Nachtschattengedanken

08.10.2009 um 08:55 Uhr

...was die Angst sagt.

Unser alter Meister holt also tief Luft. "Angst..." man hört, dass er sich wie auf Eiern bewegt, ein sensibles Thema, weiß Gott. "Angst ist vielleicht kein Gefühl. Es ist ein Gedanke. Ein Gedanke, der Stress, Herzrasen, Schweißausbrüche und Kurzschlussreaktionen auslöst."

Ich schau ihn nachdenklich an. Joah, damit konnte ich was anfangen.

"Die damit einhergehenden Gefühle sind allesamt unangenehm." 

oha. Bis dato waren alle Gefühle gleich vor seinen meisterlichen Augen. 

"Und dadurch, dass sie von außen kommen, sind sie schlechte Ratgeber."

Ok.

"Auch ich habe Angst."

Aha.

"Und meine Erfahrung sagt, dass man sich nicht gegen sie wehren kann."

"Aber nicht wehren, heißt weglaufen!" Ich kann mich nicht zurückhalten. Der Einwurf muss sein.

Der weißhäuptige Doc schüttelt den Kopf. "Man muss das Gefühl zulassen. Vielleicht zulassen, dass es schlimmer und schlimmer wird. Ihm nachspüren, beobachten, dabei bleiben."

"Und dann?" Ich bin unzufrieden.

"Nicht tun, was die Angst sagt."

"Hä?"

"Es geht darum, das Gefühl auszuhalten und dann nicht zu tun, was die Angst sagt."

Wir schweigen alle sehr lange. Die Widersprüchlichkeit in diesen Worten waberte durch den Raum. Jeder von uns drehte sich, glaube ich, im Kreis um sich selbst. Das Gefühl aushalten. Schon mal scheiße. Und dann nicht tun, was es sagt. Dableiben. Zulassen. Dableiben.

Scheiße.

Scheißscheißescheiße.

Aber so ist es. Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es wirklich vorbei geht. Dass man dem Gefühl nachspüren kann, wie es kleiner wird und sich auflöst, dann ist der Beginn der Angst schon weniger groß im Kopf. Man kann sie ansprechen: "Holla. Da bist du wieder, altes Haus. Na dann wolllen wir mal gucken, was du heute drauf hast. Früher oder später wirst du kleiner und verschwindest wieder."

Mangelndes Vertrauen begünstigt sie, die Angst. Man denkt: Na gut. Dann mehr Vertrauen, weniger Angst. Aber so ist es nicht. Das einzige, worauf man vertrauen kann, ist, dass sie weg geht, ohne, dass man sich gegen sie wehrt. Und dafür muss man voll hineingeheh. Sich dem Gefühl ganz hingeben. Es anschauen von allen Seiten. Und das in einer üblen Stressituation. Schwierig. Schiwerig. Schwierig,

Eine Zeitlang habe ich Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. Sie machten gleichgültig. Die Angst war noch da, aber ganz gedämpft. Ich konnte sie leise wimmern hören, aber das war mir egel. Die Dinger waren der Hammer. So richtig mit Suchtfaktor und so. Ich war damals so veränstigt, dass ich nach einer halben Stunde Schlaf eine davon nehmen konnte und völlig fit bis zur Nacht durch den Tag wanderte. Alles war leiser. Nicht so grell. Nicht so scharf und räumlich. 

Ich habe sie eine Woche genommen, die Dinger. Und es war gut, dass ich sie genommen habe. Ich verlor etwas, was mir unangenehm ist. Und ich verlor auch alles andere.

Meine Angst ist ein Preis. Ein Preis, den ich zahle für all die bunten Farben, die Weichheit des Grases unter meinen Füßen, die sanfte Luft auf meiner Haut, das Funkeln in den Augen der Menschen da draußen, das Lachen, die Wärme. Mein Funkeln. Mein Funkeln hat einen Preis. Es kostet Angst. Und ich weiß inzwischen, wie ich diesen Preis bezahle, ohne alles andere zu verlieren.

Schön.

Beruhigend, beängstigend schön.

Wie ich schon sagte: Widersprüche sind irrelevant.