ich war mit dir bei der untersuchung, jonathan. bei den untersuchungen. es waren so viele. und spätestens als sie deinen oberkörper wieder und wieder scheibchenweise durchleuchtet und abfotografiert haben, und du so ungeduldig warst und ich nicht mehr wusste, wie ich dich ablenken und gleichzeitig von jeder bewegung abhalten sollte, als alles viel, viel länger dauerte als geplant, da hätte ich es wissen können, und ich wusste es auch. es hat nichts gebracht. der tumor ist noch da, hat sich nicht verkleinern lassen. die nächsten chemoblöcke und auch die hochdosis-chemo sind abgesagt. du würdest das gar nicht schaffen. nun bist du zuhaus. wenn du ein bißchen kraft hast, kommt eine lehrerin und unterrichtet dich ein wenig. trotz der vielen, vielen fehlzeiten bist du in das vierte schuljahr versetzt worden. vielleicht kannst du ja nach den ferien wieder zur schule gehen...
jetzt komme ich gerade aus dem krankenhaus, mit laurin und ben. lieb waren sie zu dir, laurin hat dir zärtlich deinen haarlosen kopf gestreichelt, und du hast es geschehen lassen. früher hast du immer nach einer perücke verlangt. wir waren im wald gewesen, waren geklettert und hatten wild verstecken gespielt, als du immer blasser wurdest und ich dich nachhause brachte, um fieber zu messen. krankenhaus. hoffentlich war das nicht meine schuld, meine verantwortungslosigkeit, wie schon einmal, als ich dich mit einem rostigen taschenmesser einen zauberstab schnitzen ließ und du dich ein winziges bißchen in den finger geschnitten hattest. wir maßen dem kaum bedeutung bei, doch am nächsten tag war dein finger sehr heiß und rot und sehr entzündet. ich vergesse immer, dass du beinahe kein immunsystem mehr hast. es hatte ärger gegeben.
du wurdest daraufhin ins krankenhaus gebracht. ich wünsche dir so sehr, dass ihr in den wohlverdienten urlaub fahren könnt, alle gemeinsam, wenn auch nur kurz. dass sie dich nicht hierlassen müssen. habe ben eben in dein bett gelegt, er wollte es so gern. als wir beteten, auch für dich, und ich mein gebet geschlossen hatte, die stimmung sehr ernst und heilig war, und ich den kleinen fragte, ob er noch etwas hinzuzufügen habe, da sagte er: "lieber gott, ich brauche bequemere unterhosen. bitte tausche sie aus. amen."
meine liebe zu dir.
arinna