Meine Nase ist wieder frei und mir ist einfach danach. Nach der
Kaspar-Kugel-Geschichte nämlich. Mein Kaspar Kugel, der so ganz anders
ist als der Gerd Schröder, so ganz ohne Testosteron kommt er aus, der
Kaspar Kugel, der Latzhosenträger aus dem Kindergarten, wunderschön ist
er und verträumt, und so ein verträumter, melancholischer Mann
misstraut mir selbstverständlich, fast würde ich sagen, dass ich nackte
Furcht, jawohl: nackte!!, in seinen blank geputzten, braunen
Teddybäraugen erkennen kann. Und das reizt mich. Reizt mich ungemein.
Aber das wissen wir ja schon.
Nach meinem unrühmlichen Auftritt bei der Planungssitzung passierte das Folgende:
Alle stürzten aufgeregt schnatternd davon, ich hörte noch Sätze wie,
das wird ganz toll, ich bringe unsere Kasperlepuppen mit, ja und ich
habe auch noch diese kleinen Plastiknäpfchen und dann lassen wir die
Kinder an Pfefferminze riechen, wie riecht eigentlich Schokolade, ist
das intensiv genug, meinste die erkennen Lakritzgeruch, und wie wärs
mit einer Triangel, ja super und so Töpfe mit Kochlöffel, das ist ja
was für die ganz Kleinen, da spannen wir dann ein Tuch und sie stellen
sich dann dahinter, ich habe auch noch so eine kleine Spieldose, haben
wir eigentlich genug scheren, wie wärs mit einer schönen Deko für den
Stand, ja super so mit bunten Krepp, ja
und könnte ... Fingermalfarben ... nee ... Schweinerei ... hoffentlich
... Wetter ... gut gelaufen ... Ideen ... Himbeeren ... auch rot ... Marmelade ... Zucker ... ja .. kann man nicht genug ... Karies ...
Und dann waren wir allein, der Herr Kugel und ich.
In
alter Perfektion hatte die sauertöpfische Kindergartenleiterin den
Sommerfestplanungssitzungstisch mit farblich aufeinander abgestimmten
Plätzchen, Plätzchendeckchen, Plätzchenserviettchen, Teetässchen,
Teelöffelchen, (Kaffee? KAFFEE? Ce-A-Ef-Ef-Eh-Eh? Wo kämen wir da hin?
Nicht für Kinder ist der Tü-hürke-hen-trank...) gedeckt, an dem wir bis
eben so fröhlich und eifrig gesessen hatten auf diesen kleinen
Kindergartenstühlchen, und da stand er nun, der Kaspar Kugel, von allen
guten Müttern und Kolleginnen verlassen und sollte alleine die Teetafel
abräumen. Irgendwie kam er mir hilflos vor und so einsam, wie die
kleine verschlafene Haselmaus, die gleich vom Kaninchen und dem
verrückten Hutmacher in die Teekanne gestopft wird. Auf der Türschwelle
konnte ich nicht anders, ich weiß nicht, was mich ritt: "Aber Herr
Kugel, lassen Sie sich doch helfen, das ist doch Frauensache..."
Und
Kaspar Kugel lachte dieses Lachen. Er ist ein Schnarchlacher, er
grunzt, der Kaspar, und kneift dabei die Beine und die braunen Augen
zusammen, und gibt dieses Rotzgeräusch von sich. Aber das ist nicht
alles, der Kaspar, der Filou, sagt das Folgende: "Aber Frau SPunkt, Sie
gehen aber ran."
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen
lassen: "Sie gehen aber ran, Frau SPunkt." *grunz* *schnarch*
*ziehnasehoch* *wippnervösaufundab*
Ich kann da nicht anders. In
absurden Situationen bekomme ich Lachanfälle. Aus vollem Halse gackernd
räumte ich mit dem Kugels Kaspar die Teetafel ab und bei der
Vorstellung, dass der Kaspar zur Hälfte in der geblümten Teekanne
stecken könnte, sonderte ich immer nur noch eine weitere Lachsalve ab.
Herr Kugel, der sich nun seinerseits irgendwie geschmeichelt fühlte,
lächelte nun verwirrt in sich hinein und wusste angesichts der sich
wegschmeißenden Frau SPunkt, der inzwischen die Tränen herabliefen,
nichts so recht zu erwidern. Aber wir räumten zusammen Geschirr ab, das
war ja nun schon mal ein Anfang.
Als ich dann doch in einer
fliederfarbenen Thermoskanne, deren Anblick mich zu erneuten Krämpfen
ermutigte, Kaffee entdeckte, konnte ich nicht widerstehen: "Herr
Kugel, ich habe Kaffee gefunden, können Sie mir Milch geben?"
Und da freut er sich, der Kaspar, denn dazu fiel ihm etwas ein:
"Aber
Frau SPunkt," *grunz* "das sag ich" *schnorchel* "Ihnen jetzt. Das"
*quietsch* "ist doch" *schnorchel* "nun wirklich" *pieps* "...äh..."
*keuch* - - "Frauensache!"
Sprachlos. Ich war einfach sprachlos.
Ich sah ihn an, den Kaspar, und der Kaspar mich. Wir standen da,
zwischen uns nichts als eine kleine Teetafel, eine
Zwölf-Uhr-Mittags-Situation, es war ruhig, zu ruhig, irgendwo draußen
setzten die leisen Klänge einer Mundharmonika ein...
"Milch
geben." Kleinlaut ist er jetzt. "Sie verstehen?" Leises Grunzen.
"Frauen geben Milch." Hilfloses Röcheln. "Mä-Männer eben nicht."
Ich starr ihn immer noch an.
"Frau Spunkt," er ist echt verzweifelt, "so sagen Sie doch was."
Kennt
Ihr 'Reine Nervensache' mit Robert de Niro und Billy Crystal? Wo
Robert, der zu therapierende Mafioso, immer wieder anerkennend auf
Billy, den Therapeuten zeigt und sagt: "Sie!", anerkennendes Nicken,
"Sie sind WIRKLICH gut."
Ähnlich anerkennend nicke ich nun.
Wohlwollend und liebenswürdig. Breit grinsend. Er ist zu komisch, der
Kaspar, der nun grunzt: "Ne, Frau SPunkt, ne? Der war gut." Und nun ist
er dran, sich wegzuschmeißen, er kriegt sich gar nicht mehr ein,
"Frauensache." japst er, und "Milch" und "Es heißt ja Kuhmilch, nicht
Bullenmilch, haha, gröhl, sprotz, grunz, schnarch" aber so plötzlich,
wie er gekommen ist, ist er auch vorbei, Kaspars Lachanfall, er reißt
ab, Kaspar schaut mich an, er wird ganz ernst, es ist dieser
Filmmoment, wo Paare aus einer albernen Situation heraus ganz plötzlich
übereinander herfallen, sich die Kleidung vom Leibe reißen und zwischen
kleinen Kinderstühlchen und herunterpurzelnden geblümten Porzellan die
schamlosesten Schweinereien anstellen, oh nein, Rückzug, Rückzuuuuuug,
Herr Kugel, es war doch nicht so gemeint, so verstehen Sie mich doch,
ich wollte Sie doch nur foppen, ein Witz, ein harmloser kleiner, unter
Freundinnen, uns Pastorentöchtern, ähm, so schauen Sie mich doch nicht
so an, Herr Kuuuugel, so sagen Sie doch was.
Und er sagt etwas, er sagt es todesmutig, und irgendwie klingt es unheilsschwanger:
"Ich gehe jeden Samstag im Gemeindezentrum tanzen."
Soso.
Von wegen kein Testosteron. Der Mann hat es faustdick hinter den Ohren, Blasenmeridian hin, Blasenmeridian her.
Ich
hab mich einfach verlegen geräuspert, Kaspar sah ein, dass er zu weit
gegangen war, er wies auf den mittlerweile gefüllten Geschirrwagen und
ich schob ihn brav in die Küche.
Ist schließlich Frauensache.