der Ort der Träume
Während die Möwen gierig um die Langustenfänge kreisen, in der Hoffnung, die Fischer mögen ihnen etwas davon abgeben, sitzen Pina und ich auf einem Felsen und reden vom Ort unserer Träume - Miami. Unser Inbegriff von Freiheit und einem guten Leben. Wir wollen raus aus dem armseligen Leben einer Fischerfamilie. Miami, der Ort unserer geheimen Wünsche, wer weiß, ob wir jemals von diesem öden, mexikanischen Dorf aus dahin kommen würden. Gerade das Träumen über eine imaginäre Zukunft erleichtert uns die Arbeit. Während die Älteren Abends biertrinkend und Karten pokernd über die USA spotten und nur naserümpfende Wörter für sie übrig haben und ihr eher misstrauisch gegenübersteht, schwärmen wir jüngeren von den USA. Die Kulturleistungen der Vereinigten Staaten wie Coca Cola, Hamburgern und MTV stoßen bei den Jugendlichen auf Bewunderung und zeigt sich auch in der Kleidung. Ricardos trägt gerne typisch amerikanische Skaterhosen, die aber sehr verschlissen und alt sind. Jedoch machen die Jugendlichen den USA nicht in so freizügiger Weise nach. Schulterfreie Muscle-Shirts sind nicht gerne gesehen. Sind die Schultern offen, so stösst man in der Gesellschaft auf wenig Akzeptanz und Männer schielen den Frauen nach, wobei die Frau auch hin und wieder einige Pfiffe zu hören bekommt. Das Zeigen von nackter Haut ist eher etwas für Nutten. Frauen in Mexiko halten vor allem gegenüber fremden Männern Distanz und bedecken den Oberkörper. Manche Erwachsene sehen den sich ausbreitenden USA-Kult nicht gern. Der von Generation zu Generation vergebene, noch schmerzende Verlust des plötzlichen Angriffes durch die USA auf das machtlose Mexiko hat den Nationalstolz der Mexikaner erheblich verletzt, da es den USA 1848 ein Drittel Mexikos abtreten musste. Daher verteidigen sie ihr Land noch hoffnungsvoll mit Worten, die gegen die USA gerichtet sind. Der Bau der Mauer bei der Eroberung der vier Staaten Texas, Kalifornien, Arizona und New Mexiko. Der Bau der Mauer zwischen den USA und Mexiko hatte den Hass nur noch mehr verstärkt. Kaum ein Mexikaner hat die Chance in das reichere und besser gehende Land, in die USA, zu gehen. Heute noch finden viele, viele Menschen den Tod an der Mauer. Auch ich finde den Bau der Mauer zwischen den USA und Mexiko als Abgrenzung zwischen den beiden Ländern ziemlich arrogant, doch die USA ist und bleibt für mich ziemlich reizvoll. Als die USA sich später für den Krieg rechtfertigen wollte, übergab es Mexiko 18 Mio Dollar Entschädigung, das den Mexikanern bis in die heutige Zeit nicht gerecht erscheint. Aber dieses Ereignis liegt für unsere Generation schlicht gesagt zu lange zurück und ist für uns nicht mehr richtig nachvollziehbar. So träumen wir von den USA, weil es dort bessere Wirtschaftsverhältnisse und besser bezahlte Arbeit gibt. Unser Glaube an unser Land ist in der Jugend nicht so stark wie bei den Älteren. Dennoch liebt die Jugend ihr Land und drückt ihren Stolz, Mexikaner zu sein, in vielen Festen aus.
„Angelita, du bist die einzige, die Geheimnisse verwahren kann, oder?“ In diesen drei Minuten Wartezeit auf die heran rudernden Fischer, deren Langusten wir entgegen nehmen und in das Kühlhaus tragen sollen, verrät sie mir ihren Entschluss:
„Ich gehe nach Miami. Per Anhalter über den Highway.“
„Ausgerechnet in diesen guten Zeiten?“ frage ich sie.
„Warum nicht? Ich gehe, wann ich will.“
„Du bist verrückt!“ entgegne ich.
