Mit dem Kopf voran

12.03.2006 um 02:13 Uhr

Industriepropaganda

Mit einer bizarren Argumentation versucht sich die WirtschaftsVereinigung Metalle den Beistand des Bundeskartellamts zu ergaunern, um die Preiswirkungen des europäischen Emissionshandels zu umgehen.

Die deutsche NE-Metallindustrie unterstützt weiterhin das Bundeskartellamt bei seinen Untersuchungen zum wettbewerbswidrigen Verhalten deutscher Stromerzeuger. Versuche der Stromwirtschaft, die Einpreisung von CO2-Zertifikaten als allgemein üblich darzustellen, wies die WirtschaftsVereinigung Metalle (WVM) am Mittwoch zurück. Den Stromerzeugern sei es als einziger vom europäischen Emissionshandel erfassten Branche gelungen, die kostenlos erhaltenen Zertifikate in massive Preiserhöhungen umzusetzen. Der Preiserhöhungsspielraum betrage bis zu 15 Prozent und erstrecke sich sogar auf Strom, der ohne CO2-Emissionen erzeugt werde. Gegen diese windfall profits müsse schnell und unnachgiebig vorgegangen werden, forderte die WVM. Die Ankündigungen von Minister Glos hierzu wiesen in die richtige Richtung.

Behauptungen der deutschen Elektrizitätswirtschaft, auch Unternehmen der Aluminiumindustrie würden eine Einpreisung der CO2-Kosten vornehmen, bezeichnete die WVM als entstellend.

„Für die vom VDEW zitierte Aluminiumbranche gibt es eine internationale Metallbörse, an der sich ein weltweit gültiger Preis für das Metall bildet. An einem solchen Markt lassen sich regionale Mehrkosten –noch dazu fiktive Kosten wie beim Emissionshandel- nicht weitergeben“, sagte der Hauptgeschäftsführer der WirtschaftsVereinigung Metalle, Martin Kneer. Im Gegensatz dazu habe aber die Stromwirtschaft offensichtlich keine Probleme, den Wert ihrer kostenlos zugeteilten Emissionsrechte auf den Strompreis aufzuschlagen und damit ungerechtfertigte Milliardenprofite zu Lasten der Stromkunden zu erzielen.

Die teilweise Überwälzung des Marktpreises für Emissionsrechte ist eine notwendige Bedingung für die Funktionsfähigkeit des Emissionshandels, denn nur so spiegelt sich die neu eingeführte Knappheit des Produktionsfaktors Kohlendioxid in den Energiepreisen wieder und führt zu der gewünschten Anpassungsreaktion. Denn nur durch reduzierten Brennstoffeinsatz ist das Emissionsminderungsziel zu erreichen.

Warum aber können die Metallproduzenten die Preise der Emissionsrechte schlechter als ihre Kollegen aus der Strombranche überwälzen? Ganz einfach, sie sind klassische Preisnehmer, die wie sie selbst darstellen an den Weltmarktpreis anpassen müssen, der von Konkurrenten diktiert wird, die nicht vom Emissionshandel betroffen ist. Daher passt die deutsche und europäische Metallbranche ihre Produktionsmenge wegen der höheren produktionskosten gewinnmaximal an den herrschenden Weltmarktpreis an, was je nach hergestellter Menge zu mehr oder weniger starker Reaktion der Weltmarktpreise führt. Da sich der Weltmarktanteil der traditionellen Stahlerzeuger (darunter der europäischer Produzenten) erheblich verringert hat dürfte der Einfluß des europäischen Angebotsrückgangs bei Stahl auf den Weltmarktpreis vergleichsweise gering sein. Diesen Mechanismus nennt die WirtschaftsVereinigung Metall ganz richtig Nichtüberwälzbarkeit.

Die europäischen Stromanbieter sind dagegen alle gleichzeitg von den Kosten des Emissionshandels betroffen. Da jeder Stromanbieter bei der optimalen Auslastung seiner Kraftwerke jetzt auch berücksichtigen muss, dass ihm bei der Produktionen der ursprünglichen Strommenge der Markterlös der hierfür notwendigen Emissionsrechte entgeht, wird er seine Produktionsmenge soweit reduzieren, bis der Verkauferlös der Emissionsrechte genau dem Gewinnverlust des hierdurch verursachten Produktionsrückgangs entspricht. Bei gleicher Stromnachfrage steigen die Strompreise, je nachdem wie stark dies von den Verbrauchern toleriert wird, ehe sie auf verfügbare Substitute umschwenken. Da keine großen Mengen billigeren Stroms auf dem europäischen Markt und kurzfristig nur wenige Substitute vorhanden sind, sind sie bereit für den knapper werdenden Strom höhere Preise zu bieten. Eine Preisüberwälzung ist möglich und notwendig.

Ein Verbot dieser Preisüberwälzung durch das Bundeskartellamts würde einen Preis und Kostenanstieg für die Verbraucher nicht verhindern. Einerseits hätten die Stromanbieter kein Interesse bei den gestiegenen Produktionskosten unverändert hohe Mengen Strom zu produzieren, andererseits würde sich die Nachfrage bei konstanten Preisen nicht reduzieren. Die Folge wäre ein Nachfrageüberhang, der nur durch die Entstehung eines Schwarzmarktes, auf dem der Strom zu markträumenden Preis gehandelt wird, abnehmen würde. Nur diejenigen würden Strom in der gewünschten Menge bekommen, die inoffiziell wie auch immer geartete Preisaufschläge zahlen würden. Denkbar wäre auch, dass ein Teil der Nachfrager gar nicht mehr bedient würde, wir also wieder in eine Zeit der Stromrationierung zurückkehren würden, in der jederman willkürliche Stromausfälle befürchten müßte, die dem Verbraucher ebenfalls teuer zu stehen kommen.

Letztlich ist das Ansinnen und die Argumentation der WirtschaftsVereinigung Metall eine volkswirtschaftliche Nullnummer, die hoffentlich bei den Wettbewerbshütern doch noch auf taube Ohren stößt.