Message in a bottle

20.10.2011 um 09:44 Uhr

Vor unserem Haus

von: hibou

Vor unserem Haus erstreckt sich ein Meer aus Beton. Nach dem Regen gibt es Schnecken, die es zu überqueren versuchen. Manche schaffen es, mache werden von Riesenstiefeln zertreten. Manche bleiben rätselhafterweise als leeres Gehäuse liegen. Was wollen sie am anderen Ufer? Sie handeln nicht

(“Sehet die Schnecken auf dem Felde, sie essen nicht, sie kleiden sich nicht, sie rechnen nicht, sie twittern nicht, sie haben keinen Job, sie flirten net, und doch sind sie schöner als Salomo in all seiner Pracht...”), auch werden sie, einmal drüben angelangt, keine anderen, fremdartigen Schneckengeschlechter auszurotten trachten. Aber vielleicht wollen sie doch, gleich Columbus, neue Kontinente entdecken? Sie hätten es so viel besser in dem Nahrungsgrün am Ufer, aber sie kriechen hinaus auf den toten Beton, gerade, zielstrebig, eine Schleimspur gleich einem Kondesstreifen hinter sich zurücklassend.....

11.08.2011 um 09:06 Uhr

Brasilien

von: hibou

Was fällt einem zu Brasilien als erstes ein? Fussball, Karnaval, Busen, Copacabana... Denke ich ein bisschen mehr nach, fällt mir zu Brasilien noch Regenwald, Favela, Bossa Nova, Polizei, Grün-Gelb, Weihnachtsstern (obwohl der aus Mexico stammt), Kreuz des Südens und Lula (obwohl der eigentlich net so heisst), ein.....

Ganz bestimmt aber nicht Befehl, Ordnung, Auftrag, Beschluss, Vorschrift, Grössenordnung, Aufstieg, Entwicklung, Fortgang, Fortschritt....Und doch ist “Ordem e Progresso” die Aufschrift der brasilianischen Flagge.....

Also los: wie heisst die jetzige Präsidentin?

Sind dir die Namen Luiz Inacio da Silva, Dilma Rousseff, Fernando Henrique Cardoso, José Dirceu, Delubio Soares, José Genoino, Duda Mendonça, Luiz Gushiken, Mario Sergio Conti, Paolo Lin, Antonio Palocci  etc. ein Begriff?

Was heisst “Piaui”?

Wasn “Bolsa Familia”?

Übersetze “Naõ tem nada mais barato do que cuidar dos pobres” Du kannst Portugiesisch? Richtig, es heisst: “Es ist billig und einfach, sich um die Armen zu kümmern” und ist ein vielzitierter Ausspruch Lulas.......

 

Ich staune, als ich mich in das Land.... einlese (Hinfahren tut mein Jüngster). Wir alle haben nun auch von den “BRIC”-Staaten gehört (Brasilien, Russland, Indien, China). Das sind die aufstrebenden neuen Riesen, und spätestens, seitdem China die USA für ihre Schuldenpolitik rügte, haben wir mitbekommen, dass eine neue Zeit der Weltmächte anbricht. Die Weltmächte der Armen? In Brasilien sind es Millionen und Abermillionen, die von etwa einem Dollar (so sagt man noch) pro Tag leben müssen. Fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 190 Millionen gehören dem Proletariat und dem Subproletariat an. Brasilien ist zudem als einziges der vier “Schwellenländer” (in welcher Richtung Russland dabei die Schwelle überquert, steht noch nicht ganz fest) keine grosse Militärmacht, hat aber durch die Abkehr von den USA und der “Atlantischen Solidarität” am meisten Eigenständigkeit bewiesen. Lula - Luiz Inacio da Silva – der inzwischen nach zwei Amtszeiten abgetretene Präsident aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, ist mit seinen Programmen gegen die Armut (“ist sehr billig und bewirkt viel”) und seinem “Lulismo” für uns fast zur Heiligenfigur geworden, war andererseits genau wie die meisten reichen Brasilianer in Korruption und schmutzige Machtspielchen verwickelt. “Ist uns egal”, sagen die Armen, genau wie in Anatolien oder Süditalien (von Indien weiss ich noch nicht genug), “wir lieben ihn, wie er ist!”

Diese Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten wird mir zum Leitmotiv für Brasilien, vielleicht für den ganzen Kontinent. Seit über hundert Jahren brachen in ganz Südamerika fortwährend Revolutionen aus (Mexico, Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Grenada, Chile, Kuba, Peru, Venezuela, Uruguay....habe bestimmt Laender vergessen.... Brasilien reiht sich seit den bewaffneten Erhebungen in den zwanziger Jahren nahtlos in diese Reihe ein. Die Praesidenten Castro, Allende und Ortega sind uns seit laengerem, die Chavez, Morales, Kirchners, Garcias etc seit kürzerem bekannt, noch nicht lange her waehlten die Leute in Ecuador und Paraguay die jeweils radikalsten Praesidenten ihrer Geschichte). In fast keinem Land riss nicht die eine oder andere rechte Militärjunta die Macht an sich.

Der normale und vorgezeichnete Entwicklungsweg eines jeden Landes führt von der Agrikultur über das Handwerk zum Anwachsen des industriellen Sektors. In Brasilien aber ist die Industrialisierung rückläufig. Das Land setzt viel mehr auf landwirtschaftliche Erzeugnisse (Holz, Biosprit, Fleisch) und Bodenschätze. Sehr zur Freude der Staatenlenker und Unternehmer wurden vor der brasilianische Küste jüngst grosse Vorkommen von Öl und Gas entdeckt.

Brasilien setzt sehr auf straffe Leitung durch Staat, Gewerkschaften und soziale Verbände. In keiner Weltgegend ist der banditäre Individualismus andererseits so verbreitet (Ja, gegen Sao Paolo ist Mogadischu noch streng gelenkt J)

Brasilien ist ein riesiges Experimentierfeld für neue soziale Lebensformen – aber nirgendwo anders ist der Egoismus von Geschäftsleuten und Bandenchefs so ausgeprägt.

In Brasilien spricht man Portugiesisch – oder spricht man in Portugal Brasilianisch?

Die Spannweite zwischen modernster Technik und ursprünglichster Lebensart (der Eingeborenen)(manche Stämme sind noch nicht einmal entdeckt. Die Forscher verzweifeln: wenn sie aussterben, bevor wir sie katalogisiert haben?) ist nirgends auf der Welt grösser als in Brasilien.

Viele, wenn nicht alle Kulturen der Welt haben in den “unendlichen Weiten” von Dschungel und Pampa Enklaven gebildet. Aber nirgendwo ist die Vermischung der Rassen weiter gediehen, als in Brasilien.

 

Nun zur neuen – und ersten – Präsidentin des Riesenlandes: Lula konnte nach zwei – erfolgreichen – Amtszeiten nicht noch einmal antreten, Daher baute er seine Kabinettschefin und ehemalige Energieministerin Dilma Rousseff als Nachfolgerin auf, und ob sie nicht letztlich mit dem Rückenwind seines Charismas gewählt wurde, ist sehr fraglich. Also weiter in unseren Polaritäten geschwelgt:

Dilmas Vater war Bulgare. Als Kommunist musste er von dort fliehen, im Immobilienhandel machte er in der neuen Welt sein Glück und erlangte so viel Reichtum, dass die Tochter bürgerlich “behütet” und mit Musik- und Französischunterricht aufwuchs. Das hielt sie aber nicht davon ab, in der Zeit der Militärdiktatur in den Untergrund zu gehen (ein Buch des Franzosen Regis Debray, des Freundes von Castro und Che Guevara, hatte sie in ihrer Jugend begeistert), wo sie lange Jahre in einer Gruppe mitwirkte, die Bankraub betrieb, Geiseln nahm und Polizisten tötete....(da wären wir wieder bei der ungelösten Gewaltfrage. Ob einer der Jugendlichen aus London, Manchester oder Birmingham, die gerade Autos verbrennen und Geschäfte plündern, in Zukunft britischer Premierminister wird?). Sie wurde schliesslich verhaftet, gefoltert und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als ihr Ehemann seinerseits im Gefängnis sass, zog sie in die entsprechende Stadt und unterrichtete ehrenamtlich im dortigen Gefängnis, nur um ihn zu sehen

Heute kann sie sich an alles dieses kaum mehr erinnern – sie ist ja Präsidentin......

Im Gegensatz zum Arbeiterkind Lula ist Rousseff eine in der Wolle gefärbte Intellektuelle: Nichts und niemand konnte sie von der Universität fernhalten, sooft sie auch exmatrikuliert wurde, so oft schrieb sie sich an einem anderen Ort wieder ein. Nun ist sie an der Macht und kann ihren sozialistischen, neoliberalen, brasilianischen Plänen nachgehen. Mit Spannung und Neugier warten wir auf die kommenden Jahre ihrer Präsidentschaft.

Was – denke ich auch jetzt am Ende dieses Schreibens, wissen wir in unserem nordhemisphaerischen Saft schon über das Lebensgefühl der Südamerikaner? Nicht viel. Wieviel brasilianische Bundesstaaten gibt es und wie heissen deren Hauptstädte? Hat Teresina wohl ne Métro? Was denken und fühlen – und essen – die Leute da und was sehen sie von ihren Fenstern aus?

 

26.06.2011 um 06:17 Uhr

irrtümlich

von: hibou

NATO bombardiert irrtümlich Wohnhaus in Tripolis, entschuldigt sich aber dafür: “Es muss sich um einen Fehler im Waffensystem gehandelt haben....”

Polizei behandelt irrtümlich Stuttgarter Schulklassen mit Wasserwerfern und Tränengas. “Es muss sich um einen methodischen Missgriff gehandelt haben....”

 

Assads Sicherheitspolizei tötet irrtümlich Demonstranten. “Es muss sich um irrtümlich geladene Schusswaffen gehandelt haben...”

Kunde kauft in der Bäckerei irrtümlich Sprossen. “Es war ein Fehler....”

Journalist schreibt irrtümlich antisemitischen Artikel. “Es muss sich um einen Software-Fehler gehandelt haben!”

Arminia Bielefeld kassiert irrtümlich ein Gegentor. “Es muss sich um einen Stellungsfehler gehandelt haben!”

Mädchen lädt irrtümlich die ganze (Facebook-) Welt zur Geburtstagsparty ein. “Es muss sich um einen Klickfehler gehandelt haben?”

Türkischer Polizeikommissar vergewaltigt irrtümlich junge Frau. “Es muss sich um einen Verhörfehler gehandelt haben!”

17.01.2011 um 09:48 Uhr

Mauern

von: hibou


Mauern

“Du mauerst!”, sagt man beim Skat. Was ist gemeint? Die (vielen) Punkte nicht zum Angriff, sondern zum sichern Verbleib in der “Festung” zu nutzen. Mauern haben etwas beharrliches. “Gegen die Wand” laufen meint: aus einer schnellen, flüssigen Bewegung brutal zur Ruhe zu kommen. Die Staumauer staut das immer Fliessenwollende. Die Hausmauer schützt vor fremden Wanderern, vor allem, was da draussen ist, vor frischer Luft. Mauern sind das Gegenteil von Bewegung, sind Verharren. “Auf der Mauer, auf der Lauer….”. Es gibt auch unsichtbare Mauern. Die um den Kosmos eines Dorfes etwa, die zwischen zwei Menschenkindern, die jede Kommunikation verhindern, die zwischen Klassen. Zeigen Mauern also die Angst des “globalen Dorfes” vor der Globalisierung? Am liebsten würden manche wohl eine Mauer um Kreuzberg und Neukölln errichten, so wie vor Jahren in der damaligen Tschechoslowakei in Usti nad Labem eine Mauer gegen Zigeuner errichtet wurde. Schon immer war die Mauer als Schutz gegen “aussen” gedacht. Die berühmten französischen Festungsbaumeister wie etwa Vauban können davon erzählen. Ähnlich der Mauer, desen Steigerung sozusagen, ist der Turm. DER Ort für Gefangenschaft. Spannend, dass wir in einer (naiven) Zeit des Turmbaus leben. Jede Stadt möchte den höchsten haben, oder vielleicht zwei davon: Twin Towers. Mauern sind Grenzen, Abgrenzungen: siehe die zwischen Jerusalem und Bethlehem, die in Südafrika, die zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen, zwischen Indien und Pakistan, zwischen Bangladesh und Indien, zwischen Usbekistan und Kirgisistan, zwischen Aegypten und dem Gaza-Streifen, zwischen den USA und Mexico, und seit neuestem zwischen Griechenland und der Türkei. Alle reichen Länder entwickeln eine Leidenschaft für Mauern gegen die armen oder diejenigen, die eine Welt ohne Grenzen imaginieren…..

Und doch wohnt jeder Mauer, wie wir wissen, ihr Zusammenbruch inne. Grenzen waren von altersher auch Korridore. Fluchttunnels, ausgediente Fischerboote, Heissluftballons, Schwimmflossen, LKW-Container zeugen davon.

14.01.2011 um 07:57 Uhr

GG

von: hibou

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner Rauch- und Trinkgewohnheiten, seiner Badeanzüge wegen benachteiligt werden."

11.01.2011 um 10:09 Uhr

Tachyonen

von: hibou

Ein Kurzkrimi

Die allmonatliche Lieferung stand an. Doch diesmal war es schwieriger. Es ist nur eine einzige Frau, sagten sie, aber sie wird von allen gesucht und verfolgt werden. Ob er es sich zutraue? Keine eincontainerten seufzenden Singhalesen wie sonst. Aber bis kurz vor Schluss sah es dann doch nach einer recht eintönigen Sache aus.

Er verließ sein Haus am Ortsrand von Daun wie immer gleich nach dem Ende des Morgenmagazins. Cherno Yobatay hatte einen Ginkgo-Fachmann zu Gast gehabt, die Fragen an ihn kamen telefonisch und scheppernd. Man muss ganz und gar bescheuert sein, dachte er, um an solchen Sendungen mitzumachen. Die Frisur des Moderators nervte ihn. Er dachte an den neuen Harald Schmidt und seinen Eremiten-Touch. Doch die Zoten kamen noch immer. Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.

Bis Frankfurt- Flughafen war der Verkehr gering. Diesmal hatte er sich im Voraus bezahlen lassen und das Doppelte der üblichen Summe verlangt und erhalten. Das Flugzeug nach Izmir stand bereit. Was für Gesellschaften es gibt! Er wunderte sich bei jedem Flug neu. Öger-Tours. Bananarama-Fleet. Hapag Lloyd war inzwischen stillgelegt. Nordzyprische Airlines., Sun-Express, Hamburg International! Aber laß man, betonte sein Chef des Öfteren, da fliegst Du am allerunauffälligsten. Wie oft hatte er jemanden abgeholt? Er nahm die Frauen, seine Kollegin Sandra die Männer. Man reiste als Touristenehepaar nach Hause.

Die Sonne stand schon schräg vorne, als sie über den Balkan flogen. Er liebte die die Donau im Gegenlicht, sie sah dann aus wie eine weißgoldene Schlange. Attila, Hagen von Tronje, Süleiman der Prächtige und andere Krieger waren da unten in beiden Richtungen entlangezogen, ganz früher Jason und die Argonauten auf der Flucht. In irgendeinem der Wälder, die er da weit unten als graugrüne Flecken sah, versteckten sich noch immer Karadzic und Mladic vor dem Haager Tribunal. Weiter! Das Meer. Lesbos (wir sparen uns die Assoziationen). Holprige Landung in Izmir.

Diesmal war es besonders wichtig. Und teuer, hatten sie gesagt. Also streng dich an. Sollte nichts schief gehen. Worum es sich denn handle? Tachyonen! Selbst der Chef hatte sich ein Grinsen nicht verkneifen können. Fragezeichen über den Augen. Tachyonen sind so was wie überlichtschnelle Energiedingens, unfassbar und unvergänglich. Und wozu dann so weit reisen? Sie ist ein Medium, sagen alle, und kann Tachyonenenergie anwenden, umwandeln, was weiß ich. Der Heilerverein „Nikola Tesla“ in Wittlich hat ne Masse Bares dafür geboten. Wenn du das schaffst, können wir uns bald zur Ruhe setzen......

Eines der gelben Taxis brachte ihn zum Hauptbusbahnhof. Unterwegs sah er fahrig auf ein unglaubliches Gewimmel von über Nacht gebauten kleinen Häusern und Buden. Die Leute lebten offensichtlich auch auf Dächern und Balkonen, den Sofas, Herden und Fernsehgeräten nach zu schließen. Jetzt regnete es und ätzender Kohlendunst hing über den dichtbebauten Hügeln. Irgendwo dann wie eine Betonmoschee die „Garajlar“. Du gehst unter dem Dunkel der zwanzig Meter hohen Pfeiler, der Reihen von Gewölben, aber überall, wie nomadische Dörfer die Kioske, Imbisse und Cafés und aus den hängenden Monitoren Lieder des unvermeidlichen Tarkan und anderer glattgeleckter Stars und Schnuppen.

Er sah sie sofort, genau am angegebenen Treffpunkt, Perron 35, Bus aus Afyon. Ich bin Hülya. Gehen wir. Deutsch mit Akzent, aber fließend. Schließlich ist sie in Koblenz geboren.

Dann ging alles problemlos, die Rückfahrt zum Flughafen, die Passkontrolle, das Warten, endlich der Flug. Geschafft!

Was er nicht wußte: Noch in Frankfurt war ihm ihr Foto aus dem Aktenordner gefallen, zwar auf den Bauch, mit der weißen Seite nach oben, doch ein Grenzschützer hatte es aufgehoben, Namen und Adresse gelesen, sich die Frau auf dem Bild angesehen, und – wer weiß warum – an das Tachyonensonderkommando weitergegeben. Die erkennen darauf eine der nur fünf lebenden Menschen, die Tachyonenenergie umwandeln können. Das ist von höchster strategischer und verteidigungspolitischer Bedeutung. Wir greifen sie uns beide nach dem Rückflug, irgendwo auf den Dörfern, wurde beschlossen. Und eben jetzt rief Mehmet Ellibeşoğlu, der Polizist, gehorsam in Frankfurt an.

Wie sie aussah! Alles an ihr war seltsam, obwohl nicht etwa hässlich. Sie wirkte im höchsten Maße abwesend, unwirklich. Zudem ging öfters ein heller Fiepton von ihr aus. Es war wie zu Hause, dachte er, wenn er nicht wusste, ob das Wasser kochte oder die Schwiegermutter ihr Hörgerät einzustellen versuchte. Über Tachyonen schwieg sie sich aus, gab ihm nur ein Faltblatt mit der Bitte, es nach der Lektüre in kleine Fetzen zu zerreißen. So studierte er es denn auf dem Rückflug, während er unterbewusst ihren starken Geruch nach Koriander in sich aufnahm. Tachyonen, so las er, sind hypothetische Teilchen. Sie wurden bisher weder direkt beobachtet noch hat man indirekte Hinweise auf ihre Existenz gefunden. Es gibt auch keine Theorie, die Tachyonen sehr dringend annimmt. Dennoch werden Tachyonen oft diskutiert, weil sie, wenn es sie gäbe, bemerkenswerte Eigenschaften hätten. Dann war die Rede von Geräte-Einheiten zum tachyonisieren von Materialien, Dauer-Magneten mit einer hohen Remanenz, Null-Linien und atommäßiger Ausrichtung. Fand er es interessant? Nicht so sehr wie die Kohle, die – irgendwie ja auch immateriell – auf sein Konto geflossen war. Sozusagen überlichtschnell. Und an der Strasse von seinem Haus zum Supermarkt würde es sich bald im Bankomaten materialisieren, knatternd und fassbar. Er döste weg.

Auch in Frankfurt keine Probleme bei der Grenzkontrolle. Er hörte nicht auf, sich zu wundern, dass diese Frau da neben ihm niemanden irritierte – wenn schon der Fiepton, wie er zugeben musste, jetzt fast unhörbar war.  Die unauffälligen Herren sah er nicht (wie geht wohl Unauffälligkeitstraining?) Bis nahe Mayen ging’s flüssig auf der Autobahn, die schwarze Limousine (Mercedes, BMW und Honda wegen Sponsoring anfragen!) stets in gebührendem Abstand hinter ihnen, dann über Landstrassen. Endlich eine Gemeinsamkeit mit Hülya: sie lächelten über die Ortsnamen: Monreal, Ürsfeld, Boxberg, Pelm, Prüm, Auw! Sie mussten nahe der Grenze sein, alle Wegweiser zeigten nach Lüttich. Wohin es denn ginge? fragte er. Sie hatte jetzt das Steuer übernommen.

Nach einer Kuppe bog sie unvermittelt in einen Waldweg ein, fuhr noch einen halben Kilometer weiter, hielt in dichtem Grün, drehte sich ihm zu, lächelte, küsste ihn. Warum war er nicht überrascht? Irgendwie drehten sie sich aus den Kleidern. Ihr Fiepton wurde rasch lauter. Die unauffälligen Herren waren geradeaus weitergefahren. Aber wo waren die Geistheiler vom Club „Nikola Tesla“, deretwegen er Hülya ausgeschleust hatte? Ich muss sie fragen, dachte er nachher, als er ausstieg, sich reckte, seine Sachen zusammenklaubte.

Den Schlag auf den Hinterkopf spürte er eigentlich nicht, fiel nur in ein raumloses Dunkel. Als er erwachte, war es noch immer finster. Er lag, es war feucht, alles tat weh, millimeterweise versuchte er vorwärts zu kriechen. Tachyonen rasen in unglaublichem Tempo dahin, dachte er. Ich muss aufstehen. Tachyonenenergie ist in Hülle und Fülle vorhanden. Bin ich in Remanenz mit dem Erdfeld?

Hülya saß längst sicher hinter der Grenze in einem wallonischen Hotel. Mit Hilfe seiner Scheckkarte hatte sie das Konto ihres Schleusers leer geräumt. Tachyonen? Mann! sagte ihr Freund und wischte sie alle mit einer Handbewegung weg.

10.01.2011 um 10:02 Uhr

neulich las ich

von: hibou

neulich las ich in dem buch "schreibwut am morgen" von patrick güldenstern etwas, was ich auch bei mir vorzufinden meine. er behandelt in dem mehrbändigen werk das buch "ich schreibe also sinn ich" des eingedeutschten iren o'molloy die eigenart, dass menschen pausenlos das von andern geschriebene lesen müssen. dabei kehrt sich sozusagen die tastatur, das keyboard, der stift, um, rutschen von aussen nach innen (manche, so die staatenlose jennifer ruschky, denken: in die schläfenlappen) und wird dort zur entzifferungsmaschine. das auge - so meint jennifer und bezieht sich dabei auf den italienischen vaginalphilosophen k.l.itoris - wird zum lustorgan, geilt sich sozusagen an texten auf (wobei es, wie der weltberühmte psychologe c.f. unbedeutend meint, gar nicht auf art und stil des verschlungenen textes ankomme), schlingt pausenlos buchstaben, worte und sätze in sich rein. dies erinnert mich an paul döner, der immer drehbücher schrieb, weil er nicht stets zur selben seite blicken wollte.....

05.01.2011 um 06:30 Uhr

Was ist heute links?

von: hibou   Stichwörter: religion

1.    Entweder ist man links oder religiös.

 

Religionen haben alle den Gott oder aber die “Göttin” als letzte Instanz, Entlastung des eigenen Gewissens, Entschuldigungsgrund, Ausweichstation vor der Übernahme eigener Verantwortung. Die Kirchen haben das als Vorwand genommen, um selbst irdische Macht und Reichtümer anzuhäufen. In den in den letzten Jahren aufgeflogenen Fällen, in denen Priester Kinder, Jugendliche oder anderweitig von ihnen abhängige sexuell missbraucht haben (und vielleicht sehen wir im Moment nur die Spitze des Eisberges?) zeigt sich eine besonders abscheuliche Form der Machtausübung. Frauen und Männer sind meistens nicht gleichberechtigt, was den allgemeinen Menschenrechten polar widerspricht.

 

Ein Linker hat keine übergeordnete Macht, an die er seine Entscheidungen delegieren und mit der er seine Taten rechtfertigen könnte. Linke handeln aus Selbstverantwortung und sind auch für die Folgen ihrer Taten und Gedanken zuständig. Obwohl individuell verantwortlich wird ein Linker immer das Gemeinwohl im Auge haben, und gleichberechtigt mit anderen entscheiden.

 

Wie steht es mit dem Buddhismus? Darüber weiss ich zu wenig. Allem Anschein nach ist aber das die Glaubensrichtung, die noch am wenigsten Schaden anrichtet. Doch auch er arbeitet mit Transzendenz, droht mit Folgen oder arbeitet mit Verlockungen “von oben”, “von “aussen” ….

Die drei grossen monotheistischen Religionen, verfügen alle über “Bücher”, die sie heiligen, denen sie Gesetzeskraft zuschreiben. Gesetze aber werden von Menschen für Menschen gemacht und entstammen in den seltensten Fällen der fernen Vergangenheit.

 

Die protestantischen (deutschen) Pastoren und Gläubigen scheinen von den Religiösen noch am weltoffensten und tolerantesten. Einige würden sich wohl entgegen dem einleitenden Satz selbst als links bezeichnen. Ob sie dann aber noch als gläubig gelten können?

 

In der aktuell gegebenen Lage verfolgen wir eine rasante Zunahme der Gewaltanwendung bei Anhängern der verschiedenen Religionen (meistens: gegeneinander). Ausserdem wird missioniert und versucht, die “Antagonismen” und damit die blutigen Konflikte anzuheizen. Dass es dabei bei allen auch gegen Agnostiker oder Atheisten geht, ist selbstverständlich. Oft werden als Vorwand “religiöse Gefühle”, die nicht verletzt werden dürften, ins Feld geführt.

 

 

Ich habe etwa über ein Jahr in der Onlinecommunity der “linken” Wochenzeitung “Der Freitag” gelesen und geschrieben. Ich war erstaunt, wie viele da religiös missionieren, oft sogar unter Vorschiebung der Menschenrechte. Sollte man nicht meinen, auf ein linkes, weltliches, areligiöses Umfeld zu stossen? Stattdessen wurde mit Bibel, Thora, Koran, Kopftuch, Scharia, “helfendem und allgegenwärtigen Gott”, Pentateuch, Levi etc. “gelockt”. “Der Koran IST. Über seinen Inhalt kann nicht diskutiert werden”, wurde sogar behauptet. Immer mehr islamische Schreiber kamen im Laufe der Monate hinzu. Hätte ich an eine evangelikale oder islamistische Seite angedockt, noch immer wäre ich angesichts der Zeit, in der wir leben, erstaunt gewesen. Aber hier?

 

(soll fortgesetzt werden)

04.01.2011 um 10:12 Uhr

Dioxin-Eier

von: hibou


Alle paar Monate geht ein Lebensmittelskandal durch die Medien. Nun sollen wir für eine Weile keine Eier, besonders kein Eigelb, mehr essen, da in etwa der Hälfte der Bundesländer das krebserregende Gift Dioxin durch die Futtermittel in unsere Nahrung gelangte. Schweine aus den Mastbetrieben sind neben den Hühnern auch betroffen. Was können wir Verbraucher tun? fragt der Typ im ARD-Morgenmagazin scheinheilig. Ich bin dennoch dankbar für die paar Minuten Nachrichten, denn tatsächlich erfahre ich selbst von der Glotze einiges, was ich –und wohl die meisten anderen – nicht wusste.

Ich schreibe meinen Blog und rufe gleichsam blind und taub in die “unendlichen Weiten” hinaus. Aber vielleicht wird die eine oder der andere es lesen.

Ein einziger Hof in Nordrhein-Westfalen hat 120000 verseuchte Eier auf den Markt gebracht (wieviele Hühner "leben" da in den Batterien?)

Bis 2006 gab es ein Gesetz, das jedem Landwirt, der einen Stall bauen wollte, vorschrieb, mindestens 50% (die Hälfte) des benötigten Futters selbst zu produzieren. Dieses Gesetz wurde abgeschafft (War da Merkel schon am Ruder?). Die Folge davon war, dass einige wenige Fabriken die Futtermittelproduktion für die Gesamtheit der Höfe übernahmen. Was alles in industrialisierte Futtermittel reingegeben wird, wissen wir ja inzwischen schon.  So eben auch Dioxin (aus Fettrückständen – wahrscheinlich stammt das Fett aus Abfällen, welche von den Restaurants entsorgt werden?) (Quelle: BUND). Nun werden Höfe in sechs oder sieben Bundesländern gesperrt. Sie waren alle von ein- und demselben Futtermittellieferanten versorgt worden. Die Utopie? Eier vom Nachbarn! Freilaufende Hühner, die völlig giftfreie Würmer picken – falls es die noch gibt…..

02.01.2011 um 06:42 Uhr

LKW

von: hibou

(Papa, wenn die Erde eine Kugel ist, warum fliegt sie denn nicht durch die Fliehkräfte auseinander? Weil ein Eisenbahnnetz drumherum ist!)

Hatten die Medici und andere Renaissancefürsten noch durch ihre Prunk- und Sakralbauten “Modernität” erzeugt, so geschieht das heute meist weit ab von den Stadtzentren (dort wird vielmehr oft auf “retro” gebaut: siehe Dresdener Frauenkirche oder Stadtschloss und Stadtkirche in Berlin), indem das Land (und möglichst die ganze Welt) mit einem leistunsfähigen Autobahnnetz überzogen wird. Nach dem Fall des “Eisernen Vorhanges” wurde dieser Prozess verstärkt gesamteuropäisch – im Osten Polens sind so schon riesige LKW-Verschiebebahnhöfe oder    -Verteilerstationen entstanden. Man spricht anatomisch davon, es ist von “Verkehrsarterien” und “ Verkehrsinfarkt” etc. die Rede. In allen Ländern und so auch in Deutschland hat sich der Güterverkehr (zu Lasten von Bahn und Binnenschiffahrt) zunehmend auf die Strasse und in die Luft verlagert, und dass, trotz geringerer Umweltfreundlichkeit.

http://www.bmu.de/verkehr/herausforderung_verkehr_umwelt/doc/40758.php

Ausserdem ist durch das in der Produktion und im Konsum durchgängig angewandte “Just-in-time”-System der Lagerraum vom Magazin der einzelnen Fabrik oder des spezifischen Supermarktes weitgehend auf das von allen gemeinsam genutzte Strassensystem verteilt worden. Vorbei die Zeiten (von vor gut vierzig Jahren), wo durch schiere Menschenmassen rund um ein Verlagsgebäude die Auslieferung einer Zeitung zu verhindern gesucht wurde. Heute würden dafür wenige Dutzend Demonstranten oder ein gefällter Baum auf einer Autobahnauffahrt bei Ahrensburg genügen. Oder einige Zentimeter Schnee leeren im Nu Regale und Tankstelle…Die Zahl der “Dicken Brummer” auf unseren Strassen wächst exponentiell – und zudem fahren noch immer die meisten voll hin und leer zurück.

Der von den meisten gehörte Verkehrsfunk – denn auch im Personenverkehr wollen wir ja mobil sein! – gibt Zeugnis von den Tücken des Systems und vom Gesetz Murphys, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht: so stellt sich bei Wanne-Eickel ein LKW quer, zwischen Eisleben und Irxleben ist die Fahrbahn spiegelglatt, bei Ludwigsburg ist ein Pferd auf der Fahrbahn, zwischen München und Salzburg herrscht wie immer Stau und sowieso sind die meisten Flüge wegen Ascheregens gestrichen. Als gesamtes Volk sind wir noch immer äusserst höflich: selbst der lumpigste Geisterfahrer wird mit Entgegenkommen überhäuft.