indalo

06.09.2017 um 22:46 Uhr

Willkommen in meiner Stadt

von: indalo

Ich weiß, ich hab ne große Klappe. Wirklich. Und ich lass mir von niemandem etwas sagen. Genauso wenig stehe ich daneben, wenn andere unnötig angepöbelt werden. Doch ich weiß auch, wann ich meinen Mund besser halte. Und ich weiß noch nicht, was ich über diesen Vorfall denken soll. 

Da steh ich mit einer Freundin an der Kasse. Vor ihr kaufen zwei… zwei was? Zwei Männer. Zwei Männer, die bestimmt total nett sein können, aber auch gewiss etwas davon verstehen, nicht nett zu sein. Das merkt man. Während der eine bezahlt, will der andere noch eine Tüte kaufen. Er rief noch rüber, dass die dazu kommt. Doch es war bereits eingegeben, die Geldkarte steckte schon im Gerät, er war dabei seinen Pin einzugeben. Dann kramen sie nach zehn Cent, die Tüte kostet aber fünfundzwanzig. Der andere packt also die Sachen in die Tüte, der eine ist schon weggegangen, als der andere sich wegdreht und meint „Ist ja nicht mein Problem.“ In mir beginnt es zu brodeln, denn die klauen doch jetzt nicht einfach diese Tüte, mit vollem Bewusstsein und so ner blöden Art. Ich starre ihm wütend hinterher, drehe mich in seine Richtung und als mein Hirn noch den Sinn und Unsinn davon, ihn jetzt darauf anzusprechen, debattiert, merke ich einerseits wie die Kassiererin das achselzuckend hinnimmt, er aber andererseits sich eines besseren besinnt und zurückkommt. Er pöbelt sie an, dass er doch gesagt habe, sie solle das in die Kasse geben. Murmelt sie noch, dass es bereits eingegeben war? Ich jedenfalls sagte dies laut und deutlich, da ich es selbst auf dem Gerät sah. Meine Freundin sagt in etwa das gleiche wie ich, ohne das Gerät gesehen zu haben. Er dreht sich zu mir, von Angesicht zu Angesicht und pöbelt mich an „Mischen Sie sich ja nicht ein.“ - „Du hast mich angeguckt.“ gebe ich zurück. „Ich gucke an wen ich möchte.“ poltert es. An dieser Stelle steht für mich fest, dass ich es versucht habe, und es nun einfach weiter laufen kann. Meine Freundin reißt jedoch ihren Mund wieder auf „Das können Sie auch in einem ruhigen Ton sagen.“ und ich denke nur „lass es sein, bitte“. Ich sage nichts. Denn ich stehe leider nicht zwischen ihnen. Uns trennt eine Absperrung, und das gefällt mir gar nicht. Er dreht sich also zu ihr, sie zuckt. Ich merke nur, wie sie zuckt und hoffe, dass ihr das Zeichen genug ist. Der Adrenalinspiegel steigt, und der lauteste Gedanke dreht sich darum, dass sie schwanger einen pöbelnden Mann (ja, mich fasziniert, dass er mich siezte) provoziert und ich nicht weiß, ob ich rechtzeitig dazwischen komme. Wie kann ich diese Situation bloß deeskalieren? Ich glaube an die Spannungen im Raum, ich kann sie fühlen. Er hat ne große Klappe, aber das würde er nicht wagen, nicht wahr? Er pöbelt rum und meine Freundin grummelt sich noch etwas in den Bart, was er Himmel sei Dank nicht hört. Beim Weggehen höre ich noch das Wort „Schlampen“ und weiteres. Die Kassiererin atmet auf, meine Freundin zahlt und die Frau hinter ihr kommt wieder dichter und kommentiert einiges. Unter anderem, dass sie ein ganzes Stück zurück gewichen ist. Erstaunlich, so weit reichte meine Aufmerksamkeit diesmal nicht. Es gab nur ihn und den gewölbten Bauch. 

Leider müssen wir den beiden Männern folgen um das Gebäude zu verlassen. Sie stehen am Eingang. Nein, sie warten nicht auf uns, sie erledigen etwas. Doch ich wechsele ganz bewusst die Seiten, um zwischen meiner Freundin und ihnen lang zu gehen. Keine Ahnung, was er uns entgegen wirft, ich gehe dies ignorierend weiter. Mein Fuß ist schon draußen, als ich höre, wie sie reagiert. Warum um Himmels Willen reagierst du noch? Sie steht, er kommt auf sie zu und ich trete ihm entgegen, gucke ihn an mit diesem vielsagenden Blick. Ich weiß, dass ich das kann. Wenn du zu ihr willst, musst du an mir vorbei. Er weicht zurück. Ich sage kein Wort, sie hinter mir schon. Was? Das weiß ich nicht. Das höre ich auch nicht mehr. Dann drehe ich mich wieder zum Gehen, sie kommt diesmal mit. Er setzt wieder an zu seinen Pöbeltiraden, sie sagt etwas zu mir, doch ich muss nachfragen. „Wie schön es doch ist, schwerhörig zu sein. Ich verstehe nicht mehr, was er sagt.“ Ich schon. Ich verstehe seine Worte, doch ich werde sie nicht weiterleiten. Seine Worte sind so viel lauter als ihre, so viel klarer, so viel deutlicher. Wir gehen weiter. Und alles, was mir zu sagen einfällt, ist: „Willkommen in meiner Stadt.“ 


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