indalo

28.12.2011 um 23:10 Uhr

Medizin

von: indalo

Manchmal ist die Medizin sehr trivial. Zu trivial um sie als solche wahrzunehmen.

Vielleicht hängt es mit dem Horoskop zusammen, über das ich durch Zufall stolperte. Einer dieser Fünfzeiler aus Zeitschriften, denen man keine Beachtung schenkt. Wann immer ich eine Zeitschrift in den Händen hielt, laß ich das Horoskop (und die Witze). Nicht, weil ich so sehr daran glaube, sondern vielmehr weil ich daran glaube, dass man ohnehin nur hört, was man hören will. Kommunikation funktioniert oft so. Jemand sagt etwas, und wir interpretieren genau das, was wir erwartet haben. Es ist subjektiv. Und genauso betrachte ich Horoskope. Meist lache ich darüber und habe sie eine Minute später schon wieder vergessen. Doch manchmal sagen sie mir das, was ich hören will. Was ein Teil von mir hören will. Und so sagte jener Fünfzeiler, dass ich jobmäßig nichts übereilen sollte, zumindest nicht am Ende des Jahres. Und so nahm ich dies als Erlaubnis, mir diese Tage frei zu nehmen. Zumindest gestern und heute habe ich mir wirklich frei genommen. Ich habe mir nicht selbst den Druck gemacht, dass ich anfangen sollte, diese blöde Arbeit zu schreiben.

Meine Medizin? Einen ganzen Tag lang eine alte Serie gucken. Eine Serie, die mich über viele Jahre begleitet hat und schon einmal vor vier Jahren neu auflebte. Es ist wahrlich nicht von Bedeutung, worum es sich handelt. Es brachte mich zum Lachen. Da bewegen sich Personen über den Bildschirm, die man zu kennen glaubt. Ich weiß, wie’s weitergeht, vor allem weiß ich aber auch, dass es weitergeht. Die Details hab ich vergessen, sie sind auch nicht von Bedeutung, es zählt einzig und allein, dass es immer weitergeht. Dass alle Probleme gelöst werden. Und während ich das gerade schreibe, scheint mir, dass das etwas ist, was ich erleben muss. Es geht weiter. Ich gehe weiter. Ich komme da wieder raus, aus dieser Situation. Eine Situation, die ich schon gar nicht mehr als so fatal empfinde. Ich möchte sie jetzt schon kleinreden. Abwarten.

Jedenfalls fühle ich eine gewisse Genesung, die mir gelegentlich auch von meinem Umfeld gespiegelt wird. Typische indalo Einträge? Das macht Hoffnung. Oder auch eine Email, von der ich weder weiß, mit welcher Intention sie geschrieben wurde, noch wie ich darauf zu reagieren gedenke. Doch diese Email entlockte mir ein Schmunzeln, ein Lachen, ein Lächeln, ein Stirnrunzeln. Emotionen. Nicht nur solche, die sich in mir bewegen, sondern auch welche, denen ich mich spontan hingab.

Und so habe ich Hoffnung. Auch Hoffnung darauf, dass meine Gedanken, ich wäre bereit für den Rest meines Lebens, nicht von ungefähr kommen. Ich spüre sich formende Gedanken, die ich schlecht in Worte fassen kann. Aber ich spüre, wie sich etwas formt und bin gespannt, wann und wie ich es in Worte fassen werde.

24.12.2011 um 14:49 Uhr

Vor einem Jahrzehnt

von: indalo

…hab ich das erste Weihnachten ohne meine Eltern verbracht. Ohne Eltern, ohne Freunde und doch mit meiner Familie, einer neuen Familie. Es ist zehn Jahr her, dass ich auf einem anderen Kontinent lebte. Es ist zehn Jahre her, dass ich mich von meinem Leben verabschiedete und ein neues begann. Allein, ganz weit weg. Und diese Zeit – so viele schreckliche Dinge auch passiert sind – gehört zu den schönsten Zeiten meines Lebens. Ich habe mich verändert, ich bin erwachsener geworden und doch ich selbst geblieben. Das haben nicht viele geschafft, die meisten sind erwachsen geworden und wurden ein anderer Mensch. Nicht ich.

Als ich wiederkam trennten viele Monate meine Freunde und mich. Viele Erfahrungen, die ich gemacht haben, die sie nie machen würden. Und sicherlich auch einige Erfahrungen, die sie gemacht haben, bei denen ich nicht dabei war. Und doch war es, als hätten wir uns nie getrennt. Meine Freunde und ich, wir blieben uns erhalten. Auch heute noch. Und meine Familie? Mit der konnte es nicht schwieriger werden, und so wurde es auch nicht leichter. Höchstens leichter für mich, weil ich erwachsener war und mit manchem besser umgehen konnte. Weil ich dadraußen in der Welt noch eine Familie gefunden habe, die mir gehörte. Ich hatte einen Zufluchtsort – wenn auch nur gedanklich.

Und heute blätterte ich das tonnenschwere Fotoalbum durch. Ich habe es damals mit viel Liebe gemacht, direkt in der Zeit danach. Und noch heute erinnere ich mich an einzelne Seiten, an viele Fotos und Geschehnisse. Manches habe ich auch vergessen, doch das meiste ist in meinem Herzen eingeschlossen. Es ist noch da. Ich fühle, wie ich mich fühlte, als die Dinge passierten, die auf den Fotos festgehalten sind. Ich erinnere mich daran, wie ich die Fotos einklebte. Und ich erinnere mich noch mit demselben komischen Gefühl daran, wie ich ein paar Tage oder Wochen später an meinem Schreibtisch saß, auf einen der mich umgebenden Bilderrahmen schaute und mich sehr ernsthaft fragte, ob das alles überhaupt wahr gewesen ist. Es war weg, und es würde nie wieder kommen. Ich war weg, doch ich würde wiederkommen. Das wusste ich. Doch das brachte nichts, denn alles war anders.

Ich erinnere mich noch an so viele, kleine Momente. An Ereignisse, die mich noch heute zu einem Lächeln bringen, an Aussagen, die ich nie vergessen werde. Und als ich zu Fotos von bestimmten, größeren Ereignissen kam, die jeder aus dem Fernsehen kennt, konnte ich nur denken: Ja, das ist wirklich wahr. Das ist nicht nur Fernsehen, die Menschen sind so.
Manche Dinge werden nie verstanden werden, und ich sitze hier, vor mich hinlächelnd mit diesem Wissen. Und auch mit dem Schmunzeln, dass höchstens eine Person das gleiche auf den Fotos sieht wie ich. Denn würde ich jetzt jemandem dieses Album zeigen, so würde er junge Menschen und kleine Kinder sehen. Er würde bunte Farben sehen, vermutlich Vorurteile bestätigen und eine jüngere Version meiner Person betrachten. Doch ich sehe etwas völlig anderes. Ich sehe Gefühle, ich höre Stimmen, doch am allerwichtigsten: Ich sehe keine jungen Menschen oder Kinder, ich sehe Menschen, die ihr Leben für eine Zeit mit mir teilten und heute genauso alt sind wie ich – oder älter. Ich sehe nicht mich mit Nase, Augen, Ohren und einer anderen Frisur, nein, ich sehe einen Teil von mir. Es ist, als sähe ich in mich hinein.

22.12.2011 um 20:57 Uhr

Energie

von: indalo

Energie. Damit meine ich nicht nur die Energie zum Aufstehen, also die Energie als Gegenteil der Erschöpfung. Nein, vielmehr meine ich auch Ausstrahlung, energetische Wellen, die wir aussenden und die von anderen aufgenommen werden. Im Grunde meine ich beides, alles in dem Wort Energie vereint. Kraft und Strahlen. Und damit geht die Aussage einher:

Solange ich Energie habe, kämpfe ich.

In meinem Leben habe ich viel gekämpft. Das fing in der Grundschule an – soweit ich mich erinnern kann. Bestimmt schon im Kindergarten, doch ich erinnere mich an große Kämpfe in der Grundschule. Kämpfe gegen alles und jeden, und meistens war ich allein. Oder zumindest allein auf der Suche nach Komplizen. Nach Verstärkung. Immer habe ich gekämpft. Ja, mir wurden viele Steine in den Weg gelegt, und ja, ich habe auch viel Unterstützung bekommen. Nur so hatte ich die Kraft weiterzumachen, nur so kam ich nicht auf den falschen Weg.
In den letzten Jahren kämpfte ich nur noch allein. Doch kämpfte ich nicht nur gegen die Ungeheuer meines jeweils aktuellen Alltags, nein, ich kämpfte auch noch gegen die Menschen meines Lebens, die meinen Weg in Frage stellten. Immer wieder diskutierte ich mit den „Erwachsenen“ darüber, wieso ich der Meinung bin im Recht zu sein, wieso ich überhaupt kämpfe statt mich zu fügen. Jahrelang ging das so, und ich hatte immer genug Energie um an beiden Fronten zu arbeiten. Doch die Ereignisse der letzten Monate haben mir alles genommen, was ich an Energie hatte. Ich hätte keine Energie gehabt, gegen die Ansichten der „Erwachsenen“ zu kämpfen. Ich hätte mich nicht verteidigen können und sicherlich auch nicht mehr wollen. Und das scheine ich ausgestrahlt zu haben. Das ist die Energie, die bei den Menschen meines Lebens angekommen ist. Warum ich das weiß? Weil ich auf einmal nicht mehr kämpfen musste. Im Gegenteil, sie stimmten mir unaufgefordert zu und meinten, ich wäre im Recht. Einfach so. Ob das wohl aus Mitleid geschah, weil ich nur noch ein Häufchen Elend war (hey, ich sage nicht mehr „bin“)? Gerade eben wurde mir das so richtig bewusst. Wer am Boden liegt wird nicht mehr getreten. Und offensichtlich war offensichtlich, dass ich am Boden lag.

Irgendwie auch erschreckend. Denn es zeigt, wie tief ich gefallen bin. Wie tief ich fallen musste um diese Art der Unterstützung zu bekommen. Es hat lange gedauert und wird in Zukunft womöglich nicht anhalten. Doch für den Moment reicht es mir. Denn bei dem fortwährenden Gedanken, dass ich zu schwach und stumpf bin um mir Sorgen zu machen, sich mein Leben zu dumpf anfühlt um verängstigt oder sauer zu sein, bei diesen Gedanken hätte ich nicht noch Zeit, an anderen Fronten zu kämpfen. Und so vertraue ich auf die Energie in mir und um mich herum, dass sie das ausstrahlt, was ich brauche. Das, was im Moment richtig ist.

13.12.2011 um 14:57 Uhr

Dinge, die im Dunkeln leuchten

von: indalo

Gestern saß ne Vierzehnjährige vor mir und fragte mich entnervt: „Müssen wir jetzt basteln?“ – „Ja.“ grinste ich zurück. Doch es war nicht nur ein Ja, nicht eine Silbe, es war ein… ach, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben sollte, nichts käme der Realität so nah wie das Vormachen. Und die Kleine meinte grinsend: „Welch kindliche Freude Sie dabei haben.“ Und ich grinste und nickte. Ihr Nachbar grinste mich ähnlich debil an und ich meinte nur, dass auch in mir noch ein Kind lebt. Da sagte sie, so weise wie ich sie bisher nicht erlebte, dass man immer ein Stück weit Kind bleibt.

Ein wunderbarer Moment, ein Strahlen in meinem Inneren. Ich schaffte es mit meiner Antwort, dass sich ihr Genervtsein in Luft auflöste. Was will man mehr?

Kurze Zeit später fand ich im Büro nebenan ein Paket für mich. Oh, wie sehnte ich mir dieses Paket herbei. Es ist weit gereist, ganz aus Italien hat es sich auf den Weg gemacht. Und die ganze letzte Woche hibbelte ich vor mich hin, dass ich endlich dieses Paket wollte. Gestern war es dann soweit und ich freute mich wie’n kleines Kind als ich es auspackte. Denn ja, ich bin ein kleines Kind und es beruhigt mich, dass wenigstens dieser Draht nicht verloren gegangen ist. Und dann hielt ich sie in den Händen. Drei Bälle, die im Dunkeln leuchten. Hach, ich hab mich so gefreut, dass ich es mir nicht verkneifen konnte, n paar Kinder neidisch zu machen. Mit einem schadenfrohen Grinsen stand ich im Dunkeln und zeigte ihnen die Bälle. Wie gut, dass es so dunkel war, dass ich meiner Schadenfreude ohne schlechtes Gewissen freien Lauf lassen konnte.

Als ich zu Hause war, konnte ich nicht aufhören darüber zu reden. Die Bälle, mein Highlight des Monats. Die sind einfach toll und ich bin froh, dass ich sie mir endlich besorgt habe. So quietschte ich auch am Telefon freudestrahlend vor mich hin. Meine Gesprächspartnerin fragte mich nur trocken – auch wenn sie sich sehr bemühte, sich für mich zu freuen – warum in aller Welt Menschen so begeistert von diesen Dingen sind, die im Dunkeln leuchten. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass sie mich schon immer faszinierten. Womöglich liegt es auch daran, dass ich absolut keine Ahnung habe, wie das funktioniert.
Jedenfalls freute ich mich absolut kindisch und bin echt stolz auf meine Freundin, die noch nie so erwachsen reagierte, wie in dem Moment, als sie mit mir quietschte vor Freude.

11.12.2011 um 19:58 Uhr

Naiv

von: indalo

Ich bin naiv. Ich bin blind. Ich habe so vieles der letzten Wochen und Monate nicht wahrgenommen, nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Ich bin ein positiver Mensch, drehe vieles so, dass es für mich passt, doch bisher war ich mir nicht im Klaren darüber, dass ich obendrein auch noch naiv bin.

Nicht ein einziges Mal hab ich in diesem Jahr darüber nachgedacht, dass jene Frau mir etwas schlechtes will. Schon mehrere Personen haben mir gespiegelt, dass dem so ist. Das war für sie ganz klar, zumindest nach den Erzählungen. Sie gingen davon aus, dass ich auch so denke. Doch ich tue es nicht. Auch jetzt noch nicht.

Gestern am Telefon hörte ich immer wieder Sätze à la „Boa, die Frau regt mich ja so auf.“, „Das geht ja wohl gar nicht, was die da treibt.“ oder „Ey, ich hasse sie, die macht mich richtig wütend.“ Und ich höre mir das an, verstehe, woher diese Sätze kommen, doch mein Gefühl macht nicht mit. Ich rege mich nicht auf, ich bin nicht wütend, ich bin nicht sauer. Ich hasse sie nicht. Ich bin soweit zu sagen, dass ich sie nicht mag. Und das ist schon ein großer Fortschritt. Aber – und ja, das macht mir durchaus Angst – ich hege keine Wut oder sonstige, negative Gefühle. Und ich fürchte, das liegt daran, dass ich dafür keine Energie habe. Wirklich nicht. In den letzten paar Tagen überlegte ich, ob ich sie nicht hassen sollte, ob ich nicht wütend werden sollte – für den Fall, dass ich mir das womöglich verbiete – denn Wut bringt Energie. Sie frisst auch Energie, das stimmt, aber es heißt nicht umsonst, dass man geladen ist vor Wut. Ich bin nicht geladen, ich bin entladen. Total leer. Ich fühle auch keinen Schmerz, auch wenn er da sein muss. Ach, ich kann wahrlich nicht sagen, auf welcher Emotion die Tränen basieren, die ich so gar nicht unter Kontrolle habe.

Dem ein oder anderen antworte ich gerade auf die Frage „Wie geht es dir?“ mit „Beschissen.“ Ich weiß nicht, wann ich das je geantwortet habe. „Gestresst.“, „Weniger gut.“, „Genervt.“ oder anderes sind eher Varianten, nur „Beschissen.“ ist so negativ, dass ich das nie sage. Doch ich tue es, denn eine andere Beschreibung habe ich nicht mehr. Und doch begreift mein Umfeld nicht, was es bedeutet, wenn ich mal eine derart negative Antwort gebe. Ich sage es mit einem Grinsen, denn Grinsen und Lachen schüttet Endorphine aus, nicht wahr? Vielleicht sollte ich es lassen, dann würde ich wenigstens nicht mehr so sehr schocken mit der Aussage, dass ich mittlerweile schon heulend vor meiner Chefin stand. Da ging einfach gar nichts mehr.

Und ich glaube, dass ich auch so naiv bin, dass selbst wenn ich manches hier schreibe, ich es nicht als solches wahrnehme. Denn wenn ich jetzt wieder lese, dass ich vor kurzem schrieb, dass ich mich von mir selbst distanziere, dann sagt mir mein Kopf, dass das doch Erklärung genug ist, für diese… für das alles. Für das stumpfe und dumpfe Gefühl, für das nicht gefühlte Gefühl. Und doch irritiert es mich. Womöglich glaub ich mir selbst nicht mehr.

 

09.12.2011 um 21:12 Uhr

Danke, dass ich dir helfen darf

von: indalo

Eins der schönsten Dinge, die mir in meinem Beruf passieren können, ist heute passiert. Trotz all des Ärgers, der in den letzten Wochen meinen Alltag beherrscht, trotz all der Sorgen, trotz all der Verzweiflung, einfach trotz allem, bin ich noch in der Lage, einer jungen Frau das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Trotz allem habe ich ihr vor einigen Tagen eine Perspektive gezeigt, ihr Hoffnung gemacht und ihr wohl auch irgendwie Geborgenheit vermittelt. Und das rührt mich sehr.

Nachdem der Tag heute gelaufen ist, nachdem zumindest das Offizielle vorbei war, kam sie auf mich zu: „Das Vorstellungsgespräch heute war richtig gut.“ Schon vorher erwähnte sie irgendwas von einem Gespräch heute, doch ich konnte nicht darauf eingehen. Ich sagte nur, dass ich mich für sie freuen würde. Doch dann musste es weitergehen. Und trotz dieser Reaktion, die womöglich nicht ganz ihren Hoffnungen entsprach, startete sie einen neuen Versuch am Ende des Tages. Obwohl sie schon hätte nach Hause gehen können, wartete sie um mir von dem ersten Vorstellungsgespräch ihres Lebens zu erzählen. Sie war so stolz, so glücklich. Das fühlte sich einfach gut an. Und die Tatsache, dass von all den Ansprechpartnern in ihrem Leben, sie sich mich aussucht um über ihre Zukunft zu reden, ehrt mich sehr. Ich konnte ihr ihre Fragen nicht eindeutig beantworten, weshalb ich sie fragte, ob sie nicht mal mit xy reden wolle. „Nein“ war die klare und sehr bestimmte Antwort. Okay. Danke.

06.12.2011 um 20:41 Uhr

Entschlüsse

von: indalo

Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich mag sie nicht. Ich mag diese Frau nicht. Und ich habe beschlossen, dass sie mich auch nicht mag. Nicht, weil ich das so entschieden habe, sondern weil ich mich jetzt damit abfinde. Bisher war sie mir suspekt, bisher konnte ich sie nicht einordnen, nicht greifen. Doch jetzt ist es soweit: Ich mag sie nicht.

Seit Monaten denk ich immer mal wieder, meine Sprache geht den Bach runter. Ich krieg kaum ganze Sätze hin, ich fange Sätze an, beende sie aber nicht. All sowas. Ich nahm das als Veränderung, als normal, als gegeben hin. Doch heute saß ich da und dachte darüber nach, dass ich vor anderen Menschen keine vernünftigen Sätze mehr rauskriege. Mir fiel auf, wie ich gestern Abend nur vor mich hinstotterte. Und heute kam ich zu dem Entschluss, dass sie daran schuld ist. Sie verunsichert mich in allem, was ich tue. Sie greift mich mit allem an, und das auf allen Ebenen. Ich komm da nicht gegen an. Überhaupt nicht. Und ich bin echt kurz davor, alles hinzuschmeißen. Heute mal wieder mehr als weniger. Nicht, weil sie mir irgendwas blödes gesagt, nicht, weil irgendwas passiert ist, vielmehr weil in mir drin so viel passiert. So viel kaputt geht. Und ich guck dem nur noch zu. Ich kann dagegen nichts mehr tun. Ich stehe da und schwenke die weiße Fahne. Doch es hilft nichts.

Vielleicht bin ich die letzten Monate meines Lebens wirklich total verblendet durch die Gegend gelaufen. Vielleicht habe ich das schlechte nicht sehen wollen. Womöglich hat mich die Euphorie darüber, dass ich endlich genau das tun kann, was ich mein Leben lang wollte, blind gemacht für all die Hinweise, für die Andeutungen, für das so Offensichtliche. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mit jedem Tag, mit jeder Stunde mehr feststelle, was ich alles nicht gesehen habe. Dass ich all ihre vagen Aussagen zu positiv interpretiert habe. Dass ihre Androhung, dass ich die Prüfung so nicht bestehen werde, nicht nur eine Aussage in Bezug auf den Tag war, oder auf das, was ich mache. Nein, es war vielmehr ihre Art auszudrücken, dass ich ihrer Meinung nach den falschen Beruf habe. Also dass ich nicht richtig bin für diesen Beruf. Doch nicht einmal das zu sagen war sie in der Lage. Wir haben keine Kommunikation, sie funktioniert einfach nicht.

Schön und gut, dass sie so denkt. Doch… mich macht gerade fertig, dass sie mich bei anderen schlecht macht. Dass sie meinem Chef eben jenes mitteilt und ich heute feststellte, wie sehr sie mich missversteht. Doch genau diese falsche Auffassung ist das, was meinem Chef vorgetragen wurde. Ich kann nicht damit umgehen, dass ich höre, wie sie mit meinen Kollegen reden. Ich kann nicht damit leben, mich fragen zu müssen, ob sie mich bei meinen Kollegen auch schlecht macht. Ich kann das alles nicht mehr.

Ich hasse sie für das, was sie mit mir macht. Was sie aus mir macht. Was sie mir antut.
Und all die letzten Male, die mich ein Mensch in den Wahnsinn getrieben hat, hieß es, ich lass das ja auch geschehen. Aber jetzt lass ich gar nichts geschehen. Ich kämpfe, doch ich kämpfe gegen Windmühlen. Sie sitzt soweit oben, sie ist so verstrickt in alles, was mich umgibt. Ich fühle mich gefangen in einem Spinnennetz und ich fange an, diesen Ort dafür zu hassen, dass hier alles so sehr miteinander verwoben ist. Ich komme mir vor wie der einzige Außenseiter auf weiter Flur. Und nicht nur wie ein Außenseiter, das bin ich ohnehin, sondern wie ein Ausgegrenzter.

03.12.2011 um 19:40 Uhr

Als du...

von: indalo

…mir Anfang das Jahres gesagt hast, dass du gelegentlich heulend auf der Couch sitzt, weil alles doof ist, wusste ich damit nicht viel anzufangen. Als du es damit begründet hast, dass du deine Nichten vermisst, war das okay. Das war dann einfach so. Das ist etwas, das ich nicht nachvollziehen kann. Ich habe keine Nichten. Also akzeptierte ich das.
Auch dass jene Bekannte von dir zu dem Zeitpunkt regelmäßig heulend auf der Couch saß, war okay. Ich kannte sie nicht, ich konnte sie nicht einschätzen. Was soll’s. Doch vielleicht hätte es mir schon da zu denken geben sollen, dass du mir das nicht einfach so erzählt hast, sondern dass du mir von deinen Tränen nur indirekt erzähltest, weil du mir davon erzähltest, wie du es ihr erzähltest. Vielleicht hätte mich das stutzig machen sollen.

Als du dann vor wenigen Wochen davon geredet hast, dass du selbst bei der Arbeit in Tränen ausbrichst, war ich schon längst beunruhigt. Doch auch da konnte ich das nicht nachempfinden. Denn bei der Arbeit in Tränen ausbrechen? Das kam nicht in Frage. Nicht für mich. Und doch stand ich diese Woche da und kämpfte mit allem, was ich hatte, dagegen an. Ich ignorierte den Menschen neben mir, der mir nur gut zu reden wollte. Doch das war genau das, was ich nicht hören wollte. Das machte alles nur noch schlimmer. Und so ging ich langsam aber sicher die Treppe hoch und fragte mich, was passieren würde, wenn ich im richtigen Raum ankäme. Ich atmete tief durch und legte los. Dann war alles gut. Ich mag diese Job nach wie vor, es ist und bleibt das, was richtig für mich ist. Doch dieser verdammte Zwischenschritt ist nicht richtig. Er macht mich kaputt. Immer mehr. Mittlerweile sitze ich regelmäßig heulend auf der Couch. Ich? Das hätte ich nie gedacht. Nie. Das bin nicht ich. Und das werde ich auch nicht. Nichts gegen Tränen, an die hab ich mich in den letzten Jahren gewöhnt, aber nicht aus Verzweiflung. Aus Wut, okay. Aus Freude, gerne. Aber aus Verzweiflung? Aus purer Macht- und Kraftlosigkeit?

Nix mehr mit kraftvoll, wenn auch weiterhin angstlos. Ich habe keine Angst vor der Zukunft, ich habe nur keine Energie auf sie zu zugehen. Wie denn auch, wenn meine Kraft nicht einmal ausreicht um die Gegenwart zu bewältigen. Und dein Bandscheibenvorfall, junge Frau (nein, das „junge Frau“ ist nicht beschönigend gemeint), macht das alles nicht einfacher. Schon gar nicht, wenn ich dabei zusehen soll, wie die Arbeit mal wieder wichtiger sein soll als die Gesundheit. Das bringt mich noch mehr zur Verzweiflung.