indalo

27.08.2017 um 22:11 Uhr

ein abruptes Ende

von: indalo

Sonderbar. Dieses Leben ist sonderbar. Da mache ich ganz entspannt Urlaub, lasse alles hinter mir und komme nach wunderbaren Erfahrungen wieder in meine Heimatstadt, treffe einen Freund noch eh ich in meine Wohnung heimkehre und sage zu ihm: „Morgen geht’s wieder los, aber heute ist noch nicht vorbei.“ Dann bewege ich mich zum Bahnhof, bekomme eine Fahrkarte geschenkt, freue mich des Lebens, finde noch nen Cent und gehe beschwingt nach Hause, nachdem ich heute mehreren älteren Damen beim Koffer heben geholfen habe und jüngeren Damen noch Hilfe bei der Orientierung anbot. Es war ein wunderbarer Tag. Ich sammelte eilig die Post aus dem Briefkasten, da ich wusste, dass ein Freund anrufen will, sobald ich die Wohnung betreten habe. Kurz darauf tut er das auch und meint „Ich rufe im Auftrag meiner Frau an.“ Soweit ahnte ich das schon. Den Satz „Halt dich kurz fest“ nahm ich irgendwie nicht ernst, und auf den nächsten Satz war ich keineswegs gefasst: „Ihre Mutter hat sich heute umgebracht.“ Auf einmal wurde auch klar, was mit der Nachricht „Moin, sag bitte einmal Bescheid, wenn man dich telefonisch erreichen kann“ gemeint war. Selbstmord. Nein, damit haben wir nicht gerechnet. 

Vor zwei Jahren starb der Vater einer Freundin auf nicht abschließend geklärte Weise und ich kann sagen, dass ich das bis heute nicht verarbeitet habe. Nun fühlt es sich ein wenig so an, als bekäme ich eine zweite Chance. Als dürfte ich diesmal für sie da sein, auch wenn es eine andere Freundin ist. Und es zeigt mir, dass damals mich immer noch beschäftigt. Weil es einfach nie geklärt wurde. Und eins weiß ich: Ich werde nicht denselben Fehler begehen. Ich werde nichts sagen, ich werde schweigen. Ich werde für mich behalten, dass ich anscheinend der herzloseste Mensch in meinem Umfeld bin. Denn der Gedanke, dass sie jetzt eine Sorge weniger hat, war sofort da. Doch sie leidet. Sie macht sich Vorwürfe. Sie weiß, wie irrsinnig das ist, aber sie tut es. Mal sehen, was sie mir morgen noch alles erzählt. Was in ihr vorgeht, was sie beschäftigt. Denn ihre Mutter hat es allen gegenüber erwähnt, nur ihr nicht. Denn ihre Mutter wusste, dass sie Maßnahmen ergreifen würde. Bin ich wirklich so allein damit zu sagen, dass man Menschen gehen lassen soll, wenn sie das wollen? Dass es vielleicht besser ist? Nein, ich maße mir nicht an zu wissen, wie das ist. Wirklich nicht. Aber diese beide Elternteile taten ihren Kindern wirklich nicht gut. Und ich sehe da eine Verbindung, auch wenn es gänzlich unterschiedliche Fälle sind. Bei allen anderen Freunden und ihren Eltern würde ich keine Sekunde zögern, eh ich mein Beileid aussprechen würde. Doch in diesen beiden Fällen fragte ich, ob das angebracht sei. 

Ich werde morgen für sie da sein. Ich werde hinfahren, weil sie es möchte. Und es ehrt mich, dass sie es möchte. Doch es erinnert auch schmerzlich an die letzte Situation, in der ich in Frage stellte, ob ich mit zur Beerdigung kommen würde und glasklar „Würdest du.“ zurück kam. 

Ja, das geht hier gerade in die Grätsche. Ich weiß nicht einmal, was mich mehr beschäftigt und werde den Weg wählen, mich gedanklich zu betäuben, eh ich müde ins Bett fallen werde. Morgen beginnt eine anstrengende Woche, auf die ich nicht ansatzweise vorbereitet bin. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenRonjaa schreibt am 28.08.2017 um 09:43 Uhr:Ich stimm dir voll zu, dass man Menschen gehen lassen soll, sofern es keine Kurzschlussreaktion auf eine vorübergehende Krise ist.
    Der Verlust eines Elternteils besonders wenn selbst gewählt ist glaub ich immer schwer, auch wenn die Beziehung nicht so toll war. Schön dass du da für deine Freundin da bist!

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.