Was fällt einem zu
Brasilien als erstes ein? Fussball, Karnaval, Busen, Copacabana... Denke ich
ein bisschen mehr nach, fällt mir zu Brasilien noch Regenwald, Favela, Bossa
Nova, Polizei, Grün-Gelb, Weihnachtsstern (obwohl der aus Mexico stammt), Kreuz
des Südens und Lula (obwohl der eigentlich net so heisst), ein.....
Ganz bestimmt
aber nicht
Befehl, Ordnung, Auftrag, Beschluss,
Vorschrift, Grössenordnung, Aufstieg, Entwicklung, Fortgang, Fortschritt....Und
doch ist “Ordem e Progresso” die Aufschrift der brasilianischen Flagge.....
Also los: wie heisst die
jetzige Präsidentin?
Sind dir die Namen Luiz
Inacio da Silva, Dilma Rousseff, Fernando Henrique Cardoso, José Dirceu,
Delubio Soares, José Genoino, Duda Mendonça, Luiz Gushiken, Mario Sergio Conti,
Paolo Lin, Antonio Palocci etc. ein Begriff?
Was heisst “Piaui”?
Wasn “Bolsa Familia”?
Übersetze “Naõ tem nada mais
barato do que cuidar dos pobres” Du kannst Portugiesisch? Richtig, es heisst:
“Es ist billig und einfach, sich um die Armen zu kümmern” und ist ein
vielzitierter Ausspruch Lulas.......
Ich staune, als ich mich in
das Land.... einlese (Hinfahren tut mein Jüngster). Wir alle haben nun auch von
den “BRIC”-Staaten gehört (Brasilien, Russland, Indien, China). Das sind die
aufstrebenden neuen Riesen, und spätestens, seitdem China die USA für ihre
Schuldenpolitik rügte, haben wir mitbekommen, dass eine neue Zeit der Weltmächte
anbricht. Die Weltmächte der Armen? In Brasilien sind es Millionen und
Abermillionen, die von etwa einem Dollar (so sagt man noch) pro Tag leben
müssen. Fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 190 Millionen gehören dem
Proletariat und dem Subproletariat an. Brasilien ist zudem als einziges der
vier “Schwellenländer” (in welcher Richtung Russland dabei die Schwelle
überquert, steht noch nicht ganz fest) keine grosse Militärmacht, hat aber
durch die Abkehr von den USA und der “Atlantischen Solidarität” am meisten
Eigenständigkeit bewiesen. Lula - Luiz Inacio da Silva – der inzwischen nach
zwei Amtszeiten abgetretene Präsident aus der Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung, ist mit seinen Programmen gegen die Armut (“ist sehr
billig und bewirkt viel”) und seinem “Lulismo” für uns fast zur Heiligenfigur
geworden, war andererseits genau wie die meisten reichen Brasilianer in
Korruption und schmutzige Machtspielchen verwickelt. “Ist uns egal”, sagen die
Armen, genau wie in Anatolien oder Süditalien (von Indien weiss ich noch nicht
genug), “wir lieben ihn, wie er ist!”
Diese Gleichzeitigkeit von
Licht und Schatten wird mir zum Leitmotiv für Brasilien, vielleicht für den
ganzen Kontinent. Seit über hundert Jahren brachen in ganz Südamerika
fortwährend Revolutionen aus (Mexico, Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Grenada, Chile, Kuba, Peru, Venezuela, Uruguay....habe bestimmt Laender vergessen.... Brasilien reiht sich seit den bewaffneten Erhebungen in den zwanziger Jahren nahtlos in diese Reihe ein. Die Praesidenten Castro, Allende und Ortega sind uns seit laengerem, die Chavez, Morales, Kirchners, Garcias etc seit kürzerem bekannt, noch nicht lange her waehlten die Leute in Ecuador und Paraguay die jeweils radikalsten Praesidenten ihrer Geschichte). In fast keinem Land riss nicht die
eine oder andere rechte Militärjunta die Macht an sich.
Der normale und
vorgezeichnete Entwicklungsweg eines jeden Landes führt von der Agrikultur über
das Handwerk zum Anwachsen des industriellen Sektors. In Brasilien aber ist die
Industrialisierung rückläufig. Das Land setzt viel mehr auf landwirtschaftliche
Erzeugnisse (Holz, Biosprit, Fleisch) und Bodenschätze. Sehr zur Freude der
Staatenlenker und Unternehmer wurden vor der brasilianische Küste jüngst grosse
Vorkommen von Öl und Gas entdeckt.
Brasilien setzt sehr auf
straffe Leitung durch Staat, Gewerkschaften und soziale Verbände. In keiner
Weltgegend ist der banditäre Individualismus andererseits so verbreitet (Ja,
gegen Sao Paolo ist Mogadischu noch streng gelenkt J)
Brasilien ist ein riesiges
Experimentierfeld für neue soziale Lebensformen – aber nirgendwo anders ist der
Egoismus von Geschäftsleuten und Bandenchefs so ausgeprägt.
In Brasilien spricht man
Portugiesisch – oder spricht man in Portugal Brasilianisch?
Die Spannweite zwischen
modernster Technik und ursprünglichster Lebensart (der Eingeborenen)(manche
Stämme sind noch nicht einmal entdeckt. Die Forscher verzweifeln: wenn sie
aussterben, bevor wir sie katalogisiert haben?) ist nirgends auf der Welt
grösser als in Brasilien.
Viele, wenn nicht alle
Kulturen der Welt haben in den “unendlichen Weiten” von Dschungel und Pampa
Enklaven gebildet. Aber nirgendwo ist die Vermischung der Rassen weiter
gediehen, als in Brasilien.
Nun zur neuen – und ersten –
Präsidentin des Riesenlandes: Lula konnte nach zwei – erfolgreichen –
Amtszeiten nicht noch einmal antreten, Daher baute er seine Kabinettschefin und
ehemalige Energieministerin Dilma Rousseff als Nachfolgerin auf, und ob sie
nicht letztlich mit dem Rückenwind seines Charismas gewählt wurde, ist sehr
fraglich. Also weiter in unseren Polaritäten geschwelgt:
Dilmas Vater war Bulgare.
Als Kommunist musste er von dort fliehen, im Immobilienhandel machte er in der
neuen Welt sein Glück und erlangte so viel Reichtum, dass die Tochter
bürgerlich “behütet” und mit Musik- und Französischunterricht aufwuchs. Das
hielt sie aber nicht davon ab, in der Zeit der Militärdiktatur in den
Untergrund zu gehen (ein Buch des Franzosen Regis Debray, des Freundes von Castro und Che Guevara, hatte sie in ihrer Jugend begeistert), wo sie lange Jahre in einer Gruppe mitwirkte, die Bankraub
betrieb, Geiseln nahm und Polizisten tötete....(da wären wir wieder bei der
ungelösten Gewaltfrage. Ob einer der Jugendlichen aus London, Manchester oder
Birmingham, die gerade Autos verbrennen und Geschäfte plündern, in Zukunft
britischer Premierminister wird?). Sie wurde schliesslich verhaftet, gefoltert
und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als ihr Ehemann seinerseits im
Gefängnis sass, zog sie in die entsprechende Stadt und unterrichtete
ehrenamtlich im dortigen Gefängnis, nur um ihn zu sehen
Heute kann sie sich an alles
dieses kaum mehr erinnern – sie ist ja Präsidentin......
Im Gegensatz zum
Arbeiterkind Lula ist Rousseff eine in der Wolle gefärbte Intellektuelle:
Nichts und niemand konnte sie von der Universität fernhalten, sooft sie auch exmatrikuliert
wurde, so oft schrieb sie sich an einem anderen Ort wieder ein. Nun ist sie an
der Macht und kann ihren sozialistischen, neoliberalen, brasilianischen Plänen
nachgehen. Mit Spannung und Neugier warten wir auf die kommenden Jahre ihrer
Präsidentschaft.
Was – denke ich auch jetzt am Ende dieses Schreibens,
wissen wir in unserem nordhemisphaerischen Saft schon über das Lebensgefühl der
Südamerikaner? Nicht viel. Wieviel brasilianische Bundesstaaten gibt es und wie
heissen deren Hauptstädte? Hat Teresina wohl ne Métro? Was denken und fühlen –
und essen – die Leute da und was sehen sie von ihren Fenstern aus?