie ein Fleischer, mußte als Arzt arbeiten, weil er von seinem Schreiben nicht leben konnte, hat mit Drogen experimentiert, exzessiver Kaffee- und Zigarettenkonsum. Politische Blindheit und Schwachsinnigkeit. Immer wieder Beziehungsprobleme: Einmal mußte er gar eine Freundin, die ihm ihren Selbstmord angekündigt hatte, auf dem Pflaster vorfinden, nachdem sie sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Und so weiter. Man weiß ja auch über ihn nicht alles.
  6. zitierenLyriost schreibt am 30.01.2007 um 13:28 Uhr:Quelle für das obige Zitat: Gottfried Benn: Gesammelte Werke in acht Bänden. Hg. von Dieter Wellershoff. München 1975. Bd. 3, Essays und Aufsätze. Das Genieproblem. S. 669 bis 684. Zitat von S. 675 f.

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