indalo

24.08.2015 um 00:06 Uhr

...dann war es das wert

von: indalo

Die letzten zehn Tage habe ich als Teil einer Familie verbracht. Ich bin hergekommen um hier zu arbeiten und hatte schon am ersten Abend so ein unglaubliches Gefühl des Ankommens. Einfach am Tisch zu sitzen und die leckersten Sachen zu essen, darüber nachzudenken, dass die hier nichts über mich wissen, nicht einmal meinen vollständigen Namen, und mich trotzdem mit offenen Armen empfangen, mir alles zugänglich machen, hat mich mal wieder tief berührt. Sie teilen ihr Essen, ihr Haus, ihren Job mit mir. Ich bin wirklich ein Teil der Familie, schon direkt nach dem Ankommen. In meinem Kopf herrschte dort am Tisch ein Gedanke vor: Selbst wenn ich eines Tages auf einen schlechten Menschen treffe und die Begegnung nicht überlebe, dann war es das wert. All das. Ich möchte, dass alle das wissen, ich möchte, dass falls mir etwas zustößt, niemand in hätte, wäre, wenn redet, sondern alle sich einig sind, dass ich ein glückliches Leben hatte. Auch jetzt schon. Nein, ich möchte nicht sterben und plane das auch nicht ein, aber ich nehme es in Kauf um all das zu erleben, was ich derzeit erlebe und auch schon erlebt habe - wann wird die Gegenwart zur Vergangenheit?

 

Es ist nicht immer hochphilosophisch hier, doch die Frage, was meinen Bruder und mich dazu gebracht hat loszulachen, als es darum ging, dass man uns nicht die Liebe unserer Mutter nehmen will, konnte ich nicht beantworten. Ich weiß nicht, woran ich das festmachen soll, ich will es womöglich auch an nichts festmachen. Es war die Summe aller Dinge, es war ein Gefühl, und dieser Moment hat mich weder getroffen noch tief berührt, aber er ist mir glasklar in Erinnerung, da wir nie darüber geredet haben, dass es so ist, wie es ist, aber beide intuitiv und zeitgleich so reagiert haben. Wir waren uns absolut einig, kann es also falsch gewesen sein?

 

Meine Zeit hier endet, morgen werde ich diesen Ort verlassen. Ob ich wiederkomme, weiß ich nicht, aber ich kann klar sagen, dass es mir hier sehr gefällt. Das Essen ist grandios, die Bedingungen sind super und würde ich je arbeitslos werden, würde ich hier im Handumdrehen anfangen. 

Den einen Abend hab ich in der Küche geschuftet und das Geschirr von knapp hundertfünfzig Menschen in Empfang genommen und abgewaschen. Nein, nicht nur Messer, Gabel und Teller, sondern drei Gabeln, ein Messer, einen Löffel, eine Tasse samt Untertasse, einen Teller mit oftmals vielen Essensreste, einen kleinen Brotteller und mindestens ein Glas. Dazu kamen natürlich diverse Geschirre die auf den Tischen standen oder zum Kochen benutzt wurden. I was on fire. Nebenbei habe ich noch Teller fertig gemacht, die zum Essen rausgingen. Ich wirbelte durch die Küche und alles lief glatt. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich schon gegessen hätte. Nö, warum auch? Da fiel mir dann auf, dass schon dreieinhalb Stunden vergangen sind. Davon hab ich nichts mitbekommen. Anschließend hab ich noch ne Stunde die Arbeit ausklingen lassen und mal ein paar Gänge runtergefahren. Doch so stressig das auch war, so viel Freude hatte ich auch an der Arbeit. Das könnte ich öfter machen. Und wenn mir dann hinterher noch sechzig Dollar in die Hand gedrückt werden, dann erst recht. 

 

Es waren entspannte Tage mit viel wohlfühlen. Es ist schade, dass ich schon weiterziehe, aber ich freue mich auch, wieder in Bewegung zu kommen. Ich konnte ein paar Abende nutzen um die nächsten Bus- und Flugtickets zu kaufen, sodass die nächsten vier Stationen zeitlich mehr oder weniger abgesteckt sind. Es geht weiter, weder ich noch die Zeit bleibt stehen, und wer weiß, was mir auf dieser Reise noch begegnen wird. 

14.08.2015 um 02:32 Uhr

on the highway

von: indalo

Es fällt mir zunehmend schwer, deutsch zu schreiben. Schon als ich nach zehn Tagen auf einen Deutschen traf, der vor zwanzig Jahren nach Kanada ausgewandert ist, und er mich auf Deutsch anquatschte, war ich sehr verwirrt. Nicht nur das, ich konnte auch nur stotternd antworten, sodass wir fortan nur Englisch sprachen. Mein Kopf ist auf Englisch programmiert, und wenn das Programm läuft, ist es nur schwer zu stoppen. Treffe ich hingegen auf deutsche Touristen, fällt es mir überhaupt nicht schwer, mich mit ihnen in deutscher Sprache zu unterhalten. Da läuft dann wieder das Programm „ich reagiere in der bzw. auf die Sprache, in der ich angesprochen werde bzw. die ich höre“. 

 

Doch das wollte ich gar nicht schreiben. Das fällt mir nur auf, wenn ich zur Datei greife und mir die Worte im Hals bzw. in den Händen stecken bleiben und nicht rausfließen wie sie es sonst tun. Es gibt so viele Redewendungen, die man nicht übersetzen kann. So viele Gefühle, die für mich an die Sprache gebunden sind. Und gerade schwappen die Emotionen wieder über.

 

Vor guten sechs Stunden bestieg ich einen Bus, der mich in die nächste große Stadt bringen sollte. Wieder lag ein Abschnitt hinter mir, doch der Abschied war wenig emotional. So fuhren wir also aus der Stadt und ich nutzte die moderne Technik um meiner Seriensucht zu frönen. Dann sah ich vorne aus dem Fenster (ich hab als letzter einsteigender Passagier trotzdem den Platz hinter dem Fahrer ergattert) auf die Straßen, fühlte das Schaukeln des Busses und mich überkam wieder einmal die Faszination des Reisens. Einfach so bin ich auf dem Weg zum nächsten Ziel. Es ist überhaupt nicht relevant, was das Ziel ist, ich fühle mich so frei, so wunderbar, so richtig. Ich bin so unglaublich glücklich, dass ich es nur schwer greifen kann. Einfach nur in diesem Bus zu sitzen macht mich glücklich. 

 

Auch jetzt, ein paar Stunden später, fühle ich all das, was in mir ist. Während ich gerade nach etwas zu essen im Rucksack kramte, bremste der Bus und kam auf der Gabelung einer Ausfahrt zum Stehen. Aus mir unersichtlichem Grund. Der Busfahrer stieg aus und ich fragte mich, was das nun soll. Als er nach einiger Zeit wieder in den Bus steigt, kommt die Durchsage, dass irgendetwas mit dem Bus nicht stimmt. Weitere Minuten vergehen bis die Ansage kommt, dass ein Ersatzbus auf dem Weg ist. Ungefähr eine Stunde soll das dauern. 

Mich überkommt keine Panik, ich denke nur nach und merke, dass ich emotional werde. Meine Gedanken sagen mir, dass ich in der nächsten Stadt um halb elf (abends) von jemandem am Busbahnhof eingesammelt werden soll und wir dann eine Stunde zu ihr nach Hause spazieren. Ich kenne sie nicht, wir haben lediglich ein paar (sehr nette!) Nachrichten ausgetauscht. Holt sie mich auch noch um Mitternacht ab? Laufen wir dann immer noch eine Stunde nach Hause? Es sind Gedanken, doch da sind auch Gefühle. Doch sie gehen nicht Hand in Hand, sie laufen unabhängig voneinander, was total absurd ist. Ich überlege, wie ich sie erreichen kann. Immerhin muss ich ihr erst einmal mitteilen, dass ich nicht zum verabredeten Zeitpunkt da sein werde. Eine Stunde vergeht, kein Bus in Sicht. Es wird wohl noch eine weitere halbe Stunde dauern. 

 

Trotz alledem bin ich unheimlich glücklich. Das Gefühl zu Beginn der Busfahrt ist so intensiv, dass es nicht einfach geht. Es bleibt. Ich mache mir auch keine Sorgen um die bevorstehende Nacht. Es wird irgendwie gut gehen. Ich weiß nicht wie, aber ich bin überzeugt davon, dass es gut sein wird.

 

Als der neue Bus kommt, steigen wir schnell um und ich hab Internet im Bus, sodass ich meine geplante Gastgeberin kontaktieren kann. Möge sie meine Nachricht lesen. Ich habe Internet und kann diese Zeilen veröffentlichen. Denn ich sitze immer noch im Bus. Ich lege eine Pause ein um von dem hand gemachten und sehr leckeren Brot zu essen. Auch den selbst gemachten Aprikosengelee habe ich dabei. Ich fummele das Glas aus den Tiefen des Rucksacks und begutachte es. „Danke, dass es eins von den Gläsern mit vernünftigen Deckeln ist.“ denke ich. Dann öffne ich es ganz langsam um das Ploppgeräusch vorfreudig zu erwarten. Es ploppt. Ich bin glücklich. Einfach nur das. Ein Glas Gelee im Bus zu öffnen macht mich glücklich. Ich habe mein privates Picknick und löffle mir Gelee aufs Brot. Vorher gab’s noch zig Erbsen, die ich eigenhändig gepflückt hatte. Und einige Löffel von diesem wunderbaren Hüttenkäse, den ich nirgendwo in Deutschland finden kann. Das ist wie Quark, nur andersherum. Denn den gibt es nur in Deutschland.

 

Ich bin glücklich. Auch auf dem Seitenstreifen zwischen Ausfahrt und Auffahrt eines riesigen Highways. Der Bus schaukelt, wenn größere Fahrzeuge vorbei rauschen. Und ich möchte nirgends anders lieber sein als dort, wo ich gerade bin. 

12.08.2015 um 03:38 Uhr

Die Bedeutung von Anerkennung und Lob

von: indalo

Nachdem ich nun bald die zwei Wochen auf der Farm voll habe, möchte ich etwas zum Thema Lob und Dankbarkeit loswerden. Denn auch wenn ich zwischendurch schon diverse andere Einträge schreiben wollte (und nicht dazu kam), so scheint mir dies das Thema dieser Zeit zu sein. 

 

Als ich hierher kam, hatte ich wenig Vorstellung von dem, was mich erwartet. Ich wollte was tun, ich wollte was lernen und ich wollte Geld sparen. Im Grunde sind alle drei Gründe ziemlich ausgewogen, nichts davon steht im Vordergrund. Und so sagte ich zu, dass ich zwei Wochen für fünf Stunden am Tag arbeiten werde und dafür Essen und Unterkunft bekomme. Ein absolut fairer Deal, wie ich finde. Für beide Seiten. 

 

Die grobe Story habe ich bereits umrissen. Nach unserem letzten Streitgespräch fragte ich am nächsten Tag um 11h38 was ich noch tun könne. Nun wies sie mich darauf hin, dass ich ja nur noch bis um zwölf arbeiten möchte, hätte ich schließlich gesagt, für zwanzig Minuten hat sie keine Aufgabe für mich, die Pies bräuchten bis ein Uhr. Ich guckte sie einfach nur an. Irgendwas geschah in ihr, sodass sie meinte, sagen zu müssen „Ich versuche nicht, sarkastisch zu sein. Ich will dir dein Leben nicht schwer machen, ich erkläre dir nur, wie es hier läuft und dass wir unseren Ablauf nicht für dich ändern werden.“ - „Darum habe ich nie gebeten.“ - „Ich weiß, du bist eine starke Persönlichkeit.“ (Keine Ahnung, womit ich das Kompliment verdient habe.) Und letztlich sagte ich ihr „Was hältst du davon, wenn ich dir heute mit den Pies helfe, auch wenn das länger dauert, und ich hör dann in den letzten drei Tagen um zwölf auf.“ Gesagt, getan. Und während ich also die Pfirsiche in Zucker und Zimt wälzte und anschließend auf die Pie-Böden verteilte und mit Streuseln versah, unterhielten wir uns ganz nett. Ich war guter Dinge und zeigte ihr, dass sie mich nicht klein kriegt und ich das hier verdammt nochmal freiwillig und mit Freude mache. Das schien sie zu beeindrucken, sodass ich für meine Arbeit das allererste Lob bekam. Über eine Woche Arbeit und kein einziger Kommentar dazu, wie es läuft, ob man etwas richtig macht oder irgendwas in der Richtung. Lediglich wenn etwas schief lief, bekam man dies sofort in äußerst harschem Ton mit dazugehörigem Blick um die Ohren geworfen. 

 

Es ist nicht so, dass es besonders gut tat, dieses Lob hören, aber ich stellte fest, dass es genau das ist, was fehlt. Es würde gut tun, würde ich noch irgendeinen Wert auf ihre Meinung legen. Doch das tue ich nicht. Ich habe sie abgestempelt, bzw. in eine bestimmte Schublade gepackt, und sehe auch bis heute keinen Grund darin, das zu ändern. Doch auch durch den Umgang mit den anderen Arbeitern, merke ich, wie wichtig es ist, sich gegenseitig aufzumuntern, zu loben und dankbar zu sein. Denn die sind hier so verkorkst, dass wenn man mir bei dem Abwasch helfen will, sie die anderen davon abhalten, es ihnen sogar verbieten. Das ist für mich Grund genug, wirklich auf das Mittagessen zu verzichten und stattdessen lieber trocken Brot zu essen. Denn es ging beim Essen auch immer nur darum „Wie viel habt ihr geschafft?“ oder „Was ist schon fertig?“. Dabei kam nie auch nur eine Geste der Anerkennung, nichts. Und ich merke, dass das ganz viel dazu beiträgt, wie ich meine Arbeit mache. Und würden mir die Pflanzen nicht so leidtun, würde ich vermutlich versehentlich darauf rumtrampeln um deutlich zu machen, wie umsichtig und wertvoll ich bin. Aber die Pflanzen können nun wirklich nichts dafür. Ich leiste meine fünf Stunden und erwarte dafür nur, dass ich übermorgen mit ins Auto springen darf, wenn sie in die große Stadt fahren. Mehr möchte ich von ihnen nicht. Es wäre schön, morgen etwas mit den vielen Litern Milch anzustellen und dabei noch etwas zu lernen, aber wenn dem nicht so ist, dann eben nicht. Ich bin nicht bereit, mehr Lebenszeit oder Energie hier zu investieren. Da fang ich lieber woanders von vorne an. 

 

Und so möchte ich diese Lektion fürs Leben lernen und anderen immer die Anerkennung schenken, die sie verdient haben. Die, und ein wenig mehr zur Motivation und guten Stimmung.

07.08.2015 um 03:46 Uhr

Showdown

von: indalo

Grandios. Ich hab’s geschafft. Eine Woche bin ich hier, eine Woche in der verdammt viel passiert ist und ich einige innere Kämpfe austrug. Doch letzten Endes wendet es sich offensichtlich zum Guten. 

 

Den freien Arbeitstag kann ich ja nur haben, wenn ich arbeite. Wieso arbeite ich? Weil ich so bin. Weil ich meine Auszeit dazu nutze, neues zu lernen. Das beinhaltet auch, neue Arbeit zu lernen und nebenbei anderen zu helfen. Also landete ich auf einer Farm, auf der ich mittlerweile verdammt viele neue Dinge gelernt habe. Weniger über mich, als über Gemüse und Tiere. Meine Zimmergenossin hat in den letzten Monaten viel über sich und Menschen im Allgemeinen gelernt. Sie fährt morgen, weil sie genug hat. Genug gelernt und genug gelitten. Und jetzt zieht sie Grenzen. Diesen Mist macht sie nicht länger mit. Richtig so. Viel zu spät, aber auch hier gilt: Besser spät als nie. 

 

In mir rumort es spätestens seit Montag. Sonntag kam meine Zimmergenossin nach Hause und sagte, sie hat gekündigt, aber sie bleibt noch zwei Wochen. Aus Pflichtbewusstsein. Ich verstand weder das Kündigen, noch das Pflichtbewusstsein. Wenn es so schlimm ist, dass sie heulend auf dem Bett zusammenbricht und ihre Familie panisch ihre Sachen in Tüten packt, dann geht man doch sofort. Das merkte ich ein paar Mal in den letzten Tagen an, jetzt fährt sie morgen. Endgültig. 

Dennoch verstand ich Sonntag noch nicht, wo das Problem liegt. Montag wurde es glasklar. Die Dame des Hauses ist herablassend, und ich hasse es, wenn jemand so mit anderen umgeht. ICH lasse mir das nicht gefallen. Doch halt, das stimmt so nicht, ich ließ es mir ja erst einmal gefallen. Es blieben noch zehn Tage. Dienstag hieß es vom Herr des Hofes „take it or leave it“, als ich ansprach, dass fünf Stunden am Tag abgemacht waren und ich per se schon sechs arbeite plus Riesenabwasch und Eier sammeln. Ich schwieg. Darüber musste ich nachdenken. Ich war so weit, den leave it part zu wählen. Dann zog ich mich zurück, beschäftigte mich mit anderen Dingen und ärgerte mich, dass ich das Busticket gerade gekauft hatte. Das wollte ich nicht verfallen lassen, also überredete ich mich, doch die abgemachten zwei Wochen zu bleiben. Nächsten Tag wieder herablassende und blöde Kommentare. Absolut unnötig. Und ich hasse es, wenn man mich für die Prinzessin auf der Erbse hält - und so betitelt. 

Als mich heute der Hofhund biss, überlegte ich kurz, ob ich jetzt die Prinzessin spielen soll um meine Ruhe zu haben. Es wurde blau, es blutete und dann wurde es dick. Ich war wie gelähmt in meinem Denken und Handeln. Erst sortierte ich weiter Eier, dann holte ich mir Eis, dann setzte ich mich draußen auf einen Stuhl und überlegte. Da kam es wohl erst so richtig an. Ich wurde von einem Hund gebissen. Das Stand nicht auf der Liste der Dinge, die ich erleben wollte. Und schon gar nicht für hier und jetzt. Der (riesige) Hund und ich, wir verstanden uns bisher super. Das war vollkommen unerwartet. Mit geschlossenen Augen dort sitzend fühlte ich Erleichterung - der Finger hätte ab sein können. Ist er aber nicht. Ich hatte Glück. Ja, ich fühlte mich glücklich. Und erleichtert. Als ich diesen Emotionen nachgefühlt hatte, arbeitete ich weiter, als die Hofdame wiederkam und ich meinte: „Ich wusste nicht, dass Freunde werden bedeutet, gebissen zu werden.“ (Zitat: „If you give him that egg, he will be your friend forever.“) sah sie mich irritiert an, entdeckte dann meine Hand und geriet in Panik. Ha. Wer ist jetzt die Prinzessin, meine Liebe? Ich blieb cool und gelassen, schlug das Angebot zum Arzt zu fahren aus und meinte, dass ich als Rechtshänder mit geschundener rechter Hand nun nicht die Pfirsiche schneiden werde. Statt - was ich für normal halten würde - mir zu sagen, ich brauche die letzte Stunde nicht weiterzuarbeiten, hieß es: „Wenn du Freizeit hast, bring ich dir ne Salbe zum Abklingen der Schwellung.“ Ich nahm’s gelassen und mit Humor, wir werden noch sehen, wer am Ende mit höherem Haupt aus der Geschichte geht. 

 

Abends saßen wir hilfsbereiten Arbeiter zusammen, als sie zum Meckern dazu kam. Sie meckerte, aß von unserem Essen und stellte dann fest, dass niemand am Samstag zum Arbeiten da ist. Ob ich wisse, wie das Füttern der Tiere geht? - Och, ich weiß nicht. Ich hab jetzt schon vierundzwanzig von fünfundzwanzig Stunden diese Woche gearbeitet. - Ach, vor dir hat noch niemand was dazu gesagt. Aber wenn dir das so wichtig ist, dann hör doch nach fünf Stunden auf. - Okay. - Ich koche dann nicht für dich, das wird ein einsames Leben, du musst dann allein deinen Abwasch machen.

Ich lachte innerlich. Zur Zeit mache ich den Abwasch von zehn Leuten plus Eier sammeln plus anderen Abwasch. Da werde ich es wohl schaffen, eine bis eineinhalb Stunden früher aufzuhören und meine eigene Schüssel abzuwaschen. Da ist wohl jemand verzweifelt.

Wir klärten, dass es nichts mit dem Hundebiss zu tun hat. Hat es für mich auch nicht. Aber sie ist in Panik, weil drei von sieben Arbeitern morgen verschwinden (einer nur fürs Wochenende, einer für ne Woche und eine für immer). Also ging es noch ein paar Mal hin und her. Ich erwähnte, dass es um die Art des Fragens geht. Wenn jemand sagt „könntest du bitte“, dann kann ich das auch tun. Hier wird es erwartet. Dann nein, dann mache ich das nicht. Ich wiederholte ein paar Mal, dass ich so nicht behandelt werden möchte, auch nicht mit diesem „take it or leave it“-Mist. Da sagte sie halb entschuldigend, dass ihr Mann einfach so ist. Ach, sie etwa nicht? Soso. Es steht mir also frei. Mal sehen, wofür ich mich in den letzten vier Arbeitstagen entscheiden werde. 

 

 

Als die Szene vorüber war, haben wir abgewaschen und als ich ins Zimmer kam, hieß es von meiner Zimmergenossin: „I loved that last showdown between you and her.“ - „Yeah, but who won?“ - „You did!“

02.08.2015 um 16:38 Uhr

zu Fuß über die Grenze zwischen den USA und Kanada

von: indalo

Es ist schon vier Tage her, dass ich zu Fuß eine weitere Landesgrenze überquerte, und damit ebenso lange, dass ich diesen Eintrag schreiben möchte. Doch das Leben, das Reisen hält mich davon ab. Es ist nicht so, dass ich nicht die Zeit hätte, aber anderes ist vordergründiger. So hab ich gestern meinen Rucksack sortiert nachdem ich Wäsche gewaschen hatte und dabei meine Kostenaufstellung gemacht und Kassenzettel gesichtet. Jetzt fehlen noch die Kreditkartenrechnungen und ich kann immerhin das erste Land fertig machen. Zumindest ein wenig sollte ich den Überblick behalten, sonst geht mir doch noch das Geld aus oder ich ärgere mich am Ende, dass ich dieses oder jenes nicht gemacht habe, obwohl noch Geld übrig ist. Wobei letzteres eher unwahrscheinlich ist. 

Es war gut, diesen freien Arbeitstag als Orgatag zu nutzen. 

 

Vor vier Tagen hing ich also in einer viel zu heißen Wohnung in einer wahnsinnig großen Stadt rum und vertrödelte die Zeit. Gegen Mittag brach ich zum Busbahnhof auf, wie immer kurz vor knapp. Doch ich kam gerade noch rechtzeitig an, um in den klimatisierten Bus zu steigen. Es folgte eine entspannte Fahrt, die mich wieder spüren ließ, wie glücklich ich bin. Einfach nur dazusitzen und mich wie ein kleines Kind auf seinen Geburtstag zu freuen, zeigt mir die immense Freude, die mir diese frei eingeteilte Reise bereitet. Wann immer ich möchte, mache ich, was immer ich möchte. Und ich kann wirklich nicht verstehen, warum so viele Leute so entsetzt sind, dass ich dies hier alleine mache. Warum sollte ich alles diskutieren müssen, immer abwägen, was will der andere, was will man selbst. Nein, für mich gibt es keinen anderen Weg als diesen. Und er ist wunderschön. 

 

Am Ziel angekommen marschierte ich los. Erst nach links zu den White Water Walks. Keine Ahnung, ob das so spannend ist, ich entschied mich dafür, gleich wieder zu verschwinden und mich gen rauschender Wasserfälle zu bewegen. Ne halbe Stunde lief ich also frohen Mutes am Highway entlang und entdeckte sogar einen Biber. Leider war dieser sehr fotoscheu. Und dann sah ich die Regenbogenbrücke, die mein erstes Ziel war. Ich hüpfte die Treppen hoch, zahlte fröhlich die fünfzig Cent und passierte das Drehkreuz. USA, ich komme. Auf der Hälfte der Brücke das Schild und die beiden Fahnen. Natürlich folgen die Grenzkontrollen noch, erst dann wird’s ernst. Lassen sie mich ohne Visum, ohne ESTA, ohne Weiterreiseticket ins Land? Ich traf auf einen gut gelaunten und sehr sympathischen Mann, der natürlich jeden einzelnen Fingerabdruck sowie ein Foto und zig Antworten haben wollte. Dazu kamen noch sechs Dollar, die ich mit Kreditkarte zahlen konnte. Das war’s, ich durfte weiter. USA, ich bin da. Also wanderte ich entlang des Flusses und dachte die ganze Zeit: Wer immer auf eine der beiden Seiten zu den Niagara Fällen fährt, muss unbedingt zur anderen Seite gehen. Das ist total genial auf dieser Brücke zu stehen und den Fluss von oben zu sehen. Entspannte Grenzwechsel haben auch ihren Charme. 

 

Am Ende meiner Wanderung nahm ich noch ein paar Sandalen mit, die andere weg geschmissen haben. (Heute weiß ich, dass das mal wieder ein Teil der Magie dieser Reise war, denn die Sandalen brauche ich jetzt dringend.) Und dann machte ich mich barfuß wieder auf den Weg nach Kanada. Diesmal musste ich nichts zahlen und stattdessen nur drei Fragen beantworten. Wie entspannt die Kanadier doch sind. 

Ich entschied mich für eine Bootstour und gegen das Regencape. Klatschnass stand ich also an der Reling inmitten der kanadischen Fälle. Ich genoss das Rauschen, das Wasser und die Bewegung des Bootes. Dann ging es wieder zurück und ich legte mich auf den Boden um den Anblick der amerikanischen Fälle zu genießen. Erst machte sich ein junger Mann Sorgen, ich würde von den Mitfahrenden des nächsten Bootes getreten werden und dann sprach mich eine sehr sympathische Frau an. Wir unterhielten uns kurz und einige Zeit später gab sie mir ein Busticket, nachdem ich sie auf der Toilette wieder traf („You finally got up.“). So betrachtete ich noch die beleuchteten Fälle nach Sonnenuntergang und sprintete dann zur Busstation. Pünktlich genug um meine Wasserflasche aufzufüllen und das Gesicht zu waschen kam ich an und dämmerte auf dem Rückweg vor mich hin. Der Spaziergang durchs nächtliche Toronto brachte mir noch eine Begegnung mit einem Waschbären ein, der sich fotoscheu zeigte, aber immerhin unscharf fotografieren ließ. Es war nicht aufregend, aber es war einfach ein schöner Tag.