jonathans mikrokosmos

09.04.2011 um 01:52 Uhr

jonathan

von: arinna

Musik: der engel, der die träume macht

mein jonathan,

vielleicht, ganz vielleicht, kannst du am sonntag, wenn du dich kräftig genug fühlst, und nicht vorher wieder ins krankenhaus musst, meine premiere von "latte igel" sehen. ich würde es dir so wünschen!

ich drück dir die daumen.

 

 

13.07.2010 um 18:04 Uhr

vor meinem eignen tod ist mir nicht bang

von: arinna

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

 

Allein im Nebel tast ich todentlang

Und laß mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

 

— Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muß man leben.


Mascha Kaléko 

12.07.2010 um 20:31 Uhr

mein jonathan

von: arinna

mein jonathan!

lange hab ich mich nicht gemeldet, dir nicht geschrieben. das kommt daher, dass du mich nicht brauchtest- letztes jahr im august sagte mir deine mutter, dass euer großer bruder von nun an eure betreuung übernehmen würde. ich war im september noch mal da, aber dann blieb ich weg. ich könnte euch immer besuchen, sagte deine mom, aber- ich hatte es versucht, es war nicht dasselbe. wir waren steif, wenn ich nur zu besuch war. wenn ich allein und durchgängig für euch verantwortlich war, dann brauchten wir auch immer einen tag, um uns wieder aneinander zu gewöhnen, an den veränderten tagesablauf mit mir, an unsere gemeinsamen regeln. wenn ich wieder ging und eure mom wiederkam und ich ben beim ins bett bringen sagte: "bis bald, mein kleiner!", dann wusste er, dass unsere gemeinsame zeit wieder für eine weile zuende war- und dann schon war er verwirrt und verzweifelt und sagte nur: "geh weg".  als ich zum geburtstag bei euch eingeladen war und du mich schüchtern begrüßtest, lief ben sogar vor mir davon, traurig, verletzt und verstockt. er hielt es nicht aus, diese ewigen wechsel. ich konnte es nicht ändern. es brach uns allen das herz. einmal besuchte ich ben im kindergarten- dort kam er in meine arme, es war ganz anders, als ein treffen bei euch zu hause.... ein wenig mehr wie früher. "wo warst du denn" fragte er und sah mich lange an, "warst du weit weg?" ich kann auch nicht erklären, was das mit uns war- warum wir unseren raum brauchten, um eins zu werden- und warum es nicht klappte, wenn ihr als familie wieder zusammen wart. es war so unterschiedlich. es tut mir so leid.

dir ging es ganz gut, anfang des jahres. dein tumor im arm hatte sich abgekapselt und inaktiv. es sah gut aus, du erholtest dich langsam. aber jetzt ist ein neuer da, im bein. du hast es mitbekommen, weißt jetzt, dass du daran sterben kannst. früher wusstest du das nicht, wolltest es nicht wissen. deine mom hat mir erzählt, dass du viel weinst, verzweifelt bist. nicht mehr einfach nur wütend über die torturen, die du ertragen musstest. "warum ich? ich wollte 80 werden!" hast du weinend gerufen. gestern hat deine mom mich angerufen und noch einmal um hilfe gebeten. in einer klinik in einer anderen stadt sollst du stammzellen von ihr bekommen. deine sind nicht mehr brauchbar. ich werde bei ben sein in der zeit- deine familie wird bei dir sein. vielleicht ist das gut so. ich werde in gedanken bei dir sein. ich habe solche angst um dich! ich habe so viel von euch beiden geträumt... ich vermisse euch so.

in liebe-

arinna

 

22.07.2009 um 23:31 Uhr

meine liebe zu dir

von: arinna

ich war mit dir bei der untersuchung, jonathan. bei den untersuchungen. es waren so viele. und spätestens als sie deinen oberkörper wieder und wieder scheibchenweise durchleuchtet und abfotografiert haben, und du so ungeduldig warst und ich nicht mehr wusste, wie ich dich ablenken und gleichzeitig von jeder bewegung abhalten sollte, als alles viel, viel länger dauerte als geplant, da hätte ich es wissen können, und ich wusste es auch. es hat nichts gebracht. der tumor ist noch da, hat sich nicht verkleinern lassen. die nächsten chemoblöcke und auch die hochdosis-chemo sind abgesagt. du würdest das gar nicht schaffen. nun bist du zuhaus. wenn du ein bißchen kraft hast, kommt eine lehrerin und unterrichtet dich ein wenig. trotz der vielen, vielen fehlzeiten bist du in das vierte schuljahr versetzt worden. vielleicht kannst du ja nach den ferien wieder zur schule gehen...

jetzt komme ich gerade aus dem krankenhaus, mit laurin und ben. lieb waren sie zu dir, laurin hat dir zärtlich deinen haarlosen kopf gestreichelt, und du hast es geschehen lassen. früher hast du immer nach einer perücke verlangt. wir waren im wald gewesen, waren geklettert und hatten wild verstecken gespielt, als du immer blasser wurdest und ich dich nachhause brachte, um fieber zu messen. krankenhaus. hoffentlich war das nicht meine schuld, meine verantwortungslosigkeit, wie schon einmal, als ich dich mit einem rostigen taschenmesser einen zauberstab schnitzen ließ und du dich ein winziges bißchen in den finger geschnitten hattest. wir maßen dem kaum bedeutung bei, doch am nächsten tag war dein finger sehr heiß und rot und sehr entzündet. ich vergesse immer, dass du beinahe kein immunsystem mehr hast. es hatte ärger gegeben.

du wurdest daraufhin ins krankenhaus gebracht. ich wünsche dir so sehr, dass ihr in den wohlverdienten urlaub fahren könnt, alle gemeinsam, wenn auch nur kurz. dass sie dich nicht hierlassen müssen. habe ben eben in dein bett gelegt, er wollte es so gern. als wir beteten, auch für dich, und ich mein gebet geschlossen hatte, die stimmung sehr ernst und heilig war, und ich den kleinen fragte, ob er noch etwas hinzuzufügen habe, da sagte er: "lieber gott, ich brauche bequemere unterhosen. bitte tausche sie aus. amen."

meine liebe zu dir.

arinna   

15.04.2009 um 22:09 Uhr

die hoffnung stirbt zuletzt?

von: arinna

Stimmung: minus zwei
Musik: stille

ach jonathan. ich weiß nicht mehr weiter, meine gedanken kreisen permanent um dich. ich habe wieder viel gelesen über das neuroblastom, ich denke, die chance, dass du es schaffen kannst, ist sehr gering. ich habe heute morgen einiges neues erfahren. die untersuchung, ob die drei chemoblöcke was gebracht haben, ist am dienstag. ich werde mit dir in die uniklinik fahren. ich werde dich also wenigstens unterstützen dürfen...

für mich unbegreiflich: es ist völlig egal, wie das ergebnis sein wird. der therapieplan ist längst gemacht, die drei nächsten chemoblöcke und eine hochdosis-chemo sind schon geplant. wann nimmt der wahnsinn ein ende. ich kann gerade nicht mehr. ich lasse ein bißchen los, ok? ich versuche, mich nicht so sehr an dich zu klammern, ich lasse ein bißchen von der hoffnung und dem verzweifelten wunsch los, dass du überleben musst. und noch was: dein arm. er ist von innen zerfressen, das knochenmark kaputt, der knochen hauchdünn. sie wollen ein stück deines knochens herausnehmen und dir eine prothese dafür einsetzen. ich- ich bin unfähig da drüber nachzudenken ohne durchzudrehen. ich in bin ingedanken bei dir. geh deinen weg jonathan. so wie du kannst und willst. ich begleite dich, egal wohin.

arinna

15.04.2009 um 06:36 Uhr

anaphylaktisch

von: arinna

jonathan. mein armes, kleines wesen. ich dachte, du könntest in ruhe ostern feiern. ich hatte es dir so sehr gewüscht. du hattest gerade den dritten großen chemoblock überstanden, nach meinen berechnungen wäre genau an ostern wieder der höhepunkt der übelkeit und des leids gewesen. aber diesmal hast du es schneller geschafft! ich hab mich so für dich gefreut! du durftest viel früher als erwartet nach hause. konntest ostern mit deiner familie feiern. so dachte ich. und freute mich. und auch mir ging es gut. an ostermontag dann eine vage nachricht auf meinem anrufbeantworter, dir ginge es sehr schlecht, du seist am karsamstag dem tode sehr nah gewesen.

ich konnte es nicht fassen. eine welt stürzte ein. was war denn nur passiert. ich dachte, der krebs hätte wieder irgendwie zugeschlagen, oder ein infekt, den dein armer geschundener körper nicht alleine bewältigen konnte. am nächsten morgen erreichte ich deine mutter. du hattest tatsächlich hohes fieber bekommen. sie wollte dich nur schnell in die klinik fahren- aber als dir die notwendigen infusionen gelegt wurden, ging alles sehr schnell. du musstest dich übergeben. flecken in deinem gesicht, die sich rasend schnell über deinen ganzen körper ausbreiteten. dein gesicht schwoll an. dein kreislauf versagte. ein praktikant war verwirrt. deine mutter rief nach der oberärztin, die gottseidank sofort begriff, was los war. sie befreite dich in windeseile von allen infusionen. das war ein anaphylaktischer schock, jonathan. du warst mal wieder dem tode nahe- du hast es nicht mitbekommen, sagt deine mutter, deine bewusstlosigkeit hat dich geschützt.

ich weiß nicht.

was bekommst du eigentlich mit, jonathan? wenn du mit mir reden möchtest, frag mich. ich erkläre dir alles. aber dafür müsste ich bei dir sein. mir wird ganz schlecht bei dem gedanken, dass du sterben könntest, und ich wäre nicht bei dir. es zerreisst mich: ich will deine familie nicht stören, will nicht den anspruch erheben, benachrichtigt zu werden, will keine zusätzliche last sein. und doch wüsste ich es gern, würde dir gern beistehen, egal, wie. ist das egoistisch?

erhol dich, jonathan. möge es dir gut gehen, mögest du den für dich besten weg gehen. ich wünsche dir das. so, so sehr.   

19.03.2009 um 18:14 Uhr

tote ratte statt fußball

von: arinna

Musik: stille

jonathan! gestern kam ich müde und erschöpft mit ben nachhause, wir waren noch im bioladen gewesen und es war sehr frustrierend für den kleinen kerl, da er nie mit eurer mutter einkaufen darf und überwältigt von all den guten sachen war. er wollte alles kaufen und ich erlaubte es nicht. als wir die treppe hinaufschlurften, standst du hinter der ecke und bist mir in die arme geflogen. ich weiß nicht mehr, was du gesagt hast, irgendwas komisches wie: guten tag herr eiermann! ich hab mich so gefreut! hab dich fest umarmt, obwohl ich mir nichtmal die hände gewaschen hatte. du hattest so lange gebettelt, bis du nachhause durftest, und im hinblick auf die nächste chemo hat man es dir genehmigt! so konnten wir uns noch ein paar wenige stunden sehen. sofort hast du trotz erkältung und absolut schwachem immunsystem jacke und hund und fußball und mütze und bruder gepackt und mir gesagt: du weißt sicher, was wir jetzt tun müssen, oder? na klar wusste ich das. wir zogen los. es war eisekalt. mitten auf unserer fußballwiese lag eine wunderschöne tote ratte. sie hatte dunkelbraunes fell- hätte sie nicht so einen langen schwanz gehabt, hätte ich gedacht, es wäre ein dicker hamster. so unversehrt war sie. du wolltest sie anfassen, sie streicheln, sie aufwecken. ich war erstaunt, dass du so reagiert hast. du bist zehn, du kennst doch tote tiere. du hast verwundert gefragt, wie denn bitte eine ratte sterben kann, einfach so, und warum die nun mitten auf dem feld liegt. das hat mir zu denken gegeben. verdrängst du den tod so sehr? wir wollten sie begraben. ich musste dich mit aller kraft davon abhalten, sie nicht anzufassen, wegen der möglichen keime. wärest du nicht gerade nach einer inferfektion und hohem fieber aus dem krankenhaus gekommen, hätte ich es dir vielleicht erlaubt. musste an mein kleines nachbarmädchen denken mit der toten amsel in der hand, deren köpfchen immer hin und herbaumelte, während sie ein loch grub. du warst voller erfurcht und hast sogar ein kreuz aus stöcken gesucht. ben hielt dieweil den hund davon ab, die ratte zu beschnuppern. wir waren ein team.

fußball haben wir nicht mehr gespielt. direkt nach dem rattenbegräbnis sind wir nachhause gegangen. 

deine mutter war gerade gekommen und begrüßte dich mit der aufforderung, du sollest deine sachen packen, du würdest bitteschön heute und morgen in die schule gehen. heute hattet ihr schwimmen. armes kerlchen. du hasst es, mit glatze und port in der brust schwimmen zu gehen...   ich wünsche dir ein wunderbares wochenende, jonathan! 

18.03.2009 um 09:48 Uhr

wieder fieber

von: arinna

mein jonathan.

ich war eine ganze woche nicht bei euch, weil ich soviel arbeiten musste und eure oma für euch da war. ich hatte mich so auf dich gefreut, und nun bin ich gekommen, und du liegst schon wieder im krankenhaus, weil du hohes fieber hast. dabei solltest du dich doch noch ein bißchen erholen, bevor am montag der dritte chemoblock losgeht. und ich wollte diese woche mit dir verbringen, mit dir reden, mit dir und deinem bruder und eurem hund fußball spielen. dich umsorgen, es dir schön machen. und im moment darf ich dich nicht mal besuchen, weil ich selber noch krank bin und meine viren zu viel für dich wären, außerdem muss ich für deinen bruder da sein, der auch jede menge kindergartenviren mit sich rumträgt. denk dir: gestern ist ben mit dem laufrad ohne bremsen die kemmertsgasse runtergesaust. er wurde schneller und schneller, und ich konnte nichts tun. ich lief im hinterher, aber in der mitte hat er sich dann überschlagen und so laut geschrien, dass die leute aus den fenstern geschaut haben. ich habe mitten auf der straße gesessen und ihn in meinen armen gewiegt und ihn zuhause erstmal zugepflastert und die blauen flecken eingecremt. heute morgen waren die pflaster im ganzen bett verteilt.

jonathan, ich hoffe, du hältst es aus im krankenhaus- vielleicht darfst du ja fürs wochenende noch mal kurz nachhause. aber dann werde ich nicht da sein, aber ich denke fest an dich... halt durch mein kleiner!

 

26.02.2009 um 22:51 Uhr

fußball

von: arinna

Musik: stille

jonathan, du bist wieder zuhause. du bist trotz deiner schlechten blutwerte aus dem krankenhaus entlassen worden, um dich vom zweiten chemoblock zu erholen, nur, um dann demnächst den dritten über dich ergehen zu lassen. es tat so gut! es war so schön, dich wieder bei uns zu haben. wir sind zusammen mit deinem kleinen bruder, und eurem hund draußen gewesen und haben zu viert fußball gespielt. es war ein wenig wie im märchen. ich war wie nicht richtig da, war völlig überfordert damit, mich an dir zu freuen, nicht zu weinen und gleichzeitig einigermaßen akzeptabel fußball zu spielen. aber mit dem hund in meiner mannschafft konnte nichts passieren, er ist echt gut im tor. ich zwang dich zu jacken und schals und einer dicken mütze auf dem kopf. du warst etwas genervt. was soll das? wegen deinem immunsystem! sagte ich. du lachtest leise: welches immunsystem? ach jonathan. es war so schön. es war fast wie früher, obwohl du weiß im gesicht und schlapp bist. und morgen musst du schon wieder ins krankenhaus. dort bekommst du noch eine blutkonserve, da dein eigenes blut noch nicht so richtig wieder für dich da sein kann. welch wunder, nach so viel gift. ich glaube, langsam lerne ich, mich einfach an jeder minute mit dir zu freuen und nicht einfach nur vor angst und sorge zu vergehen. halt durch.

21.02.2009 um 10:42 Uhr

ein winziges bisschen

von: arinna

Musik: stille

jonathan, ich war gestern bei dir in der klinik. ich wollte wieder mal nicht so ganz lange bleiben, aber du hast es wieder geschafft, dass ich dreieinhalb stunden bei dir war. und das ist auch gut so. dir geht es wieder etwas besser, und wenn deine blutwerte nicht so verdammt schlecht wären und du endlich anfangen würdest zu essen, dann könntest du bald nachhause und dich noch ein wenig erholen vor dem nächsten block. immerhin hab ich gestern dann mal deine lehrerin aus der schule kennengelernt, und das ist wirklich gut. dabei ist mir ein stein vom herzen gefallen. auch sie sorgt sich furchtbar um dich, auch sie findet es etwas seltsam, dass man sich nicht rund um die uhr um dich kümmert. wir ziehen an einem strang. nun, deine mama kann einfach nicht mehr- wir müssen das irgendwie verstehen. ich habe ein wenig angst vorm märz, denn da wirst du deinen dritten chemoblock haben und ich werde mit euch allein sein, mit dir und deinem bruder. eigentlich müsste jemand bei dir in der klinik schlafen, wenn es dir so schlecht geht, finde ich... du brauchst einfach tag und nacht hilfe in der schlimmsten zeit. ich werde das irgendwie versuchen, mit jemandem zu besprechen.

jonathan, wir schaffen das schon. und ich bete, dass die ganze quälerei dann auch etwas gebracht hat, dass die tumoren sich verdünnisiert haben. ich weiß nicht, was ich sonst mache...

ich hab dich lieb.

arinna