Erkenntnistheorien, Delikatessen, Abstammungen
Musik: I remember when rock was young/me and Suzy had so much fun
Sie heißt Ingrid und sieht, obwohl ihr der vorderste rechte Backenzahn fehlt, unendlich schwäbisch lieb aus. Ihr Partner ist ein Marokkaner oder ein Italiener marokkanischer Abkunft oder ein versprengter Nachfahre sarazenischer Invasoren, die schon vor tausend Jahren begannen, die ligurischen Küsten zu plündern, wogegen seine italienischen Vorfahren feste Türme bauten, in die sie sich, wenn das Segel eines solchen Korsaren am südlichen Horizont sichtbar wurde, zurückzogen, was allerdings nicht verhinderte dass sein Ururur-Großvater mit einer Einheimischen (die vielleicht noch die Gänseherde versorgte oder das Weißkraut stampfte oder aus anderem Grund nicht rechtzeitig die rettende Leiter zum Eingang auf der Höhe des ersten Turmstockwerks erreichte) ein Kind zeugte, und wie sollen wir feststellen, ob dies in gegenseitigem Einvernehmen, oder als roher Akt geschah, wenn auch er selbst, der ferne Sprössling, weder einen Schatten noch einen kleinen Wärmepunkt mehr in seiner Seele finden kann, die darauf schließen ließen? Allerdings bietet er in dem Lokal, das die beiden in der Bauernmarkthalle im Stuttgarter Westen betreiben, solch Delikatessen wie luftgetrockneten Landschinken, eingelegte Feigen, alten Reggiano, solche Weine wie Langhe, Dolcetto und Barbera an, und jeden Mittwoch gibt es frische weiße Trüffel aus dem Piemont, wenn auch nur auf Vorbestellung und zu einem Kilopreis, zu dem man wohl mehr als seine Monatsmiete bezahlen könnte, was schon darauf schließen läßt, dass er so sie vorhanden waren, seine vorgeburtlichen Traumata in dieser Hinsicht überwunden oder doch gastronomisch sublimiert haben muss.
Ich gehe Samstags dahin essen, mich bedient eine junge Schwarze – so, und jetzt behaupte nicht auch noch, dass dieselbe von nubischen Sklaven abstamme!, höre ich dich, geneigte Leserin, sagen – ich mustere die Kundschaft, die soeben an den zahlreichen Bioland- und Demeter-Ständen des ehemaligen Straßenbahndepots ihre Wochenendeinkäufe getätigt hat: was sind es? Akademische Altlinke? Zu Wohlstand gelangte Achtundsechziger. Zufriedene Marschierer durch die Institutionen? Künstler, Grafiker und Webdesigner? Lehrerinnen im Nostalgiestand?
Ingrid, die Chefin, legt regelmäßig „Crocodile Rock“, „Honey Pie“ und „Susan was an artist“ auf, was die meisten Zweifel beseitigt. An den rohen Holztischen wird „Zeit“ gelesen, und mal Doris Lessing, mal Annette Proulx oder Benoite Groult
Was brauche ich zu sagen? Bin auch nicht umsonst hier.......Auch ich mag italienische Küche, Leonard Cohen und die Erinnerung an die Zeiten auf den Frankfurter Demos...Was Du siehst, bist Du selbst. Und dass ich Sarazenen und Nubierinnen mag, ist wahrlich nichts Neues.
Ist also diese Markthalle nur eine physische Verkörperung meines Innenlebens und meiner Erinnerungen? Nein. so viele Statisten kann ich doch nicht bewegen, gerade jetzt hier zu sein und diese lebendige, schwatzende, lachende, rauchende, zucchinischmatzende Menge abzugeben!
Oder sehe ich nur einen ganz subjektiven Ausschnitt der Wirklichkeit? Der erst abgerundet und objektiv würde, wenn alle Menschen die an diesem Vormittag hier sind, ihre jeweiligen Wahrnehmungen und Gedanken zusammentragen würden?
Oder lebt die Wirklichkeit völlig ungerührt meiner Eindrücke stumpf und sinnlos dahin?
Lass uns annehmen, dass die Realität erst durch die Fragen an sie langsam und unendlich vielfältig und liebenswert anfängt, zu erscheinen. Mhm! Hab ich da nicht den milden Geschmack von Mozzarella auf der Zunge und im Gaumen? Gott! Du hast den Basilikumbusch erschaffen! Danke auch.
