Nachtschattengedanken

01.03.2007 um 01:09 Uhr

Leidmotiv

wie hat sich mein leid angefühlt? Es hat mich nun jahrzehntelang begleitet und ich weiß verdammtnochmal, himmelarschundzwirn nicht, wie es sich angefühlt hat. aber es war doch immer da?

das schlecht fühlen war meine passion, mein universum, meine luft, meine normalität. aber WIE VERDAMMT HAT ES SICH ANGEFÜHLT.

die frage "wie gehts?" habe ich oft mit "ach naja" beantwortet und nach einer kurzen zusammenfassung der geschehnisse ein "is aber auch egal" angefügt.

vielleicht war "egal" der schlüssel. "ich leide, is aber auch egal"

vielleicht war "normal" der schlüssel. "ich leide, is aber auch normal"

vielleicht war "immer" der schlüssel. "ich leide, aber das ist immer so" 

eines tages traf ich lorelei, ein ganz besonderer mensch, einer der auf eine weise litt, wie ich sie nicht kannte, der es benennen konnte, gründe, ganz verschiedene, in schillerndsten nuancen fühlte diese frau ihren schmerz. sie litt und es war ihr ganz und gar nicht egal, es war auch keineswegs immer so gewesen oder normal, sie sehnte sich nach glück, frieden und leichtigkeit, und vermisstefarben und liebe, sie hatte etwas verloren und sie wollte es mit aller macht zurück. dieser verlust lag scheinbar außerhalb ihrer selbst, aber sie konnte tief in sich danach suchen und dort hat sie es wiedergefunden. ihr lachen, ihren mut, ihr vertrauen. es kam alles zurück, und der schmerz hat sie verändert, aber sie hat ihn überwunden.

weiß der himmel, dass ich lorelei keine schmerzen wünsche, aber ich bin diesem schmerz dankbar, denn ohne ihn hätte ich sie damals niemals kennen gelernt. einen glücklichen menschen hätte ich nicht ertragen können. und als der schmerz sie verließ, da war es zunächst, als verließe sie mich.

schmerz, leid, damit kannte ich mich aus, das war mein metier, mein innerster kern war schmerz, und ich hatte ihn so sehr geübt, trainiert, geprobt, dass ich ihn nicht mehr fühlte, sondern ihn nur noch verstand...

der vorteil: damit stand ich über den dingen. ich konnte sie erklären, sie analysieren, sie beherrschen.

was für ein trugschluss.

eines abends, da saß sie da, die lorelei, sie war nicht über den berg, hatte den rotz noch in der nase, aber die meisten tränen schon geweint und sie sah mich an, und ich saß vor ihr, wie immer, klug, unantastbar, verständnisvoll und überlegen.

plötzlich trat ein beinahe überraschter, aber wissender ausdruck in ihre augen und sie sagte: "mein gott, du leidest so sehr."

und das dumme war: sie wusste es wirklich. wusste es nicht von mir, keine analyse, keine interpretation. sie sah es in meinen augen.

und ich hätte sie ums verrecken nicht zynisch ansehen können, mit dem hart trainierten verächtlichen zug um den mund, hätte nicht sagen können: "Ach komm" oder "Ach quatsch nicht" oder "Sag mir was Neues." oder "Tja, das Leben ist hart" oder "Und jetzt zu den interessanten Dingen"

in meinen augen flatterte ein panischer vogel, eine welle der hilflosigkeit überspülte mich und ich sah mich so deutlich in den augen von lorelei, eine regungslose statue mit einem kern von verzweifelter angst, den ich nährte, verschlagen einsperrte, hungrig an mich drückte, denn lieber einen kern aus schmerz, als keinen mehr.

ich wollte es behalten mein leid, es war mein schatz, mein alles, und eine trennung kam nicht in frage.

"mein gott du leidest so." dieser satz war frei von bewunderung für meine stärke, meinen inneren kampf, meine duldsamkeit. er war voll von mitgefühl, befremden und  erstaunen über meinen faulen kompromiss.

da hat'se mich erwischt, die lorelei, das kann man nicht anders sagen...

ein kleines dankeschön ist angebracht. und ich wünsch mir, dass sie das liest, die lorelei, und schallend lacht über die pathetische sunny und ein tränchen verdrückt vor rührung und ein breites grinsen grinst über meine unerschütterliche eitelkeit und den kopf schüttelt über die theatralik und die stirn runzelt über alle absonderlichkeiten.

äke män hak - ich bin krank

äke män ÄÄN hak - ich bin noch viel kränker

sie wirds verstehen...