J'adore les enfants II
- Nein...
Dann müssen wir ja Mademoiselle zu Ihnen sagen!
Die Co-Korrekturen sind abgegeben, alle Ärzte abgeklappert. Und der Einstieg in der 11 ist gut verlaufen. Ich habe Fortschritte in den Sicherungsphasen und der Unterrichtsbesuch in Deutsch steht. Eine der stressigsten Wochen meines Lebens ist passé. Ich lebe noch, zwar mit einer Bronchitis, aber doch. Heute Abend gibt es Badewanne, neue Körperbutter und John Irving, bevor es morgen an die Feinplanung geht.
Mein Treffen mit der Tandempartnerin war sehr zielführend in der Gesprächsführung. Ich kenne nun viele alternative Wörter und bin flexibel um adäquat auf Äußerungen der SuS einzugehen. Dies ist schon ein gutes Kriterium und in meinem Kopf ist alles stimmig von den gelenkten Yogaübungen mit guten problematisierenden Impulsen. Ich bin erfüllt mit Input und gebe ein gutes Feedback.
Der Unterrichtsbesuch kostete mich wieder eine unruhige Nacht. Vier Augenpaare mit Stiften und kritischen Blicken. Morgens schenkte mir Madame la directrice einen roten Kreidehalter. Für Mohnanschriften. Es wurde gut. Laut Ausbildungskoordinatorin war der Deutschfachleiter zufrieden, obwohl ich am Ende unleserlich mit blauer Kreide geschrieben habe. Die jüdische Kurzgeschichte hat anscheinend Glück gebracht, die Zehnklässler waren nett und ruhig. Und ich habe endlich den Geschmack eines guten Besuchs gekostet.
"Frau L., Sie haben blaue Kreide im Gesicht. Passt zu Ihrem Shirt!"
Von Frau Wohmann habe ich bestimmt die Pointen geklaut, das unerwartete Etwas am Ende der Geschichte, die Warze, Asmus der Ferienmann, all das. Von Peter Bichsel den Aussteigerkomplex. Von Borchert die grüne Hoffnung. Ich glaube es gibt kein anderes Thema im Deutschunterricht, an dem mein Herz mehr hängt. Ich fühle mich ein bißchen wie sechzehn, Herr H. sitzt vor mir, wir interpretieren herum. Irgendjemand sagt Peter Wichsel. Und ich hänge an den Zeilen, an diesen kurzen Lebensausschnitten, die auch mich inspirierten. Personaler Erzähler. Unvermittelter Anfang. Soweit. Und nun, zehn Jahre später stehe ich vorn. Ich bin unruhig, meine Gesprächsführung kränkelt noch, ich sage zu allem jaja. Jaja, gutgut. Die Schüler schauen gelangweilt, wie damals. Doch am Ende hellt es auf. Soviel steckt in einer Geschichte, sagt ein Mädchen. Die Metallerin schaut intellektuell - gelangweilt, manchmal hatte auch ich früher diesen Blick. Alles wiederholt sich, nur aus einer anderen Sicht. Und ich habe es. Das Gefühl des Fortschritts, aber auch der Sehnsucht.
Danke, liebe Nachkriegsliteraten!
Peter Bichsel. "San Salvador"
Meine Lieblingsgeschichte seit acht Jahren. Es gibt keine Alltäglichere, keine Bessere. Und keine, die meinem Aussteigerkomplax von damals so nahe kam. Ich habe sie von Anfang an geliebt und schon einmal im Praktikum unterrichtet, das Video davon ist noch auf der Festplatte, der grünäugige Referendar hat mit der Kamera gewackelt und meine Schrift verlor sich etwas an der Tafel. Es war trotzdem gut, damals. Und Montag werde ich wieder Pauls Innensicht analysieren und einen Abschiedsbrief schreiben lassen. Guten Morgen. Ich bin die neue Deutschreferendarin. San Salvador. Der Erlöser. Es gibt keinen besseren Beginn für den Unterricht unter Anleitung. Voilà.
Die erste Konferenz ist vorbei. Nachdem eine Stunde lang neue Kollegen beklatscht wurden, ein Foto gemacht wurde und ich lange Zeit hatte, mit Mme la directrice im Sekretariat auf meinen Schlüssel zu warten, ist der erste Tag gut überstanden. Alle sind ganz locker und nett, keiner hat mich seltsam angeschaut und ich gehe guter Dinge Jules neue Lemminge anschauen.
Ein Referendar ist die Vorstufe zum Lehrer und ist deshalb noch etwas wissender als die Ausgebildeten.
(http://www.stupidedia.org/stupi/Referendar)
...liebe Schule. Ich darf Dich nur noch zwei Wochen betreten. Zum Kaffeeautomaten schleichen, weil mich einige Lehrer seltsam anschauen werden. Mich langsam verabschieden. In den Ferien Defizite aufholen und mein Glück an einer neuen Schule versuchen. Und wenn es dort nicht klappt, gehe ich in die Erwachsenenbildung. Là voilà!
Im Raum stehen zwei Mohnblumen. Und wenn ich könnte, würde ich eine für Dich stehlen, dafür, dass Du meinen Mohn am Leben erhalten hast. Danke.
"Ich finde, dass Stephenie Meyer gut erkannt hat, worauf weibliche Teenager stehen, nämlich auf gutaussehende Vampire!"
(7. Klasse- Rezension über "Breaking Dawn")
Fontane? Brecht? Den Zauberberg? Nein? Oh der Kanon. Das Zauberwort. Mein Kanon war ein Anderer. Ich habe in meinem Leben viel gelesen. Zuviel, vielleicht, sagten Sie.
Ach was wissen Sie von Robert Schindel und Maxim Biller, von John Irving und Michel Houellebecq?
Ich lese seit ich vier bin. Vielleicht manchmal oberflächlich. Aber viel. Ich habe immer versucht, mich literarisch umfassend zu bilden. Und nun stehe ich in einer Ecke. Mit der Nase zur Wand. Manchmal weiß ich nicht, woher ich die Kraft nehme. Ich presse die Nase an die Tapete, so fest, dass sie knackt. Und dann gehe ich hoch und stelle mich mit einem bezaubernden Lächeln vor die Klasse. Ich bin nicht Holly Golightly, aber ich kann innerlich so tun als ob. Bonjour la classe, ouvrez vos livres. Und weiter bis zum nächsten Gespräch über das gefährdete Examen. Lächeln, baby. Für das Ziel. Wir müssen nur noch an den eigenen Operatoren basteln. Was hat Michel gesagt? Rester vivant. Le sens du combat.
Ich versuche "Gezeiten" auf Französisch zu umschreiben. Ergebnis: "La mer se change"
(Das Meer zieht sich um.)
Ich stehe in meinem Nadelstreifen-Sakko im Schreibwarenladen und suche Folienstifte aus. Ein Mann spricht mich an: "Entschuldigen Sie, ich suche kleine weiße Briefumschläge." Ich: "Keine Ahnung, ich bin nur Kundin".
Er: "Oh Sie sahen so geschäftig aus, ich dachte, Sie arbeiten hier!"