Message in a bottle

27.04.2005 um 13:33 Uhr

von katzen und menschen

von: hibou

Diese Woche haben Dilek und ich einen langen Artikel über Katzen aus der “Zeit” gelesen und übersetzt. Ich lese dabei den deutschen Text laut auf Englisch vor und Dilek schreibt es in Türkisch nieder, immer die Erlebnisse mit unseren eigenen Katzen vor Augen.

Der Artikel handelt von der Haustierforschung und ist zu weiten Teilen den Miezen und dem Katzenforscher Dennis C.Turner, der in Zürich arbeitet und lehrt, gewidmet. Alles mögliche können diese Süßen, und umso erstaunlicher scheint dies, da sie sich als überzeugte Nachtjäger und Einzelgänger sehr gut dem Sozialgefüge der Menschen angepasst haben. Nur eines tun sie niemals: Befehle ausführen und sich in Hierarchien eingliedern. Mit Disziplin und Strafen ist da gar nichts auszurichten. Manchmal hätten sie allerdings Lust, „gehorchen zu spielen“, besonders, wenn noch eine kleine Belohnung herausspringt.

 

Ach wäre es bei uns Menschen auch so! Hätten wir nur Lust, eine bessere Welt spielerisch zu realisieren! Unsere Kultur wäre der Gipfel….. Aber was tun wir: wir wollen Hierarchien, einen Führer, der uns sagt wo’s langgeht. Wir kriegen den Arsch nicht hoch, es sei denn, es wird uns Strafe angedroht………

(In den Nachrichten wird von einem amerikanischen Soldaten berichtet, der mehreren Irakern, die er  zuvor hinknien ließ, je eine Gewehrsalve in den Rücken jagte. Nun plädiert sein Anwalt auf „Selbstverteidigung“).

Unsere Katzen akzeptieren uns keinen Augenblick als unsere Chefs. Aber sie lieben uns.

 

26.04.2005 um 09:04 Uhr

Yachtclub in der D-Marina

von: hibou

Wir sind im Yachtclub von Turgutreis. Das heisst draussen auf der Terrasse, blicken auf Mastenwald und grosse Palmen, wie sie hier überall in den Baumschulen angeboten werden. Sie schauen nach dem regnerischen Winter etwas graubraun und abgelebt aus. Wie denn Palmen überhaupt für mich etwas altes, uraltes an sich haben. Die Marina aber ist ganz neu. Alles wirkt wie frisch besiedelt, überall wird noch gebaut. Wir wollen heute abend einen Initiativverein begründen, genannt Elele ("Hand in Hand). Aber erst reinken wir Wein und essen Häppchen. Ein Junge von ziemlich weichem Fleisch aber mit Baseballmütze fungiert vor einem rollbaren Pult als DJ, legt französische und englische Musik auf und zuckt mit ernstem Gesicht dazu. Unsere Freunde haben sich fein gemacht. Wir auch. Yavuz Bey ergreift das Wort. Er ist der geborene Vereinspräsident. Ein jeder, oder jedes Paar, zahlt 10 Lira (alle sagen noch immer "zehn Millionen") in die Clubkasse ein. Rikkat stellt die Quittungen aus. Ihre Mutter ist aus Izmir für den Sommer eingetroffen. Bald werden wir also ihren roten Sonnenschirm beim Vorbeifahren wieder aufgespannt sehen. Auch heute ist der Abend lau. Nicht mal die Takelage der Gulets singt im Wind. Dafür schwanken die langen Palmwedel leise und weise im Lodoshauch.

26.04.2005 um 08:24 Uhr

Kassandra und Robert Menasse

von: hibou

"Ich sehe einen grossen Krieg. Ich sehe Millionen Menschen zugrunde gehen, aufgrund einer Logik, die deshalb entmenscht ist, weil sie die Bedürfnisse der von den Menschen produzierten Verhältnisse wichtiger nimmt als die Bedürfnisse der Menschen selbst. Die Bedürfnisse der Verhältnisse sind komplex. Die Bedürfnisse der Menschen simpel. Liegt da das Problem?"

(Kassandra)

"Es muss gespart werden - erklären die Reichen"

(Robert Menasse)

22.04.2005 um 20:19 Uhr

evilcat

von: hibou

Die unglaubliche Geschichte von Evilcat

Wir haben eine Katzentür, damit unsere Katzen Yadigar (Yadipadi) und Zeytin (Zeytipleyti) ein und ausgehen können, wie sie belieben. Davor waren wir von ihnen geziemend tyrannisiert worden: Morgens um vier: aufstehn! wir wollen raus! Beim Frühstück: warum lasst ihr uns nicht rein? Und nach fünf Minuten packt sie natürlich die Lust, alles rückgängig zu machen. So. Nun haben wir Ruhe. Der Tischler, der reichlich Arbeit bei uns hat, muss sogar ein kleines Vordach über die Schwingtür setzen.

Bloss: auch andere Katzen haben nun Zutritt. Yadis verteidigt mit ihren 13 Jahren heldenmütig ihr Haus. Zeytin aber flirtet mit den Jungs. Evilcat ist männlich. Gross, schmutzig weiss, pilzbefallen, ein Auge fast zugeschwollen, und unglaublich entschlossen, sich Zutritt zu verschaffen und einen neuen Harem zu erwerben. Wir versuchen alles. Schliessen die Katzentür nachts und zeitweise auch am Tag. Schmeissen mit Steinen, schreien und verwünschen. Kaum sitzen wir und lesen Zeitung, ist Evilcat schon in der Küche und frisst.

Genug. Wir holen die Katzentransportkiste, und mit einigen Scheiben Wurst fangen wir sie tatsächlich darin! Wir Grosswildjäger. Ins Auto, und ab nach Kaddikale, hinter Turgutreis, drei Dörfer und etwa 20 km weiter. Wir bedecken den Käfig mit einem Teppich, und Dilek läutet die ganze Zeit eine Glocke (weil Katzen sich mittels Gehör einen Weg merken können). Mitten im Dorf, nahe eines Restaurants (Fischreste) setzen wir sie aus.

Aufatmen. Unser Alptraum ist überstanden. Die Katzentür ist Tag und Nacht offen.

Gestern träumte mir, ich hätte Evilcats übles gutturales Miaugeschrei gehört. Heute waren wir tagsüber in der Stadt. Als wir nach Hause kamen, stank es nach Kater. Jemand (wer wohl) hatte aus Rache überall hingepisst. Unsere Katzen waren im Stress. Kurz nach acht kam Evilcat die Treppe hoch........... 

18.04.2005 um 13:01 Uhr

geistbeweis (kneipen 100).(Die Serie endet hier, 99+1 kneipe haben wir besucht. Wer will, kann den ganzen Rundgang bald erwerben)

von: hibou

wieder einmal einen mittag im marktcafé. biofein! eselsmühle! und "lecittà del vino" sagen die fahnen, schilder und plakate. ich trinke roero aus dem piemont. mit dem wein die gegend gleich mittrinken? zum ersten mal bekomme ich eine italienische zwei-euro-münze zurück. was ist daran italien? das material ist in allen dasselbe, die münzen müssen nicht einmal unbedingt in italien selbst geprägt worden sein. aber das profil dantes überträgt unmittelbar die "italianità". was die überlegenheit des zeichens über die substanz und selbst das bild beweist. was also ist piemontesisch an meinem glas weißen? ich kaufe anschließend noch ein halbes pfund gemahlenen esels und ein stück raclettekäse, und stolpere zu guter letzt über einen knoblauchzopf.

(zurück ins funkhaus ging nicht, das funkhaus entliess mich, seinen letzten mitarbeiter)

18.04.2005 um 12:53 Uhr

Landwirtschaft - Erleuchtungen (Kneipen 99!)

von: hibou

Hallo Flo! (Autor schreibt Brief)

 

Ich sitze im ”El Taurino” und denke an die feuerschnaubenden Stiere, die Jason in Kolchis vor den Pflug spannen musste, um das Goldene Vlies zu erringen. Du siehst: auch Heroen haben eine landwirtschaftliche Ausbildung! Oder vielleicht gerade diese?? (Schreibe an einem Essay über die Argonauten…)

Das ”Taurino” ist ein Ort der Erleuchtungen. Aber Erleuchtungen kann nur haben, wer das Goldene Vlies hat. Was ist es? Das Gegenteil eines Spiegels. Der Spiegel zeigt dir ein Abbild, präzis und unerreichbar. Narziss schaut in den Spiegel des Brunnens. Er darbt inmitten der Fülle. Er hat Bild aber nicht Substanz. Er verwechselt sogar das Spiegelbild im Wasser mit dem Sein, stürzt sich hinein.

Das Goldene Vlies ist ein Leuchten in uns, in dem sich Erleuchtungen – nicht abbilden, sondern erzeugen. Ein Transmitter in die Welt des Seins. (Aber da sind wir ja schon. Klar: aber nicht bewusst). So geht es mir gerade durch den Kopf.

Die Argonauten hatten – obwohl sie in die Tiefen des jenseitigen Reiches der Mütter, zu Medea, der Priesterin der dreiköpfigen Hekate fuhren, auf dem Weg mehrere Apollo-Epiphanien. Sie schauten das lichte Reich der Erkenntnis, indem sie die Grenze zwischen Hier und Nirgendwo überschritten. Ich behaupte zwischendrin mal: ein großer Teil aller Leute, die heute Drogen nehmen, sind auf der Suche nach selbigem.

 

Daniele, mein alter Ego, bringt seine Juliette Binoche zum Geschirrspülen mit, damit er sie auch während der Arbeit (des Servierens) umarmen und küssen kann. Sie ist es zufrieden.

 

(Lücke im Text)

 

…landeten. Sie verstauben nicht in irgendwelchen Tempeln, sie legen Wege zurück (Der Autor meint hier wohl das Goldene Vlies), so wie die Hände des Masseurs auf dem Rücken des Leidenden reisen. ”Jason” heißt ”der Heilende” Jason starb im Mund des kolchischen Drachen…. Jonas (ein Anagramm von Jason) im Bauch des Leviathans.

 

…wir alle… müssen auf Argonautenfahrt ziehen, zu der Jason uns den Weg weist. Sein Scheitern war wichtig für unsern Erfolg. (Autor bebt)

 

 

16.04.2005 um 14:03 Uhr

kumru (kneipen 98)

von: hibou

"Because human are, what they love. Why? They are part of it."

(Joseph Brodsky)

Sitting in Turgut Reis in Kumru-Café again, it is bazaar day and crowds of tourists slender to and fro. I remember stormy winter days in this place with squalls of cold wind; in vain we were searching shelter from rain underneath the awnings. Today there’s wind too, but dry and hot. For the first time I notice a plastered shepherd dog on the terrace, his mouth wide open, his four paws broken. Three blonde women from Netherlands sit at my table: mother, daughter and granddaughter. Two of them are rather fat, the third could easily be it in future. People at bazaar are not only buying but taking photographs and using video cameras as her mobile memories. What do we see abroad? What we love, what we know. Thus we love paradoxical: we travel to foreign countries to search for similarities. Over there two big, round guys are shooting watermelons, some others film red strawberries or green beans. How do we get real new and unknown things into our view? How to discover matters which are alien, which we don’t "love"? How to get over the fences of our self-perception? That’s the question. Let us shoot mulberries (dut), let us find algae (deniz börülcesi) and giggling peas (nohut) inside ourselves!

15.04.2005 um 09:48 Uhr

Politiker! (hibou übersetzt Juvenal)

von: hibou

"quondam hi cornicines et municipalis harenae perpetui comites notaeque per oppida buccae munera nunc edunt et, verso pollice vulgus quem iubet, occidunt populariter; unde reversi conducunt foricas, et cur non omnia, cum sint quales ex humili magna ad fastigia rerum extollit quotiens voluit Fortuna iocari ? Quid Romae faciam? mentiri nescio... " (Juvenal, Satiren 3, 34-41)

"Früher waren diese Männer Ins-Horn-Bläser und stetige Besucher der örtlichen Theater, ihre aufgeblasenen Gesichter waren stadtbekannt; nun produzieren sie ihre eigenen Shows, ihre Popularität erlaubt ihnen, über jeden den Daumen zu senken. Jetzt, wo sie die vorherigen Zerstreuungen gelassen haben, ziehen sie Profit aus allem und jedem, alldieweil sie zu denen zu gehören scheinen, welche Göttin Fortuna, wann immer sie in der Laune dazu ist, aus dem Dreck zu den Piedestalen der Macht emporzieht. Was kann ich schon für Rom tun? Ich kann nicht lügen........"

14.04.2005 um 07:50 Uhr

ein schwarzer punkt (kneipen 97)

von: hibou

die zeit. du schaust nach vorne. vor deinen augen geht jemand davon. du siehst den weißen rücken. es ist jemand, den du kennst. vielleicht hikmeta, die sich beim abräumen über den tisch beugt und dabei ihr violettes hemdchen hochzieht. was könntest du auf das weiß schreiben? vielleicht braille, und ein einziger kleiner schwarzer punkt ist da links schon als anfang zu sehen. du hättest filmvorführer werden sollen, aus sicherem gehäuse den leuten über ihre köpfe hinweg die träume auf weiße laken projizieren. hikmeta geht. in den händen gestapelte frühstücksteller und latte-macchiato schaumgetupfte gläser, die benutzten servietten wehen im wind davon. dich selbst schaut vielleicht aber auch grade jemand von hinten an, sieht dich entschwinden?

bleib stehn, dreh dich um: das mögliche. nein, geh weiter: das unmögliche.

13.04.2005 um 15:07 Uhr

nouvelle cuisine auf dem trottoir (kneipen 96)

von: hibou

zwischen den backsteinhäusern ist ein eisernes tor, beige angestrichen, mit stacheln gegens überklettern. daraus hervor kommt die köchin vom riva, eine bildhübsche frau, die augen alla mandorla, den busen wie von modigliani gezeichnet, einem schoß von trüffeln, darein sie die hände legt, aber.... weiter unten... weiße turnschuhe von nike. shit. der garçon serviert mir. sie verstehen was vom essen, sagt er, sie haben gut bestellt. ich esse triangoli ai funghi. goldgelbe pasta, orange sauce, die füllung tartufi, darüber pfifferlinge mit petersilienzentimetern und einem hauch parmesan. auf dem tellerrand eine galaxis von paprikastaub. dazu gibt’s einen chardonnay des hauses. a working class hero is something to be.

zwischen tischen und häusern der gehsteig. die leute gehen alle so, dass ich ihr inneres sehe. ich taste mein flugticket in der westentasche. du kommst bei dilek ja in gute hände, hatte irene am telefon gesagt.

10.04.2005 um 14:10 Uhr

seltsames zusammentreffen (kneipen 95)

von: hibou

an diesem schönen frühlingstag saß ich mit m. aus hamburg im café künstlerbund. (die bosnische kellnerin hatte sich einen tag frei genommen). wir redeten über dies und das, über onlinebekannte...
irgendwann erzählte ich von meinem früheren untermieter, björn aus wilhelmsburg. er hatte jedesmal eine andere freundin in der küche sitzen, wenn ich von der arbeit kam. das ist die erste herrin! stellte er sie vor. oder: 3.herrin!, etc die erste herrin war eine polin gewesen, schwarzhaarig, mit feinem gesicht, sie trug einen silbernen ring am mittelzeh.
wie ich das alles so erzähle und ausschmücke, kommt jemand an unseren tisch. hallo! ich bin björn, erinnerst du dich? und dies ist erste herrin! sie war es, unverkennbar. sie hatte inzwischen deutsch gelernt. aber ich staune noch immer.

09.04.2005 um 11:50 Uhr

stubenküken (kneipen 94)

von: hibou

ich springe in die tram nach cannstatt um meiner rechtsanwältin eine vollmacht vorbeizubringen. die häuser in der taubenheimstraße - ruckediguh - stehen schon tief im schatten der bäume. akelei und himmelblaue waldrebe blühen. ich will aber keine farne und efeumauern mehr, keine rhododendren, kein immergrün. ich will granatäpfel, limonen, zistrosen und mandragora. von einer redaktion bekam ich die anfrage, ob ich wisse, wer kyro kaekio sei, sie hätten da einen text, den sie gern veröffentlichen möchten. ich kenne werder alle meine pseudonyme noch erinnerte ich viel von dem posting "augen". auch texte scheinen zu wandern. nach diesem coming out lese ich ich "total chéops" von izzo weiter, und unterm walnussbaum des barbaresco verspricht bugnoli mir zum abschied bei tiefblauem nachthimmel stubenküken auf chicoré zu bereiten.

07.04.2005 um 11:32 Uhr

victor hat recht (kneipen 93)

von: hibou

war nicht leicht, mich wieder in stuttgart einzugewöhnen, victor hat ganz recht: "du lebst in stuttgart? wie geht das?" - zuerst ließ ich eine flasche rotwein bei lidl aus zwei meter höhe zerschellen, dann drohte mir mein arbeitgeber damit, mich auf steuerklasse sechs zu setzen, dann fand ich meinen briefkastenschlüssel nicht mehr. völlig down in ein neues tapas-lokal gegangen und mich vollgefressen, erst wu-tan-motherfucker mit zitronengras und dann wildschweinfilet zidane. im bus dann folgendes gespräch mitgehört:

mama, hat der bus auf uns gewartet?

ja.

warum?

damit wir noch mitfahren können!

er war aber doch schon voll?

umso besser, susanne

ist das denn unser bus?

nein, wir steigen gleich wieder aus!

mama, ist das ein arbeiter?

ja.

ein richtiger?

sei doch mal einen augenblick ruhig!

warum fährt der denn mit dem bus?

du fährst doch auch?

ja, und du auch, gelt?

komm, wir müssen aussteigen!

wohnen wir denn hier?

nein!

und warum steigen wir denn aus?

06.04.2005 um 12:31 Uhr

06 Restaurant. Ankarali Nevzat’n Yeri (Kneipen 92)

von: hibou

Null Sechs ist die Autonummer von Ankara, sagt Dilek, als wir nach dem Restaurant suchen. Es soll am Weg zu Gülümhan liegen, über einem Laden, und nach zweimal Fragen sind wir da. Die Sonne ist im Westen schon dicht überm Horizont, rot wie der Lavastein des Archipels, hinter dem sie schlafen geht. Aber wir nicht. Gülümhan feiert ihren 50.Geburtstag – mutlu yillari! – und sie hat ungefähr dieselbe Kumpanei eingeladen, die schon im Sommer zu diesen Inseln fuhr. Senih mit dem weissem Schnurrbart, der in der Mitte einen braunen Fleck seiner Haut sehen lässt, hält – wie immer – die ebenso kurze wie launige Festansprache. Baysan und Yavuz streiten übers Sabanci-Lyzeum (darf der olle Sabanci einfach seinen Namen darüberschreiben?), Rikkat schwärmt von Izmir, Mualla und Necla hörn zu, Gürkhan beginnt erst beim zweiten Gang (Hühnerbrüstchen) mit schlüpfrigen Witzen, ich bin überglücklich, dass Dilek nach sechs Wochen Istanbul wieder da ist, alle sind fröhlich und schauen mit dem Geburtstagskind zuversichtlich ins nächste Jahr. Gürkhan, so fällt mir ein, ist der Begründer des "English Breakfast" auf unserer Peninsula. Das kam so: einst führte er ein Lokal in Bodrum an der Strandpromenade. Die Leute, die er eingestellt hatte, sollten schmucke Uniformen tragen und sich äußerst fachmännisch benehmen. Doch sie weigerten sich und rauchten dazu noch so pausenlos, dass wohl einige Male die Asche in den Suppentopf fiel. Ich werde euch feuern, wenn sich das nicht ändert, sprach Gürkhan. Dann nehmen wir die ganze Ausrüstung mit nach Hause, nach Diarbakir, meinten diese. Und so kam es. Am Morgen nach ihrer Entlassung war die Küche leer. Jetzt muss ich alles alleine schmeißen, dachte sich Gürkhan. Was kann ich? Ich kann englisches Frühstück zubereiten. Gesagt, getan. Die Sache kam so gut an, dass nun in allen Lokalen, die touristisch etwas auf sich halten, English Breakfast angeboten wird. Mualla hatte etwas anderes zu berichten. Ihre Katze schlief neben dem Telefon. Bitte nimm ab, falls ein Gespräch kommt! sagte Mualla zu ihr, ich geh duschen. Als sie unter der Brause stand, klingelte das Telefon, drei Mal. Nachdem sie sich ins Badetuch gehüllt hatte, ging sie nachsehen. Die Katze war wach, der Hörer baumelte neben dem Telefon...... Für lange Zeit traute Mualla dieser Katze nicht mehr über den Weg!

05.04.2005 um 14:22 Uhr

Tante Hermine (Kneipen 91)

von: hibou

Hermine Hansen, am Fischmarkt 108. Ziemlich hoher Raum. Klavier unter der Decke. steile Treppe, zwanzig Tasten fehlen, Lampenschirm in Form einer Pagode, rosa Tressen, kreisendes Scherenschnitt-Mittelteil (Walfänger fahren nach Nantucket). Die Wände bedeckt mit Bildern: Windjammer, U-Boote, Blaues Band usw.

Tante Hermine sitzt hinter der Theke auf einem hohen Hocker, sie kann nicht mehr gehen, sich kaum umdrehen um uns eine Karte des Fischerhauses (spec. Hamburger Aalsuppe) zu zeigen. Wer ihr nicht passt kommt hier nicht rein. Bis sechs Uhr früh geöffnet, besucht heute von Leuten, die auf den Fischmarkt wollen, Studenten, Reisende wie wir, Herren im Abendanzug mit seidenem Rollkragenpulli (zuerst eine Party in Blankenese und dann mit der Freundin auf den Fischmarkt). Die Stammgäste bedienen, ein Alleinunterhalter schenkt nebenbei Bier aus, erzählt Witze, singt und trommelt dazu auf einem dunkelbraunen getrockneten Walfischpenis, den er wie ein Fagott um den Hals hängen hat. Der Typ mit Brille, der mit Ellen oben war, als sie ans Klavier ging, fällt die Treppe herunter, schmeißt zwei Tische um und legt sich in die Glassplitter, nichts passiert, sagt er, ich bin ok, schwankt noch etwas und setzt sich wieder. Nachdem wir es uns am Vorabend schon angesehen hatten, kommen wir Sonntagmorgen um halb fünf wieder, setzen uns an den Tisch rechts hinten beim Zigarettenautomaten unterm Radio. Helmut und Heidrun trinken Cola und Apfelsaft, Ellen, Jürgen und ich Bier. Wenn die Sonne aufgeht werden die Gardinen geöffnet, Peter und Imke kommen kurz vor sechs. Kaffee gibt’s hier nich, unser Lachen hört nicht mehr auf. Das ist hier mehr für oberhalb des Bauchnabels, sagt Imke und will Jürgen die Brustwarze abdrehen und sie in ein Heftchen pressen.

 

(dies war Pfingsten 1968. In genau diesem Lokal, das dann Teil der befreiten Hafenstraßenhäuser sein wird, werde ich 1995 als Mitglied des Vorstandes der Genossenschaft Hafenstraße an vielen Sitzungen, Briefings und Pressegesprächen teilnehmen, oder aber während des Vormittags auf einen Kaffee bei Simone und Anja reinschauen.....)

05.04.2005 um 13:58 Uhr

Odilienberg, Refektorium (Kneipen 90)

von: hibou

 und? hast du auf dem odilienberg auch deine eigene serviette im speisesaal gehabt und eine predigt über franz von assisi und die einbahnstraßen des lebens gehört?

 

 

03.04.2005 um 09:03 Uhr

Viva il Papa?

von: hibou

De mortuis nihil nisi bene, heißt die Redensart: von den Toten nur Gutes..... Solches hören wir jetzt vom eben verstorbenen Papst, dessen Sterben schon beeindruckend war, wenn auch mal wieder sehr fernsehgerecht aufbereitet. (Aus nichts Bilder machen: Aufnahmen von penisartig zum verschlossenen Fenster eines Sterberaums hochgereckten Teleobjektiven – also Bilder über Bildermachgeräte, die "zum Schuss" kommen wollen, falls sich ein Vorhänglein regt. Willkürliche Interviews von Passanten in aller Welt – "Wir beten für ihn", schwarzgekleidete Fernsehsprecherinnen schon Tage vor seinem Ableben, Vatikanexperten die Weisheiten über Pressesprecher des Vatikans von sich geben –"Seine Stimmer war belegt", undsoweiter, halt wie das Spektakel immer abläuft.

Ich schlage vor das Sprichwort leicht abzuwandeln: von den Toten genau so wie von den Lebenden nichts Falsches erzählen. Wenn das möglich ist. Gut, also soweit möglich seinen persönlichen reflektierten Eindruck wiederzugeben.

Also: er war sicherlich eine sehr starke Persönlichkeit. Der eiserne Wille, dem Leiden nicht nachzugeben, der eben auch der war, das Szepter bis zum letzten Moment in der Hand zu behalten. Er, "der die Jugend so liebte" war ein stets präsentes Gegenbild zum Jugendkult unserer Zeit. Die geduckte Gestalt, seit Jahren nur noch vom Betstuhl gehalten, das in die Hände gebeugte Haupt, von dem nur ein, aber wie stahlhartes! Auge zu sehen war, wirkte in seiner Versteinerung auf mich ehrlich gesagt oft bedrohlich.

Er setzte sich immer für den Frieden ein und musste, was ja sehr sympathisch ist, dabei ganz auf die Kraft des Wortes vertrauen, denn seine Schweizergardisten wären nicht einmal zur Invasion der nächstgelegenen italienischen Polizeiwache tauglich gewesen. Andererseits: was für ein Machtapparat ist die katholische Kirche noch immer. Du wirst fortan Seelen fischen, heißt ein Wort des Gottessohnes an den Fischer Petrus. Welche Massen hat er bei jedem seiner unzähligen Reisen auf die Beine gebracht! Die Melodien der Messa cantata sind zwar uralt, und doch füllte er, ein Popidol, mehr Stadien als die Rolling Stones.

Sein Gesicht sprach Bände!! Ich glaube, er war unübertrefflich darin, seinen Humor sehr höflich in seiner Physiognomie unterzubringen. Wie er Boris Jelzin und Wladimir Putin anschaute! Wie er Bob Dylan zuhörte! Und zuletzt, wie er verhuschte Handbewegungen machte, weil die weißen Tauben nicht von seinem Fensterbrett wegfliegen wollten, sondern sogar ins Zimmer hineinflogen.....

Die Szene, wie Bush bei einer Audienz den Papst auffordert, weiter für die Freiheit zu kämpfen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: der Blinde wird den Lahmen stützen......

Warum ergreift einer so ein Amt. Warum wird man katholischer Priester? Und wenn schon, warum nicht Mutter Theresa? (Dass die vor ihm kniete, fand ich eher falschrum... Und sogar bei den Muslimen gibt es inzwischen einige weibliche Imame). Denn die Kirche in ihrer noch immer absoluten Organisation ist doch eine Institution des finsteren Mittelalters, und wenn wir dem armen Karol auch die Blutspur, die sie durch zwei Jahrtausende zog, nicht vorwerfen wollen, doch im Grunde ein ganz und gar unchristliches Gebilde. "Die Wahrheit wird euch frei machen". Ein anderes Wort des Religionsgründers. Weder Wahrheit noch Freiheit haben ein Asyl in den Palästen und Inquisitionsarchiven des Vatikans. Hieße nicht, Christ zu sein, nur seinem eigenen Gewissen verantwortlich zu sein? Und wenn auch das vielleicht für ihn galt, so doch in keiner Weise für die Millionen beichtpflichtiger Schäfchen, denen die Priester resolut den Weg zu Gott verbauen.

Er war stark und empfand eine Mission, er verfügte über viele Mittel. Aber er hat den falschen Verein gewählt.

Tritt er nun - als sein Stellvertreter – direkt vor Gottes Thron? Eine interessante Frage. Und was, wenn Gott grad unterwegs und sein Haus verlassen ist?. Lesen wir aber heute nicht Dantes Göttliche Komödie: dort sind die heiligen unter den Päpsten gerade mal eben im Fegefeuer plaziert. Alle anderen schmoren in den tiefen Kreisen der Hölle (gerade so wie wir)

Wer von Euch vertraut Nostradamus? Nach ihm wird der zweitletzte der Päpste ein Slawe (gewesen) sein. Also käme nun der letzte. Nichts gegen Woytila. Aber der Papstthron gehört schleunigst abgeschafft.

02.04.2005 um 15:33 Uhr

jukebox (kneipen 89)

von: hibou

sie hatten mich zu einer party eingeladen, ein wiedersehn zu feiern. natürlich in die moordiele. wie im schlaf weiß ich den weg übern kies unter der pappel hindurch. ich sah mich fast noch selbst da drin am fenster sitzen, in der ecke beim spielautomaten. bist du pauker? hatten sie gefragt, ich da mit einem stift und einem zettel, stumm. oder auf dem letzten barhocker rechts. kneipenleben. benita gab runden apfelkorn aus. auch heute. die eine straße und daneben der graben, die gehöfte, nummer neun, sagt man, oder jan kurve, oder brünjes hat wieder sein vorgewende zusammengematscht. mich trugs davon. ich hing nicht mehr zusammen. wiederkriegen kann mans nicht. dieter legte nicht mehr police auf, marion, die friseursfrau, war nach vollersode verzogen. charlie hatte was angesetzt. nach meiner paradieshütte hab ich gar nicht mehr geschaut. aber den stemplel vom stardust trug ich noch immer unsichtbar am handgelenk. irrlichter, leute, na klar gibts biochemische erklärungen. wo sollte ich übernachten? von lütjen die tochter gab mir nen schlüssel zum leerstehenden hof an der ecke. zwischen vier und fünf stellte ich mein auto da ab, bekam aber das türschloss nicht auf. das hieß rücksitz, kälte, dieses geplättete gefühl und der geschmack im mund. f12: under attack. den schlüssel schickte ich später im briefumschlag zurück.

01.04.2005 um 12:57 Uhr

Haxenlokal am Sendlinger Tor, Bar am Nymphenburger Kanal (Kneipen 88)

von: hibou

H.

der donner rumpelt. der donner macht cumulus im ohr. der blitz zeichnet netzhäute. der blitz ist schnell, oft zieht er sich längs am himmel hin. immer ist er drei oder vier km entfernt. benjamin franklin stellte ihm nach. uns läßt er oft unberührt. metaphorisch allerdings trifft er. wir wären am liebsten in den boden versunken. der donner sucht betty. betty b. bought some butter. die butter dämpft den donner, vorausgesetzt, sie dringt eher als er ins ohr. das fahrrad zischt mit den reifen. die sendlinger straße zieht sich. stoiber leuchtet (das würd er wohl gern). ich seh das maximilianeum vor mir oder den rosenheimer platz. die wolken drohen schwarz. wissen die das?

B.

hache aspiré meinst du eidelbersch mit den 'aricots verts, ja, der atem, schon seltsam wie verschiedene länder verschieden atmen. mir schlug noch kein blitz zu füßen ein, aber einmal trank ich pastis am nymphenburger kanal und ich sah alle die statuen wie mit weitwinkel-objektiv und plötzlich stand jemand hinter mir und flüsterte mir unglaubliche dinge ins ohr. ist das münchen oder ist das überall? und ein flüstern ist noch anders als eine wirklichkeit, sagt lacan, wie gut, dass man seine psychoanalytiker beherrscht. neulich lag ich auf der couch, von schuldkomplexen hatte ichs, ich bin schuldig, sagte ich, da auf der couch, ich bin opfer und zugleich schuldig, da klingelte es an der tür. polizei! "ich bin unschuldig!" schrie ich, und sprang auf und raffte mein zeugs zusammen. jaja unglaubliche dinge passieren einem.