Message in a bottle

16.07.2009 um 08:56 Uhr

wieder in Silberdorf

von: hibou

Oben war heute wieder im Silberdorf, es fiel ihm auf, dass er auch die Palme vergessen hatte, die da kerzengerade stand, auf dem abgeschabten, leicht konischen Stamm, der wie abgeerntetes Döner aussah, noch die Spuren von Plakaten und Affichen. Dahinter eine der hier durchaus nicht ungewöhnlichen Landschaften aus ineinander verwinkelten angefangenen Häusern, Treppenstufen ins Nichts, halb geteerten Wassertanks und Stromkabelgewirr. Eine Rabenkrähe sass auf dem Spannring eines der Kabel. Ihr Name war Eric. Im üblichen Gehüpfe seiner Art kam ein Spatz auf sie zu. Du willst wieder Mensch werden? Dann wende Dich an Nina Hagen! Der Leser und die Leserin werden sich an dieser Stelle entrüsten. Gehört Nina Hagen nicht ins Buch “Hoffnung”, welches von Ernesto ja nur gelesen wird? Nun ja, vielleicht ist ja auch Oben Kundura da angesiedelt? Oder die verschiedenen Universen stossen wie Fischblasen aneinander und sind dort an einzelen, muttermalähnlichen schwarzen Punkten sogar durchlässig? Ansonsten bleibt es aber ganz und gar mir, dem Autor, und nicht einer schmalweltlichen, dürren Logik überlassen, wie sich die Handlung hier aufbaut, gell? (das waere ne andere Geschichte gell?)
In Distanz zur Strasse, jenseits des struppigen braunen Grases, sah man grade noch ein weiteres Haus, wie fast immer mit der weinbegrünten Pergola und den “Blumentöpfen” am Rande (es sind alte Ölkanister, mit Alufolie überzogene Plastikgefässe, Yoghurtbecher und Farbeimer, darinnen Rosen, Farn, Paprikastauden, Russelia und eine Art roter Canna). Im Schatten dahinter hatte eben ein Mann der Tochter des Hauses einen Heiratsantrag gemacht, nachdem er der Mutter höflich die Wangen geküsst hatte, wohl eher die Luft neben den Wangen? Er trat dabei wie ein Elefant mit Hospitalismussyndrom von einem Bein aufs andere. Ob der Antrag angenommen wurde, wissen wir nicht. Wir, mit Oben, schauen der fast busenlosen, dürren Malergesellin zu, wie sie in verschiedenen Läden Brot, Geflügel, Orangensaft und Papierservietten einkauft. Sie hat heut morgen wie an jedem Wochentag hastig eine zerknitterte schwarze Bluse, eine khakifarbene Armeehose mit weiten Taschen – die, mit den vielen Farb- und Gipsflecken, die es Oben erst ermöglicht, ihren Beruf zu bestimmen – und lilafarbene Gummigaloschen angezogen. Ihre struppigen schwarzen Locken hält ein Taschentuch zusammen. Die Stirn ist gerade, die Brauen buschig, die Stupsnase nicht weiter auffällig. Nur wenn sie sich bückt, um eine der vom Rollerarm heruntergeglittene Tüte wieder aufzuheben, sieht man auch ein dreieckiges Höschen sich abzeichnen. In dem hatte sie – traumlos! – geschlafen. Das war gut so, denn wir können hier nicht auch noch Träume wiedergeben......

16.07.2009 um 08:49 Uhr

Realität

von: hibou

Musik: talking heads

Der Hirsch, sagte jemand, ist ein Symbol der Hoffnung, wenn er mit seinen vielen Kühen über der Graswelle erscheint. Die ganze Welt, elukubriert dieser Jemand oder auch Niemand weiter, ist ein Theater, und wir sind nichts als die Schauspieler, die alle ihren Auftritt und ihren Abgang haben. Sass ihm hier der Schalk im Nacken? überlegte Ernesto, denn wenn die Welt ein Theater ist, so muss doch jemand zuschauen? Aber es stimmt andererseits auch wieder, denn der Prinz von Homburg ist ja nicht der Prinz von Homburg, sondern Gérard Philippe, und auch ein Advokat im “wirklichen Leben” meint nicht wirklich, was er sagt.

 

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Am Tisch auf hoher See – in Wirklichkeit zwischen all den Inselchen, die die Grenze markieren, und um die einmal beinahe Krieg geführt wurde – dachte Ernesto darüber nach, wie sehr wir doch alle konditioniert werden. Zum Beispiel die Pluderhosen. Automatisch denkt Mann dabei an “alte Frau”, wiewohl beim Näherkommen das darin befindliche Wesen sich als etwa im Alter von 25 – 30 herausstellt. Aber wir sind es gewöhnt “jung” mit “sexy” zu verbinden. Zum Beispiel Medikamente. Hat der Wirkstoff einen einprägsamen, suggestiven Namen, so muss er ja viel nützern: Antistax! Wobenzym! Crataegutt! Blend-a-Dent!! Und das Apotheken-Magnesium......Zum Beispiel Fernsehkrimis. Wir sehen gut als gut (Polizei) und bös als bös (Verbrecher), ganz egal wie diese aussehen und was sie tun. Da wird die Besetzung der Rolle zum Kinderspeil. Und in den Serien “kennen” wir ja schon alle und alles, so das Aufmerksamkeit sich erübrigt. Dann wird auch noch unser Lachen durch die Sitcom strukturiert.... Aber ob die Wirklichkeit wirklicher ist?

30.05.2009 um 11:25 Uhr

Silber

von: hibou

Oben Kundura sass in einem kleinen Lokal im Silberdorf etwas im Innern der Insel, dafür aber draussen unter einem grünen Dach von Weinblättern, die noch nicht so staubig wie alles andere waren. Am passendsten sahen die Eukalypten aber auch der weisslich-rosa blühende Oleander auf der Mauer gegenüber aus: Wüstenfarbig trocken. Ob die früheren Reiterheere, etwa der Perser hin und der Makedonier zurück auch so viel Staub aufgewirbelt hatten? Gewiss nicht, und sie waren wohl kaum im Gallopp durch die Dorfstrasse gefegt.... Mitten im Staubmeer aber das unverwechselbare frische Scharlachrot des blühenden Granatapfelbaumes. Kein Rot ist wie dieses. Und überm Oleander die langen Schilfhalme. Etwas zerzaust, aber weise im Wind nickend. Der Hund sass ängstlich unterm Tisch. Erst bangte ihm davor, zum Tierarzt geschleppt zu werden, der, wie er wusste, in diesem Dorf praktizierte, dann vor dem riesigen Kangalhund, der auch noch – wiewohl etwas lustlos – bellte, dann vor den in enge Hosen und figurschnürende Shirts gekleideten Damen, die ihn anlächelten. Auf der schwarzen Bluse der einen stand in Englisch: Good guys go to heaven, bad guys go everywhere. Sie war die strenge Mutter einer im blauen Kleidchen und weissen Schühchen dahinstolzierenden Schülerin von kaum zehn Jahren. Das Lokal hatte ein Klappschild auf die Strasse gestellt, darauf stand neben einigem in der Sprache der Einheimischen “Stop here! Before you go! Wonderful food, wonderful prices”. Als aber die Moschee zu singen begann, knurrte Sütlaç. Warum braucht Gott Lautsprecher? dachte er wohl. Der alte Teemann konnte mit seinem schlimmen Fuss kaum noch gehen und hielt gegenüber, an die Mauer gelehnt, Rast, liess dabei um ein Haar die leeren Teegläser aus der Hand gleiten. Schwalben flogen durch die leeren Fensterlöcher eines unbewohnten Hauses aus und ein. Gewiss hatten sie drinnen ihre Nester gebaut und mussten schon die Jungen füttern. Ausserdem hatten sie ja den Wetterbericht abzuliefern. Die Schwalbenschwänze glitten kraftvoll, die Kohlweisslinge flatterten wirr.

02.05.2009 um 14:27 Uhr

Deutscher Soldat in Afganistan getötet

von: hibou

Steinmeier hatte den Angriff bereits am Abend als „feigen und heimtückischen Anschlag“ verurteilt. Deutschland dürfe sich aber auch von solchen Gewalttaten nicht davon abhalten lassen, „unsere Arbeit für eine bessere Zukunft dieses geschundenen Volkes fortzusetzen“.

 

Nur mal vorgestellt (fast unvorstellbar): Deutschland sinkt zurück zum Agrarstaat – es wird fast nur noch Cannabis angebaut. Seit Jahrzehnten herrscht ein blutiger Krieg zwischen Katholiken und Protestanten, dazu kommen Invasionen von hochindustrialisierten fernen Mächten. Schliesslich besetzt eine “Koalition der Willigen”, angeführt von China, unter Beteiligung der Länder Nordkorea, Vietnam, Thailand, Laos, Singapur und Indonesien das Land, sieht sich aber mit mehr und mehr Widerstand der deutschen Landbevölkerung konfrontiert. Schliesslich trauen sich die ausländischen Patrouillen nur noch selten und immer in gepanzerten Fahrzeugen aus den befestigten Basen. Mit Flugzeugen neuester Bauart, Flugkörpern, Drohnen und Streubomben wird derweil die Landbevölkerung terrorisiert. Hochzeitsgesellschaften und Begräbniszüge fallen der fremden Soldateska zum Opfer, Tausende Zivilisten sterben.

Doch das 100ste Panzerfahrzeug der Besatzer wird nahe Celle Opfer eines Hinterhalts. Ein thailändischer Söldner kommt dabei um.

Bereits nach Stunden verurteilt der thailändische Aussenminister Phumibol Kwetarszet den Angriff als “feigen und heimtückischen Anschlag”. Thailand dürfe sich aber auch von solchen Schandtaten nicht davon abhalten lassen, “unsere Arbeit für eine bessere Zukunft dieses geschundenen Volkes fortzusetzen“.

23.04.2009 um 10:48 Uhr

Assymetrie

von: hibou

Dann dachte er über die neuen Formen der Assymetrie nach:

Nicht nur am Horn von Afrika haben die Piratenüberfälle jüngst rapide zugenommen. Die Somalier, von denen grade am meisten die Rede ist, waren – heum - früher Fischer, bevor europäische und amerikanische Fangflotten die dortigen Gewässer hoffnungslos überfischten. Nun jagen sie mit ihren kleinen, beweglichen Booten die unförmigen Frachter und Tanker, sind gut bewaffnet und machen trotz einer Armada von modernsten Kriegsschiffen der Nato fette Beute. Ein paar wenige Prozente der Korsaren werden gefangen. Für jeden von ihnen kommen mindestens drei neue nach. Frage: wer hat sie recht eigentlich erzeugt? (die Frage ist na klar rethorisch).

Aus Frankreich wurde eben der siebente oder achte Fall von Bossnapping gemeldet. Die Manager – zum Beispiel der örtlichen Filiale von Continental – teilen der Belegschaft mit, dass der Betrieb (Krokodilstränen!) leider demnächst geschlossen werden müsse, worauf dieselbe die Bosse in deren Büros “gefangensetzt” (grausam: die Damen und Herren müssen bis zu siebzehn Stunden da ausharren und zum Teil auf Decken schlafen!), die Reifen zu einem Haufen versammelt und anzündet und weiter auf ihre Arbeitsplätze hofft (rethorische Frage gefällig?).

In Deutschland fiel neulich das grösste der Telefonnetze für Stunden aus und  ein Teil des Landes fiel in Panik. Verabredungen gingen daneben, Geschäfte wurden nicht gemacht, Ehefrauen nicht betrogen, stilvolle SMS-Botschaften stürzten wie Ikarus aus dem Äther. Ursache war wohl ein Computerabsturz. Was passiert wohl, wenn Computer irgendwann in grösserem Stil ausfallen? Welche automatische Tür geht noch auf, welche Kasse kassiert noch, welcher Aufzug bleibt nicht stecken, welcher Bankomat und welche Kreditkarten funktionieren wohl noch? Von Bahnen und Flugzeugen einmal abgesehen. Die Piraten und Randalierer hätten noch leichteres Spiel. Die Bereitschaft könnte nämlich nicht mehr ausrücken. Rethorische Frage: wer rettet das Land??

08.04.2009 um 10:10 Uhr

Milas

von: hibou

Sie waren in der ersten Stadt im Binnenland gewesen. Sie fuhren dort immer aus zwei Gründen hin: zum Autoservice und zum Markttag. Diesmal regente es die ganze Zeit in Strömen. Sehr gut für das Land. Gut auch für die Schirmverkäufer, die hier eher mit Sonnenschirmen ihr spärliches Auskommen fanden. Hier war kein Touristenrummel. Das Land gab sich eher wie es wirklich war, die Leute und die Häuser auch. Am Markt hatten sie eine fussballfeldgrosse Leichtmetallhalle gebaut, darunter waren die Gemüse- und Obstverkäufer untergekommen, es gab auch Kekse, Gewürze, losen Tabak, Käse und Milch aus grossen Colaflaschen. An Gemüsen fielen Ernesto Morcheln, scharfe Senfblätter, Spargeltriebe ausser den üblichen Saisonwaren auf. Viele Frauen sassen auf einem Kistchen mit nur fünf oder sechs Sachen, darunter ein Glas mit saurem Eingemachtem, ein paar Levkojen, frischen Erbsenschoten. Offensichtlich alles aus dem kleinen Garten. Sehr wenige Touristen fotografierten. E. sass mit Köfte am Rand und schaute. Die abgearbeiteten Frauen mit schwieligen Händen, Pluderhosen mit Rock darüber, beides und auch die Koftücher und Blusen in möglichst verschiedenem Blumenmuster, ein Kopftuch senkrecht, eines waagerecht um den Kopf gebunden, Strickjacken und Gilets auch in abenteuerlichen Ripps, schwarze Strümpfe, Gummigaloschen mit Zeitungen gefüttert – darin die neuesten Meldungen vom Ausbau der Raumstation ISS -, alle feucht bis hinauf zu den Knien, die Männer “ledergegerbt”, mit Schnauzer und Wollmütze braun in grau, laute Rufe, “Teyze”, “Jenge!”, Kanister mit Olivenöl (das beste gab es hier!), ein besenverkäufer, Karrenschieber (Sindbad!), zwei Männer mit Ausweis am Hals trieben die Gebühren ein und zeigten Grenzen auf. Warum eigentlich alles das fotografieren? Ist es für uns nicht wohlfeile Folklore? – obwohl es die Leute schon immer so kannten?? In zweihundert Jahren werden die Alten in Jeans, gefakten Addidas-Schuhen und Gore-Tex-Jacken Folklore sein......

29.03.2009 um 10:10 Uhr

Wahlen

von: hibou

Ernesto war nach dem Wochenende der Gemeinderatswahlen recht zufrieden. Zwar hatte die Blöde Partei wieder gewonnen, aber doch selbst 8% verloren und zu einigen interessanten Folgerungen Anlass gegeben. Sie hatte zum ersten Mal ihren Anteil an den Stimmen nicht steigern können. Sie hatte insgesamt 16 Gebiete verloren. Die Provinzen an der Küste und im Osten waren fest in der Hand der Opposition. Das Meer scheint die Intelligenz der Leute zu steigern. Auch in der Metropole, die zwar insgesamt, aber doch in einem Kopf-an-Kopf-Rennen, wieder in die Hände der Blöden Partei gefallen war, gingen viele Küstendistrikte an die Opposition über. Nur noch im Innern des Landes hatte die Blöde Partei ihre Stützpunkte. Die Bestechungsversuche der Blöden Partei hatten nicht gefruchtet. Die Leute nahmen zwar die Kühlschränke und Möbel, stimmten aber hinterher für die Gegenparteien. Hier und da hatte die Blöde Partei sich im Kandidaten vertan, so kippte sie in einer Provinz den verdienten Bürgermeister ihrer Partei, welcher darauf als Unabhängiger antrat und gewann. Im Ganzen gesehen war die folgende Situation eingetreten: Die Blöde Partei hatte nicht vermocht, die laizistische Intelligenzia der Küsten zu sich hinüberzuziehen. Ihre Stammwähler aus den armen Schichten wurden zudem zusehends sauer auf die neoliberale Politik der Blöden Partei, deren Anführer immer noch die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auf unser Land leugnete. Gute Aussichten für die Parlamentswahlen in zwei Jahren!  Elif und Ernesto waren ausserdem frohgelaunt, weil der Dorfvorsteher ihrer Wahl gewonnen hatte und auch das nahe Städchen den Bürgermeister gewechselt hatte. Ausserdem hatte die Blöde Partei auf der gesamten Halbinsel keinen Stich gekriegt J. Der neue Dorfvorsteher war zudem – wie es sich gehört – aus unserer Nachbarschaft, ein Bruder unseres dünnen Sammeltaxichauffeurs, der mit seiner übergewichtigen Frau echt wie Don Quijotte und Sancho Pansa aussah...... Sie bezogen von da her ihre Eier. Bestechung? Hihi

17.02.2009 um 19:44 Uhr

Marx & Engels

von: hibou   Stichwörter: Marx, Engels

Karl Marx hielt anscheinend nichts von Verstaatlichung des Bankenwesens und der Schlüsselindustrien - Engels aber meinte, das würde über kurz oder lang ganz von selbst geschehen...

20.01.2009 um 18:33 Uhr

obama

von: hibou

ich möchte Amerika lieben - und nicht hassen

12.01.2009 um 19:13 Uhr

der roermond-zyklus

von: hibou

 


 

 

 

 

fern von roer

und der mond voll wie

ein pfannengesicht

aufgerauht mit muskat

 

tramlinien

verfangen sich

am platz

und dr.cuipers apotheke

erzittert

in den schmerzmitteln

 

 

 

 

wo ziehen wolken

wenn schwarzer honig

in dr.cuipers roehren

gerinnt?

der mond

verhüllt seine bloesse

mit schweigen

 

und einige verse im dialekt des platzes:

 

tuvalu imanust

nanumea, lolua, kulia
niutao
nanumanga
tonga nui tanrake
vaitupu asau
nukufetau
sasave
funafuti fanagua
nukulaelae niulakita