Die Liebe in den Zeiten der Endometriose

10.01.2013 um 11:11 Uhr

10. Januar 2013

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

Liebe Abkürzungsdamen, 

 

dieser Eintrag wird heute mein letzter hier. Wieso, das ist eine eigentlich ganz einfache, aber trotzdem langwierig zu erklärende Geschichte. Versuchen will ich es trotzdem:

Seit April 2009 schreibe ich als Flora den Blog Eiertanz, der von meinen Abenteuern im Abkürzungsland handelt. Davon, wie wir es immer und immer wieder versucht haben und uns irgendwann entschieden haben, es mit einer Adoption zu probieren. Von diesem Blog wusste auch die Adoptionsbehörde (auch wenn ich lange überlegt hatte, ob sie das was angeht - aber sie hätten meinen Namen nur einmal googeln müssen und wären sowieso drauf gestoßen). Und die Adoptionsbehörde verbietet ausdrücklich jede weitere Kinderwunschbehandlung - ein Verbot, dass mir nie einleuchtend erklärt wurde und das ich mir von einer Behörde nicht so einfach unhinterfragt gefallen lasse. Als wir deshalb im Frühjahr, als das Verfahren immer noch in der Schwebe war, überlegt hatten, noch eine letzte IVF zu versuchen, war klar, dass es extrem leichtsinnig bis dämlich gewesen wäre, in meinem Eiertanz-Blog darüber zu schreiben. Gar nicht schreiben ging aber auch nicht, dafür schreibe ich schon zu lange über meine Versuche, und der Blog war längst ein zu wichtiger Teil meiner Abkürzungsreise geworden. Also habe ich einen mehr oder weniger geheimen Parallelblog angefangen: diesen hier. Auf den habe ich ziemlich offensichtlich im Eiertanzblog verwiesen, und ich glaube, der Löwenanteil der Leserinnen dort hat die Reise mitgemacht. Drüben habe ich dann eben noch über andere Hirnpupse und Geschichten aus dem Kinderwunschleben geschrieben, aber die Spritzen und Punktionen haben nur noch hier stattgefunden. Dann kam der Kryoversuch, von dem ich mir wirklich nur noch verschwindend wenig versprochen habe, und ich dachte, die drei-vier Wochen noch bis zum Negativ, dann können wir es auch lassen - denn dass das unser letzter regulärer Abkürzungsversuch wird, war für uns beide klar. Der Test war positiv. Ich habe zwar weiter minütlich mit der nächsten Fehlgeburt gerechnet, aber die kam und kam nicht, und ich habe weiter geschrieben und geschrieben. Jetzt war das Screening, das wunderschöne Screening, auch die Blutwerte scheinen ok gewesen zu sein, nachdem gestern kein Anruf aus der Klinik kam - und ich glaube, wir sind sicher. So sicher, wie man eben sein kann, wenn man sich auf das unsichere Unterfangen einlässt, ein Kind zu kriegen. Und jetzt ist Schluss mit dem Quatsch. Liebe Legehennen-Leserinnen, wenn ihr wissen wollt, wie es weitergeht (und wie alles anfing vielleicht ja auch) - das steht ab sofort im Eiertanz-Blog bei blogger. Ich freu mich über jede, die hier mitgelesen hat, aber ich packe meine Koffer. Kommt doch mit!  

08.01.2013 um 13:18 Uhr

8. Januar 2013

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

Die Blutwerte sind noch nicht da, die kommen erst morgen. Aber wir wissen jetzt schon, dass die kleine Knallerbse zwei Füße, zwei Hände, eine Nase und ein ordentliches Nasenbein hat, eine hübsche runde Stirn, einen hübschen flüssigkeitsarmen Nacken und eine Wahrscheinlichkeit von 1.895 zu 1, keine schlimmen Gendefekte zu haben. Das ist viel, viel toller, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, welcher Wert mich dazu bringen könnte, doch trotz Myomen und gewaltig erhöhtem Fehlgeburtsrisiko eine Fruchtwasseruntersuchung machen zu lassen. Und dabei bin ich bei der Ansicht gelandet, dass ein Wert von 90 zu 1 mir nicht reichen würde, um das auf mich zu nehmen. Ich habe das Gefühl, bei A. ist das immer noch nicht so richtig angekommen, der saß während der ganzen Untersuchung mucksmäuschenstill und ohne erkennbare Regung auf seinem Stuhl und beobachtete den Ultraschall, während ich so wahnsinnig zappelig war und doch still liegen musste, noch nicht mal plappern war erlaubt. Aber das kommt schon noch, auch bei ihm, und ich schwebe durch meinen Tag wie auf sehr, sehr gut gefederten Turnschuhen. Die Sorte, wie sie die kleinen Prostituierten vor Burger King auf der Reeperbahn tragen, ungefähr so. Nur dann doch wieder ganz anders. Wir kriegen ein Kind. Es hat ein Profil (ein sehr hübsches, hübscher als einer von uns), Füße, Beine, Hände, Arme, einen Magen, ein perfekt funktionierendes Herz, zwei symmetrische Gehirnhälften und ein Zwerchfell. Tada! 

07.01.2013 um 10:35 Uhr

7. Januar 2013

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

Der erste Tag war mies, richtig mies. Erstmal war es schwieriger als gedacht, das Dusselsrezept einzulösen, in drei großen funkelnden Apotheken war ich, und das vor der Arbeit. Scheinbar ist es vielen Apothekern heute wichtiger, siebzehn Kosmetiksortimente komplett vorrätig zu haben und sich außerdem riesige Klarsichtboxen mit Hustenbonbons in den Laden zu stellen, als gängige Bluthochdruckmedikamente auf Lager zu haben. Eine Stunde, nachdem ich das kleine weiße Pillchen geschluckt hatte, wurde mir schwummerig, und das Geschwummer ging gegen Mittag nahtlos in üble Kopfschmerzen über. Das heißt, ich hielt sie für übel, aber es zeigte sich bis zum Abend, dass da noch Luft nach oben war. Irgendwann gegen sieben musste ich mich schlafen legen und wachte davon auf, dass ich Lichtblitze und psychedelisches Geflimmer vor den Augen hatte. "Wenn das jetzt bis Juli so weitergeht", dachte ich, "dann macht dieses Kind den Abwasch bis zur Volljährigkeit. Und hier ist eine MENGE abzuwaschen, wenn Mutti in Schwung kommt."  Dann kam der nächste Tag, und es war, als wäre da nie was gewesen. Jetzt ist mein Blutdruck wieder durchgehend bei 120/80, der Kopf ist klar, und die Müdigkeit hat sich auch verzogen. Womit die prächtig entwickelten Hirnareale, die bei mir fürs Sorgenmachen zuständig sind, jetzt wieder frei sind dafür, sich auf das Trimesterscreening morgen zu stürzen.

 

Wie das wohl wird? Ob ich da sofort mit einem Ergebnis rausmaschiere oder erst Tage später meine Blutwerte erfahre? Und was mache ich dann damit? Meine Kinderwunschärztin hat mich schon gewarnt, dass die Blutwerte unterirdisch sein werden - allein schon dadurch, dass ich noch so lange Hormone genommen habe. Wer weiß, was Metoprolol noch damit macht.

 

Schwangerschaftsbezogene Entwicklungen: Heute morgen dachte ich, ich gönne der guten alten Latzhose eine Abschiedsvorstellung. Da hat mein Bauch mich aber leider überholt, das wäre nicht gut gegangen. Daraufhin habe ich heute offiziell ein großes Schrankfach den Kleidungsstücken gewidmet, die vorübergehend leider, leider raus sind und mit denen es dann erst im Herbst ein Wiedersehen gibt. Vielleicht erfüllt sich mein alter Traum von der irre durchdachten und erwachsenen acht-Teile-Garderobe, von der die Frauenzeitschriften immer phantasieren (ganz ehrlich: wer? und wie? Schwitzen die alle nicht? Essen die keine Tomatensauce? Haben die noch nie mit Zahnpasta gekleckert? Und waschen die alle zwei Tage eine Maschine mit ihren acht Teilen und laufen so lange in Unterwäsche rum?), ja doch noch. 

03.01.2013 um 19:59 Uhr

3. Januar 2013

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

147 zu 97 seit gestern früh, egal wie oft ich messe, egal wie entspannt ich sitze, egal wie richtig ich alles mache, ich bin und bleibe bei 147 zu 97. Nicht gut. Also habe ich meiner netten Ärztin gemailt und gerade die Antwort bekommen: ab morgen früh bin ich auf Metoprolol, das diesem Blutdruck hoffentlich mal links und rechts eine knallt. Ich bitte alle Blogleserinnen, von Kommentaren in Richtung "Bist du dir sicher? Kann das nicht Zwergenwuchs/Unfruchtbarkeit/Spliss bei deinem Kind verursachen?" abzusehen, die machen mich nämlich wirklich, wirklich irre, dagegen kommt dann auch keine Pille der Welt mehr an. Ich habe das nachgelesen, es ist ok so. Und meine Ärztin, da bin ich mir sicher, die hat das auch nachgelesen. In 14 Tagen habe ich den nächsten Termin bei meiner Internistin, dann gucken wir, wie es so geht.


Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass wir das jetzt angehen, es hat mich seit gestern früh doch ein bisschen nervös gemacht. Und als geborene Prokrastinatorin mündet bei mir jede Form von Nervosität nicht in ein beruhigendes Nickerchen auf dem Sofa, sondern in Aktivität. Ich hab mich zum Schwangerschaftsyoga angemeldet! Nächsten Donnerstag beginnt der Kurs, was blöderweise der Abend ist, an dem meine Eltern zum 70. Geburtstag meiner Schwiegermutter anreisen, aber die lasse ich mit einem guten Topf Suppe und einer DVD allein. Das muss jetzt eben mal sein. Der Kurs ist in einer Hebammenpraxis, die im Internet einen Bombeneindruck machte (sie hatten mich, als sie versprochen haben, ihre Praxis wäre esoterikfreie Zone) und in der ich mir vermutlich auch eine Hebamme suchen würde, wenn sie nicht nur eine Hamburger Klinik bedienen würde, in der ausgerechnet ein alter Erzfeind von A. Chef der Neugeborenen-Medizin ist. Ich kenne ihn nur vom Sehen, aber er hat einen Backenbart. Einen Backenbart! Nächsten Donnerstag schnicke ich also die Eulennester aus meiner Yogamatte, mache mich auf den Weg dahin und frage mal vorsichtig, ob sie sich nicht auch vorstellen könnten, sich nächsten Juli auf den Weg nach Altona zu machen.


Ach komm. Gib Dir einen Ruck, esoterikfreie Hebammenpraxis! Wir Feindbilder der Öko-Urmuttertiere müssen zusammenhalten! 

02.01.2013 um 14:06 Uhr

2. Januar 2014

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

Ich gehe zur Arbeit ("Ich kann nicht fassen, dass ich morgens mit all diesen verpennten Menschen in der Ubahn sitze. Was will ich hier? Wo ist mein Schlafanzug?") und auf dem Weg ins Büro noch schnell in meine Stammbäckerei. Ähämm. Ist dieser Käse auf dem Käsebrötchen Rohmilchkäse? Nein, ist er nicht. Und ist es mit Mayonnaise oder Remoulade gemacht oder mit Butter? Natürlich mit Butter, klar! Also gut, dann los. Eine halbe Stunde später kommt mir ein finsterer Verdacht, ich klappe die letzten fünf Zentimeter Brötchen auf: alles voller Mayo. In meinem Zorn schleudere ich den Brötchenrest in den Müll und suche im Netz nach der Telefonnummer dieser Filiale. Nein, doch nicht, viel zu sauer zum telefonieren. Also eine Email an die Leitung. So ja wohl nicht! Zehn Zeilen wohlformulierter Hass stehen schnell, ich will sie schon abschicken, dann rolle ich die Augen und lösche sie wieder. Zweiter Anlauf: das ganze etwas weniger fauchend und nicht gleich mit einer Riesenklage drohend, sondern gemäßigt. Schicke ich das jetzt ab? Die arme Bäckereiverkäuferin! Die kriegt doch Ärger! Der wütende Teil von mir denkt sich: und vollkommen zu Recht! Wenn es richtig scheiße laufen würde, könnte mich das mein Kind kosten. Wie viele Sorten Brötchen hatten die da in der Auslage? Drei oder vier? Ist eigentlich nicht zu viel verlangt, zu wissen, was da drauf ist, zumal die in der Filiale direkt geschmiert werden. Blöde Ziege. Am Ende entschließe ich mich, in der Mittagspause noch mal da reinzugehen und es ihr einfach zu sagen. In diesem Moment klingelt mein Handy, A. ist dran. Natürlich erzähle ich ihm die ganze Remouladensaga. Schweigen. "Das geht doch nicht! Die muss doch besser aufpassen!" Schweigen. "Sag doch auch mal was! Da sprühe ich meinen Kühlschrank mit Sagrotan ein und verkneife mir jeden Scheiß und dann das..." Schweigen. "A?" "Oh Mann. Jetzt reicht's aber mal. Du musst nicht jeden damit nerven, dass du schwanger bist. Und dann kauf dir halt keine Käsebrötchen mehr. Mannmannmann."

 

Für A. bin im Zweifel immer ich Schuld. Die hysterische Ziege, die alle verrückt macht mit ihren irrationalen Ängsten. Das wäre ja auch in Ordnung, wenn er nicht bei jeder anderen Gelegenheit und sobald ich drohe, mal fünf Minuten Spaß zu haben, mit dem Kopf wackeln und Bedenken haben würde. Ich will mich trotz Erkältung mit meinen Freundinnen treffen? "Ich sag dazu nichts mehr. Aber..." Ich beschließe, nach Toxoplasmose-Entwarnung zwar weiterhin keine Salami und keinen Schinken zu essen, aber rosa gebratenes Fleisch schon, denn die Listerien sind im Zweifel an der Oberfläche, und die wird ja gebraten? "Nimm doch ein bisschen Rücksicht. Als ob das so ein Problem wäre, mal ein paar Monate ohne Steak. Ehrlich jetzt."

 

Das mit dem Trinken ist, habe ich ja schon mal geschrieben, easy-popeasy. Das mit dem Essen ganz und gar nicht. Sobald man einmal damit anfängt, sich jenseits von "kein roher Fisch, keine rohen Eier, kein Crack" zu bewegen, ist die Welt der Nahrungsaufnahme eine rote Zone, zumindest dann, sobald ich mich aus dem streng kontrollierbaren Umfeld meiner Küche rausbewege. Wer weiß, wo all diese Verkäuferinnen und Kellner und Köche ihre Schmuddelfinger heute schon hatten. Wer weiß, wie oft dieses Kochmesser abgewaschen wird. Wer weiß, wie es in dieser Käsefabrik zugeht oder im Kühlschrank in dieser Küche. Man könnte sagen "jaja, aber das ist doch alles extrem unwahrscheinlich." Hmhm - ungefähr so unwahrscheinlich, wie gleichzeitig Endometriose, HPV, Myome und verklebte Eileiter zu haben und dann trotz guten Eizellen zwölfmal danebenzuschießen? Ungefähr so?

 

Eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, mir den Tag noch zusätzlich zu versauen, ich hasse es, wieder hier zu sein nach den gefühlt nicht vorhandenen Ferien mit erst Familienbesuch und dann Erkältung, und sitze hier in meiner Büromittagspause in eine greifbare Wolke aus Bocklosigkeit, Frust und Grauen vor mit Quatsch verschwendeter Lebenszeit gehüllt. Gerade hasse ich das alles bis zur Akne, aber trotzdem hat es das Brötchen und die fröhliche Bäckereitante geschafft, noch eine Schippe draufzulegen. Und jetzt? In der Mittagspause war sie nicht zu sehen, als ich wütend durch die Scheibe gestarrt habe. Kriegen die jetzt doch Post? Bin ich hysterisch oder im Recht? Sich mit vier Brötchensorten auszukennen, kann doch eigentlich nicht zu viel verlangt sein? Bin ich einfach nur vernünftig und vorsichtig oder werde ich zum Brutnazi, einer von mir eigentlich gehassten Spezies?  

01.01.2013 um 13:41 Uhr

1. Januar 2013

von: Legehenne   Kategorie: Vierter Monat

Woche 12, Tag 5: ich habe einen Bauch, und Ndogo gefällt mir als Arbeitstitel nicht mehr. Wie wäre es mit... nein, ich muss noch ein bisschen drüber nachdenken. Für heute nenne ich ihn die Knallerbse. Ob er am Bauch direkt Schuld ist oder indirekt, ist nicht klar: alles, was ich esse, pumpt mich gerade innerhalb von Minuten auf Reality-Show-Format auf. Im Gegenzug erspart er mir stinklangweilige und sinnlose Diätvorsätze für die nächsten Monate, der einzige, den ich habe, ist, jede Sorte Schweinereien zu essen, so lange sie nur wirklich, wirklich gut sind. Wenn ich die letzten Jahre als Berechnungsgrundlage nehme, wird mir das 2013 ca. 30.000 Kalorien ersparen.

Ansonsten herrscht hier tiefer Friede grenzend an Langeweile, wir lungern seit Weihnachten auf dem Sofa herum bis auf die Hundegänge, ich knuspere an meiner Erkältung herum und habe gestern sogar vor lauter schöner langer öder Zeit einen Versuch gemacht, Muc nachzueifern und zu stricken!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Ein Schäfchen, um genau zu sein. Mein Rekord waren bisher fünfeinhalb Reihen, bevor ich den Mist wieder aufribbeln musste. Vielleicht schaffe ich heute sechs? Dann sollte ich bis zur Geburt fertig sein mit dem Biest.Ich kann nicht fassen, dass ich morgen tatsächlich wieder an meinen rammdösigen Arbeitsplatz muss, und dann sage ich mir: für lange ist es nicht mehr, dann holt Arbeitstitel mich da raus. Eine positive Zukunftseinschätzung! Von mir!

Vielleicht liegt es daran, dass ich Samstag Abend meine letzte Utrogest genommen habe - womit die Kinderwunschbehandlung offiziell bis zum letzten Käpselchen beendet ist. Vielleicht war diese milde Mini-Depression auch eine hormonelle Nebenwirkung genau wie bei anderen Übelkeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht mehr ganz so entsetzlich müde bin. Aber langsam, ganz langsam hat die Hoffnung sich eingeschlichen. Und sogar A., Großmeister des gebremsten Schaums, fängt an, über Vornamen zu reden und hat es inzwischen allen seinen Freunden erzählt. Gestern Abend hat er mich von der Seite angesehen und gesagt: "Du bist schwanger."


Vielleicht, ganz vielleicht passiert das alles wirklich. 

27.12.2012 um 16:43 Uhr

27. Dezember 2012

von: Legehenne   Kategorie: Dritter Monat

Heute ist der letzte Tag der zwölften Woche, der letzte Tag des dritten Monats. Das sollte eine Menge zu bedeuten haben.


Aber sicher bin ich nur, dass es folgendes bedeutet:

Heute habe ich zum letzten Mal eine femibion 1-Tablette geschluckt. Ab morgen übernimmt femibion 2.


Morgen früh kann ich vermutlich auf meinen vier Schwangerschafts-Apps ein bisschen mehr lesen als nur ein neues Tages-Update. Ein neues Wochen-Update müsste auf jeden Fall drin sein.


Und ich brauche eine neue Post-Kategorie.


Ich sollte mich sicher fühlen und mich ab sofort entspannt auf das Kind freuen. Vielleicht passiert das ja auch, bisher war es oft so, dass ich eines morgens aufgewacht bin und die Dinge in einem neuen Licht gesehen habe. Vielleicht ist morgen so ein Tag. Aber ich habe immer noch Angst. Am 8.Januar morgens um halb zehn ist der Erst-Trimester-Scan, vor dem habe ich Angst. Oder davor, dass es ab sofort nicht mehr eine frühe Fehlgeburt wäre (gemein und grauenvoll), sondern eine richtig späte (vielleicht überhaupt nie zu überwinden). Ich habe Angst, dass ich schon jetzt etwas falsch gemacht habe, das sich nicht wieder gutmachen lässt, ohne es zu merken. Oder davor, dass alles so grauenvoll anders wird, als wir uns das erhoffen.


Vielleicht ist auch nur diese miese Erkältung Schuld. Heute sollte eigentlich Mädchenweihnachten sein, meine Freundinnen sollten kommen, seit ca. einer Stunde sollte das Huhn im Ofen sein, der Crumbleteig fertig geknetet und irgend eine leckere Vorspeise im Wintergarten durchziehen. Stattdessen liege ich seit heute morgen mit Schnupfenschädel und Halsweh im Bett und trinke Schwitztee, der so lecker schmeckt, wie er klingt. Alle paar Minuten hat A. einen anderen Vorschlag, was helfen könnte: Mucosolvan? Darf ich nicht. Wick Daymed? Darf ich nicht. Dolo Dobendan? Darf ich nicht. (Und nein, ich möchte ausdrücklich keine medizinischen Tipps und Ratschläge und Warnungen und Verbote von euch, nicht jetzt und auch sonst überhaupt nie. Egal was.)


Wieder einer dieser "Freu dich doch, du blöde Kuh"-Tage. 

26.12.2012 um 13:59 Uhr

26. Dezember 2012

von: Legehenne   Kategorie: Dritter Monat

Liebe Abkürzungsdamen, fröhliche Weihnachten! (Besser spät als nie. Findet ihr doch hoffentlich auch?) Vor einer Stunde ist meine Familie wieder ins Auto gestiegen und in Richtung Süden abgefahren, über die hoffentlich Menschen- und vor allem Idiotenleere Autobahn. Und jetzt beginnt der schlumpfige Teil der Festlichkeiten: immer noch ungeduscht und im Schlafanzug liege ich hier herum und habe erst einen Zipfel Sissi geguckt, jetzt einen Zipfel Auf immer und ewig und gleich Michel, und dazu gibt es mein allerallerliebstes Lieblingsessen: Weihnachtsreste, in diesem Fall bestehend aus Eräpfel-Vogerl-Salat, versunkenem Gurkensalat, Lasagne und roter Grütze. Ich kann nichts dafür, Ndogo will das so: Sofa, essen, Erkältungstee, glotzen, nichts tun. Und er soll sein erstes Weihnachten doch in guter Erinnerung behalten.


Dieses Blutdruckmessgerät wird nicht zu meinem Lieblingsgegenstand im Haus, so viel steht fest. Es erinnert mich daran, wie früher Besuche meines Opas vom stündlichen Piepen seines Messgeräts begleitet waren. Ich messe nur einmal am Tag, aber ich fühle mich sofort wie ein Hypochonder. Auf 160 war ich nie wieder, der Höchstwert war 137 zu 95, meistens bin ich bei 130 zu 90. Das habe ich der netten Internistin geschrieben, das Rezept für das Blutdruckmedikament weiter zwischen die Mutterpass-Seiten geklemmt gelassen und beschlossen, dass es das mit diesem Thema jetzt hoffentlich war. Außerdem habe ich mich und Wikipedia ungefähr eine halbe Stunde mit dem Thema Listeriose beschäftigt und den ganzen Weihnachtsbesuch über die Küche behandelt wie einen OP. Jede Berührung mit Rohmilchkäse nur mit Gummihandschuhen, jedes Brettchen und Messer, das mit den Kalbsschnitzeln in Berührung gekommen ist, sofort mit knallheißem Wasser und Spüli gereinigt, alles getrennt im Kühlschrank aufbewahrt, getrennte Messer für die gute und die böse Käseplatte und fast wahnsinnig geworden vom Duft von Leberpaté und Tiroler Speck. Bis ich dann mal kurz nachgedacht habe und darauf gekommen bin, dass weder die Verkäuferin vom Käse-Spezi noch das Mädchen von der Fleischtheke ähnlichen Schnickschnack betreiben, wenn sie mit dem gleichen Messer erst Morbier und dann Gouda abschneiden und mit den gleichen bakterienverseuchten Fingern verpacken. Ziemlich beruhigt war ich dann, als ich gesehen habe, dass die Gesamtzahl aller Listeriose-Infektionen bei Schwangeren und Neugeborenen in Deutschland pro Jahr bei um die 70 liegt, und da sind zweifellos auch die Damen mit eingerechnet, die auf Rohmilchkäseverbote grundsätzlich pfeifen. Will ich ganz sicher sein, dann kaufe ich in Zukunft Industriekäse aus Fabriken, die nur die ganz, ganz langweiligen Sorten herstellen, oder ich schiebe jedes Käsebrot in die Mikrowelle, oder ich drehe ab sofort durch, oder ich lebe jetzt von Dosenravioli und Baked Beans, oder ich gehe einfach täglich zum Listeriosetest, während ich zwischendurch zwölfmal täglich meinen Blutdruck messe.


Es sind nur noch zwei Tage bis zur grün-rot-gestreiften Zone.


Außerdem wollte ich noch sagen: liebes zweites Cousinchen, das warst ja doch Du! Ich dachte, in Landau habe ich kein zweites Cousinchen, aber da hatte ich mich wohl geirrt. Schöne Weihnachten in den Vogesen und bis bald!


Und allen anderen Abkürzungsdamen dicke, runde, gemütliche Feiertage!

22.12.2012 um 13:20 Uhr

22. Dezember 2012

von: Legehenne   Kategorie: Dritter Monat

Leider hab ich heute nicht viel mehr Zeit als für ein paar Stichpunkte. Übermorgen ist Weihnachten, morgen kommt meine komplette Familie, ich richte zum ersten Mal Weihnachten aus, hier herrscht Chaos, noch kein Zimmer ist besuchsfein, noch kein Geschenk verpackt, noch kein Kuchen gebacken und auch sonst, es sind Kränze aufzuhängen, Makrönchen zu backen, Lasagne vorzubereiten, Kartoffelsalat zu machen... einen langen, ausführlichen Post zu schreiben, kommt in dieser Liste leider nicht vor. 

 

Also los, wir haben nicht ewig Zeit:

Mit Ndogo ist weiterhin alles in Ordnung. Er wächst, er zappelt, sein Herz schlägt.

Ich dagegen habe gestern meiner Ärztin Kummer gemacht bzw. sie mir: mein Blutdruck war morgens trotz dreimal Nachmessen viel, viel zu hoch. Sie sprach schon davon, dass ich damit rechnen könnte, über Weihnachten stationär im Krankenhaus zu liegen, denn das ist nicht gut, gar nicht gut: durch so hohen Blutdruck kann die Placenta nicht richtig arbeiten, ganz davon abgesehen, dass der auch für mich das Risiko für einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt ziemlich weit in den roten Bereich treibt. Selbst auf blutdrucksenkende Medikamente einstellen wollte sie mich aber nicht, weil sie erst im neuen Jahr wieder da ist. Also hat sie mich mit der nicht ganz einfachen Aufgabe losgeschickt, mir am letzten Werktag vor Weihnachten einen Notfalltermin bei meiner Internistin zu organisieren. Die hat mich dann auch wieder weggeschickt, so dass ich zwei Stunden Zeit hatte, mitten im glitzernden Eppendorf in einem Café zu sitzen und mich über das böse, böse Schicksal zu grämen, das scheinbar immer noch irgend einen Pups quersitzen hat, wenn es um mich und mein Kinderglück geht. Wieso kann nicht einfach mal alles... aber lassen wir das.

 

Gegen halb eins war ich dann endlich dran, die Sprechstundenhilfe maß den Blutdruck, und siehe da: trotz zwei Stunden Hochleistungs-Sorgen war er bei vertretbaren 130 zu 80. Nochmal messen: 130 zu 80. Die fabelhafte Internistin nahm mich trotzdem noch dran, verschrieb mir ein Blutdruckmessgerät und riet mir, es nicht dreimal täglich zu verwenden, sondern einmal und höchstens einmal pro Woche mehrfach. Der Blutdruck vom Morgen, erklärte sie mir, wäre auch kein Drama, so lange ich den nicht dauerhaft habe. Sollte er doch öfter so hoch sein und bleiben, hat sie mir ein Rezept für ein schwangerschaftsverträgliches Medikament mitgegeben. Und erst wenn er bei 180 ist, soll ich mich auf den Weg in ein Krankenhaus machen. Bis dahin soll ich sie per Mail über den Stand der Dinge auf dem Laufenden halten.

Wieso war da jetzt so ein Unterschied zwischen morgens und mittags?

Vielleicht regen mich diese Gynäkologie-Besuche doch mehr auf, als ich vor mir selbst zugeben will.

Vielleicht bin ich morgens eher auf 180 als mittags oder abends.

Vielleicht war das Messgerät meiner Gynäkologin eine olle Gurke.

Wie auch immer, diese Phantomkrise ist hoffentlich überstanden.

 

Was sonst noch?

Ich bin Toxoplasmose-positiv. Feine Sache, auch wenn ich noch kein abschließendes und für mich glaubwürdiges Urteil dazu gefunden habe, was genau damit wieder erlaubt ist und was nicht. Sushi z.B. würde ich noch lassen: Toxoplasmose kann mir zwar egal sein, Salmonellen oder Fischvergiftung aber nicht. Aber blutige Steaks müssten wieder gehen. Was ist mit Salami? Schinken?

Und ich soll einen Termin zum Erst-Trimester-Screening in einer Tagesklinik machen. Die gestern allerdings nicht mehr ans Telefon gingen.

Und ich habe gestern zusammen mit dem Blutdruckmessgerät eine Großpackung femibion2 gekauft. Ich habe beschlossen, dass ich mit einer Monatspackung einfach nicht hinkommen werde. So.  

 

20.12.2012 um 19:41 Uhr

20. Dezember 2012

von: Legehenne   Kategorie: Dritter Monat

Jajajaja, ich mach ja schon. 

 

Alles, wirklich alles ist gut, so weit ich das beurteilen kann. Ich bin nur fürchterlich im Vorweihnachtsstress, dann ist auch noch A. krank und muss mit Hühnersüppchen und Teechen betüdelt werden, und ich bin noch längst nicht da, wo ich laut Plan eigentlich sein sollte.

 

Morgen früh wartet der nächste Ultraschall auf mich. Und wenn alles gut läuft, auch mein Mutterpass. Das wäre unfassbar, und sollte ich wirklich einen kriegen, werde ich das trotzdem nicht glauben können. Seit zwei Monaten warte ich bei jedem Termin darauf, dass ich das Mistding endlich kriege, und jedes Mal wird es wieder nichts. Ich hoffe also so sehr, dass ich schwitze, dass morgen das Herz noch schlägt, die Wurst gewachsen ist, mein Bauch frei von Hämatomen und anderen besorgniserregenden Störenfrieden ist und auch die Blutwerte ok sind. Und trotzdem denke ich gerade so viel an die letzte Fehlgeburt wie schon seit Tagen nicht mehr: morgen beginnt Woche elf, und in Woche elf war es letztes Mal, als ich auf den gleichen Stuhl gestiegen bin und es vorbei war.

 

Schwangerschaftsbezogene Vorkommnisse: acht Tüten Milch in insgesamt vier Gängen vom Auto ins Haus befördert und mich dabei ziemlich dämlich gefühlt. Nach den letzten Duschen das Weleda Schwangerschaftsöl verwendet. Gerade in der Apotheke beim Kauf von A.s Erkältungsmedizin fast noch eine Packung femibion 2 für die Zeit ab dem 4. Monat mitgenommen, dann aber doch gedacht: die 18 Euro-Ausgabe kann ich noch bis morgen vor mir herschieben. Bis nach dem Ultraschall. Wenn ich hoffentlich noch Bedarf an Schwangerschaftsvitaminen ab Woche 13 habe.