Lyriost – Madentiraden

24.10.2016 um 15:58 Uhr

Offener Brief

von: Lyriost   Stichwörter: Stadthotel, Brilon, Bürgermeister, Bartsch

 
 
 
Offener Brief

Sehr geehrter Herr Dr. Bartsch,
wie Sie wissen, ist dies nicht der erste Brief, den ich Ihnen in Sachen „Stadthotel“ schreibe, und da ich von Ihnen bisher keine schriftliche Antwort auf meine Schreiben bekommen habe, betrachte ich den heutigen Brief als einen offenen. Sie selbst halten sich ja mit offenen Bekenntnissen („Klares Votum für das Hotel“, „ohne Wenn und Aber für Neubau“ oder auch „Stadthotel Brilon, davon profitieren alle!) nicht etwa zurück, sondern rühren in einer Mischung aus Baumarktreklame und Realsatire 
(brilon-totallokal) fleißig und „unmissverständlich“ die Werbetrommel für den Investor/die Investorin.

Zur Geschichte: Als ich im Jahre 2011 nach vierzig Jahren Großstadtleben wohlüberlegt, wie mir schien, die grüne Stadt Berlin verließ, um mein Elternhaus in Brilon zu übernehmen, statt es, wie viele erwartet hatten, zu verkaufen, ahnte ich noch nicht, dass mein Garten hinter dem Haus zukünftig nicht mehr, wie bisher, an andere Gärten angrenzen würde, sondern an Gewerbegebiet. So die Planung. Wie hätte ich auch ahnen können, dass man in Brilon aus den Bausünden der sechziger/siebziger Jahre nichts gelernt hat.

Nun bin ich also hier, habe das Haus mit (für mich) viel Geld auf Vordermann gebracht und hatte die Absicht, in meinem großzügigen Arbeitszimmer mit Gartenblick ruhig meine beruflichen Aufgaben zu erfüllen und nach Feierabend im eigenen Grün zu entspannen und dem Vogelgezwitscher zuzuhören und den Bäumen beim Rauschen. Und nun erfahre ich, dass laut Planung demnächst nicht mehr Vogelgezwitscher zu hören sein wird, sondern Staubsaugergedröhn und spätnächtliches bzw. frühmorgendliches Lieferantenscheppern, Brummen der diversen Lüftungsanlagen und möglicherweise noch das Geklappere einer Restaurantküche. Als würde es nicht reichen, dass vor dem Haus durch die enge Obere Mauer ein Großteil des Briloner Verkehrs durchgeleitet wird, so dass man kaum ein Fenster zum Lüften öffnen kann – von erholsamem Schlaf ganz zu schweigen.

Normales Leben, wo man am Gartenzaun mit den Nachbarn plaudert, scheint mir in der Briloner Innenstadt selten geworden zu sein, so selten wie die Stadtgärten, denn sobald irgendwo ein Haus abgerissen wird, dem früher meistens ein Garten angegliedert war, entsteht nicht nur auf der Fläche des Hauses etwas Neues, nämlich ein Parkplatz, sondern der Garten geht mit drauf.
 
So auch hier: Das Erste, was der Investor mit den erworbenen Grundstücken getan hat, noch bevor der Abriss der Häuser begann: Er ließ alle vorhandenen Bäume und Sträucher beseitigen. Anschließend wurden die Häuser ohne Ankündigung von Seiten des Abbruchunternehmens und auch von Seiten der Stadt (es gab doch sicher eine Abbruchgenehmigung) trotz starker Staubentwicklung ohne einen Tropfen Wasser abgerissen. Dabei wurde mein Haus beschädigt und der Schaden trotz eindeutiger Zusage bis heute nicht beseitigt. Das erwähne ich nur, weil auch dadurch die Rücksichtslosigkeit des Investors deutlich wird, der im Bauausschuss und auch anläßlich der Bürgerversammlung als eine Art Wohltäter der Stadt Brilon gefeiert wird. Im Bauausschuss fiel für dessen Verhalten gar das Wort „sensationell“. Dass die Anwohner das Ganze möglicherweise weniger euphorisch bewerten, interessierte im Bauausschuss nicht weiter.

Nun soll allen Ernstes dort, wo früher kleine Häuser mit Gärten gestanden haben, ohne Rücksicht auf Verluste eine völlig überdimensionierte Klamotte von Hotel hingeklotzt werden, die sich nicht nur nicht in die Umgebung einfügt, sondern der Gegend als Wohngegend den Rest gibt. Und wozu das Ganze? Weil in Brilon angeblich Hotelbetten fehlen, vor allem, wie im Bauausschuss und in der Bürgerversammlung zu hören war, „wenn mal ein ganzer Bus Gäste untergebracht werden soll“. Das Hauptargument für ein Hotel dieser Größe! Interessanterweise wurde beinahe im gleichen Atemzug auf den Einwand eines Anwohners bezüglich der Verkehrssituation gesagt: „Nach Aussage des Investors kommt ja kein Bus.“ So beginnen Schildbürgerstreiche: mit solchen die Vernunft beleidigenden Paralogismen.

Inzwischen ist, nachdem die Planung verschlimmbessert wurde, die Baugenehmigung erteilt, und Sie tun in der Öffentlichkeit so, als wäre dabei alles mit rechten Dingen zugegangen. Wer sich die Pläne genauer anschaut, dem schießen Assoziationen eines Schulzentrums oder eines Krankenhauses ins Bewusstsein, oder man denkt, wenn man sich die Fenster mit Gitterstäben versehen vorstellt … vielleicht ein moderner Gefängnisbau?  

Nach Ihrer Aussage jedoch wird sich das „Gebäude derart einfügen in die Umgebungsbebauung, dass es für alle verträglich ist“. Also so ähnlich wie etwa die große Briloner Touristenattraktion, das Sparkassengebäude am Marktplatz. 

Sie sagen leerformelhaft: „Bedenken sind natürlich ernst zu nehmen“, ohne ein weiteres Wort über diese Bedenken zu verlieren. Stattdessen lange Rede des Herrn Dülme über angebliche Vorteile: … „viele Gäste, die in Brilon ihr Geld ausgeben … Arbeitsplätze … heimische Wirtschaft profitiert … Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleister“. Niedergang der kleineren Hotels. Ach nein, das sagen Sie nicht: „Davon profitieren alle!“ Ach ja? Und die Anwohner, die sich überaus zahlreich in einer Unterschriftenliste gegen das Projekt in dieser überdimensionierten Form ausgesprochen hatten? 
Die übliche Definition von „alle“ scheint in Brilon etwas vom semantisch Korrekten abzuweichen und die nicht direkt wirtschaftlich Interessierten auszuschließen. Als die „alten Buden“, wie der Investor die Wohnhäuser nennt, abgerissen wurden, waren die Mieter, die dort teilweise jahrzehntelang gewohnt hatten, natürlich nicht mehr drin, sondern vorher vertrieben worden. Das war der erste Teil von „alle“. Halten wir fest: Preiswerter Wohnraum wurde vernichtet. Die vor die Tür gesetzten Mieter waren die Ersten, die nicht profitiert haben. 

Nun sagen Sie, Herr Dr. Bartsch, bei Ihrem Votum für das Hotel drohend: „Wenn dort kein Hotel hinkommt, dann etwas anderes. Und das werden sicher keine Einfamilienhäuser sein.“ Das wäre auch zu absonderlich, geradezu komisch: Wohnhäuser in einem Wohngebiet. Wie unpassend. Vielleicht Flüchtlingsunterkünfte?

Sie, Herr Bürgermeister, nehmen die „Bedenken der Anwohner“ so „ernst“, dass Sie polemisch formulieren: „In der Innenstadt zu wohnen und ohne Verkehr auszukommen, widerspricht sich in der heutigen Zeit.“ Mal abgesehen davon, ob sich das tatsächlich widerspricht und die Innenstadt ohne Autoverkehr nicht vielmehr die Realität der morgigen Zeit sein wird, es geht hier nicht darum, „ohne Verkehr“ auszukommen, sondern durch vernünftige Planung zu verhindern, dass sich die bereits jetzt unerträgliche Verkehrssituation mit täglich Tausenden von Fahrzeugen besonders in der Oberen Mauer noch weiter verschärft.

Ach ja, dass die Stadtverwaltung das Ganze auch als Prestigeobjekt „im Hinblick auf die Internationalen Hansetage“ betrachtet, ist klar. Klar ist aber auch, was aus solchen Objekten häufig wird, wenn die besonderen Tage vorbei sind, wie man beispielhaft bei diversen Olympischen Spielen sehen kann. Vieles kommt herunter, weil für den Alltagsgebrauch zu groß geplant.
 
 
 
stadthotel brilon 
 
(Ausnahmsweise in neuer Rechtschreibung.)
 
 
 

Bürgermeister steht hinter Hotelprojekt

Hotelinvestor legt los

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Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 24.10.2016 um 23:25 Uhr:Ganz furchtbar empfinde ich das, wenn da so einfach über Köpfe hinweg entschieden wird, und einem ein derartiges Koloss direkt vor die Nase gesetzt wird, welches die eigene Lebensqualität auf Dauer gesehen stark mindern wird. Selbst, würde ich das auch nicht haben wollen, das ist grob gesagt, wirklich zum Davonlaufen!
    Aber diesen Trumpf würde ich ihnen dennoch nicht in die Hände spielen … wobei :-/

  2. zitierenTobby schreibt am 25.10.2016 um 00:35 Uhr:Die vielen Gäste, wenn sie denn überhaupt kommen, werden nicht die Innenstadt beleben, sondern sich ins WLAN des Hotels einklinken und bestenfalls ne Pizza bestellen, wenn es im Hotel keine gibt. Hotel zur Stadtbelebung, Schwachsinn.
  3. zitierenSweetFreedom schreibt am 26.10.2016 um 21:28 Uhr:Das regt mich einfach nur auf. Gärten einstampfen ohne Ausgleichsflächen, Leuten den Frieden rauben ohne Sinn und Verstand.
    Tut mir leid, Ly.
    Kann man noch das Projekt noch irgendwie stoppen?
    Lieben Gruß
    S.F.
  4. zitierenLyriost schreibt am 27.10.2016 um 09:22 Uhr:Klar, kann man, Sweet. Mal sehen.
  5. zitierenLyriost schreibt am 21.01.2017 um 09:35 Uhr:https://www.wp.de/staedte/altkreis-brilon/gericht-legt-stadthotel-vorerst-auf-eis-id209345521.html
  6. zitierenSweetFreedom schreibt am 21.01.2017 um 11:28 Uhr:Gute Nachrichten! Super! Und ist es damit nun vom Tisch, was meinst Du?
  7. zitierenLyriost schreibt am 21.01.2017 um 12:15 Uhr:Ich hoffe. Stadt und Investor baben nun ein Beschwerderecht beim nächsthöheren Gericht, also Oberverwaltungsgericht. Nachdem ich die Begründung des Gerichts gelesen und vergleichbare Fälle studiert habe, wo es auch um den Gebietsgewährleistungsanspruch geht, bin ich zuversichtlich. Sieht gut aus.
  8. zitierenLyriost schreibt am 02.06.2017 um 10:01 Uhr:Das Oberverwaltungsgericht hat die Beschwerde von Stadt und Investor mit deutlichen Worten zurückgewiesen. Wie schön: https://www.wp.de/staedte/altkreis-brilon/ovg-muenster-bestaetigt-baustopp-fuer-stadthotel-in-brilon -id210772929.html
  9. zitierenSweetFreedom schreibt am 02.06.2017 um 16:51 Uhr:Super!
    Liebe Grüße vom Rennsteig,
    S.F.
  10. zitierenLyriost schreibt am 02.06.2017 um 17:03 Uhr:Danke, Sweet. Ich wünsche euch schöne Pfingsten, ruhige Tage ...
  11. zitierenzartgewebt schreibt am 02.06.2017 um 20:38 Uhr:Du wirst es nicht glauben, Lyriost, aber gerade gestern dachte ich an dich, bzw. an (oder und) das erwähnte Bauvorhaben. Wollte mich noch erkundigen … hmmm.

    Und jetzt die erfreuliche Nachricht. Schööön. Da freue ich mich. ;-)

  12. zitierenLyriost schreibt am 02.06.2017 um 22:23 Uhr:Das, vor allem das "und", liebe zartgewebt, freut mich nun wieder sehr. Liebe Grüße
  13. zitierenzartgewebt schreibt am 03.06.2017 um 10:51 Uhr:… ist meinerseits ja auch ungelogen keine geschmückte Halbwahrheit. *rotwerd'*
  14. zitierenSilke Nieder schreibt am 22.08.2017 um 14:35 Uhr:Ich drücke Euch auch weiterhin die Daumen. Einem Herrn Penno, der in seinem Rentnerdasein nichts besseres zu tun hat, als bezahlbare "alte Buden" mit ihren Gärten und Bäumen für sein angedachtes Freizeitprojekt abzureißen, ist nicht mehr geholfen. Soll er mit seinem vielen Geld glücklich werden - aber nicht auf Kosten anderer.
    Und die Stadt? Sie müssen sich doch gut stehen, mit einem der größten ehem. Gewerbesteuerzahler.
  15. zitierenLyriost schreibt am 22.08.2017 um 14:54 Uhr:Liebe Silke, vielen Dank für deinen Zuspruch. Sieht weiterhin erfreulich schlecht aus für die Stadtverwaltung und den Investor.
  16. zitierenSweetFreedom schreibt am 22.08.2017 um 15:23 Uhr:Sehr gut. :-)
  17. zitierenAltniederburg schreibt am 22.08.2017 um 19:06 Uhr:Gibt es denn irgendwo Infos zur Auslastung der vorhandenen Hotelkapazitäten?
    "Vor allem im Bereich der Geschäftsreisenden wird von Briloner Unternehmen immer wieder beklagt, dass Hotelkapazitäten in Nachbarorten genutzt werden müssen."
    Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

    Taxi Weber hat Haus und Grundstück verkauft und dafür Taxiunternehmen Vogel gekauft. Da gab es auch einen anderen Interessenten. Aber wenn genug Geld fließt, lässt sich vieles klären.

    Ich bin weiterhin gespannt und hoffe auf einen Spielplatz oder dergleichen auf dem Gebiet. :-)
  18. zitierenLyriost schreibt am 23.08.2017 um 09:49 Uhr:Vielen Dank, Altniederburg. Was die Hotelkapazitäten betrifft, kann man davon ausgehen, daß die völlig ausreichend sind, zumal es in Brilon ein Großhotel gibt, das merkwürdigerweise in den Medien und von der Verwaltung nie erwähnt wird: das Haus am Kurpark.

    Die "Geschäftsreisenden" dürften, so vermute ich, im Umkreis der Firma Rembe zu suchen sein, die als Penno-Unternehmen natürlich allen Grund zur Klage hätte. Sehr lustig.

    Was die Firma Weber gemacht hat, geht mich natürlich nichts an, aber wenn ich mir deren neues Domizil anschaue und vergleiche, dann empfände ich Mitleid für Ute und Norbert, wenn mir nach Empfindungen wäre. Ganz schlechtes Geschäft.

    Spielplatz oder Stadtpark oder beides wären wunderbar, aber sind in einer Gesellschaft, in der es nur noch um den größtmöglichen Profit geht, natürlich illusorisch.
  19. zitierenAltniederburg schreibt am 24.08.2017 um 12:43 Uhr:Die ehemaligen Anwohner, die aus ihren Wohnungen ausziehen mussten, können einem nur leid tun. Da hätten sie locker wohnen bleiben können, wenn sich da nicht einer mit einer Menge Geld und der Stadt im Rücken diesen Unfug erlaubt hätte.
    Nun sind da verwilderte aufgeschüttete Berge zu sehen. Auch kein schöner Anblick.
    Als ob es nicht vllt. noch ein anderes Grundstück gegeben hätte, falls das Haus am Kurpark immer ausgelastet ist. ;-)



  20. zitierenAltniederburg schreibt am 24.08.2017 um 14:04 Uhr:Da fällt mir ein, da hätten sich auf dem neuen Grundstück auch alle 12 Taxen, die es in Brilon gibt, treffen können. Es hätte dort eine gemeinsame Zentrale aller Unternehmer errichtet werden (Weber hat ja angeblich schon mehr als ein Dutzend Taxis).
    Dann müsste Weber, der ja in der Oberen Mauer seltsamerweise nur eine Taxilizenz hat und nachts nie fährt (wobei aber nachts alle da pausieren sollen), sich keine Sorgen um seine Nachtruhe machen. Aber das Riesenproblem mit der Nachtruhe hat sich dann ja bald am neuen Standort eh erledigt. Und in der Helle auch.
  21. zitierenThomS72 schreibt am 27.08.2017 um 03:55 Uhr:So ist das mit Lobbyisten. Denen versucht man alles mundgerecht vorzulegen. Der einfache Bürger bleibt auf der Strecke. Diesmal glücklicherweise nicht.
  22. zitierenThomS72 schreibt am 27.08.2017 um 04:04 Uhr:Ein Hotel am Golfplatz wäre für den Lobbyisten sicher besser geeignet.
  23. zitierenThomS72 schreibt am 27.08.2017 um 06:16 Uhr:Man könnte aber auch dem Campingplatz mit ein paar Häusern auf die Sprünge helfen. Eine Straße, befahrbar mit Golfmobilen nicken die Stadtvertreter schon ab.

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