Message in a bottle

30.03.2005 um 21:31 Uhr

geschichten in der schachtel

von: hibou

nicht lange nach mittag traf ich meinen freund edgar. er saß wie gewöhnlich in seinem antiquariat, doch da es samstag war, ohne jede kundschaft. trinkst du ein mineralwasser? er zeigte mir, wie er aus einem alten gebetsbuch (großschrift) zeilen oder worte ausgeschnitten und sie zusammen mit welchen aus der tagespresse zu neuen gebeten zusammengeklebt hatte. jeder, sagte er, schneidet anders. ja, meinte ich, und jeder auf anderen feldern. bileam ritt seinen stoischen ritt irgendwo auf seite 238 und sein reittier hephzibah schliff sich die hufe an judäischem kalkschiefer. als sie den engel sah, blieb sie stocksteif stehen. bileam schlug sie, dreimal. in hebron wird das regierungsgebäude der palästinenser gesprengt. zweimal ein dumpfer knall, zweimal zitterte die erde. edgar gibt die buchbindearbeiten herrn ulmer in kommission. dieser ist mit einem paar befreundet, jossu und halina. jossu ist seit monaten arbeitslos, halina hat glücklicherweise ihre fünf familien bei denen sie putzt. aber jetzt pass auf: halina misst genau einen meter neununddreißig, während jossu fast die zwei meter neunzehn erreicht. auf der straße gehen sie wie vater und tochter hand in hand. halina stören die fettigen haare ihres mannes nie. bei kreuzworträtseln, die sie an ihren freien abenden lösen, übernimmt er die senkrechten und sie die waagerechten zeilen. in der küche schaut er souverän in die bratpfannen, sie übernimmt den backofen. und frag nicht, wie sie die schubladen und regale untereinander verteilt haben. sie kann ohne sich zu bücken einen wespenstich in seiner leistengegend aussaugen. er hält sich für beide am ledergriff der straßenbahn, die vor seinem schlüsselbein baumelt. als halina neulich mit ihrer gicht im katharinenhospital lag, träumte ihr, sie stünde auf der bühne. gleich würde sich der vorhang öffnen. atme, atme, sagte sie sich. das publikum drang als wortschwall durch den vorhang. doch der lärm verebbte. sie hatte ihre rolle vergessen, und wusste noch nicht einmal das stück! ich glaube, sage ich zu edgar, es war "come tu mi vuoi" von pirandello. ich nehme mein diktiergerät aus der tasche, reibe es an der linken achsel staubfrei, drücke den knopf und spreche hinein: getarnt als buchhändler beschattet der detektiv die leute, die ein stilles geheimnis mit sich tragen.....

30.03.2005 um 15:44 Uhr

wo die dörfer waren

von: hibou

steinmaennchen, 1000x60x50cm, mischtechnik. hibou (ohne copyright)

30.03.2005 um 11:48 Uhr

migration prozessual

von: hibou

Gestern in den Bergen (sie sehen aus wie die Dolomiten, sind aber nur wenige 100 Meter über dem Meeresspiegel) war ich bald das einzige menschliche Lebewesen zwischen Schildkröten, Schlangen, Eidechsen, Geckos, Rebhühnern, vielen Singvögeln und Milliarden von Insekten. Mühsam suchte ich mir meinen Weg bergan durchs Gestrüpp und war froh, einigen ausgetretenen Kuhpfaden folgen zu können. Doch auch diese hörten bald auf. Im Gewucher von grünen Massen stiess ich aber immer wieder auf Spuren verschwundener Zivilisation: Steinmauern, die sich den ganzen Hang hochzogen, halbzerstörte Brunnen für Mensch und Vieh, dann sogar Grundmauern von Gebäuden. Mir wurde auch bewusst, dass stellenweise Terrassen angelegt worden waren. Und neben Mauerresten wuchs eine ausgewilderte Gartenrose...

Was war geschehen? Hier, etwas von der Küste entfernt, müssen vor nicht allzu langer Zeit noch Dörfer gestanden haben, muss Landwirtschaft und Handwerk getrieben worden sein.

Dann kamen (grosser roter Pfeil auf der Europakarte) die Touristen. Überall an den Küsten entstanden Hotels und Fremdenverkehrsgewerbe. Arbeitskräfte wurden angeworben, Hotelpersonal, Putzkolonnen, Köche, Friseure, Barkeeper, Serviererinnen, Bademeister, Surfer und Guletbesatzungen, alles, was das Nachtleben so braucht... Und rings um die Hotels wuchsen kleine Geschäfte und Restaurants aus dem Boden. Es wurden jedes Jahr Mengen von Sommerhäusern gebaut, auch für dieses brauchte man Arbeiter. Wo kamen die her? natürlich aus den Dörfern im Binnenland - und übertragen gesehen aus dem ganzen Land, besonders aus dem armen Osten. Aus einfachsten Ziegenhirten wurden so über Nacht Kellner und Bodyguards (unzählige kleine blaue Pfeile aus dem Inland in Richtung Küste).

Der eine Strom - der Fremden, der Gäste - sog also die Einheimischen an und veränderte ihr Leben. Denn natürlich sind Touristen viel leichter anzubauen als Gerste, Wein und Gemüse, viel leichter zu halten als Vieh. Sie kommen im Frühling; ist eine Schicht abgeerntet, kommt die nächste, sie lagern tagsüber regungslos im Sand, werden abends kurz lebendig und lagern dann in den Bettenburgen, überall lassen sie Mengen von Euros. Dann, im Winter braucht keiner sich um sie zu kümmern, völlig selbständig besorgen sie sich durch harte Arbeit das Geld für die nächste Ernte. Man hat eine Weile Ruhe vor ihnen, sehnt sie aber bald schon wieder herbei, weil sie der Quell allen Wohlstands sind.

Das Binnenland aber ist leergesogen, die Dörfer verfallen. Nur die wenige Kilometer vom Strand existieren noch, dort sind die Leute nur noch ein wenig nebenbei mit Garten, Mandarinenplantagen und dem Federvieh beschäftigt, hauptberuflich aber sind sie Dolmuşchauffeure, Sicherheitspersonal oder Dönerci.

Auf diese Weise hat die eine Welle der Wanderung andere ausgelöst und die Geographie und Wirtschaft grundlegend verändert.

Solche Strömungen und Migrationen finden überall auf der Erde in verschiedener Weise und aus unterschiedlichen Ursachen heraus statt. Man könnte sie auf der Karte einzeichnen und dabei über sie nachsinnen. Die Völkerwanderung. Die Mongolenzüge. Die Auswanderung in die neue Welt. Die Gastarbeiterzüge. Die Fussballweltmeisterschaften. Die Dokumenta in Kassel. Der Gang zum Zeitungskiosk. Die wachsende Mobilität der Arbeitslosen. Die Raubzüge der US-Soldateska......

In den Bergen aber breitet sich die unerzogene Natur wieder aus, erobert weite Gegenden zurück und überwächst alle Spuren unserer Anwesenheit. Ich setze mich schwitzend auf einen Felsblock und betrachte die roten Sterne von Gladiolus Illyricus. Aus ihr züchteten vor tausenden von Jahren die Wissenden unsere Gartengladiole.

29.03.2005 um 12:32 Uhr

Lodos und Graslilie

von: hibou

Der Lodos weht die ganze Luft weiß und staubig. Die Leute husten und die Namensvettern Scirocco und Samum lassen grüßen (oder helfen heimlich mit). Die Atmosphäre ist völlig diesig und auch die nahen Horizonte verschwinden. Mir fiel des Windes Rauschen in den Bäumen auf: er spielt sie ganz verschieden: die Palmen wie Stahlmesser, die Eukalypten wie silberne Glöckchen und die Tamarisken benutzt er für sein Liebesgeflüster. Ich fuhr der Küste entlang nach Yalikavak und dort auf die langgestreckte Halbinsel, die die Bucht fast kreisförmig umschließt. Etwas Kalkgestein zeigt sich zwischen der Lava. Die Vegetation fast alpin: geduckte Zwergkiefern, niederliegender Ginster, dessen gelbe Flächen von großen dunkelvioletten Teppichen von Kronwicke und Schopflavendel gefleckt. Und mitten im stechenden Geäst tausend Sternbüschel einer weißen Graslilie.

29.03.2005 um 11:55 Uhr

mit cesino in paduas vororten (kneipen 87)

von: hibou

ahja andrea de carlo, liebe gabri.... ich hör heut "creuza de mà" von fabrizio de andré und die erinnerung an einen mittag im fiat ist als sechster track beigemischt, ein mittag in padova bei der festungsmauer oder beim botanischen garten, cesino saß am steuer, erzählte mit ausladenden handbewegungen und verfuhr sich ständig - ma che succede? - neben ihm imogen aus sidney (oder melbourne?), auf dem rücksitz irene ich und iride schwitzend, die kuppeln des santo, iride knabbert tsocolata, draußen staub, fahrradrennen, kanäle, kaputte ampeln und die gerüche! ein flüchtiger priester läßt sich um ein haar von cesino plattfahren, wir steuern erst mal eine bar an. cesino streicht sich den silbernen schnurrbart und die biertropfen perlen an seinem handrücken entlang. wir suchen das astronomische und physikalische museum der università. astrolabien versus jesuiten. eppur si muove.

28.03.2005 um 15:08 Uhr

Gastbeitrag "Am Margaretenplatz mit Kathi" von Fipsi (Kneipen 86)

von: hibou

ich hab die kathi gesehn. ich bin die kathi, hat sie gesagt. und du?, hat sie gefragt. hast von mir gehört? ich hoffe, nur gutes.

nachher sind wir spazieren gegangen.

einen martini, einen whisky und einen perrier später hab ich schon viel mehr von ihr gehört.

sie war eine kathi kein gretchen und wollt nix darüber erfahren, wie ich mit gott steh. zum glück, kann ich da nur sagen. mit gott soll sich wer auskennen.

ich halt mich an die kathi.

27.03.2005 um 17:40 Uhr

Café des Narcisses (Kneipen 85)

von: hibou

Im Vorbeigehen sah ich, wie das Mädchen die Zellophanhülle mit dem Finger aufriss. Das Kartenspiel war brandneu. Eicheln –Sieben lag zuoberst. Ein unberührtes Spiel Karten löste in mir, als ich Kind war, fast religiöse Gefühle aus. Zum allerersten Mal erblicken die Bilder und die Luschen das Tageslicht. Wie kühl und glatt sie sich anfühlen. Noch ließen sie sich nicht so leicht auffächern wie im künftigen speckigen Zustand. Im Innern alle Verheißung, alle Ungewissheit, alles Wohlgefühl hunderter kommender Spiele. Drei Blatt, vier Blatt. Nur Ass und sechser!. Aber wer weiß wie’s liegt. Der Stich. Die Handbewegung, ihn vom Tisch einzusammeln. Die Ernte! Zeigefinger und Daumen tasten nach der nächsten Karte. Ausspielen.

So ging es Stunde um Stunde, bis das Mädchen aufstand.

Mila ging hastig über die Straße, verschwand nach Sekunden im Haus gegenüber. Onkel Todorovic zählte sein Geld, strich sich dann über die Kinnstoppeln. Der zephyrblaue Anzug abgeschabt und ausgebeult. Er nickte den andern kurz zu. Musste noch die Kaninchen füttern gehen. Eines davon sah aus wie Schellen Under, fand er immer.

(zurück ins Funkhaus)

26.03.2005 um 15:26 Uhr

Yol (Kneipen 84)

von: hibou

Gestern abend auf dem Heimweg noch im "Yol" gewesen. Ich mag das Lokal schon wegen seines abgetretenen Dielenbodens, der fast ebenso dunkel ist wie Tische und Stühle und Theke, und auch weil die getäfelten Wände hellgrün lackiert sind, was Ton in Ton zum glitzernden Kleid der Bauchtänzerin passt, die ja, wie mir im Augenblick des Eintretens an der lauten Musik klar wird, hier Wochenends tanzt. (Später, umgekleidet, wird sie sich als eine waschechte Stuttgarterin entpuppen. Wie, wenn ich in Kairo Alphornkurse anböte? Doch warum nicht. Anything goes?)
Während mir mein Adana-Kebap gebracht wird, vermisse ich meine Online-Liebste aus Istanbul. Das Fremde lieben, unbesehen? Vielleicht eher das Unerreichbare? Habibi, habibi, habibi, singts aus dem Verstärker unter der Decke. Yol, der Weg. Ich mach mich vom Parkett.....

25.03.2005 um 13:15 Uhr

Captain Cook in der B-Ebene (Kneipen 83)

von: hibou

the world will devore you, so you better taste good. neben der rolltreppe auf der b-ebene esse ich einen selbst gemischten gemüseteller. betrachte kauend die muttermale meines gegenübers. eine schräge linie. der schwarze punkt rechts der nase tiefer als der links, zusammengehalten von einem goldenen nasenring im linken flügel. darunter mahlende kiefer. keine paradiesvogelfeder quer hindurchgeschossen. ein weiterer fleck, linsengroß, rotbraun, wandert unmerklich den hals hinunter. endeavour, discovery, resolution. mancher entdecker ist am schluss selbst verspiesen worden.

24.03.2005 um 16:32 Uhr

Er hat was verwandelt

von: hibou

Wer war's ? Er war General, führte blutige Kämpfe,  vor ihm und seinen Mehmets mussten sich die vereinigten Englisch-Französischen Flotten und Armeen vor Gallipoli geschlagen geben. Er gründete in aussichtsloser Lage einen Staat, der immer (noch) besteht. Er war und ist die grosse Vaterfigur. Ein Herrenreiter, Charmeur, ein starker Trinker und Raucher. Also ein Mann wie er im Buche steht.

Bis hierher. Was er nicht tat: Er überfiel keine anderen Länder, er verfolgte keine imperialistischen Pläne, er rottete keine Minderheiten aus, seine Gefährten, Freunde und Mitkämpfer liess er nicht in Paranoia über die Klinge springen, er  brachte keine Reichtümer für sich selbst auf die Seite.

Dafür setzte er auf Emanzipation, folglich zu allererst auf die der Frauen, nahm seiner eigenen und allen den Schleier ab  - was in diesen Weltgegenden nun nach fast einem halben Jahrhundert rückgaengig zu machen versucht wird -, gab seinem Land ein ganz neues Alphabet, eine neue Erziehung und ganz neue Gesetze und liess sein Volk einen gewaltigen Sprung in die Gegenwart tun. Typisch maennlich? Schön waers.......

23.03.2005 um 16:55 Uhr

ich jesaia euch weissage.....

von: hibou

"Es gibt dieses wunderbare Kapitel bei Jesaia, in dem es heißt: Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieser Spruch hat mich immer fasziniert, schon als Kind. Diese Poesie, die Tatsache, dass man beides zugleich sieht … das Gras und wieder eine Stadt, das Gras und wieder eine Stadt."

(Anselm Kiefer)

22.03.2005 um 16:32 Uhr

mal ins kino gehn......

von: hibou

22.03.2005 um 01:55 Uhr

cathérine m. (aus alten rezensionen)

von: hibou

Cathérine Millet: « Das sexuelle Leben der Cathérine M. »

Die Rezensenten dieses Romans – der uns dazu verleitet, die Hauptperson, « M. », mit der Autorin zu identifizieren, was wir aber tunlichst vermeiden sollten – sind sich trotz aller expliziten Schilderungen von Sexualität, nein, besser von Sexualorganen, darin einig, es nicht mit einem obszönen Buch zu tun zu haben. Vielmehr beschreibt „M.“ ihre Erlebnisse mit der Präzision und Kühle eines Ingenieurs. Sie zählt die Form der verschiedenen Penisse auf, sie wundert sich, wie leicht einer der überdimensionierten in ihren Anus dringt, sie legt sich unter Dutzende von Männern und wird selbst beim Händewaschen noch von hinten besprungen. Sie zieht sich so oft wie irgend möglich aus, genießt Luft und Licht auf Haut und Geschlecht. Ist ihr Ziel also gerade, aus dem schwülen Bann so genannter „Erotik“ hinauszugelangen? „Ich glaube, dass ich meine Würde eher bewahre, wenn ich meine Beine breit mache“, sagt sie. Interessant wäre also, zu erfahren, welche Wirkung die Lektüre des Buches auf Spanner und Wichser hatte. Wahrscheinlich eine abregende, denn genauso wie die Nacktheit des Menschen im FKK-Gelände nach und nach unsichtbar wird, wird es in Millets Bericht durch Häufung der Abfolge der Geschlechtsakt. Ihre Heldin lebt ihre Sexualität öffentlich aus, veröffentlicht dazu nachträglich ihre Erlebnisse, bietet Busen, Möse und Arsch jedem an. “M.“ opfert alles Geheimnisvolle der Sexualität, entledigt sich auf radikale Weise jeden Schleiers (von Anmut, von Erregung, von Traum und Erlösung): "Es gefällt mir, meine feuchten Schamlippen aufeinander klatschen zu hören, das klare Geräusch weckt mich aus meinen Phantasmen." Die These ist anregend, selbst wenn sie nicht alle überzeugt. Jean Beaudrillard wendet ein: ”Die Naivität der Cathérine Millet liegt darin, dass sie glaubt, es reiche aus, den Rock zu heben, um Zugang zur nackten Wahrheit zu erhalten – sei es die Wahrheit über Sex oder die Welt. Den Rock zu heben heißt aber bloß, sich selbst zu zeigen. Wer glaubt schon, dass die Wahrheit bleibt, wie sie ist, wenn sie entschleiert wird? Sich zu entblößen heißt, einem ganzen Reich von Erscheinungen, von Verführungen und Täuschungen zur Sichtbarkeit zu verhelfen – was gerade das Gegenteil von Wahrheit bezeichnet.“ Und noch einmal Beaudrillard: „ Sie... wollen das Ärgste berühren, möchten einen Paroxysmus von Entblößung erreichen. Aber nichts geschieht. Die Mauer des Obszönen kann nicht durchstoßen werden.“

Cathérine Millets Buch gehörte spannenderweise zu den meistgelesenen und dabei meist abgelehnten Titeln der damaligen Saison.

21.03.2005 um 16:37 Uhr

Es ist leicht

von: hibou

„Es ist leicht, ein Volk zu kontrollieren. Erschaffe einen Feind, sage, wir werden angegriffen und nenne jeden, der dir widerspricht, unpatriotisch.“

(Hermann Göring)

(gefunden im Spruch des Tages)

20.03.2005 um 17:00 Uhr

Parallelen? Der Alte vom Berge einst und heute

von: hibou

Hasan ibn-al-Sabah, der „Alte vom Berge“, der im 11.Jh. auf seinem Adlerhorst Alamut in Nordpersien sass, stand in seinem Glauben in scharfem Gegensatz zu den moslemischen Dynastien seiner Zeit (er gehörte den Ismailiten an, deren Herrscher heute  der Aga Kahn ist). Er muss über ein faszinierendes Charisma verfügt haben, denn er brachte seine Jünger, die Fedayin, ("die sich Opfernden") , dazu, seinen Befehlen bis in den sicheren Tod zu folgen. Auf seinen Burgen, die alle in unwegsamen Gegenden lagen und schier uneinnehmbar waren, verschanzte er sich mit seinen Getreuen, brachte die Bergbevölkerung dazu, ihn zu unterstützen, errichtete einen „Staat im Staate“ oder vielmehr einen Nichtstaat,  eine der asymetrischen Kriegsführung obliegende Fraktion, eine NGO (Non Governmental Organisation, allerdings eine sehr hierarchische). Er verfügte über ein ausgebautes System von Boten – dıe unter anderem von Gipfel zu Gipfel mit reflektierenden Metallschalen morseartige Lichtzeichen weitergaben und so fast telegraphenartige Geschwindigkeit erlangten – von denen er von den Feldzügen, die zahlreich gegen ihn geführt wurden, gewarnt wurde, so dass er immer wieder entkommen konnte, und mittels derer er seine Befehle an die ismaelitischen Minderheiten in Persien, dem Iraq und Syrien sandte.. Nur mit eine Dolch bewaffnet, zogen die Assassinen, wie sie bald genannt wurden (und niemand weiss genau, woher der Name stammt), aus um ihre Selbstmordattentate zu begehen. Groswesire, Würdenträger, Herrscher, wir würden sagen: Politiker, doch niemals einfache Leute, wurde zu seinen Opfern. Viel grösser aber als die Zahl der Ermordeten wurde der schiere Schrecken, den sein Ruf verbreitete (Manchmal wurden die Opfer nicht umgebracht, sondern fanden den Dolch und ein warmes Brötchen beim Erwachen neben ihrem Kopfkissen). Bis ins 13.Jh. gab es diesen „Alten“ in verschiedener Gestalt, zuletzt auch in Syrien auf der Festung M.  Doch schon zu seinen Zeiten richteten alle anderen einheimischen Herrscher, dazu die Kreuzfahrer und Ordensritter, die mogolischen Reiterscharen etc. weit grössere Gemetzel an. Von den modernen Metzeleien einmal zu schweigen. Sein Mythos aber hat bis heute überdauert. Ein moderner „Alter vom Berge“ hat sich im letzten Jahrzehnt diesen Mythos sogar angeeignet. Wer fällt Dir da ein?

19.03.2005 um 15:27 Uhr

wer; ja wer? (Kneipen 82)

von: hibou

erster schöner tag in meinem draußenstammlokal am schlossplatz....

meine kellnerin ist wieder da und sie erkennt mich noch nach dem langen winter. erinnert ihr sie, die russische, in die sich mein pixel ich sommers verliebte? sie ist noch magerer noch weißer und noch scharfkantiger im gesicht. aderig steht sie in ihren sandalen. und die sonne scheint die leute aus den betten heraus, mußte sich schon einen halben tag bemühen darum und scheint nun gnädigst auf ver.di genauso wie auf jup.pie.

trinke vernaccia auf die beständigkeiten des lebens. wer verreiste? wer verstarb? wer findet den weg nicht mehr? wer war noch nie hier?

fragen zulassen... sagt mein supervisor.

18.03.2005 um 19:42 Uhr

oderbrück (Kneipen 81, Gastbeitrag W. Schlüter)

von: hibou

"sonntagvormittag. sonnenschein. im narrenspital von oderbrück. ein mädchen im grauen kittel löffelt rhabarberkompott. ‘lasurfarben’ flüstert es, und ‘ideallandschaft’. das mädchen rührt mit dem löffel im rhabarberkompott und sagt ‘altdorfer malte seine bilder im landeskrankenhaus krefeld. albrecht dürer malte zuletzt in der heilanstalt königslutter. hackert kam ins zucht- und werkhaus enkensbüttel. rhoden malte in einer geschlossenen abteilung. runge starb in der psychiatrischen klinik eppendorf. im narrenturm malte caspar david friedrich. macpherson schlug seine staffelei im hoxton lunatic asylum auf. pantani brachte sich im hotel bravo zu rimini ums leben. güte malte noch im wachkoma. carus wurde wahnsinnig. blechen wurde wahnsinnig. ein löffel für max liebermann. ein löffel für sasa. ein löffel für leuwenkerk. ein löffel für lovis corinth. ein löffel für segantini. ein löffel für max slevogt. hans von marees wurde wahnsinnig. arnold böcklin malte mit zwangsjacke. friedrich von steeck starb in geistiger umnachtung. menzel starb im irrenhaus, overbeck kam in die heilanstalt’; das mädchen löffelt rhabarberkompott im narrenspital von oderbrück. sonnenschein. sonntagvormittag."

17.03.2005 um 16:56 Uhr

Select, spät (Kneipen 80)

von: hibou

Meine Talente sind teilweise mit den Weinflecken im Tischtuch versickert. Ich fühle mein Ich im Brustbein, sich von da über den Körper ausdehnend. Wer die Schönheit hat gesehn mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben. Nun gilt es, neue Fähigkeiten zu erwerben. Die Fischgräten der Seele. Das soziale Urphänomen: einschlafen – aufwachen.

Now we’ve got another Bihac. Vom Schneebrett mitgerissen.

Gesprächsfetzen. Seidentücher. Zutaten. Zahnstocher.

Denn käm’ ich als ein Löw’ und hätte Harm im Sinn…

Tropfsteine

Entschuldigen Sie, ihre eine Brust hängt raus! Ach, Mist, jetzt hab’ ich schon wieder den Säugling im Bus vergessen!

Seelenhalle Silberschuppen Gesässgeographie. In a state of siege.

Stumm lehnen die Kneipenstühle an ihren Tischen.

Die Menschen sind vor die Tür gegangen, die Sperrstunde hatte sie mitgenommen. Nur ihre Gesten schwebten noch im Raum. Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?

16.03.2005 um 18:26 Uhr

moordiele (kneipen 79)

von: hibou

Guidi erwacht mit schlechtem Geschmack im Mund. Er spürte mit Unbehagen die Sandkörner zwischen Fußsohlen und Laken. Aus der Wärme der Decken sprang er auf, ja, er, Herrscher des Miststreuers und Bändiger der Drillmaschinen, schlüpfte in Hose und Troyer, griff nach Mantel und Mütze und machte sich auf den Weg.

Der Kies knirschte unter seinen Schritten, als er über den Vorhof der Moordiele auf die Kneipentür zuging, im Öffnen der Tür die Mütze abnahm, es war immer dieselbe Zeremonie, von schwarzen Fensterscheiben angestarrt und doch wissend, daß Benita sein Kommen schon bemerkt hatte. So wie sie das Kommen und Gehen eines jeden Kunden genauestens registrierte.

"Na, Maso, heute frei? Ein kleines Bier?"

"Ja, bitte, und Streichhölzer."

Wenn es dich noch gibt, sag, wo ich dich finde...

Guidis Zeit hier im Moordorf geht zu Ende. Noch hängt er verzweifelt daran, aber mit dem Kopf wird er gehen und niemand wird ihm dieses Jahr vom Gesicht ablesen können;

Es ist bereits dämmrig, das bißchen Licht, das durch die tiefen Wolken dringt, bleibt in der großen Kastanie auf dem Hof hängen. Benita hat ihren "Miss America"-Pullover an.

"In Erdkunde war ich gut," das ist Martin Schmidt, ein paar Hocker weiter, er zeigt ihr Boston rechts, Vancouver links, sie haut ihm gutmütig auf die Finger, "und Feuerland? Schall ick di wisen?"

"Hat mir letzt schon einer zeigen wollen, mit mir nich, nee!"

"Freies Wochenende?"

"Mhm."

"Brauchst Jolanthe, Samantha und Dolores nich füttern?"

Guidi tauscht den wackligen Hocker gegen den mit dem aufgeplatzten roten Bezug und setzt sich seitwärts ans rechte Ende des Tresens, mit dem Rücken zur Schiebetür. Sein Platz, wenn er abwartet, Auge ist und stumm ("So’n ruhiger Typ!" sagt Dieter, der Wirt, immer).

Am linken Ende steht er später, wenn er aufwacht, wenn Heike da ist oder Bärbel oder Birgit.

Aber vor allem, wenn Heike kommt.

"Um ehrlich zu sein", denkt er, "hab’ ich hier fast immer auf Heike gewartet, ein ganzes Jahr."

Benita ist geschäftig, mit ihrer Stupsnase und den hohen, vorspringenden Wangen hat sie etwas sehr tüchtiges an sich. Wenn keine Kundschaft da ist, sieht sie fern oder löst Kreuzworträtsel in den Illustrierten oder blättert nur. Oft spricht sie mit einem über die Leute im Dorf, Klatsch, aber recht gutmütig. Jan Kurve, der wieder so blau war, daß er dem Streifenwagen über die Felder zu entkommen versuchte. Benny, der seine Hose verwettete. Charly hat was angesetzt, dabei wollte er doch Schluß machen...

"Und, was haste mit Heike heute Abend vor?"

Ein glücklicher Mensch, zweifellos. Hält sich alle gut vom Leibe und möchte doch niemals ohne sie sein.. Ihre rührende Art, hübsch zu sein. Guidi denkt gut von ihr. Mit Benita gibt es keine Mißverständnisse, selbst wenn man weit nach Mitternacht mit ihr im "Delphin" ins Schwimmbecken springt.. Danach war er allerdings doch baff gewesen, und ratlos vor allem, als sie aus dem Haus auf die Straße rannte, und er mit ihren Klamotten hinterher...

Jetzt bei ihrer letzten Bemerkung fällt ihm der Vormittag ein und der komische Zettel.

"Schon mal von Ullaika gehört?"

"Wie bitte", schrill, "nö, die kenn’ ich nicht", sie bringt Martin das nächste Bier, "ne Kartoffelsorte? S’ gab mal ne Ulrike in der einen Wohngemeinschaft vorne in Bornreihe, aber die ist lange weg..."

"Ich weiß nicht, ob Ullaika ein Mädchen ist -.."

"Wieso? Wäre gar nicht schlecht als Name!"

Sie unterhalten sich über ihre bevorzugten Namen, verrückte und weniger verrückte, kommen bald auf die typischen Familiennamen der Gegend, die Brünjes, Stelljes, Lütjen, Tietjen, Bohling, Schnakenberg, Flathmann und Böttjer zu sprechen, und wie völlig normal es ist, daß jeder aber auch jeder seinen Spitznamen, oft blumig ausgeschmückt, oft eine halbe Geschichte, hat. Wie die Kriegsnamen der Indianer, denkt Benita. *)

 Jetzt kommt Dieter reingeschlichen, verplätteten Gesichts ("fühle mich wie ein Schellfisch"), und macht die Sportschau an.

Drüben am Fenster haben sich Charly und Camacho zum Schachspielen hingesetzt.

"Wer Anita sagt, muß auch Benita sagen!" Martin regt sich wieder. Charly rochiert. Guidi blickt zerstreut auf den weißen Turm, da sieht er es plötzlich: Eine ungeheure, blendendhelle Siedlung, wie tausend Santorins, auf steilen Hügeln. Er nähert sich ihr Fuß vor Fuß. Noch geht er durch Vorstadt-Slums. Schlammige Wege, tiefe Wagenradfurchen, Unrat, gesäumt von kubischen, fensterlosen Bretterbuden, aus denen streitende Stimmen in einer unbekannten Sprache ertönen. Doch gegenüber, hoch über dem Mülltal die Stadt DIE STADT ein Schwindelgefühl und ein immer stärkeres Benommensein. Er hat Athen gesehen und Pitigliano und Orvieto, doch das ist unvergleichlich viel größer und unwirklicher, vor allem jetzt, wo er vorsichtig hangelnd auf dem Talgrund angekommen, vor dem Bab-es-Schams steht. Nach kaum ein paar Minuten vermißt er im Gewimmel eines Platzes mit Stufen, Brunnen, Hufeisenbögen seine gesamte Barschaft und dazu Reisepaß und die anderen Papiere..

"Trink aus! Ist dir nicht gut?"

"Das Labyrinth ist...zugleich der Kosmos, die Welt, das Leben des einzelnen, der Tempel, die Stadt, der Mensch, der Schoß, die Eingeweide der Mutter Erde, die Windungen des Hirns, das Bewußtsein, das Herz, die Pilgerfahrt, die Reise und der Weg."

Demnach mußte es sich um einen festen Ort mit Namen Ullaika oder so ähnlich handeln, eine Siedlung oder Burg.

"Trink noch einen mit!"

"Jo," gutmütig, "Prost, auf alle Reisenden!"

"Du warst wohl eben wieder mal weit weg?"

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*) Edu von der Post (Benita, du bist ein Königskind!)

Benny, schlaksig

Rita, die nach Oklahoma geheiratet hat

Radau-Kück

Hannes, der Milchkontrolleur

Susanne, mit Manni verlobt (hat auch was angesetzt)

Gemüse-Mariechen (...muß man großhacken!)

die drei Frauen im Wurzelkeller

Bärbel Tacke, sucht Arbeit (Eifersucht: sie hat mit Brase einen gezischt)

Klaus, der Schönste im Dorf. Wenn er getrunken hat, spricht er nicht mehr

Thea, Hinnis Frau

Fidi: wo ist Johann?

Dragomir, der Kaninchenzüchter

Mao und Kongo, Geldbeutel verloren

Irmgard, Frau des Hundes

Cylax, Opfer des Hundes

Norbert, der Hund

Brigitte Bornreihe auf dem Miststreuer

Jan Kurve, Thido und der schwatte Dierk

Korea und Knolle

Schorse und seine Rottweiler

Little

Jan, der Flankengott

"Schneidsie" und Marion, die Bratkartoffeln mag

Luey aus Wallhöfen und Thailand, "Knack und Back!"

Charly, von Hannah getrennt

Hannah, von Charly getrennt

Wilfried ist nicht da, Günther ist nicht da, küß mich!!

Chrisby, Vater von Susannes Sohn

Skippy, Viehhändler und schlechter Mensch

Egon und Bienchen

Heike Düwel aus Himmelpforten.........

15.03.2005 um 22:37 Uhr

22.00

von: hibou

ich war heut zum tee bei pembegül eingeladen, ich wollte extra nicht zum dinner, denn dann dauerts 11 - 13 stunden, so bin ich jetzt schon zu hause.

es war einfach traumhaftes wetter heut, überall roch es nach frühling, selbst im strassenstaub. die menschen gehen wieder im hemd und mit etwas einbildungskraft seh ich am strand schon wesen in bikinis..... und all die drinks und all die schweisstropfen und die lachsalven des sommers kann man ahnen. und auch die schwülen nächte, die morde aus eifersucht, die glassplitter in den händen. die langen rakigespräche, die abende im suff. die sonnenaufgänge. und wir schwimmen schon wenn alles noch schläft. hülya und ebru, unsere beiden almanci (so nennt man türkInnen, die in deutschland gelebt haben) werden gekommen sein. es sind sommersprossige, reife frauen, die kinder grossgezogen haben, die therapeutische ausbildungen haben, deren haut nur gerade einen tag überreif ist, die grossmundig sind vom küssen. ah! der sommer....