Message in a bottle

28.06.2004 um 12:05 Uhr

Erkenntnistheorien, Delikatessen, Abstammungen

von: hibou

Musik: I remember when rock was young/me and Suzy had so much fun

Sie heißt Ingrid und sieht, obwohl ihr der vorderste rechte Backenzahn fehlt, unendlich schwäbisch lieb aus. Ihr Partner ist ein Marokkaner oder ein Italiener marokkanischer Abkunft oder ein versprengter Nachfahre sarazenischer Invasoren, die schon vor tausend Jahren begannen, die ligurischen Küsten zu plündern, wogegen seine italienischen Vorfahren feste Türme bauten, in die sie sich, wenn das Segel eines solchen Korsaren am südlichen Horizont sichtbar wurde, zurückzogen, was allerdings nicht verhinderte dass sein Ururur-Großvater mit einer Einheimischen (die vielleicht noch die Gänseherde versorgte oder das Weißkraut stampfte oder aus anderem Grund nicht rechtzeitig die rettende Leiter zum Eingang auf der Höhe des ersten Turmstockwerks erreichte) ein Kind zeugte, und wie sollen wir feststellen, ob dies in gegenseitigem Einvernehmen, oder als roher Akt geschah, wenn auch er selbst, der ferne Sprössling, weder einen Schatten noch einen kleinen Wärmepunkt mehr in seiner Seele finden kann, die darauf schließen ließen? Allerdings bietet er in dem Lokal, das die beiden in der Bauernmarkthalle im Stuttgarter Westen betreiben, solch Delikatessen wie luftgetrockneten Landschinken, eingelegte Feigen, alten Reggiano, solche Weine wie Langhe, Dolcetto und Barbera an, und jeden Mittwoch gibt es frische weiße Trüffel aus dem Piemont, wenn auch nur auf Vorbestellung und zu einem Kilopreis, zu dem man wohl mehr als seine Monatsmiete bezahlen könnte, was schon darauf schließen läßt, dass er so sie vorhanden waren, seine vorgeburtlichen Traumata in dieser Hinsicht überwunden oder doch gastronomisch sublimiert haben muss.

Ich gehe Samstags dahin essen, mich bedient eine junge Schwarze – so, und jetzt behaupte nicht auch noch, dass dieselbe von nubischen Sklaven abstamme!, höre ich dich, geneigte Leserin, sagen – ich mustere die Kundschaft, die soeben an den zahlreichen Bioland- und Demeter-Ständen des ehemaligen Straßenbahndepots ihre Wochenendeinkäufe getätigt hat: was sind es? Akademische Altlinke? Zu Wohlstand gelangte Achtundsechziger. Zufriedene Marschierer durch die Institutionen? Künstler, Grafiker und Webdesigner? Lehrerinnen im Nostalgiestand?

Ingrid, die Chefin, legt regelmäßig „Crocodile Rock“, „Honey Pie“ und „Susan was an artist“ auf, was die meisten Zweifel beseitigt. An den rohen Holztischen wird „Zeit“ gelesen, und mal Doris Lessing, mal Annette Proulx oder Benoite Groult

Was brauche ich zu sagen? Bin auch nicht umsonst hier.......Auch ich mag italienische Küche, Leonard Cohen und die Erinnerung an die Zeiten auf den Frankfurter Demos...Was Du siehst, bist Du selbst. Und dass ich Sarazenen und Nubierinnen mag, ist wahrlich nichts Neues.

 

Ist also diese Markthalle nur eine physische Verkörperung meines Innenlebens und meiner Erinnerungen? Nein. so viele Statisten kann ich doch nicht bewegen, gerade jetzt hier zu sein und diese lebendige, schwatzende, lachende, rauchende, zucchinischmatzende Menge abzugeben!

Oder sehe ich nur einen ganz subjektiven Ausschnitt der Wirklichkeit? Der erst  abgerundet und objektiv würde, wenn alle Menschen die an diesem Vormittag hier sind, ihre jeweiligen Wahrnehmungen und Gedanken zusammentragen würden?

Oder lebt die Wirklichkeit völlig ungerührt meiner Eindrücke stumpf und sinnlos dahin?

 

Lass uns annehmen, dass die Realität erst durch die Fragen an sie langsam und unendlich vielfältig und liebenswert anfängt, zu erscheinen. Mhm! Hab ich da nicht den milden Geschmack von Mozzarella auf der Zunge und im Gaumen? Gott! Du hast den Basilikumbusch erschaffen! Danke auch.

 

26.06.2004 um 15:58 Uhr

der weibliche Busen

von: hibou

Stimmung: angespannt
Musik: do you want do you want

sich vom Ernährungsorgan zum Wahrnehmungsorgan wandelnd...

26.06.2004 um 15:25 Uhr

Hochgeholt

von: hibou

Der Raum mit den Fernschreibern war immer von Klappern und Rattern erfüllt, denn an kaum einem Moment war nicht eine der vier Maschinen daran, empfangene Meldungen auf langen Fahnen rosa Papiers auszudrucken. Oft lagen die Schlangen bis zum Boden hinunter und rollten sich dort zitternd im Takt der hämmernden Typen nach und nach zusammen. Aber ich mußte sie sichten, abreißen, ordnen und dann vorsortiert den zuständigen Redakteur Harry Glas, in sein Büro bringen. Meist hatte er mir gesagt, worauf ich zu achten habe, aber oft stand ich auch vor den Trommeln und wartete gespannt auf den Einsatz der Geräusche: da draußen war irgend etwas neues geschehen, was der Meldung wert befunden worden war: irgend etwas zwischen Katastrophe und „Vermischtem“ skurrile Füller, die in jedem Medium anzutreffen sind. Damals wurden allerdings damit noch nicht ganze Sendungen bestritten...Es gab Abstufungen zwischen einfachen, wichtigen, Eil- und Blitzmeldungen. Letztere wurden meist vorangekündigt: Achtung! In soundsoviel Minuten schreibe Blitzmeldung: z.B. fiel damals darunter das Ergebnis des Mißtrauensvotums gegen Willy Brandt, dessen Ausgang bis zuletzt unsicher war. Harry Glas, ein kleiner Mann mit blondem Bürstenschnitt und dicken Brillengläsern - es war bekannt, daß er sehr ehrgeizig war und an dieser Anstalt weit über die Berichte vom Tage hinauskommen wollte - legte die Meldungen, die ich ihm fein auseinandergeschnitten und sortiert brachte, meist wortlos und scheinbar: nein wahrscheinlich wirklich uninteressiert in einen Ablagekorb zur späteren Bearbeitung. Unsere Sendung drehte sich um beschädigte Schleusen im Nord-Ostseekanal, den alljährlichen Lauf rings um die Alster, eine Coctailparty bei Frau Heller oder die Segeltörns des Bundeskanzlers auf dem Brahmsee.

Im Vorzimmer saß Frau Kochta, sie spielte in der Fußballmannschaft von Harburg 1816, war lieb und unterhaltsam. Noch ein Zimmer weiter die Cutterin, sie hing am Tropf von Jim Beam, wurde von den Herren Redakteuren nach Hause mitgenommen oder sonstwohin, was bei der Kopta nie geschah. Ich erinnere ihre vagen Blicke und nervösen Gesten. Den Jim Beam oder die Spirituosen für alle anderen mußte ich von der Kantine hochschleppen. Die Kantine war jahraus, jahrein geöffnet, sogar am ersten Januar (sic) wurde um 12.20 Uhr Linzer Torte geliefert (!). Dann hatte ich zur Grafik ins Nebengebäude zu gehen um die bestellten Tafeln abzuholen. Dort saßen ein paar Leutchen, die malten auf Pappen in grünlich-gelblich-bläulich-crèmefarbenen Tönen sorgfältige Landkarten zu den Ereignissen des Tages: In Valencia eröffnete X die dreitägige Konferenz zum internationalen Wasserrecht. Sumatra: Flugzeug zerschellte bei nebligem Wetter an einem Berg. Tripolis: mutmaßlicher Aufenthaltsort von Carlos, dem Oberterroristen... Die Länder, ich sehe sie deutlich, sahen so vereinfacht und ordentlich aus: ganz im Gegensatz zu den meist verwirrenden und verstörenden Geschehnissen oder den ausweichenden Reden der meisten Interviewten.

In der Sendung, während Köpke oder Werner Veigel die Meldungen verlasen, „zogen“ wir just diese Tafeln, wenn sie eingeblendet worden waren aus einem Ständer und lehnten sie vorsichtig und geräuschlos neben uns an die Studiowand. Rituell war auch die Hauptsitzung beim Produktionschef so eine halbe Stunde vor der Sendung. Die Sprecher lasen Probe, unterstrichen zu betonende Silben, ihre Stimmen waren da schon äußerst bedeutungsvoll: auch ohne die Sprache zu beherrschen wäre man von der Wichtigkeit des Gelesenen überzeugt gewesen. Die Zeiten wurden sekundengenau gestoppt, die Reihenfolge und die Wechsel zwischen live und Film oder MAZ noch geändert. All das geschah jeden Tag. Ich glaube nicht, daß irgendwer sich an uns erinnert, die wir abwechselnd da überall dazwischen herumsegelten....

25.06.2004 um 13:19 Uhr

Haende (aus: Dossier St. Georg)

von: hibou

//Die verhaltene Erotik von Soulmusik//"Bei Ruth geruht, bei Angela angelangt"//Eine hochschwangere Niederländerin//Ich küsse ihre Hand, Madame//Ein Schwarzer mit Gazelle zagt im Rezrawsch nie//Wo läßt Gott Haare wachsen?//Auf den Händen nicht//Hände hängen in schlotternden Hosen//Hände heben sich zum Zeichen des Friedens//Hände sprechen Taubstummensprache//Hände schütteln sich//eine wäscht die andere!//Finger in die Nase ins Ohr ins Haar an die Lippen//Daumen im Mund//Zeigefinger besserwisserisch//Finger tragen Ringe Nägel Lack//Fingernägel kratzen Haut blutig//Hände halten Bierdosen Vermouthflaschen Frankfurter Würstchen Zeitungen Periodica Gläser mit Faber gefüllt//schwingen hin und her zucken kratzen am Hinterkopf//fragen liegen an Hüften//schultern Taschen//streicheln schlagen//halten kleinere Hände fest//beschmutzen Tisch und Wände//sind amputiert//halten Berliner und Zuckerwaffeln//ziehen mit kurzem unauffälligen Ruck den BH zurecht und den Slip//drehen Zigaretten ziehen Expander schwingen den Besen und das Nudelholz//drücken Knöpfe Schalter Entertasten//tasten tasten tasten//spielen Liebe//dämpfen den Fall/beschatten die Augen//puhlen am Schorf//zeigen deuten fragen zögern bestätigen zweifeln drohen bitten beschwören schwören falsch und richtig//binden und arrangieren das Kopftuch//schreiben mit Stift Pinsel Feder//halten etwas in ihrem Inneren verborgen//Ringlein Ringlein, du mußt wandern//liebkosen Haut und Haar// finden die Töne//greifen zu und an//bilden die Faust//wischen die Nase//falten sich//halten den Schal vor den Mund//greifen zum Werkzeug//und zur Brieftasche zum Schlüssel zum Zahnstocher zum Taschentuch //binden Schnürsenkel//schleichen in fremde Taschen und unter fremde Kleider//bezahlen riskieren spekulieren kassieren//öffnen Knöpfe und Reißverschlüsse und Schnallen//streifen Kleider ab//PFHUUUUIIIT//wischen Hintern //zielen beim Pinkeln//halten Taschenspiegel Puderquasten Lippenstifte Kämme Haarbürsten Krawatten Akten Stöcke Schirme Krücken Karren//klatschen schnipsen schnalzen//werfen Schnipsel Schalen Flaschen Steine Granaten//öffnen Pistolenhalfter//Finger liegen am Abzug//Hände FLEHEN beten zucken estarren

 

25.06.2004 um 10:45 Uhr

wie die Deutschen

von: hibou

.... mit dem Zweif der Vermutlung!

25.06.2004 um 10:01 Uhr

Vom Niesen

von: hibou

Eine der ostwestlichen Weltgegensätzlichkeiten ist bestimmt die Art des Niesens, vielleicht ist es sogar die entscheidende?. Zwar sagt man dort “Gesundheit!” und hier “Çok yaşa!” (Lange mögest Du leben – Deine Augen mögen es sehen! ist die Antwort), aber in Europa und dem ganzen Okzident wird gelehrt, das laute Niesen möglichst zurückzuhalten; hier bei uns ist es gerade umgekehrt: Nies Dich aus! Gib alles! sagen sie, und jede Verklemmung habe schwere gesundheitliche Schäden zur Folge. In der Tat nimmt die Bevölkerung in den Ländern mit lautem Niesen (Türkei, Indien, China etc) stark zu. In Europa, Nordamerika, auch in Japan – das sich den westlichen Beschränkungen angeschlossen hat und wo kaum einmal ein unbekümmertes HATSCHI! zu hören ist – nimmt die Zahl der Lebendigen stark ab und kann nur noch durch Zuzug von Lautniesern einigermaßen im Gleichgewicht gehalten werden, obwohl die Immigranten im Ethikunterricht alsbald zum Abklemmen der Nasenschleimhäute angehalten und auf diesem Weg eine Harmonisierung der Bevölkerungspyramide verhindert wird. Hoffnung kommt alleine von den Fußballern (Ich folge gerade dem Match zwischen den Letten und der Bundesrepublik. Wie schlecht auch immer gespielt wird, denke ich, eine Mannschaft wird doch Europameister. Die Zahl der Tore sagt nichts über die Qualität der Spiele aus, lässt aber automatisch Teams ausscheiden und andere weiterkommen. Sie könnten quasi auf dem Platz stehen bleiben….. der Wind könnte den Ball ins Tor treiben …. ) Also, Hoffnung geben alleine die Fußballer, die bei jeder Gelegenheit kräftig ausspucken. Nach einer gelungenen Aktion oder einem Versagen, zur Ehrenrettung oder als Reviermarkierung: ungeniert wird ausgespuckt. Diese Männer, denke ich, werden keine falschen Hemmungen haben, wenn es darum geht, ihr Sperma einem Wirtsorganismus aufzudrängen. Der Ethikunterricht aber führt zu Triebverzicht, Schwächung der Volksvitalität, Niedergang und endlichem Erlöschen. Da hilft es auch nicht, stantepede Niesregionen mit Waffengewalt zu besetzen, es sei denn, das Motto dabei wäre: Niesen lernen, heißt überleben lernen!

22.06.2004 um 11:58 Uhr

le cri

von: hibou

22.06.2004 um 11:34 Uhr

O wé muoter was ist gôd?

von: hibou

Musik: gimme gimme... gimme just a little smile

An der Mauer leuchten die ersten Glühwürmchen. Unsere Schildkröte Chirac hat sich an die Gemüsereste, die wir ihr vom Balkon werfen, gewöhnt. Tagsüber ist sie unsichtbar. Irgendwo unter Immergrün oder wildem Wein. Ich denke an Harry. Wie er am Tresen mit mir sprach. (siehe Archiv Juni 1970)Damals hatte Luhmann noch 28 Jahre zu leben. Die Matrix und Jessica Rabitt waren nur Zukunftsvisionen. Was ist Zeit? Ein magnetisches Loch. Was ist Gott? Ein Laerm auf der Strasse.

21.06.2004 um 11:46 Uhr

kuaförler

von: hibou

Musik: Cheb Mamie: Aysha, Aysha, répondez moi

 Sie arbeiten oft in winzigen Büdchen mit gerade Platz genug für zwei oder drei Sessel vor den Spiegeln und Waschbecken und neben Dir setzt sich der Chef hin, er ist eben aufgestanden und wäscht sich das Gesicht,schneuzt sich ohne Taschentuch, wacht erst einmal auf und lässt sich rasieren. Ich glaube nicht, dass er die schwarze Maserung des Marmors, der wie ein Aderwerk über die gesamte waagerechte Fläche und die Vertiefungen der Lavabos läuft, wahrnimmt. Die Wartestühle stehen wie ein Eisenbahnabteil ohne Zug vor der Tür, daneben der Wäscheständer mit den Handtüchern. Ein Junge spielt da, dessen Vater, wie Du grade erfährst, seit einer Woche verschwunden ist, Leute gehen hin und her und Autos versuchen zu parken. Mögen Sie Tee? Der Çayci ist auch schon da. Im Spiegel siehst Du Dich selbst und das Leben der Strasse, seitenverkehrt, aber in Echtzeit. Der Coiffeur tunkt ein langes Wattestäbchen in blauen Alkohol, zündet es an und brennt Dir die Haare aus Ohren und Nase. Eben bevor es schmerzt haut er mit der flachen Hand auf die Flamme.. Regale und Schränke sind aus Pressspan gefertigt und lilagelb bemalt. Über der Tür hängt die Fahne von Muğlaspor. Dein Coiffeur sieht heute aus wie Cengiz Kaan oder Attila, hochgewachsen, der Kopf durch den weit über die Wangen heruntergezogenen Schnurrbart noch verlängert. Für die Sommermonate ist er zum Weltmann geworden. Hello! How are you? sagt er zu den Vorüberschlendernden. Wenn sie weiblich und sparsam bekleidet sind, glänzen seine Augen. Er ist der freundlichste und liebenswürdigste Mensch, den Du Dir vorstellen kannst. Wenn der Imam singt, dreht er das Radio leiser. In den offenen Regalen eine fast unbeschreibliche Ansammlung von russischen Rasierern, Ölen und Wassern, Familienfotos, Liebespillen und Kondomen, kleinen Rennwagen und (ergänzen!) Du wirst Turgut Reis lieben, gerade so wie ich es liebe, wenn Du Dich da zwei oder dreimal hingesetzt hast.

 

Oder aber sie warten in riesigen Salons auf ihre Kunden, lesen ihre eigenen Hairstylemagazine oder die bunte Morgenzeitung. Volkan ist soeben als Stürmer verpflichtet worden. Er wurde genötigt, einen Blankovertrag zu unterzeichnen. Im Schlagerwettbewerb sind nur noch drei übriggeblieben: Pınar, Tolga und Barış. „Gegen die Wand“ hat den deutschen Filmpreis in Gold bekommen, Sibel und Birol als beste Hauptdarsteller auch....  Samstags sind die Friseure gut besucht, man redet man föhnt man schnippelt und dazwischen skulptiert noch die Pedicuremamsell. Alles ist hier möglich: Saç Boyama, Perma, Fön, Röfle und Semi Solid inbegriffen.

 

Wenn wir nicht in die Stadt wollen, nehmen wir den gleich an der Kurve neben der Pension Arzu

20.06.2004 um 09:48 Uhr

James Cook, angerichtet mit Ananas

von: hibou

Musik: Heroes, David Bowie

Einer meiner Helden war auch James Cook. Schon die Namen seiner Schiffe! Wie hießen sie noch? Endeavour, Resolution und...? Die Bücher über seine Reisen waren in grünes und blaues Leinen gebunden. Ich erinnere auch den Anfang, wie er in Portsmouth oder Plymouth oder Southampton (halt den üblichen Häfen) am Quai sass und voller Sehnsucht nach der weiten Welt aufs Meer hinaussah, und ich saß voller Sehnsucht auf meinem Bettrand und reiste im Geiste mit los, ungeduldig und mit gerunzelter Stirn ob der vielen Seiten, die von der Beschaffung und Ausrüstung der Schiffe handelten.

Fünfzig Jahre später las ich auch genauer, was geladen wurde. Eisennägel und Glasperlen als Geschenke für die  zu entdeckenden Eingeborenen, tausende Liter von Bier und Schnaps für den Kapitän und vielleicht die Offiziere. Im Namen Ihrer Majestät wurden die Melanesier und Polynesier und auch die Mikronesier huldvoll entdeckt. Ihre jungen Mädchen durften die Engländer bedienen, mit Ananas und mit ihren Mündern, Schössen und Ärschen. Waren sie willig, erhielten sie Nägel. Waren sie unwillig, mussten sie schon einmal ausgepeitscht werden. Captain Cooks Ende - wie tragisch deuchte es mich in der Jugend - erscheint von da her verständlicher. Eines Tages schliffen die nackten Wilden ihre Nägel zu Dolchen, fingen und töteten den britischen Entdecker, aßen ihn dann auf. Seine Hände schickten sie zurück aufs Schiff. Barbarisch, diese Iraker. Sorry, ich meine natürlich die Hawaiianer. Die Nordwestpassage blieb vorerst unentdeckt.

 

 

18.06.2004 um 17:22 Uhr

Frei erfunden

von: hibou

Musik: Spanish eyes

Selbst die Toiletten sind mit Alabaster ausgekleidet und über jedem Pissoir steht ein - sauberer - Aschenbecher und die Beleuchtung ist indirekt.

Draußen auf der Terrasse weht ein Hauch von Herbstnebel über eine sehr schmale Mondsichel hin, das Schnattern der Enten vom See her tönt ganz ähnlich dem fernen Lachen eines Boulespielers - und umgekehrt - und ein Zaunkönig läßt sich für Bruchteile eines Augenblicks auf einem der Rhododendronzweige sehen, währenddem Scharen von Krähen laut krächzend um die hohen Bäume ziehen. Giovanni di Lorenzo macht fast ein wenig einen verwachsenen, in jedem Falle aber einen melancholischen Eindruck...keine Sendung hat so viele Moderatoren verschlissen wie "III nach neun", sagt er, Nina Petri aber ist eine jüngere Alice Schwarzer - das Original ist auch da und will, daß man sie ausreden läßt, Achim Król lächelt fein und Küppersbusch kräuselt die Lippen. An dem Tisch im Studio mit dem Schild "Begleitpersonal Gabriele Farke" sitzt die Finnin, Regina, das 20-jährige Supertöchterchen und ein Ehepaar neben mir....

Auf der Hinfahrt hatte ich seit Hannover schon zu lächeln angefangen, über der Aller wurde die Vorfreude noch stärker. Ich hatte darüber nachgedacht, was das ist, das mich so freut? Die Menschen? sind ferne Vergangenheit. Elke z.B. hier in Bassum, wo ich im Vorbeifahren sehe, daß auf den Feldern fleißig gedrillt wird...Winterroggen vermutlich, Elke, ja, sollte ich sie noch einmal besuchen? Das würde die Wunde der Trennung wohl wieder aufreißen und, da wir nicht, nein wirklich nicht zusammenpassen, würde es außer diesem zu nichts führen.

Verlüßmoor? Bornreihe? Stoff für Spätnachtgeschichten, aber hingehen? Es wäre zu heraklitisch........Andere, die man kannte, sind einem inzwischen völlig gleichgültig geworden.

Also ist es vielleicht tatsächlich die Landschaft, die einen so erfreut, die einen fast wie einen alten Kumpel begrüßt??

Es ist kurz vor der Sendung, die Kameraleute samt Assistentinnen, die Aufnahmeleiter und Produzenten hasten durcheinander, währenddem ein halbes Dutzend Fotografen den Gesprächstisch, wo die Teilnehmer verkabelt werden, umringen und gewaltige Fotoapparate vorm Gesicht hängen haben, sie langen Teleobjektive, fahren sie aus wie die Maultiere oder Pferde ihren Penis...es wirkt sehr animalische jedenfalls, dann wird es ruhig, dann setzt Gottfried Böttger mit dem Klavier ein, wir klatschen...naja vom Bildschirm her ein bekannter Anfang....Die Co-Moderatorin soll eine Zicke sein, sagt Gabi

17.06.2004 um 08:34 Uhr

Dogen und Langzeitgefühle

von: hibou

Musik: und ich düse düse düse düse im Sauseschritt

Enrico Dandolo

 

Wir sahen seinen kleinen und bescheidenen Epitaph oben im Matroneum der Hagia Sophia. Er brachte es bis zum Dogen von Venedig und führte, schon als uralter Mann, den unglückseligsten aller Kreuzzüge (doch waren die übrigen glückseliger?), den perversesten aller Kreuzzüge, in dessen Verlauf Massaker an den balkanischen Christen, den Bogumilen, verübt wurden, und an dessen Ende die Eroberung und Plünderung von Byzanz stand. Es war das Jahr 1204 nachdem das Himmelreich nahe war. Konstantinopel war im Bewusstsein des Abendlandes – und in Wirklichkeit – die prächtigste, die schönste, die vollkommenste aller Städte. Ihre Bewohner wurden nun von denen beraubt, vergewaltigt, verstümmelt und getötet, die seit einem Jahrhundert auszogen, die Christen und die Christenheit vor der Macht des Bösen zu retten. (Ein Schelm, wer jetzt an die Gegenwart denkt). Dandolo aber, der Doge, der Duce, wie es auf Neuitalienisch heißt, war eine Generation zuvor als Gesandter der Serenissima, der Republik von Venedig, in der Stadt am Bosporus gewesen, war dabei (aus welchen Gründen weiß man nicht) in eine Schlägerei verwickelt worden und hatte als Folge davon sein Augenlicht verloren. Aber über 30 Jahre lang war der Hass in ihm lebendig geblieben und als fast hundertjähriger Greis vermeinte er, nun Rache nehmen zu können. Die dunkle Strasse, das Bordell, die Küche, die Trunkenheit in später Nacht, die eskalierenden Missverständnisse bewegen Weltgeschichte.

 

Apropos Venedig: siehe in den Bottle-Archiven 1997 - 1999 - 2001...

16.06.2004 um 10:58 Uhr

Bloomsday!

von: hibou

Hundert Jahre Bloomsday! Ich fuhr als Kind gerade eben Jugendlicher geworden  mit meinen Eltern durch Griechenland und sang auf dem Rücksitz des Opels Stephen der Rephen der Rix-Dix Dephen lass den Unsinn sagten sie. Aber ich fuhr fort genauso wie sie fortfuhren und somit sie und ich gemeinsam („Rhythm, said Stephen, is the first formal esthetic relation of part to part in any esthetic whole or of an esthetic whole to its parts or of any part to the esthetic whole of which it is a part.“) und sprach Litaneien wie Sindbad der Seefahrer und Rindbad der Rehfahrer und Tindbad der Teefahrer und ich wusste noch nicht alles was ich jetzt weiß etwa das Nora Joyce als Witwe perfekt Zürichdeutsch sprach so wie sie als junge Frau den Triestiner Akzent im Nu annahm. „The features of infancy are not commonly reproduced in the adolescent portrait for, so capricious are we, that we cannot or will not conceive the past in any other than its iron, memorial aspect. Yet the past assuredly implies a fluid succession of presents, the development of an entity of which our actual present is a phase only.” Die Sonne scheint für dich sagte er an jenem Tage als wir zwischen den Alpenrosen oben auf dem Howth lagen er trug den grauen Tweedanzug und dazu einen Strohhut an diesem Tage brachte ich ihn soweit mir einen Antrag zu machen und es war damals ein Schaltjahr wie jetzt ja vor sechzehn Jahren war es lieber Gott nach dem langen Kuß ging mir fast der Atem aus ja er sagte ich wäre eine Blume der Berge ja wir alle sind Blumen der Leib eines Weibes ja da sagte er einmal in seinem Leben die Wahrheit und für dich scheint heute die Sonne ja und ich mochte ihn weil ich sah daß er verstand und fühlte was ein Weib ist und so gab ich ihm alle Freude die ich konnte und brachte ihn so weit daß er mich bat ja zu sagen und zuerst wollte ich nicht antworten sah hinaus auf das Meer und in den Himmel ich dacht an so vieles von dem er nichts wußte an Mulvey und Stanhope an Hester und Vater und den alten Captain Groves und an die Seeleute die all birds fly und I say stoop und washing up dishes spielten an die Verkäufer am Morgen an die Griechen und die Juden und die Araber und der Teufel mag wissen an wen sonst und die großen Räder der Ochsenkarren und das alte Tausende von Jahren alte Schloß ja und auch an die schönen ganz in weiß gekleideten Mauren mit Turbanen wie Könige und sie baten einen ein wenig in ihrem bißchen Laden Platz zu nehmen und den Wächter der heiter mit seiner Lampe einherging und O den schrecklichen tiefliegenden reißenden Strom O und an das Meer das Meer das oft feuerrot ist und die herrlichen Sonnenuntergänge und die Feigenbäume in den Gärten als ich noch Mädchen war wo ich eine Blume der Berge war ja als ich die Rose mir ins Haar steckte oder soll ich eine rote tragen ja und wie er mich unter der maurischen Mauer küßte und da dachte ich er so gut wie ein anderer und dann bat ich ihn mit den Augen mich noch einmal zu fragen ja und dann bat er mich ob ich wollte ja ja zu sagen meine Gebirgsblume und dann umschlangen ihn meine Arme ja ich zog ihn herab zu mir daß er meine duftenden Brüste fühlte ja und ganz wild schlug ihm das Herz und ich sagte ja ich will Ja.”Heavenly God! cried Stephen’s soul in an outburst of profane joy.” Aber auch wenn ich gar nichts wüsste und das alles nicht gelesen hätte wäre Bloomsday. “Heute. Heute. Nicht Denken.”

15.06.2004 um 10:01 Uhr

Musen und Museriche

von: hibou

„...auch Yoko, die unseren John Lennon so behexte, dass er die Beatles und uns als Fans weit hinter sich liess...“(1) Schöpferische Männer hatten oft ihre Musen (welche, siehe just Frau Ono, oft selbst sehr kreativ waren); sie waren emotional, sexuell und anderweitig (kochen, putzen) von ihnen abhängig, ohne die Musen wären viele Werke gar nicht entstanden. Ich überlege, und finde kein Beispiel für den umgekehrten Fall, dass Frauen ihre Museriche gehabt hätten. Wohl aber stehen mir Mahler, Werfel und Gropius, die alle dieselbe Alma hatten, Varnhagen von Ense mit seiner Rahel, Dali mit Gala, Rilke und Freud mit Lou Andreas Salomé, Michelangelo, Shakespeare, Picasso und Man Ray vor dem inneren Auge. Viele dieser Beziehungen endeten tragisch, und das für beide Partner. Was darf das Genie? Auch andere benutzen und ausnutzen? Sich selbst zugrunde richten? Letzteres mögen wir nicht richten.

 

„Es wuochs in Buregonden/ein vil edel magedin

dasz in allen landen/ niht schoeneres mohte sin

Kriemhild geheiszen/ siu ward ein schoene wip

darumbe muoszen degene/ vil verlieren den lip.“



(1) Susanne Mayer in einer Besprechung von Francine Prose: Das Leben der Musen

15.06.2004 um 09:46 Uhr

Jimi Hendrix

von: hibou

Musik: Castles out of Sand

Zentrale Sagen des Okzidents (1)

 

Die zwölf Taten des Herakles

Die Argonauten

Der Krieg gegen Troja

Die Odyssee

Die Aeneis

Romulus und Remus

Die Nibelungen

Dietrich von Bern

La Chanson de Roland (non)

Don Quijote

 

 

 

was wären die des Orients?

 

 

Bagawadgita?

Gilgamesch und Enkidu

Der Alexanderzug

Nasreddin Hodscha

???

 

Natürlich ziehen die Helden des Okzidents nach Osten, die des Orients (siehe etwa Gilgamesch auf der Suche nach dem Rätsel des Todes) nach Westen.

 

Frage: wohin gehört das Alte Testament?

 

Nasr ed Din war ein realer Mensch! sagt Dilek. Nun, Alexander, Dietrich von Bern oder etwa Attila auch. Sie blieben als legendäre Gestalten, die ein bestimmtes Bewusstsein ihrer Zeit personifizieren. Ebenso mögen wir  in 500 Jahren von manchen Legenden unserer Zeit sprechen und erzählen hören. Bei Marilyn Monroe oder James Dean fing die Legendenbildung sogar fast zu Lebzeiten an.



(1) und ganz gewiss sind es alles HELDENsagen

11.06.2004 um 09:13 Uhr

the abyss

von: hibou

my archives are in motion. These days they focus on Venice (see 1997/1999/2001). What will be the next they spit out?

10.06.2004 um 14:55 Uhr

wiese.sommer.weihnachten

von: hibou

Erdmischungen. Die tiefe Grube bei Fahrion, an deren Rand entlang ich seit zwei Jahren zur Arbeit gehe, ein Mehrfamilienhaus würde reinpassen wenn sie leer ist, was aber selten der Fall ist. Morgens wachsen die Erdhaufen vielmehr in den Himmel, täglich von anderer Farbe und Konsistenz, je nachdem, wo die Baustelle liegt, an der sie gestern ausgehoben wurde, Riesenkräfte sind da am Werk, bedenke nur, die chinesische Mauer wurde mit der Schaufel gebaut oder vielleicht dem Weidenkorb! Manchmal ist es lehmige Muttererde, die Zähne der Baggerschaufel haben sich in korrekt graden Furchen darin abgebildet, manchmal ist es der lilabraune Sandstein der tieferen Schichten, mit Mörtelresten vermischt und vielleicht mit den haarklein zerfaserten Resten einer (grünen?) Wohnzimmertapete aus einer der bescheidenen Eisenbahnerwohnungen, die am Nordbahnhof gerade abgerissen werden, um neuen Einkaufs- und Bürokolossen Platz zu machen, an den Tapeten waren vielleicht Teeflecken, in selteneren Fällen Blutspritzer. Die hellen Stellen wo Bilder hingen wie die nachgedunkelten Flächen unterschiedslos kleingeshreddert....

Und gleichzeitig ist diese Grube eine wahre Goldgrube: aus Schutt und Abraum wird über Nacht teures Erdreich, das an anderem Ort ausgebreitet wird. Die Spuren der Toten ja die Spuren der Taten sind darin, und der Leiden, der Heilungen wie der Gifte. Wobei sich die Krume der Landschaft unaufhörlich und in feinster Weise vermischt, so wie die Schicksale der Menschen, die in diesen sehr weitab von Gott gelegenen Gegenden mit den Jahren und Jahrhunderten zu einem breiten Strom von Leben, Erinnerung, Freundschaft, Leidenschaft, kleingeistiger Mentalität, Unternehmergeist, Apathie und Ergebung zusammengeflossen sind. Es wird Gras wachsen darüber, und dieses wird Kinderbälle hüpfen lassen und die Herzen der Sonnenhungrigen und der Liebenden und derer, die nur einfach auf dem Rücken liegend zum Himmel emporsehen, in ihre Gedanken und Träume hinein, um dort die kommenden Bilder und Erzählungen zu suchen, die sie bald, noch vor Weihnachten, aufzeichen werden....

10.06.2004 um 11:02 Uhr

Kemer-Beauties

von: hibou

Musik: Living in the past, Jethro Tull

Der Mond schien, doch unsere Bremslichter nicht. Dennoch kamen wir sicher nach Hause, ins Kemer-Tal, wo die Kemer-Schönheiten sacht mit den Hüften schwingen.

In such a night

Medea gather’d the enchantet herbs

That did renew old Jason

 

 

Ich erinnerte mich an Venedig und die Biennale (siehe: Archiv:August 1999)

10.06.2004 um 09:47 Uhr

In the mood for legends

von: hibou

Musik: Perhaps, perhaps, perhaps....

Welches werden die Legenden unserer Zeit sein?

 

Ich rate (und nehme mal Dilek aus):

Charles Lindbergh?

Albert Einstein?

Nils Bohr?

Martin Luther King?

Jim Morrison und, na der andere, der sich umgebracht hat, der Macker von Courtney Love

 

Fidel Castro und der Che?

Maodsedong?

Bush und Blair?

 

L’inconnue de la Seine

Wong Kar Wai

Jim Jarmusch

David Lynch

 

 

na na. es sind immer noch fast alles Männer. Tüpesch

 

Rosa Luxemburg

Angela Davis

Ulrike Meinhof

 

Molly Bloom?

Bianca Castafiore?

Lila?

 

Ich vermute jetzt, wir sehen diese Leute und Erzählungen noch nicht, sind ihnen zu nahe.(1)

 

Unsere Legenden werden nicht mehr personenzentriert sein! sagt Dilek.

 

 

 



(1) Wer diese Datei in der Zukunft findet, möge die Liste doch abcecken. Ist ihnen ein einziger dieser Namen Begriff?

09.06.2004 um 10:24 Uhr

white album

von: hibou

Musik: happiness is a warm gun

Where did I put it? Or I sold it, or I brought it to Vienna, maybe it slipped slightly out of my mind and thus out of my control. But who cares? I can tell you the words. Hey, Bungalow Bill, what did you kill? I can sing the tunes, Honey Pie. I’m in love, but I’m lazy, so wont you please come home! She became a legend of the silver screen… And even the daily soap, let’s take Emergency room, is telling about the blackbird singing in the dead of night (take this broken wings and learn to fly…). Dom, dom, dom dim dom dom dooom….Maxwells silver hammer hits Rocky Racoon while Georgia Georgia Georgia Georgia’s always always always on my mind.