Au revoir, les enfants
Es war immer klar, dass diese Zeit irgendwann kommen würde, doch jetzt, wo sie da ist, ist es natürlich – und auch damit hätte man rechnen können – nicht ganz so leicht wie erwünscht. Diese Zeit verläuft vorteilhafter als ich mir je hätte träumen lassen, doch der Trost wird erst in Kürze vollends wirksam. Ich freue mich auf das, was auf mich zukommt, doch ich lasse nicht alles leichtfertig und durchweg lächelnd zurück. Meine Schulzeit liegt hinter mir, die Prüfungen, der Abiball, die letzten Chorkonzerte, dieser Freundeskreis, dieses Dorf, diese Welt. Nur wenig bleibt, wie es war, nun wo diese Zeit gekommen ist: Die Zeit der Abschiede.
Ich
zähle zu den Schülern, die durchaus schon lange wussten, dass ihnen das
irgendwann fehlen wird. Dreizehn Jahre lang wusste man im Grunde täglich, wohin
man zu gehen hat und was einen dort erwartet. Tausende kleiner Details schwirren
denen durch den Kopf, die sich an alles erinnern wollen, was die Schulzeit
ausmacht, ich denke deshalb noch gar nicht großartig darüber nach. Ich weiß,
dass ich tagtäglich meinen liebgewonnenen Bekannten und Freunden begegnen
konnte, mit denen ich Stunden zu bestreiten und Pausen zu genießen hatte (wenngleich
es manchmal auch umgekehrt war). Ich habe wie sie alle eine Menge erlebt, gute
und schlechte Erfahrungen gemacht, gelernt, gelacht, geweint, gehofft,
genossen, bedauert, bewiesen, bemüht und bestanden. Menschen kreuzten meinen
Weg, die ich teilweise vielleicht nie vergessen werde – und teilweise nie
wiedersehen. Genau diese Kleinigkeit macht diese Zeit so schwer. Ich habe
Glück, weil man mich mit offenen Armen und liebevollen Blicken (und Küssen)
erwartet, wohin es mich bald verschlagen wird, jedoch weiß ich, dass mir einige
Leute sehr fehlen werden. Klar hält man Kontakt. Klar verliert man sich nicht.
Aber so oder so ist es nur realistisch, dass manche Abschiede dieser Tage
Abschiede für immer sind.
Ich versuche, alle Freunde noch einmal zu sehen, bevor ich wegziehe. Ich lade sie einzeln ein und erhoffe individuelle, letzte schöne Stunden mit meinen Lieben, von denen einige sicherlich gar nicht ahnen, wie viel sie mir eigentlich bedeuten und wie sehr sie mir doch ans Herz gewachsen sind. Ich bin kein Familienmensch und kann mich nicht erinnern, je Heimweh gehabt zu haben, doch wenn ich diesen Ort hinter mir gelassen habe, werde ich meinen Freundeskreis vermissen. Bei jedem Treffen in dieser Zeit kann ich abzählen, wen ich nicht wieder sehe. Leicht feuchte Augen und merklich festere Umarmungen zeigen mir außerdem, dass ich nicht der einzige bin, der es so wahrnimmt. Ich gehe. Manche meiner Mitschüler gehen selbst anderswohin – ins Ausland, zur Bundeswehr, in andere Städte, andere Leben – mein vorerst letzter Blick auf diese Gefilde erfolgt in vier Tagen. Ich packe und warte auf weitere Besucher, während die Zeit vergeht. Es wird traurig und ich bin sentimental. Wenn ich mich in meiner neuen Umgebung eingelebt habe, wird weitere Wehmut folgen. Momentan bin ich froh über jedes fröhliche Gesicht, das ich noch mal sehen darf. Und vor allem bin ich froh über den Trost, der mich erwartet.
Nach allen Handschlägen, Umarmungen, Tränen, Abschiedgeschenken, bedauernden Worten und ehrlichen Erkenntnissen, wie toll die gemeinsame Zeit letztendlich war, erwartet mich etwas, auf das ich trotz aller Ängste und Sorgen kaum noch warten kann: Das Ende einer Fernbeziehung! Ich werde – und was für ein unfassbares Glück das ist, kann ich mir noch gar nicht ausmalen – die Frau, die ich liebe, jeden Tag sehen können! Das ist Luxus und zu schön, um wahr zu sein. Nach knapp 1½ Jahren fast täglicher Telefonate, Briefe, Karten, Mails und etwa einem Dutzend mitunter himmlisch langen, aber doch stets zu kurzen Treffen kann es nichts schöneres geben. Und eine Beziehung, die auf so langer Zeit der (zugegeben unausweichlichen, aber dennoch natürlich nie lästigen) Kommunikation basiert, hat wahrscheinlich das stärkste Fundament, das man sich wünschen kann. Ich bin sicher, abgesehen von der Tatsache, dass es nur traumhaft werden kann, finde ich somit gut Zerstreuung und eine hilfreiche, weiche und betörend duftende Schulter zum Anlehnen, wenn das, was jetzt teilweise noch vor mir liegt, sich in die Gesellschaft meiner anderen Erinnerungen an das ungern Zurückgelassene gesellt.
Da ich höchstwahrscheinlich auch den Internetzugang zurücklassen muss, ist dies hier mein letzter Blogeintrag. Ich war nicht konsequent und seit etwas über einem Jahr stumm wie es unter der Treppe eigentlich auch sein sollte, aber dies hier bedeutet mir genug, dass ich es nicht wortlos beenden könnte. Ich danke an dieser Stelle den paar Lesern, die so lange die Hoffnung behielten, dass sie diesen Eintrag noch bemerken konnten. Ich danke überhaupt so vielen, vor allem für die letzten Jahre. Es war schon eine tolle Zeit. Und ja, fehlen wird sie mir bestimmt. In diesem Moment blicke ich dankbar vor und zurück, mit flauem Gefühl im Magen, Sehnsucht im Herzen, Tränen in den Augen und – was wohl am wichtigsten ist – einem Lächeln auf den Lippen. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Ich denke, ich bin bereit.
Come What May.
