Die gläserne Kugel, Teil Eins
Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte im Wald. Sie waren arm, der Vater war früh gestorben, und es waren schwere Zeiten, aber sie hatten zu essen und in der Mitte der Hütte stand ein großer Ofen, für den in kalten Zeiten stets Brennholz da war. Von der Mutter wurde das Mädchen liebevoll Glöckchen genannt, weil es ein glockenhelles Lachen besaß, das allen Menschen, die es hörten, das Herz wärmte. Immer wenn Glöckchen die Arbeit im Haus erledigt hatte, durfte es hinaus in den Wald, dort kletterte es mit den Eichhörnchen um die Wette, suchte mit den Wühlmäusen nach Nüssen und Früchten und tanzte mit den Vögeln, Bienen und Schmetterlingen durch den Wind und die Sonne. Dann war es so glücklich, dass sein Lachen ertönte und den Wald in hellere Farben tauchte und alle Menschen freuten sich an ihm.
Eines Tages wanderte eine böse Hexe durch den Wald. Als sie Glöckchens Lachen hörte, wurde ihr warm ums Herz, und die Hexe hasste dieses Gefühl so sehr, dass sie sich auf die Suche nach seiner Quelle machte. Als sie Glöckchen fand, ließ sie es mit ihren dunklen Mächten verstummen. Sie riss es wütend an sich, fesselte es und schleppte es zu ihrem dunklen Turm. Dort sperrte sie das Mädchen ein und hieß es fortan zu tun, was sie ihm sagte. Lachen war bei Strafe verboten und obwohl das Mädchen alles tat, was die Hexe von ihm verlangte, war es nie genug. Egal, wie sehr es sich bemühte, egal, welche Antrengungen es vollbrachte, die Hexe war nie zufrieden, sie tobte, sie schrie und sie keifte den ganzen Tag.
Mit der Zeit vergaß Glöckchen seinen Namen, denn es hatte das Lachen verlernt. Die Tage kamen und gingen. Glöckchen hatte seit langer langer Zeit die Sonne nicht mehr gesehen, es hockte im dunklen kalten Turm und erfüllte die Wünsche der Hexe.
Diese besaß eine gläserne Kugel, die ihr Ein und Alles war. Sie stand auf einem goldenen Sockel und die Hexe saß jeden Tag mehrere Stunden vor dem finster funkelnden Glas, sah hinein, flüsterte mit ihm und streichelte es zärtlich. Glöckchen war es verboten die Kugel zu berühren. Ein jedes Mal, wenn sie auch nur dem Sockel der Kugel zu nahe kam, prasselten Schläge auf es herab, und die schrillen Schreie der Hexe sausten in ihren Ohren. Eines Tages war Glöckchen so neugierig geworden, dass es, bei einem der Ausflüge der Hexe, zu der Kugel hinging und in sie hineinblickte. Es konnte nichts sehen, also ging es näher heran, doch es blieb finster und als es schon aufgeben und weiter seiner Arbeit nachgehen wollte, da kam plötzlich die Hexe zurück. Und als sie Glöckchen so nah an ihrer ihr so teuren Kugel sah, schrie sie laut auf und versetzte dem kleinen Mädchen einen harten Schlag. Glöckchen fiel gegen den Sockel, die Kugel rollte zu Boden und zerbrach.
"Du Mistvieh, du kleines Biest. Du hast sie zerbrochen, das wirst du mir büßen!" Der Besen der Hexe sauste auf Glöckchen herab, es weinte, doch die Alte tobte weiter. Sie gab dem Mädchen einen Tag Zeit, die Kugel wieder zusammenzufügen. "Wenn sie bis Mitternacht nicht wieder heil ist, fresse ich dich!" Mit diesen Worten flog die Hexe auf ihrem Besen davon. Glöckchen weinte bitterlich, denn die Kugel war in tausend Scherben zerbrochen und es war unmöglich, die Teile wieder richtig zusammenzufügen. Bis zum Abend suchte das kleine Mädchen verzweifelt im Scherbenberg nach passenden Teilen, als im Turmzimmer plötzlich ein helles Licht aufleuchtete und ein kleines altes Männlein erschien. Es hatte einen langen, langen weißen Bart, trug ein weißes Gewand, und in seiner Hand hielt es eine gläsernes Glockenspiel. "Wer - wer bist du?" stammelte Glöckchen. "Hier darf niemand herein außer der Hexe."
"Ich weiß", lächelte das Männlein, "Aber ich bin ein guter Zauberer und habe keine Angst vor der Hexe. Sag mir, was dein Begehr ist und ich werde dir helfen." Das Mädchen schüttelte den Kopf: "Niemand kann mir helfen. Ich habe die gläserne Kugel zerbrochen und ich kann sie nicht flicken, so sehr ich mich auch bemühe."
- Fortsetzung folgt -
