Preistreiberei?
Ein politisches Possenspiel besonderer Art läuft derzeit wieder einmal auf der Bühne des Umweltministeriums ab. Auf die Erklärung von RWEs Vorstandschef Harry Roels, dass die Steigerung der Strompreise in den vergangenen Wochen auch auf die steigenden Zertifikatspreise zurückzuführen seien, reagierte Jürgen Trittin mit einem Brief in dem er meinte, es sei "in keiner Weise nachzuvollziehen die kostenlos erhaltenen Zertifikate als Begründung für höhere Strompreise" anzuführen. Wieder einmal ein schönes Beispiel für die Unfähigkeit der Politik die Wirkung ihrer eigenen Instrumente zu durchschauen. Ebenfalls ein Beispiel für das Versagen der Presse sachkundig über wirtschaftspolitische Zusammenhänge zu berichten (siehe Artikel in der Financial Times Deutschland).
Warum? Der Emissionshandel ist an sich ein bestechendes Umweltinstrument. Durch die Festlegung einer Emissionsobergrenze wird die bisherige Möglichkeit der Industrie zur Treibhausgasemission nach oben hin beschnitten, damit ein vorab beschlossenes Emissionsziel auch sicher eingehalten werden kann. Um nun dieses Ziel möglichst kostengünstig zu erreichen, wird die Handelbarkeit der Emissionsrechte zugelassen. Damit kann ein Unternehmen, dem vorab eine bestimmte Emissionsmenge in Form von Zertifikaten zugeteilt wurde, entscheiden, ob es die Emissionsrechte lieber selbst verwendet, um legal Kohlendioxid zu emittieren und dabei Strom zu produzieren oder aber die Emissionsrechte am Zertifikatemarkt zum aktuellen Marktpreis verkauft. Das Unternehmen wird solange Zertifikate am Markt erwerben, wie der Gewinn aus dem Verkauf einer zusätzlichen Strommenge über dem Zertifikatspreis liegt. Und es beginnt dann Zertifikate zu verkaufen, wenn der Erlös eines Zertifikats den Gewinn aus der mit einem Zertifikat produzierbaren Strommenge übersteigt. Langfristig versucht das Unternehmen möglichst kostengünstig den Ausstoß von Kohlendioxid mit technischen Maßnahmen zu reduzieren, damit es die freiwerdenden Emissionszertifikate gewinnbringend am Markt verkaufen kann. Auch hier gilt die Regel: Investiere solange in Maßnahmen zur Emissionsreduktion bis die Minderungskosten pro Tonne Kohlendioxid dem Zertifikatspreis entsprechen. Denn jeder Euro mehr in neue Technik wäre rausgeschmissenes Geld, dem kein entsprechender Mehrgewinn aus dem Zertifikateverkauf gegenüber steht. Folglich bestimmen diejenigen, die am billigsten Emissionen vermeiden können den Zertifikatspreis.
Dem aufmerksamen Beobachter fällt nun auf, dass ein Emissionszertifikat stets zwei Verwendungszwecke hat. Entweder es wird bei der Stromproduktion "verbrannt" oder am Zertifikatsmarkt zum Marktpreis verkauft. Das jedoch bedeutet, dass bei der jeweiligen Verwendung eines Zertifikats zu berücksichtigen ist, was die alternative Verwendung eingebracht hätte. Ein Emissionszertifikat mit dem eine Strommenge produzierbar ist, die am Markt sagen wir 40 Euro Gewinn (Erlös minus Produktionskosten) einbringt, ließe sich auch für rund 22 Euro direkt auf dem Zertifikatemarkt verkaufen. Da man das Zertifikat nicht für beides verwenden kann, schmälert es aber den Gewinn aus dem Stromverkauf, übrig bleiben also 18 Euro. Damit wird sichtbar, dass jedes Zertifikat, sobald es handelbar wird, ungeachtet dessen zum Kostenfaktor wird, ob es dem Unternehmen zunächst unentgeltlich zugeteilt wurde oder aber erst am Markt erworben werden mußte. Folglich hat RWE-Chef Roels ganz recht, wenn er die Stromverteuerung mit der Preissteigerung der Zertifikate begründet. Und unser Umweltminister hat einmal mehr bewiesen, dass er wichtige Prinzipien des Emissionshandels schlichtweg nicht verstanden hat.
Nun muß man sich fragen, warum sich die betroffenen Unternehmen nicht schon viel zeitiger die Mühe gemacht haben, den Umweltminister und seine Beamtenschar über die Funktionsmerkmale ihres klimapolitischen Lieblingskinds Emissionshandel aufzuklären. Ganz einfach, weil dann der ganze mit Wettbewerbsnachteilen begründete Hick-Hack um die Anfangsausstattung mit Emissionsrechten aufgeflogen wäre. Dann hätte den Beamten des BMU auffallen können, dass alle Unternehmen bei jeder Produktionseinheit mit dem Zertifikatspreis belastet werden, also weder der eine noch der andere Wettbewerbsvor- oder nachteilen durch eine mehr oder weniger großzügige Anfangsausstattung mit Emissionsrechten ausgesetzt gewesen wäre. Nur so konnten die Unternehmen über vermeintliche Wettbewerbsnachteile klagend auf die Jagd nach sog. "Windfall-Profits" gehen, die durch den Erlös der im Betriebsoptimum verkauften Emissionsrechte entstanden. Da jedes Emissionsrecht, egal wie es verwendet werden soll, immer auch anderweitig zu Geld gemacht werden kann, entstehen trotz dieser Gewinne sog. Opportunitätskosten, die als reale Produktionskosten die Produktionsentscheidung jedes Unternehmens bestimmen. Die zusätzlichen Zertifikatserlöse ändern daran nichts, da sie sich ja nicht mindernd auf die Produktionskosten, den bei der Stromproduktion einzigen wettbewerbsrelevanten Parameter, auswirken. Nur so konnte verschleiert werden, dass es bei der kostenlosen Anfangsverteilung um einen wettbewerbsirrelevanten Kampf um die Verteilungsmasse des Wertes aller Emissionszertifikate, also lediglich um die Aufteilung einer Pauschalsubvention für die Unternehmen ging.
Bleibt nur die Frage, warum die Zertifikatspreise steigen und ob die Versorger tatsächlich, wie Politiker und "Energieexperten" meinen, den Zertifikats- und damit indirekt auch dem Stromkurs hochzutreiben, um den Zusatzprofit zu maximieren? Der derzeitige Anstieg der Erdgaspreise verteuert die Stromproduktion aus Erdgaskraftwerken. Folglich wird es kostengünstiger die Erdgasstromproduktion soweit wie möglich und nötig durch den Einsatz von Kraftwerkskapazitäten auf Kohlebasis zu ersetzen. Da die Kohleverbrennung aber mit höheren Kohlendioxidemissionen verbunden ist, steigt die Nachfrage nach Emissionszertifikaten. Deren Angebot ist bekanntlich konstant, was zu entsprechend intensiven Preisausschlägen nach oben führen kann. Die o.g. Verschwörungstheorie erscheint dagegen eher auf tönernden Füßen zustehen, fragt sich doch, wie Unternehmen die durch spekulatives Horten ihre Produktionskosten erhöhen damit dann auch noch Zusatzprofit machen wollen.
