Musik: Logh - "The Raging Sun"
Notizen über eine Woche. Vor genau sieben Tagen hatte ich seit etwa
einer Stunde Berlin erreicht, bzw. die Zieladresse, Niels' Wohnung, in
Berlin befand ich mich zu dem Zeitpunkt schon etwas länger, die
Navigation ohne Karte und helfenden Beifahrer ist im Provinznest
München eben wesentlich einfacher...
So langsam setze ich mich wieder mehr mit den Aufnahmen auseinander,
mein Bruder war die letzten Tage zu Besuch, ich brauchte einige Zeit,
mich an diese unmöglichen Hitzezustände zu gewöhnen, habe es endlich
geschafft, zwei Tage hintereinander Joggen zu gehen - dank meines
Bruders - mein Kreislauf lässt in jeder Hinsicht zu wünschen
übrig, wenn das Thermometer den zweistelligen Bereich erreicht, das
wurde mir vor allem letzten Sommer klar.
Ich weiß nicht, ob so eine Lapalie wie ein Kreislaufzusammenbruch einem
Menschen in gewisser Hinsicht einen kleinen Stoß verpassen kann, aber
vielleicht traf das bei mir im letzten August zu... Ich habe große
Probleme damit, die Kontrolle zu verlieren, ich habe lange jedem
Schiff, jedem Flugzeug und nach einem kleinen Auffahrunfall, bei dem
ich als Kind auf der Rückbank eines Autos saß, auch jedem Auto.
Mittlerweile habe ich damit zwar weniger Probleme, das beruht aber auf
einer gewissen Gleichgültigkeit gepaart mit der größenwahnsinnigen
Selbstsicherheit, dass mir sowieso nichts passiert.
Letzten August befand ich mich in der Situation, dass mir immer mehr
klar wurde, dass ich gewisse Dinge (Studium, Lebensrythmus, etc.)
umstellen muss. Neben einigen Gesprächen mit meinen Eltern und ein paar
anderen, der wenigen mir vertrauten Personen, kam dann ein Wochenende
hinzu, an dem ich mich mit einigen Freunden/Bekannten (ich tue mich da
mit Definitionen schwer) getroffen habe. Ich hatte in den Tagen vorher
zweimal starke Wadenkrämpfe und pumpte mich krampfhaft mit
Magnesiumpulver voll. An diesem Abend ging es mir innerhalb von Minuten
schlecht und ich kippte um. Ich hatte als Kind massive
Kreislaufprobleme, habe irgendwann mal auf dem Rückweg von der Schule
plötzlich die Augenaufgerissen und konnte für einen Moment durch die
dicke Watte sehen, die meinen Kopf anhaltend zu umgeben schien, es war,
als hätte ein Blitz meine Schädeldecke eingeschlagen und infolge dessen
regnete es kurzzeitig rein...
Die Wattierung zwischen mir und der Außenwelt war als Kind
allgegenwärtig, auch wenn ich in den letzten Jahren Probleme hatte, mir
das überhaupt wieder vorzustellen. Mit den Jahren wurde es dann immer
etwas besser, und in der zehnten Klasse auf einer Klassenfahrt merkte
ich, dass an Sommerabenden, wenn aus den müden Blutbahnen der träge
Nebel aufstieg, eine ordentliche Menge Alkohol das Problem lösen
konnte. Nicht dass ich mich betrunken hätte, es reichte, dass ich ganz
leicht spürte, dass der Alkohol zirkulierte. Als ich dann Ende der
Klassenfahrt diesen Habitus wieder abstellte, war die Watte weg,
einfach so.
Seitdem ich aber in München wohne, seit drei Jahren, habe ich immer
wieder Phasen, in denen ich anfällig dafür werde, nicht annähernd so
wie als Kind, und eigentlich auch nur nach extremem Schlafmangel oder
bei großer Hitze, und selbst dann nicht immer. Aber letzten Sommer
klappte ich ab. Ich dachte an das Magnesium, daran, dass ich noch nie
auf Medikamente oder ähnliches vertraut hatte, außer wenn ich während
meines Zivildienstes im Rettungsdienst im Einsatz war... jedenfalls war
ich plötzlich weg, und danach wieder da. Ein Kreislaufkollaps eben,
noch nicht mal ein besonders schwerer. Aber ich war wochenlang
angeschlagen, bin früh alleine von Partys nach Hause gegangen, habe ein
etwas zwiespältiges Misstrauen zu Alkohol aufgebaut. Das lag nicht
daran, dass ich tatsächlich körperlich noch etwas davon gemerkt hatte,
aber der Moment in dem ich weggetreten war, war einer der schlimmsten
Momente, die mir passiert sind.
Jedenfalls habe ich da entschieden, dass ich gewisse Dinge in die Hand
nehmen muss. Und diese gewissen Dinge, das bezog sich hauptsächlich auf
meine Musik. Ich hatte schon lange das nötige Equipment für Aufnahmen
herumstehen, hatte einige Lieder geschrieben und zum Teil aufgenommen,
aber wenn der lichte Moment der Idee vorbei war, verschwand das wieder
aus meinem Kopf. Seit etwa einem Dreivierteljahr arbeite ich an meiner
Musik, so gut es mir möglich ist. Ich spiele nicht nur eine Melodie,
die mir gerade in den Sinn kommt, ich spiele auch den Rest drumherum.
Das klingt vermutlich banal, aber es ist innerlich ein Schritt gewesen,
und ich versuche den nächsten zu machen, aber nicht mehr, indem ich
jetzt hier noch weiter Phrasen auspacke...
Dieser Eintrag hat nicht viel mit der Musik zu tun, oder besser: er
gibt kaum Auskunft über die Musik, höchstens, woher sie kommt. Die
Musik ist mittlerweile relativ weit geplant und durchdacht, wir
schreiben gerade an einem Lied mit verschiedenen Takten, da geht es
nicht ohne ein gewisses Maß an Strukturplanung (Niels kann Musik von
diesem Ansatz her sowieso sehr gut schreiben...), aber die Texte hole
ich immer noch von der anderen Seite der Watte... zumindest fühlt es
sich so an...
Gute Nacht,
sjÁlfur