Nachtschattengedanken

29.12.2009 um 00:33 Uhr

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

In einem rosa gerüschten Wohnzimmer sitze ich auf einem schneeweißem Sofa. Um mich herum ein Meer von erzgebirgischen Weihnachtsschmuck. Ein Plüschelch singt Jingle Bells und Uschi meine Stiefschwiegermutter gibt in Begleitung einer sich drehenden Porzellanballerina Stille Nacht Heilige Nacht zum Besten. Dass mir das Atmen schwer fällt, ist normal in diesen Tagen. Dass aber selbst die bescheidene Luftzufuhr durch die Nase, die ich mir in großen Abständen zu gönnen imstande bin, versiegt, weil die ganze Wohnung weihrauchgeschwängert ist, hat zur Folge, dass mir inmitten von unglücklichen Menschen, die sich gegenseitig seltsam geformte Päckchen aus der Hand reißen, kotzübel wird.

Nach einigen Minuten kniendem Nachluftringen auf dem rosa Plüsch der parfümflaschenübersäten Toilette taumel ich gegen den tüllbehangenen Weihnachtsbaum. Gern hätte ich das golddurchwirkte Kissen auf dem cremefarbenen Sessel vollgekotzt. Ich habe es mir unter allergrößter Anstrengung verkniffen. Man sieht mich auf meinem Weg zurück zum Sofa kurz indigniert an und schweigt. Leider schweigt man nicht weiter. Leider plappern nun alle durcheinander. Tausende von Wörtern irren durch den Raum, verbrennen sich am Kerzenlicht, ecken an Stuhlkanten an, legen sich auf dem mintgrünen Teppich zur Ruhe, um von dort wieder aufgewirbelt zu werden und gegen meine Schläfen zu krachen. All die sinnlosen Wörter. Zusammen mit den kalten Blicken aus toten Augen über bittersüßen Mündern bilden sie einen Schraubstock um meinen Kopf, durchdringen die äußere Hülle, um einen überdrehten Zappeltanz in meinem Kopf aufzuführen, der sich schon nach kurzer Zeit zu einem knorrigen Knoten verdichtet, um dann in einem kollossalen Schmerz hinter meiner Stirn zu explodieren.

 

Angst macht sich breit. Sie grummelt nun schon seit Tagen in meinen Eingeweiden. Wartet verschlagen auf ihre Gelegenheit. Jetzt ist sie gefunden. Ich will mich noch wegducken, da merke ich schon, dass sich die Wurzeln wie Tentakel von innen ausbreiten, überall finden sie Wege, die Arbeit, die Familie, soziales Netzwerk, meine Tochter, meine Mutter, meine Ehe, alles überkreuzt sich plötzlich, nichts läuft mehr in geordneten Bahnen, ein Wirrwarr an Gefühlen und Gedanken, die irgendwann ihr Ziel finden: meine Schuld. Natürlich. Was sonst. Ein Ozean, ein Fluss, eine Kette aus falschen Entscheidungen haben mich hierher geführt, in dieses Marzipanrosenhaus mit leblosen Menschen, deren Seelen seit Jahrzehnten jammern, weil sie ausgesperrt sind.

 

Keine Ahnung, wie und wann ich aus dieser Panik wieder rauskam. Vielleicht auf der Autobahn, vielleicht auf dem kleinen Fußmarsch über die Brücke, vielleicht schon bei der halben Zigarette auf Uschis Balkon.

 

Aber sie lauert. Die Angst.

 

Zu Furcht gefrorene Federn verwehen die Spuren einer schönen Zeit.

 

Die Sonne. Sie wird es richten. Das Licht kommt jetzt wieder. 

 

Fröhliche Weihnachten nachträglich...

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. ZooStation schreibt am 02.01.2010 um 21:57 Uhr:Meine liebe Sunny,
    die Angst ist ein dämlicher Scheinriese, denke ich manchmal! Aber auch ein durchtriebenes altes Arschloch, weil sie sich anbiedert, tarnt, täuscht. Die Schlange, die dir einflüstert: sei so, wie sie, dann geht es dir gut!
    Im weihnachtlichen Zombie-Zoo gefangen, dem Paradebeispiel einer Groteske, einer Uschi, die so dermaßen eine Uschi ist, in einer Zeit, die verwirrender nicht sein könnte - wie soll man da nicht durchdrehen?!
    Ich verstehe dich so gut - das mag jetzt überraschend sein - weil es eine Zeit gab, in der ich mit diesem Gefühl jeden Morgen aufgewacht bin (um ehrlich zu sein, bin ich meistens erst mittags aufgewacht...); ich hatte sogar Angst, irgendwann ins Bett zu gehen, weil das ja unweigerlich hieß, irgendwann wieder wach zu werden und nur die Nächte einigermaßen erträglich schienen...
    Und klar habe ich mir die "Schuld" dafür gegeben! Nur ich allein war verantwortlich! Dafür, dass ich mich dem aussetzte. Dafür, dass ich nicht laut aufschrie. Dafür, dass ich diesem Tag, diesem Leben, wieder nicht meinen Stempel aufgedrückt hatte.
    Diese Angst frisst dich auf, macht dich fertig, lähmt dich, wenn du sie lässt! Aber dieser Angst kannst du auch lächelnd entgegen treten und sagen: Komm' doch! Und sie wird kommen. Und sie wird wie eine Welle über dich gehen. Und dann streckst du dich und stehst noch mit beiden Füßen auf dem sandig-weichen Grund und schüttelst dich und öffnest die Augen und blinzelst in die Sonne, die gerade im Meer versinkt und so etwas Schönes hast du noch nicht gesehen!
  2. sternenschein schreibt am 14.01.2010 um 03:58 Uhr:Mach der UN Menschenrechtskonvention ist Folter verboten.
    Und du, du suchst nach deiner Schuld?
    Liebe Grüsse an die lebende Sunnysightup, denn nur wer noch lebt verspürt die Folter.

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