Nachtschattengedanken

01.06.2009 um 10:53 Uhr

Der Ernst der Lage

Fast ein halbes Jahr bin ich ohne Einträge hier ausgekommen. Ich hatte diesen Blog für Notfälle eingerichtet. Lange Zeit war nahezu jeder zweite Tag ein Notfalltag. Der Ernstfall? Täglich. Gewohnheit. Mit dem Ernstfall konnte ich leben. Notfälle waren unangenehm. Katastrophen waren, was sie eben waren. Überrascht haben sie mich jedenfalls nicht. Ich war stets gut vorbereitet.

Und jetzt? Das Leben ist kein Ernstfall mehr. Und ich? Ich auch nicht. Meine Umgebung ist es nicht. Die Umstände erst recht nicht. Der Ernst der Lage? Ach hört mir auf. Ich bin nicht im Krieg. Und sollte ich es dennoch irgendwann sein, werde ich mich anpassen.

Was für eine Leere sich zunächst eröffnet, wenn man das begreift. Verdammt, womit soll ich mich denn beschäftigen, wenn nicht mit all diesen Abwehr- und Angriffsstrategien, mit dem Kreisen um das nächste Worst Case Scenario, wo auch immer es sich befindet?

Und dann noch ein Umdenken: Es ist keine Leere. Es ist Raum. Wat? Raum? Jawohl. Raum. Raum für mich, für Farben, Bilder, Menschen, Gerüche, Musik, nach meinem Geschmack

Irgendwann wurde ich aus der Therapie als 'geheilt' entlassen. Naja, meine Stunden liefen auch aus und selber bezahlen kam nicht in Frage. Die erste Therapie-Etappe beendete der Therapeut mit den Worten: "Es ist auch besser, irgendwann alleine zu gehen. Immer eine Stütze zu benötigen, ist nicht gesund." "Hä? welche Stütze?" dachte ich, und schaute ihn etwas indigniert an. Die zweite Therapie-Etappe war wesentlich intensiver und endete mit den Worten: "Du kannst gehen." Da heulte ich wie ein Schlosshund, und apropos: Ich fühlte mich wie ein wildes Tier, das man zwischendurch aufgepeppelt hat und nun wieder huschhusch in den Wald entließ. "Wohin bloß, wohin mit mir?" dachte ich. Bis es mir grad einfiel: Ab in den Wald. Mit ein paar wehen Blicken zurück habe ich mich in die Büsche geschlagen. Und siehe: Die Lage war nicht ernst. Zum ersten Mal nahm ich die grünen Blätter war, die Wärme der Sonne, den Regen, die Kälte des Windes. Zum ersten Mal dachte ich über mich als einen Teil des Ganzen nach. Kein hilfloser, verbannter Sonderling, sondern ich, atmend, denkend, essend, trinkend, liebend, stark und verletzbar, wie alle anderen, ein Teil des Ganzen.

Irgendwann bei einer kleinen Stippvisite im therapeutischen Rahmen fragte ich verschlagen nach dem Begriff 'geheilt'. Der Therapeut lachte. "Ach, geheilt, was soll das schon heißen. Probleme wird dat immer geben..."

Ich musste ebenfalls lachen. Ich bin froh, ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh, dass ich nie das Gefühl vermittelt bekam, krank zu sein. Ich hatte Probleme. Ja. Hatte ich. Aber wie nennt man die zu den Problemen gehörige Krankheit? Mh? Meine Diagnose, Herr Doktor? Na? Der Therapeut verweigerte. Unerbittlich. So wie er jedwede Wertung verweigerte. Irgendwann entfleuchte ihm der ein oder andere Fachbegriff, aber da hatte ich Gottoderwemauchimmerseidank nicht mehr das Bedürfnis nachzulesen, was sich dahinter verbirgt. Neulich tat ich es dennoch. Aus reiner Langeweile, vermute ich. Vielleicht aber auch, weil etwas in mir mein Leid nicht wirklich loslassen wollte. Ich wollte vielleicht doch nochmal sehen, wie ernst die Lage war, wie ernst sie vielleicht noch ist.

Und wisst ihr was? Ich habe Tränen gelacht. Was ich nicht alles war. Was nicht alles plötzlich auf mich zutraf. Auf beiden Gleisen wanderte ich entlang. Zu einem Teil zutiefst fasziniert, wie besonders, wie gefährdet, wie schwer zu behandeln ich war. Zum anderen extrem belustigt über die Kategorien, es war ein bisschen wie bei einem Horoskop, alles konnte zutreffen, wenn ich es nur für mich zurecht bog.

Ob ich keine Probleme mehr habe? Ob ich jetzt gesund bin? Ach. Hört doch auf. Ich stimme ihm zu, meinem Therapeuten: Was soll das schon heißen? Ich wurde nach beiden Therapie-Etappen gefragt, was ich für mich aus der Therapie bisher habe an Erkenntnissen ziehen können. Die erste Antwort lautete: Ich kann nicht mehr sein, als die Summe meiner Teile. Die zweite: Es ist beruhigend, aus so immens vielen Teilen zu bestehen.

Und mit denen gilt es zu leben. Krank? Krank = schlecht? Weg damit? Quatsch! Es geht nicht weg. Es bleibt. Gut so. Das bin ich. Auf! Huschhusch! Ab in den Wald...

 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. sternenschein schreibt am 28.06.2009 um 19:58 Uhr:Mensch Sunny,
    welch ein wunderbarer Text.
    Krank? Probleme gibt es immer..
    Ich glaube dieser Text, dein Text wäre zum Nachschlagen bei vielen Sympthomen besser geeignet und gesünder für die Nachzuschlagenden als alle anderen Aufzählungen.
    Das bist du, und das ist wirklich gut so.
    Wunderbar beschrieben.
    Liebe Grüsse in den Wald, oder auch davor, falls du nicht mehr darinnen sein solltest.
  2. taschenlampe schreibt am 14.08.2009 um 21:48 Uhr:Wie wahr, Sternenschein, das hat Sunny wirklich wunderbar beschrieben!

    Auch wenn es unterWEGs oft unendlich schwer scheint, letztlich geht man doch gestärkt heraus.

    Huschhusch.... *lächel*
  3. DieRoteZora schreibt am 28.09.2009 um 19:29 Uhr:und der wald hilft :)

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