Lyriost – Madentiraden

16.06.2015 um 20:49 Uhr

Zu kurz gedacht

von: Lyriost

Zu kurz gedacht

Paartherapeuten, zudem professorale, erst recht solche, die sich neumodisch als Coach bezeichnen, also weit entfernt sind von der Freudschen Couch, geben neben vielem Richtigen und Aufschlußreichen, wenn sie anläßlich einer Buchvorstellung interviewt werden und der Tag lang ist, auch allerlei Kraus-Diffuses, Undurchdachtes von sich.

Bei der FAZ war Ulrich Clement zu Gast, der sich zum einen beklagte, „der Sollwert“ werde „sehr hoch gefahren, was Sexualität alles hergeben soll an Leidenschaft, Besonderheit und Lebenserfüllung“, setzte dann jedoch paradoxerweise selbst noch eins drauf: „Wenn ich es mal pathetisch ausdrücke, ist Sexualität ein Tor zum Leben.“ So, und nun liegt der „Sollwert“ noch etwas höher. Aber kein Grund zur Selbstanklage? Doch das ist nicht der einzige Widerspruch:

Noch gerade hat Clement vollmundig erklärt, wichtig sei, sich „mit dem zu beschäftigen, was zu mir passt, was für mich stimmt. Die eigene Authentizität ist der Orientierungspunkt.“ Das gilt jedoch nicht für jeden, denn: „ … Spaß ist tatsächlich ein wunderbarer Aspekt von Sexualität. Aber wenn Sex nur Spaß macht, bleibt es flach. Tiefe kriegt die Sexualität erst, wenn sie auch andere Gefühle kennt, Trauer, Einsamkeit, Verlust.“ Wieso muß Sexualität Tiefe haben, und wozu die ganze Palette unangenehmer Gefühle; wer sagt das? Warum darf der Sex nicht flach sein? Steckt dahinter verborgen vielleicht eine romantische Version der alten Kirchenforderung, Sex dürfe nicht um des Spaßes willen getrieben werden, sondern sei dazu da, die Herde der geistlichen Schäferei zu vergrößern?

Und was, wenn sich einer, aus Gründen der „eigenen Authentizität“, die Tiefe, wenn er sie denn benötigt, woanders holt? Und außerdem: Weshalb soll Sexualität stets Tiefe bekommen, der gemeinsame Fernsehabend jedoch nicht immer – und auch nicht der Kneipenbesuch? Jeder kennt wohl Trauer, Einsamkeit und Verlust, aber was hat das primär mit Sexualität zu tun und vor allem die Sexualität mit diesen Gefühlen?

Viele Fragen, die in diesem Beitrag für die ältere Generation (dem Sex „wird das Erwachsensein nicht zugetraut“ – erwachsener Sex für erwachsene Leute) nicht gestellt und erst recht nicht beantwortet werden.

Immerhin durfte ich die große Weisheit lesen: „Nachdenken ist wichtiger; ohne nachzudenken, bringt Reden nichts.“ Wie wahr, Herr Coach-Professor, aber weshalb haben Sie das hier nicht beherzigt?

sex-der-nur-spass-ist-bleibt-flach

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSweetFreedom schreibt am 16.06.2015 um 21:41 Uhr:Hi Ly,
    da frag ich mich: Was macht den Mann zum Experten? Bei manchen angeblichen Fachleuten in Sachen Beziehung oder Sex fühle ich mich an die Wirtschaftsweisen erinnert... die reden und schreiben auch viel, wenn der Tag lang ist. Ob man zuhört oder nicht, bleibt sich am Ende gleich.
    Wer immer nur Konsum des Präsentierten gelernt hat, nie Suche nach der eigenen Theorie, der kann vielleicht mit den dargestellten Weltbildern was anfangen.
    Ich denke da nur:
    1. Wann erzählste mir was neues?
    2. Wann wird's hier interessant?
    und 3. Muß ich mir den Mist hier echt antun? Such Dir doch einen richtigen Job...
    Liebe Grüße!
    SweetFreedom
  2. zitierenLyriost schreibt am 16.06.2015 um 22:43 Uhr:Aber Sweet, du wirst doch wohl nicht am Ende selber denken wollen? ;-)

    Übrigens: Ulrich Clement ist Professor an der Universität Heidelberg und Basel. Unter anderem. Widerspruchsarmes Denken ist nicht Voraussetzung für gutbezahlte Tätigkeiten.
  3. zitierenLyriost schreibt am 16.06.2015 um 22:44 Uhr:"Wo Studenten ihre Dozenten denunzieren, weil diese ihnen das Denken nahebringen ..." Wie treffend.

    Aus einem anderen Artikel der FAZ von heute
  4. zitierenSweetFreedom schreibt am 17.06.2015 um 07:56 Uhr:"That don't impress me much..."
    Mir doch wurscht! Habe schon genug Fachidioten getroffen und auch von einigen Professoren gehört, die wohl nur mangels besserer Kandidaten im Amt sind. Meine Vorstellung dieser Gattung war immer eine andere. Brrr...
    Na ja, manchmal, gerade bei VWL z.B., müssen die Studenten wohl die Dozenten an das Denken erinnern. Sah letztens einen Bericht dazu. Hut ab, wenn Studenten nicht den einfachsten Weg gehen. Frage mich, woher der Anstoß kommt, wenn es doch schon in der Schule nur den einen richtigen Weg gab. Ich hatte im Abi zwischenzeitlich in Geschichte eine 3, weil ich die Zusammenhänge nie wie der Lehrer sehen mochte oder konnte. Selber denken macht vielleicht schlau(er), aber nicht immer glücklich. Einfach hat's der Mensch als Herdentier.

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