indalo

30.07.2010 um 18:40 Uhr

Sprung in der Schüssel

von: indalo

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, welche von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die eine Schüssel immer nur noch halb voll. Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause.

Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau:

„Ich schäme mich so, weil ich nur die Hälfte des Wassers mit nach Hause bringe.“

Die alte Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, und auf der anderen nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät , weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.“

 

Jeder von uns hat seine ganz eigenen Macken und Fehler, aber es sind die Macken und Sprünge, die unser Leben interessant und lohnenswert machen.

Man sollte jede Person einfach so nehmen, wie sie ist und das Gute in ihr sehen.

Also, an all die Leute da draußen mit einem Sprung in der Schüssel, habt ein wundervolles Wochenende und vergesst nicht, den Duft der Blumen auf eurer Seite des Pfades zu genießen.

22.07.2010 um 20:27 Uhr

Mythos beige

von: indalo

Gestern kommunizierte ich mit einer Freundin, die am gestrigen Tage eine ihrer Mythen entdeckte. Dinge, die man von Kindesbeinen an glaubt und irgendwann erfährt, dass das gar nicht stimmt. Ich selbst kenne solche Mythen, doch meine wurden recht früh gelöst. Bis auf eine, die weniger ein Mythos war als ein fehlendes Nachdenken.

Blamieren wir also mich zuerst, bevor ich es mit meiner Freundin tu. Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland einst durch eine Mauer in zwei Teile geteilt wurde. Außerdem ist es Allgemeinwissen, dass die Stadt Berlin zweigeteilt war. Soweit war auch ich auf dem Laufenden. Ich persönlich zähle den Umstand, dass Berlin innerhalb Brandenburgs liegt nicht unbedingt zur Allgemeinbildung, und doch dürfte dieses Wissen weit verbreitet sein – zumindest innerhalb Deutschlands. Soweit wusste ich Bescheid, doch ich habe nie darüber nachgedacht, dass wenn Berlin geteilt und innerhalb Brandenburgs – ein Bundesland des ehemaligen Ostens – liegt, Westberlin eine Insel des Westens innerhalb des Ostens gewesen ist. Vor wenigen Wochen erst hatte ich diese Erkenntnis. Zuvor lag Berlin in meinem Kopf auf der Grenze zwischen dem Osten und Westen. Ich habe einfach nie darüber nachgedacht. Doch jetzt weiß ich, wie es um Berlin und die Westberliner – die doch die wirklich armen (weil eingekesselt auf kleinem Raum) Schweine waren – stand. Das war der letzte Mythos, den ich aufdeckte.

Besagte Freundin nun ist ein schlauer Mensch. Sie ist sprachgewandt und farbeninteressiert. Beides ist für folgende Geschichte wichtig: Wir unterhielten uns vor ein paar Tagen über irgendwas und sie sagte „beige“ (gesprochen: beige). Ich guckte sie ein wenig vorwurfsvoll an, beließ es aber dabei. Als sie nun aber zum dritten Mal „beige“ sagte, musste ich wirklich vorwurfsvoll und gleichermaßen irritiert gucken. „Sag bloß du kennst das Wort beige nicht?“ – „Doch schon, aber...“ – „Sagt man das nicht da wo du herkommst?“ – „Ab und zu bestimmt, aber ich kenn nur „beige“ (gesprochen: beesch).“ So endete jenes Gespräch. Gestern schrieb sie mir von pastelligen Farben und ich las die Buchstabenreihenfolge b e s c h. Ich fragte, wie man doch gleich die gelbähnliche Farbe schriebe, sie ging darauf nicht ein, überlas es und als ich Stunden später noch einmal nachfragte – es ließ mir einfach keine Ruhe – ratterte und polterte es bei ihr. Nicht von allein, dazu saß der Mythos zu gut. Sie googlete und fand weder „beesch“ noch „besch“. Da ging ihr ein Lichtlein auf – denn sie ist des Französischen mächtig! Wir telefonierten und ich hörte den Schock und den Schreck in ihrer Stimme. Sie war der felsenfesten Überzeugung, dass „beige“ (gesprochen: beige) und „beige“ (gesprochen: beesch) einfach zwei verschiedene Bezeichnungen für ein und dieselbe Farbe sind. „Wie lila und violett?“ fragte ich. Das bejahte sie sofort.  Sie war genauso der festen Überzeugung, dass viele in ihrem Umfeld dieser Auffassung seien. Eins wurde sofort überprüft, doch da lag sie falsch. Nun werden die Eltern als nächstes interviewt. Wie schreiben sie die Farbe, die sie „beesch“ sprechen? Und gibt es noch eine weitere Bezeichnung dafür? Es werden Umfragen gestartet. Und auch ich möchte hier in aller Öffentlichkeit fragen:

Wie heißt diese gelbähnliche Farbe? Und wie schreibt man sie? Was ist geläufig? Wer wurde erst hier darauf aufmerksam, dass beige nicht beige sondern beesch ausgesprochen wird? Wer hat erst jetzt erfahren, dass das Wort nicht deutschen sondern französischen Ursprungs ist?
Keine Scheu, es ist nichts schlimmes. Mir kann man so was sagen, ich dachte Berlin läge auf der Grenze – und ich war bis zu dem Zeitpunkt meiner Erkenntnis schon viele, viele Male in Berlin und das auf einem langen Zeitraum verteilt und auch öfter über einen Zeitraum einiger Tage. Viel blöder kann man doch nicht sein, nicht wahr?

08.07.2010 um 01:47 Uhr

07.07.10

von: indalo

Ein Datum welches in meinem Leben einen höheren Stellenwert haben sollte als es der Fall ist. Es ist kein Tag wie jeder andere auch, es ist ein besonderer Tag. Er fühlt sich auch nicht an wie jeder andere Tag, aber er fühlt sich keineswegs so an wie er sollte. Nach einer Überraschung fühlt er sich an. Denn beim Verlassen dieses kleinen feinen Raumes erblickte ich ein alt bekanntes Gesicht. Ein Gesicht, dass ich seit vielen Jahren kenne und überall nur nicht an dem Ort erwartete. Auch nicht zu der Zeit. Ich schloss die Augen, versuchte noch zu verarbeiten, was zuvor geschah und hatte vor meinen geschlossenen Augen nur noch ihr Gesicht. Es arbeitete, es fühlte, es wühlte. Als ich die Augen öffnete, erblickte ich auch noch den dazugehörigen Ehemann. Die zwei sind allen ernstes früh am Morgen aufgebrochen um überraschenderweise vor mir zu stehen. Völlig unerwartet. Aber so was von. Diese Überraschung ist ihr gelungen. Sie zu umarmen war komisch. Als wär es normal, doch die Augen brannten. Ich war ein wenig überfordert mit der Situation und wartete doch noch auf mein Urteil. Nichts war wichtig, alles egal. Es war einfach nur schön, dass sie diesen Weg auf sich nahmen. Für mich. Auf gut Glück.

So verbrachten wir den Tag gemeinsam. Es war schön, es war entspannt und auf einmal war es Abend. Ich mag ihre Art, ihrer beider Art. Kein Stress, kein Durcheinander, kein Druck oder Zwang. Solche Menschen wünsch ich jedem im Leben. Und es ist ein weiterer kleiner Beweis dafür, dass wenn ich mal wirklich „Hier“ schreien würde, meine Freunde an Ort und Stelle wären. Einfach weil sie meine Freunde sind. Ist das schön.

Auch wenn ich es versuche, ich kriege nicht die Kurve zu der Bedeutung dieses Tages. Er sollte besonders sein, für meine Eltern ist er das wohl auch. Für die Menschen meiner Umgebung wirkt es genauso, doch ich kann das nicht greifen, nicht wahrnehmen, nicht verstehen. Ich will es auch gar nicht. Es soll keine Bedeutung haben, es soll nicht wichtig sein, denn es ändert mich nicht. Es ändert den Blick mancher Menschen auf mich, doch darauf kann ich verzichten. Die Gesellschaft betrachtet mich anders, doch ich bleibe der gleiche Mensch wie vor ein paar Tagen oder auch Monaten. Das alles jetzt, das ändert mich nicht. Ich fühle keinen Stolz, keine Erleichterung, keine Entspannung. Zur Zeit bin ich einfach nur müde. Es ist gleich zwei Uhr morgens, die letzten beiden Nächte waren alles andere als lang oder erholsam. Ich habe den gestrigen Tag mit Computerspielen verbracht und abends gleich noch mal meinen Laptop geschrottet. Es ist wohl wirklich langsam an der Zeit mir einen neuen zu kaufen. Wenn man die Kabel des Bildschirms sieht, sollte das einem zu denken geben. Doch ich mag mich nicht trennen. Er ist ein Teil von mir, die Verlängerung meiner Finger, die Umsetzung meiner Gedanken in Worte. Dieser Rechner hat mit mir Sachen erlebt, die sonst kein Mensch mit mir teilte. Überall war er dabei, ich war nie allein. Herrje, seit wann betrachte ich Technik als wichtigen Bestandteil meines Lebens? Erstaunlich. Aber wichtig, das war mir mein Laptop immer. Auch mit fehlender Taste, mit fehlenden Buchstabenbezeichnungen auf den Tasten, mit Knacken und Knarren, mit Schönheitsfehlern hier und da.

Ich sollte ins Bett gehen. Da kommt ohnehin nichts vernünftiges mehr bei raus. Ganze Sätze konnte ich auch heute morgen nicht von mir geben. Durchwachsen nannte sie die vierzig Minuten. Zählte mir auf, was ich alles nicht könne, argumentieren war unter den Stichpunkten. Doch ich muss sagen, wenn es eins ist, was ich gut kann und von dem ich weiß, dass ich’s kann, dann ist es argumentieren und Argumente finden. Andere überzeugen, auch wenn ich selbst nicht überzeugt bin. Also hake ich auch das als Meinungsverschiedenheit ab, nicht etwa als Konflikt. Denn eins haben wir gemeinsam, wir entlassen mich aus diesem Studium. Aus der Pflicht des Studiums. Auf nimmer Wiedersehen, du Unsinn, du Unlogik, du Idiotie.

05.07.2010 um 19:11 Uhr

Der Juni ist fort

von: indalo

Immer mal wieder wurde ich gefragt, woher ich die Motivation nahm, weiter zu studieren oder gar mein Studium zu beenden. „Das weiß ich selbst nicht.“ pflegte ich zu antworten. Sicherlich gibt es Reaktionen der Art „Weil es das ist, was ich machen möchte.“ oder „Was anderes ist auch nicht besser.“ Doch jetzt in diesem Moment stelle ich mal wieder fest, dass ich wirklich keine Ahnung habe, wie ich es bis hierher geschafft habe. Bis hierher und nicht weiter. So wirkt es momentan. So wirkte es bisher immer mal wieder. Das was vor einem liegt scheint so viel schwieriger als alles, was hinter einem liegt. Doch das ist es nicht. Das, was jetzt noch vor mir liegt – direkt vor mir – das ist nicht schwierig. Das ist einfach. Ich glaube ehrlich, dass es einfach ist. Aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Ich hasse jede Minute, die vergeht, jede Sekunde in der ich nichts tue, weil ich mich nicht dazu durchringen kann. Jeden Tag, den ich vergeude. Und ich bin mir selbst einfach nur unheimlich dankbar, dass ich den Mut hatte, ein paar Tage wegzufahren und somit diese Tage nicht zu vergeuden, sondern zu genießen. Sie hätten besser sein können, man hätte ohne jeden Gedanken an eine Prüfung verreisen können, aber auch so spürte ich kaum ein schlechtes Gewissen. Ich würde so gar sagen, ich hatte gar keins.

Immer wieder denke ich mir, es ist mir egal, wie diese Prüfung ausgeht. Doch ein negatives Ergebnis kann ich mir wohl nicht richtig vorstellen. Ich glaube nicht, so gut zu sein, aber ich glaube, dass es so leicht. Es gibt Gründe fürs Bestehen und Gründe fürs Durchfallen. Beides hat seine Vorteile für mich und ich habe es in den letzten Monaten nicht geschafft, eine Priorität zu finden. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich will.
Als ob ich das je gewusst hätte.
Ich weiß genau was ich will, ganz genau. Doch ich weiß nicht, auf welchem Weg ich es am ehesten erreiche. Und ich weiß eben auch, dass ich auf vielen Wegen dort ankomme. Nur kann ich mich für keinen entscheiden. Für mich und mein Leben ist der Ausgang der letzten Prüfung nicht von Belangen. Es wäre schön, es hinter mir zu haben, aber dafür bin ich nicht bereit, schon vorher etwas aufzugeben. Schon bei der letzten Prüfung ging es mir so. Ich wollte nur, dass dieser Tag vergeht. Dass er endlich hinter mir liegt, und es fühlte sich gut an. Unabhängig vom Ergebnis. Dieser Moment, diese Freiheit, das Wegbringen der Bücher. Abschließen mit einem Kapitel in meinem Leben, auf das ich noch oft zurückblicken werde, es aber nie in Zügen genossen habe (bzw. nur da). Das war schön. Es hinter mir lassen können und hoch erhobenen Hauptes zu sagen: „Ich hab’s geschafft.“
Das wünsche ich mir für die kommende Prüfung auch. Einst wünschte ich mir ein gutes Ergebnis, einst malte ich mir aus, wie ich etwas für diesen Tag tun würde. Doch jetzt gerade werfe ich nur einen Blick auf den Kalender und frage voller Schrecken „Wo ist der Juni hin?“ Mein Kalender steht auf Mai. Wir haben Juli, wenn ich nicht irre. Wo ist der Juni geblieben? Der bisher schönste Monat dieses Jahres. Er ist fort, einfach so. Und auf seine Art war er vollkommen. Mögen die folgenden Monate genauso schön und ereignisreich sein.