Lord Ganesh

ich schreibe dieses hier bloss, weil wir dieser tage nicht zuhause sind, quasi in ein immaterielles notizbuch, damit ich es dann später zur verfügung habe. es geht euch also gar nichts an!
nun wendet ihr ein, dies sei ein öffentlicher raum und ein blog doch für alle da, einschliesslich der suchmaschinen?
nun, besonders mit diesen spinnenfleissigen maschinchen ist es in neuester zeit eher ein kreuz, wo es früher ein begehren war: man wollte gefunden werden, man wollte gelesen werden, der name sollte in den ergebnislisten möglichst häufig auftauchen. seit geraumer zeit aber will jede/r eher anonym bleiben, will seine schon fadendünn und scheinig gewordene privatsphäre retten, will sich eher verbergen als preisgeben. das internet als textur, als kleid, als www.schamgrenze. nebenbei gesagt sind wir schon mit manch anderen maschinchen zu orten, so werden e-mails von geheimdiensten ausgewertet, an der tanksäule wird die autonummer mit eingegeben, die kreditkarte weiss, wo wir unser geld - und für was - gelassen haben, das navigationssystem......
sind wir in einer epoche der wiederbedeckung, der verhüllung, der info-burka? Waren wir schamlos nackt und ist die freikörperkultur passé?
viele meiner bekannten wollen ihren namen nicht im net finden, meine söhne herrschen mich an, wenn mal was von ihnen (über sie) irgendwo in den tiefen eines dokuments aufscheint.
also gut: wir waren für zehn tage oder länger in b. na, für x tage, sagen wir zeiteinheiten. vorgestern waren wir von j. und d. zum dinner eingeladen. die wohnung direkt am fluss, gegenüber war ein weisses passagierschiff festgemacht. ausser uns waren meine tochter, äh, f. und mann s. dann noch die jungen a. und e. gekommen. diese beiden betreiben eine t. s`war mal wieder international: d., in e. geboren aber eigentlich indischblütig sprach nur englisch, e. italienisch und schweizerdeutsch, a. griechisch und körpersprache, j ausser deutsch auch englisch. o weh. aus diesem schema kann maschinchen wohl schon die namen sowie den genauen ort des hauses extrapolieren?? ich muss noch mehr verschlüsseln. in der ecke des zimmers stand ein schlicht-prächtiger chinesischer schr., angefüllt mit w.- und schn.-flaschen. es gab fernöstliches essen – mhmhmh! die stimmung war locker und wurde immer fröhlicher wie wir uns zutranken und erzählten. a. sagte zu ihrem freund: entweder du heiratest mich oder ich geh fort! j. brachte weitere abbilder des elefantengottes. d. flitzte in ihrem schwarzen kleid von der küche in den salon und zurück. e. erzählte von seiner heimat s. (südlich von n). meine d. erwähnte schliesslich die FLYING UNIVERSITY BODRUM – www.ucanuniversite.org -, alle schauten sich die website und ihre bilder an. nebeneinander sassen s. und j. auf der couch, hatten die beine hochgelegt und fachsimpelten über spaghetti c.
ich wollte, ihr wärt dabeigewesen! aber ihr konntet es nicht finden, gell? (und wieso habt ihr dies hier trotz meiner ausdrücklichen bitte nun doch gelesen???)
Lieber J,
Gertrude Stein schreibt auch über „Heimat“, eigentlich über das Land, in dem man physisch lebt + das, in dem man innerlich lebt:
„After all everybody, that is, everybody who writes is interrested in living inside themselves in order to tell what is inside themselves. That is why writers have to have two countries, the one where they belong and the one in which they really live. The second is romantic, is separate from themselves, is not real but is really there...
Of course sometimes people discover their own country as if it were the other....“
achtlos
unter hülsen und müll
begraben
mit schreien geknebelt
verworfen und gesteinigt
blutig geklatscht
bewusstlos geflüstert
hast du mich
in der nacht gerufen
wortlos
mutter sprache
Madame: die Sprache
[mal für Mone...]
Sprache
ein Schelm
wer dabei denkt
wirft mir ein Wort zu
im Dunkeln
Sprache
wer dabei denkt
Wie oft sah ich ihr
haltlos zu
sie hob ihre Schultern in Angst
ihre Arme warn dünn
sie stammte aus Woodstock und Phoenix
jeden Leberfleck an ihr
schien ich zu kennen
Ihre Augenbraun: Balladen
sie warf die Worte wie Ringe
also sprich
rede schon
bevor du das Weiß ihrer Augen erblickst
Sprache
ein Schelm
wer dabei denkt
ich bleibe jetzt stets
mit dem Rücken zur Welt
und red stotternd rein
in ihr Schweigen
Liebe E.,,
danke für den langen heimatlichen Brief! Vor allem Deine Unterscheidung zwischen haben und sein leuchtet mir ein. Wie vieles andere hat man Heimat nicht, sie kann höchstens sein oder aber man in ihr.
Uns scheint sie beiden nicht zu fehlen. Noch sind wir damit sicherlich in der Minderheit. Selbst die bis in die Staaten flüchtigen deutschen und österreichischen Schriftsteller während des Naziregimes vermissten sie. Vermissten sie vor allem als/über Sprache. Stell Dir einen nicht amerikanisch sprechenden und schreibenden Arthur Miller vor! Der kein Tischlerhäuschen im eigenen Garten gehabt hätte. Seine Frau... die zweite, wie hieß sie noch? Inge Dingens??, ist das blühende Gegenbeispiel.
Mutter Sprache trägt immer noch. Weißt Du, ich erzählte Dir schon mehrmals, wie ich mich in Tunis zu Hause fühlte, weil sie da Französisch sprachen, weil ich es sprechen konnte. Paris ! Dijon!, aber nein, ich fühlte mich eben auch in Sarajewo zu Hause! Und Du.... Dich könnte ich mir leicht in Frisco, in Sidni, in Triest oder Venedig beheimatet vorstellen. Also auch mit Sprache sind wir sehr viel mehr unterwegs als früher, wobei der Dialekt einen schon fesselt.
Hitler wollte, entgegen den Erwartungen deutscher Gauleiter, keine Dialekte pflegen, er wollte eine einheitliche Nazisprache schaffen, nicht zuletzt durch seine Reden über Radio. Und schwupp – würde man durch die Sprachen uniformiert und entindividualisiert worden sein! Dies zur Entlastung der Appenzeller und Fürstenwalder und Kirchdorfer.
(siehe dazu das Gedicht mutter sprache von buhkutzli) 1)
a) Eine Sammlung von Heimatlosen anfangen? Hier der erste: Milo Dor (s.Artikel)2)
Aus der Besprechung von „Glaube und Heimat“ am Burgtheater: „ Ernst Bloch mit seinem legendären ‚...etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat‘ ist zum Vater eines neuen, dekonstruierbaren Herkunftsgefühls geworden, das keine eindeutige Identität verpricht, aber auch keine Schmerzen mehr bereitet. Die Kinder der Globalisierung scheinen sich in der Unbestimmtheit ganz wohl zu fühlen“ (Peter Michalzik, FR)
Worauf gründet sich Identität heute? (auf „nichts“?)
b) aber auch Leute auf Augenhöhe über ihre Heimat fragen. Frau Janina, Ruth, die Nachbarn. Ingrid!!! oh und das Lehrerpärchen
c) Heute nur Heimat
d) liebste Grüße
„Ich bin halt in der Höll, aber bei mir daheim“ 3)
1) hier einfügen
2) Zufall und Gewalt
Milo Dor aus Budapest / Belgrad / Wien las im Palais Jalta
Von Jamal Tuschick
Sorge um die Zukunft Europas schien ein Motiv der Besucher im Palais Jalta zu sein, die Milo Dor hören wollten. Nahezu alle Verwerfungen, die Europa im 20. Jahrhundert zu einem gefährlichen Ort machten, wirkten direkt auf die Biografie des Schriftstellers, der 1923 in Budapest als Sohn serbischer Eltern geboren wurde und heute in Wien lebt. Am Ende führte ein Zuhörer Milo Dors hellsichtigen Ausführungen diesem Fazit zu: "Aus tiefster Enttäuschung" käme der Glaube an eine kosmopolitische Lösung für Europa.
Der Schriftsteller, der mit allen Zeichen eines Grandseigneurs auftrat, hatte zuerst aus dem 1996 publizierten Band "Mitteleuropa - Mythos oder Wirklichkeit" den einführenden Essay gelesen. Wie an anderer Stelle auch verschränkt Milo Dor darin sein persönliches Schicksal mit der Entwicklung mitteleuropäischer Staaten, zu Stande gekommen, so der Schriftsteller, "durch Zufall und Gewalt".
Als Gefangener der Wehrmacht geriet er 1942 nach Wien, um dort von "rückwärtsgewandten Utopien" überrascht zu werden, denen die "Nachkommen des untergegangenen Vielvölkerstaates" anhingen. Die ordnende Kraft der Habsburger Monarchie sei gerne hervorgehoben worden, so am Beispiel eines vorbildlichen Katasters aus der Zeit Maria Theresias über "Besitzverhältnisse in der Lombardei".
In einer autobiografischen Skizze mit dem Titel Ich habe Sehnsucht nach Thrakien beschrieb Milo Dor die positiven Wirkungen wie den problematischen Rest seiner multiethnischen und polyglotten Prägung. Wollten seine Eltern ihn vom Verständnis ausschließen, besprachen sie sich ungarisch. Rumänisch war die erste Sprache des jungen Milo Dor, der als Kleinkind ins Banat geriet, in eine Stadt, die einst ein türkisches Feldlager war. Die griechische Großmutter sang deutsche Lieder. Als Gymnasiast in Belgrad las Milo Dor Goethe. Man habe aus ihm einen serbischen Patrioten machen wollen - vergebens. Vielmehr habe sich in ihm ein weit reichendes Misstrauen gegenüber "nationalen Gefühlen" durchgesetzt.
Zum Status quo auf dem Balkan sagte Milo Dor, dass die Entstehung eines neuen Bewusstsein viel mehr Zeit brauche als der Wiederaufbau zerstörter Städte. Vor diesem Hintergrund erschien in der Diskussion nach der Lesung der Wunsch einiger Zuhörer, ihre Reiseeindrücke aus Kroatien und Slowenien von Milo Dor bestätigt zu bekommen, wie eine Erleichterung.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 21.01.2001 um 21:23:26 Uhr
Erscheinungsdatum 22.01.2001
3) Martin Kusej, Regisseur des oben erwähnten Stücks
verspaetet zu Beuys Geburtstag - verfrüht fürn Bloomsday:
"Riverrun, past Eve and Adam's, from swerve of shore to bend of bay, brings us by a commodious vicus of recirculation back to Howth Castle and Environs."
Lieber J.,
Heimat - .(Haus der Väter/Heimaterde etc), immer bedeutete Heimat auch und vor allem Dingen Sicherheit, Vertrautheit gegenüber dem Fremden.
Tourismus und die Völkerwanderungen heute bringen da viel Veränderung. Könnte man doch den Menschen, egal ob sie nun freiwillig oder unfreiwillig reisen, den Zugang zu einer „interkulturellen Bildung“ ermöglichen, dann kann doch Heimat = Sicherheit/Vertrautheit überall (virtuell) sein. Ich weiß, an der interkulturellen Bildung haperts1) - was könnte das sein?
Dass “Intellektuelle“ unabhängig von ihrer Provenienz überall auf der Welt „zu Hause“ sind ist überflüssig zu schreiben, auch, dass nicht jeder Flüchtling oder jede fernreisende Friseurin „intellektuell“ sein kann... (Sackgasse)
Aber: Heimant sollte sein, man hat sie nicht, oder?
Taxi polytrop gefällt mir immer besser in diesem Zusammenhang! Expliziter + intensiver! Eine erweiterte Taxi-polytrop-Idee: an jedem Flughafen, Bahnhof. Jeder Passagier bekommt sie mit dem Ticket, auf dessen Rückseite gedruckt... Oje, das sind idealistische Weltverbesserer-Ideen. Soo einfach geht’s halt auch nicht.
P.S. grad im Kulturjournal: zwei neue Stücke zum Thema „Heimat“ im Burgtheater
1) stattdessen faselt man von nationalen Leitkulturen
nur ein paar wenige Fragen heut:
- warum sind die USA ihrerseits dem Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag nie beigetreten?
- warum haben sie erst in diesem Jahr ein weitreichendes Abkommen über Nukleartechnologie mit Indien abgeschlossen und dieses offiziell als Atommacht anerkannt?
- warum spricht jeder von der Bedrohung durch den Iran, niemand aber von der - wohl seit 30 Jahren vorhandenen - israelischen Atombombe?
- wie oft hat der Iran in den letzten Jahrzehnten andere Laender angegriffen? und wie oft haben es die USA?
- wird man im Iran Massenvernichtungswaffen finden?
- was steht in dem Brief, den Praesident Ahmadi-Najad an Bush geschrieben hat ? (vor dem Urteil zu lesen :-))
Es lebe die Ehrlichkeit. Schlagt die Heuchler wo ihr sie trefft (mit Tatsachen :-))
„Wenn die Deutschen des Untergangs Dresdens gedenken, erwarten sie, dass sich die englische Königin entschuldigt. Aber die Königin von England hat sich nicht entschuldigt, und das ist völlig richtig so, denn damit würde ein unnötiger, hinderlicher Zusammenhang hergestellt zwischen Erinnerung und Schuldzuweisung. Es muss möglich sein, sich des Untergangs von Dresden und der Hunderttausenden von Toten zu erinnern, ohne dass wir damit die Alliierten anklagen.“
(Jan Assmann in „Lettre International 72, Frühjahr 2006)
soweit akzeptabel?
„Wenn die Armenier des Untergangs von großen Teilen ihres Volkes (im WK I) gedenken, erwarten sie, dass sich die türkische Regierung entschuldigt. Aber die türkische Regierung hat sich nicht entschuldigt, und das ist völlig richtig so, denn damit würde ein unnötiger, hinderlicher Zusammenhang hergestellt zwischen Erinnerung und Schuldzuweisung. Es muss möglich sein, sich des Untergangs von Hunderttausenden von Armeniern zu erinnern, ohne dass wir damit die Türken anklagen.“
Habe in dem Zitat nur wenige Worte ausgetauscht.
Immer noch ok?
voraussichtlich ein Band mit Tagebuchnotizen, der Arbeitstitel lautet "Das
erste Jahr" - Reflexionen über Wohnort, unmittelbare Umgebung,
Familiensituationen greifen immer wieder ins Allgemeine, Historische. Wie im
heutigen Friedrichshain beim nächtlichen Ausführen des Hundes Rotarmisten
und Hitlerjungen aufmarschieren, archäologische Schichten der Stadt Berlin
freigelegt werden, führt Grünbeins Poetologie kongenial fort. Da purzeln die
antiken Dichter und die deutschen idealistischen Philosophen bunt
durcheinander, und wenn Grünbein Kierkegaards Versuch zitiert, Hegels
Theorie der "Wiederholung" zu widerlegen, taucht plötzlich eine ganz neue
Perspektive auf: "Du kannst ja nach Berlin fahren, da bist du schon einmal
gewesen."
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 19.01.2001 um 21:22:28 Uhr
Erscheinungsdatum 20.01.2001
Liebe E.,
unten (auch) etwas zum Thema „Heimat“.1)
Ich zitiere: ... es ist...so fremd wie möglich (zu beschreiben), wobei das Fremde aus dem Leben kommt“
Das natürliche Kontrastmittel zum Sichtbarwerden von Heimat wäre also wieder das Fremde.
„verfremden“
„entfremden“ (ßwörtlich hieße das ja eigentlich verheimaten)
(Mein Abitursthema in Französisch war übrigens „l‘ètranger“ von Camus)
Und das Theater der Verfremdung von Brecht war damals ein Kanon, ein neuer und umwerfender für unsere jugendlich ungebrochenen Weltauffassung. Die Zäsur, die einen aus dem Fluss der Handlung rausbrachte, in dem man zuvor fast bewußtlos schwamm.
Seht her, wir spielen das ja nur! Es könnte auch anders sein, anders ausgehen. Wir trainieren damit, jederzeit auf eine Metaebene wechseln zu können, auf der Übersicht und auch ein Blick auf unsere eigene Wahrnehmung, auf uns selbst als Wahrnehmende des Theaters Welt möglich wird.
adj. = „klar“, eben nicht dumpf.
Das hat aber nichts mit Emotionen zu tun, oder? Die Gleichung Heimat = Gefühl und Fremde = Intellekt wäre fatal und unrichtig. Nicht zuletzt die starken Emotionen werden in der Fremde geweckt, nach längerem intimen Umgang verflüchtigen sie sich zuweilen.
Ist Heimat vielleicht ein vor-erwachsener Zustand, wo man noch mütterlich getragen wird? Ist sie also, ohne so genannt zu werden, in bestimmten Altersstufen gut zu haben und wichtig zu erleben?
In der modernen Literatur – mir fällt dazu im Moment Irene Dische ein – gilt es als Stilmittel, auch das Bekannteste, Alltäglichste zu verfremden, es so zu beschreiben, dass es fremd erscheint. Fremd hieße da auch „neu“ und Heimat wäre das Übliche, Altbekannte, Fraglose.
Aus dem Elternhaus also in die fremde, neue Welt hinausziehen, sie zu erfahren!
Sind wir uns nur bekannt? Oder auch ein wenig fremd?
Liebste Grüße und Metagrüße
von Deinem J
1)
FR, 19.1.2001: Schmerz, Reim, Durs Grünbeins Lesung. Von Helmut Böttiger
Schmerz, Reim
Durs Grünbeins Lesung
Von Helmut Böttiger
Es ist auch im Hessischen Literaturbüro, bei den Lesungen unter
Schirmherrschaft Paulus Böhmers, eher verpönt, nach der Lesung eine
Diskussion mit dem Publikum anzuschließen. Denn normalerweise gewinnt
dabei das Publikum, und der Autor verliert. Oft sind die Fragen anders als die,
auf die er antworten möchte, und sie bewegen sich meistens auf einer Ebene,
die er ansonsten lieber meidet.
Es war eine der Überraschungen der Lesung mit Durs Grünbein, dass diesmal
alles umgekehrt war. Er wünschte sich ausdrücklich Fragen aus dem
Publikum, und er gewann auch. Das mag daran liegen, dass er schon
während der Lesung, in der er virtuos Prosa und Lyrik mischte und sich in der
Zusammenstellung einem spontanen Assoziationsfluss überließ, behutsam
Erklärungen einflocht, Selbstkommentare. Und als die Lesung zuende war,
führte er sie auf diese Weise fast unmerklich in das Publikumsgespräch über:
Ohne sich die erste Frage selbst gestellt zu haben, dachte er über das eben
Gelesene nach und gab Einblicke in das, was man vor ein paar Jahren noch
"die Werkstatt des Dichters" genannt hat und mancherorts auch heute noch
nennt. Grünbeins Werkstatt aber hat etwas ganz Eigenes.
Beiläufig ließ er Erkenntnisse einfließen wie diejenige, dass "der Reim ein
Schmerzmittel" sei oder bekannte, Mandelstams Gedicht "Die Entstehung
des Lächelns" sei eines der schönsten Gedichte des zwanzigsten
Jahrhunderts überhaupt. Das hat etwas mit Grünbeins aktuellen Themen zu
tun: er hat Gedichte geschrieben über die Geburt seiner Tochter. Sie
beobachten auf der einen Seite das Ganze hautnah, auf der anderen Seite
aber beschreiben sie es "so fremd wie möglich" - und er fügt listig hinzu:
"wobei das Fremde aus dem Leben kommt". Es gibt dabei schöne, zeitlose
Zeilen, die dem immer wiederkehrenden Phänomen neue Facetten
abgewinnen: "durch den weichen Kinderschädel geistert schon die große
Dame". Und man wurde Zeuge von öffentlicher Selbstbesinnung, die über das
bloß Kokette weit hinausgeht: "Die Frage ist bei solchen Sachen, ob es nicht
zu privat wird."
(Fortsetzung der Fussnote im naechsten Fenster)
Worte waren schon
immer Emigranten
wie wir es sind
Aus dem Zusammenhang
herausgerissen
Und die Löcher
die da entstehen
heißen Bewusstsein
Trance und Rausch
Auch um ein Loch
ein Nichts
eine Wunde zu benennen
brauche ich
je ein Wort
Ich nenne Dich Mangel
Schmerz und Passage
Lieber J.,
Dumpf
Negative Konnotationen hat der Begriff Heimat genügend. Die Menschen, die ihn im Munde führen, gehören offensichtlich einer konservativen, ja reaktionären bürgerlichen Schicht mit verquasten, dumpfen Vorstellungs- und Gedankengebäuden an. Selbst in der harmlosen Variante verbindet sich damit Trachtenjancker, Edelweißborte, Gamsbart, seltsames Brauchtum.
In extremis meinte und meint Heimat das "heilige" Vaterland, die Blutsbindungen, die "Blut- und Boden- Mythen der Nazis. Aber auch jüngst noch wurden z.B großserbische Ambitionen damit begründet, dass die (durch die Türken) gefallen Helden der Vergangenheit durch Expansion des serbischen Vaterlandes doch wieder in geheiligte Heimaterde zu liegen kommen würden.
Diese dunkle Geschichte von "Heimat" bewirkte, dass sie in der Nachkriegszeit eher im verborgenen oder zumindest nur an den Stammtischen in den Mund genommen wurde.
Die PDS fängt eben erst wieder an, mit der Thematik unbefangener umzugehen.
Frage:
Ist "Heimat"-Gefühl zu irgend etwas nötig oder aber ganz in die Mottenkiste gehörig?
Notiere:
Diese Weihnachten stellte ich bei meinen Söhnen ein mildes Verlangen nach "Heimat" fest und war darüber bass erstaunt...
Saluti!
E.
Liebe E.,
a) Heimat in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart
Heimat ist für mich immer Vergangenheit, nostalgisches Erinnern an Plätze der frühen und mittleren Kindheit. In diesem Sinne habe /hatte ich Heimatgefühle, wenn vom Genfer See, vom Jura, von den Walliser und Savoyer Alpen die Rede ist. "Der Goldglanz der Erinnerung", "in den guten alten Zeiten", "weißt du noch?".
Es war einmal.....Das Märchen als Heimat.
Landbesitz wäre dann von altersher festgelegte Heimat.
Nun gibt es Menschen, für die Heimat in der Zukunft liegt. Die Juden. "nächstes Jahr in Jerusalem". Aber ist das gelobte Land nicht eine in die Zukunft projizierte Vergangenheit?
Heimat in der Gegenwart. Die meisten Menschen verlangen nach Dingen und Räumen, die sie in ihrem Selbstgefühl stützen. Das Zuhause, in das man nach dem "Abenteuer" des Arbeitstags zurückkehrt. Im Hotel bauen wir uns mit einigen Gegenständen ein provisorisches Zuhause. Der Wecker, ein Buch. Ausgebreitete Kleidung. Ein Foto, eine Kerze. Toilettenartikel.
Familie als Heimat? Oder besser heute die Gruppe der Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Sie gibt Sicherheit. Man fühlt sich getragen.
In allen bisherigen Punkten scheint Heimat als das Gewohnte, das Bleibende, das, was immer so war. Also in etwa das Gegenteil von Aufmerksamkeit und Offenheit einer neuen, noch nie dagewesenen Situation gegenüber.
b) wo ist meine Heimat?
Mit H. hatte ich früher einen sich wiederholenden, sehr vielsagenden Standarddialog. Auf die wechselseitige Frage: wo ist es am schönsten? sagte ich: auf Reisen! und sie: im Bett.
Bett meint in diesem Zusammenhang: wo ich verstanden werde und verstehe.
Die Fremde dagegen ist da, wo ich rätsele und staune und niemand mich bereits kennt.
Daraus ergäbe sich ein Unterkapitel "die Fremde", das Fremde", in dem so zu charakterisieren wäre, dass daraus als polarer Gegensatz "Heimat" plastisch hervorträte.
neulich schrieb ich das Bonmot: Kitsch verheimatet - Kunst verfremdet. Stimmt da was daran?
soweit heute.
was ist Deine Heimat?
Die Zuwanderungsdebatte ist – mal wieder – aktuell. Aus diesem Grund möchte ich meine Gedanken zu dem Begriff „Heimat“ Revue passieren lassen.
Zunächst ein paar Fragen:
Was sind überhaupt Zuwanderer? Wären etwa in den USA nicht alle Leute außer den Indianern Immigranten? Oder sollen wir willkürliche Fristen setzen („alle, die nach dem 1.1.2005 in Deutschland geboren wurden“)?
Haben wir die Zuwanderer nicht als billige Arbeitskräfte selbst geholt? (Und nach der Statistik scheint es nach wie vor so, dass diese mehr an Steuern, Sozialversicherung etc. zahlen, als sie an Geldern von der Regierung bekommen. „Die wandern ja bloß in unseren Sozialstaat ein“ ist also falsch und heuchlerisch zugleich).
Warum wandern so viele Leute – z.B. aus Deutschland – aus?
Was sind Minderheiten? Juwelen oder Kröpfe?
Sind diese Minderheiten nicht überall vorhanden bzw. werden, wie in den baltischen Staaten, nicht plötzlich aus ehemaligen Mehrheiten Minderheiten (je nach Grenzziehung)
Ich beobachte dazu das Folgende: Die früheren sogenannten Nationalstaaten neigen zur Aufteilung (Spanien: Katalonien, irgendwann Baskenland, vielleicht auch Mauristan, Frankreich, ein Monolith (!) könnte nach diesem Muster in Elsass, Flandern, Bretagne, Languedoc, italienisch Nizza und Eupen zerfallen. Jugoslawien und die ehemalige Sowjetunion sind bereits Flickenteppiche. Alle zusammen wollen sie natürlich in die EU)
Sprachtests? Siehe oben: was ist die Sprache der EU? Und: würde nicht viele Deutsch den Einbürgerungstest nicht bestehen?
Wäre Kultur nicht besser als Leitkultur?
Wäre eine gute Arbeitsmarktpolitik nicht die beste Integrationspolitik?
Aber erst einmal zum Wort „Heimat“ mit allen Konnotationen und Gefühlsfrachten. Ich weiß, was Ihr jetzt sagt: solchen Atavismen ist am allerschwersten beizukommen….