pavot rouge

29.03.2009 um 14:57 Uhr

taivas

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage


Der Himmel über Helsinki war blau und klar mit schweren Wolken. Et je suis tombée amoureuse de la ville. Sie hat mich damals mitgerissen, mit diesen Wolken, der Luft. Den schönen Menschen.
Noch sechs Tage. Freitag breche ich nach Cologne auf, mit meinem Kamerababy und warmen Pullovern im Gepäck. Samstag fliegen wir. Wir werden Ville Valo- Poster anschmachten und komischen Fisch essen. Ich werde Dir seltsame Sätze aus dem Sprachführer vorlesen. Dich hoffentlich genauso für die Stadt begeistern. Eine Negative-CD kaufen, im Plattenladen am Tavastia. All das.
Der Himmel über Helsinki. Zum wahrscheinlich vorerst letzten Mal für mich. Ich werde ihn mitnehmen, konservieren, mich daran festhalten, wenn das Alltagschaos mich in der grauen Stadt ereilt.

Danke, dass Du mitkommst. Minä pidän sinusta.

 

25.03.2009 um 21:57 Uhr

Holly, go lightly

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Musik: Private Practise im Hintergrund

"Wenn ich das Gefühl kriege, dann hilft nur eins: in ein Taxi springen und zu Tiffany fahren. Das beruhigt mich sofort. Es ist wie eine einsame Insel, da kann einem gar nichts Schlimmes passieren. Wenn ich irgendwo ein Fleckchen finde, wo ich dasselbe Gefühl habe wie bei Tiffany, dann kauf ich mir 'ne Einrichtung und geb der Katze einen Namen."
(Breakfast at Tiffany's - Truman Capote)

Mir wurde oft gesagt, dass ich etwas nicht kann. Kein Französisch. Kein wissenschaftliches Arbeiten. Ich habe mich nun damit abgefunden, dass mein Weg mich wohl nicht in die Hochschule führen wird. Mich an der Schule festgehalten. Nun bricht das Kartenhäuschen zusammen. Gestern wurde mir gesagt, dass ich kein Deutsch unterrichten kann. Es ist anmaßend. Ich habe fünf Praktika und sieben Jahre Nachhilfe hinter mir. Ich habe zwei Schüler durch die Nachprüfung gebracht. Seitdem ich neunzehn bin, habe ich immer wieder mit Jugendlichen gearbeitet. Ich habe mein erstes Examen nicht umsonst gemacht. Und nun stehe ich in der Ecke. Menschen, die mich nicht kennen, beurteilen mich so, wie es nach drei Wochen eigentlich nicht richtig ist. Drei Wochen stehen gegen sieben Jahre.
Ich bin bereit, dafür zu kämpfen. Ich habe mich trotz schlechter Voraussetzungen durch das Examen gebissen, durch sämtliche Seminare und Modulprüfungen.
Nun muss ich wieder neu sortieren, meine Zähne in die Hand nehmen. An mir arbeiten. Die Voraussetzungen sind nicht die Besten. Mein Versagen der letzten Wochen sprach sich bereits im Kollegium herum, am Kaffeeautomaten vorbei. Die Wände im Lehrerzimmer haben tausend Ohren und noch mehr Zungen. Es ist schwer, ein sich verfestigendes Bild zu ändern.

Ich wäre manchmal gerne Holly Golightly. Dann würde ich leichtfüßig durch das dunkle Treppenhaus tänzeln, alles leicht nehmen in einem Kleid aus Chiffon. Vielleicht finde ich es noch. Mein sinnbildliches Tiffany's.

23.03.2009 um 21:10 Uhr

découragée

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

...c'est quand je suis comme ca... (Schultern hängen lassen, Mundwinkel nach unten)

Ich habe diese Vokabel gut eingeführt, und nun scheine ich sie zu verinnerlichen, zumindest für die Dauer dieser Erkältung und der Unterrichtsreihen vor Ostern. Ich möchte meinen inneren Esel im Tierheim abgeben. Dieser wehrt sich par excellence gegen Kritik und möchte am Liebsten seine Ohren nie wieder aufrichten.
Das Wochenende in Ferndorf hat dem keine Abhilfe geschaffen. Es ist schwer, aus der behüteten Welt mit Waffeln und Kirschen in die Realität zurückzukommen, in die graue Stadt, die zwar Heimat wird, aber nur langsam. Die manchmal noch so einsam scheint, ohne Freunde.
Reality bites. Ich werde den Esel schon überwinden, das Tafelbild erstellen. Schülerantworten antizipieren und alles tun, damit ich diese zwei Jahre schaffe. Ich werde den Mohn in die Gänge streuen.
Unterricht ist Kunst. Sagte eine Dozentin vor langer Zeit. Wir werden irgendwann Freunde, l'enseignement. L'art. Et moi.

22.03.2009 um 21:20 Uhr

Anton spricht.

von: nenia

Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden. - Der Schauplatz seiner Leiden, die Welt, worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte, lag hinter ihm...[...]
(Anton Reiser, 3 Teil.)

Voilà.
Zu viel Nostalgie nach einem Wochenende in Ferndorf.

19.03.2009 um 12:15 Uhr

pénombre

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

5. Klasse. Ich wühle in meinem Rucksack, der Buchrücken von "Bis(s) zur Mittagsstunde" kommt zum Vorschein. Kind guckt begeistert darauf und sagt "Lesen Sie das etwa auch? Das finde ich gut!"

16.03.2009 um 21:14 Uhr

J'adore les enfants!

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

6. Klasse Vertretungssunde. Kind: "Mme L, ich hab die Aufgaben fertig, darf ich gehen? Ich bin gut in Französisch!" Ich: "Nein, gehen darfst Du nicht. Was hattest Du denn in der letzten Arbeit?"
Kind (macht Kulleraugen): "Fünf Plus!"

15.03.2009 um 20:48 Uhr

you raise me up...

von: nenia

Musik: You raise me up - in der Version von Sarah Kreuz

You raise me up, so I can stand on mountains;
You raise me up, to walk on stormy seas;
I am strong, when I am on your shoulders;
You raise me up... to more than I can be.

(Westlife)

Eigentlich sollte ich erneut meine Unterlagen durchgehen. Morgen startet der Alltag wieder. Doch das Wochenende hat mich in einer sentimentalen Stimmung eingefangen. Ihr habt.
Danke für all die Momente. Für das Lachen und den Zuspruch. Für Diary of Dreams auf der Tanzfläche und Monologe über Polynomdivision. Für Schindel und Starbuck's, sowie Hypochondrie-Austausch und die gemeinsame Zigarette.
Ihr habt mich kennengelernt, als ich mich selbst nicht mehr kannte. Ihr habt mich trotzdem angenommen und gewärmt. Wir sind irgendwie zusammen älter geworden, mit all den Geschichten, Tränen und Lachanfällen. Mit tausend Insiderwitzen und Blicken. Buchstaben in Silbergrau, die Realität wurden und sind.
Und gerade jetzt, wo der Alltag ein eher schwieriges Abenteuer zu sein scheint, war es mit Euch so gut. Fallen lassen. Jetzt.
Kiitos für die Jahre, Monate und Momente. Für dieses Wochenende, und alles Weitere, was wir erleben werden.

11.03.2009 um 14:07 Uhr

Zut!

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Zu früh gefreut. Die Woche brach mit Regen über mich herein. Ich sei nicht didaktisch versiert, zu undurchdacht. Zu schnell. Und mein Französisch sei "mit vielen Fehlern". Wenn ich aufgeregt bin, laufen die Adjektivendungen vor mir weg und der Subjonctif verschwindet komplett aus meinem Gehirn.
In solchen Momenten fühlt man sich unendlich verloren. Ich grabe meine Finger in die Erde und reiße Klumpen heraus. Ich male lustige Folien für den rétroprojecteur mit kleinen Katzen und versuche, die Endungen festzuhalten. Es sind bestimmt nur Anfangsschwierigkeiten. Es wird besser. Nur Geduld.

06.03.2009 um 16:53 Uhr

kulta kolme

von: nenia

Vorgestern fuhr ich am Hauptbahnhof vorbei. Die Morgensonne tauchte ihn in ein fast goldenes Licht, welches mich trotz des Dunstes fast blendete. Ich fühlte mich ein bisschen wie Meg Ryan in City of Angels. In diesem einen Moment. Ich wollte meine Arme ausstrecken und die Nase nach oben halten. Als ich am Park vor der Schule ausstieg, schlug mir der blaue Himmel fast entgegen. Voll mit Gold...

*

Bonjour, moi je suis Mlle L. Et j'ai besoin de retroprojecteur...


Die ersten Stunden sind verhältnismäßig gut gelaufen. Es gab beaucoup à critiquer. Ich habe zu wenig durchdacht und die Aufgabenstellungen waren nicht transparent. Die Übergänge müßten besser gestaltet werden. Voilà.
Ich bin trotzdem zufrieden. Man versicherte mir, ich sei "auf einem guten Weg." Nach den Stunden konnte ich kein Deutsch mehr, da ich so viel Französisch gesprochen habe. An der Artikulation müssen wir noch feilen. Mais ca ira.
Schade, dass es in den neuen Schulbücher keinen Luc Tonnerre gibt. "Ca y est. Le magnétophone marche!" Ich hätte die Bekanntschaft mit der famille Roussel zu gerne weitergegeben.

02.03.2009 um 18:10 Uhr

Praktikantin oder Referendarin?

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Ich sitze hinten und habe kein Lehrbuch, da der Bücherbunker keines hergab. Lehrerin freundlich zu Schüler: "Est-ce que tu pourrais passer ton livre à Mme Lewinsky?"

(Das mit meinem Nachnamen müssen wir wohl noch üben) 

01.03.2009 um 20:57 Uhr

kulta - kaksi

von: nenia   Kategorie: champs d'or

"Wenn Du Dich umdrehst, wird der blaue Himmel in Deinen Augen sein. Voll mit Gold."
(Kulta I - November 2008)

Der Film im Hintergrund rauscht ein bißchen an mir vorbei. Gestern bist Du eingezogen und ich bin immer noch nervös. Tausend Kleinigkeiten rasen durch meinen Kopf und verhaken sich in den dezent erschöpften Gehirnwindungen. Les champs d'or sont les nôtres. Ich muss nicht wieder vier Stunden fahren, um bei Dir zu sein. Es sind nur noch einige Schritte bis zu Deinem Zimmer und noch weniger zu unserem Bett. Heute Nacht kommst Du nach Hause und wirst mich wecken, wenn Du Dich hinlegst und morgen gebe ich Dir einen Kuss, wenn ich mich auf den Weg zur Schule mache.
Es wird vielleicht nicht einfacher, aber besser. Nun können wir die Abende oft gemeinsam vor dem Fernseher verbringen und die Wochenenden ohne Zugfahrten bei einem Frühstück au coeur de la ville. Ich kann meine Nase nun täglich in Deinen Bart stecken und der grüne Umhang, der so schön nach Dir riecht, wird meine Fernsehdecke. Nach fünf Jahren, einem Monat und dreizehn Tagen fühlt es sich noch fast irreal an, dass die Goldfelder nun uns gehören. In der großen Wohnung. Im Herzen der Stadt.