Ich habe Karneval ja bekanntlich inhäusig verbracht, aber falls, und ich sage falls, ich mich doch heimlich aus der Hintertür geschlichen hätte, um einer Party beizuwohnen, auf der nur coole, souveräne, unheimlich süß verkleidete Leute eingeladen waren, dann hätte sich der Abend folgendermaßen gestaltet:
17.30 Uhr: Ich stehe ratlos vor meinem Kleiderschrank. Nicht, dass es schon ein paar Tage bekannt wäre, dass man an Karneval etwas zum Verkleiden braucht, aber ich rechnete mal wieder mit meinem Einfallsreichtum in letzter Sekunde, und auf genau den bin ich jetzt auch angewiesen. Nixe Pirat, nixe Krankenschwester, nixe Playboy-Bunny. Sexy wäre ja schön geweswen, aber das lässt sich beim besten Willen nicht aus meinem Fundus zaubern. Also die fliegerseidene Jogginghose in creme-türkis angezogen, dazu den extraweiten Sweater in XXL und ein total bescheuertes Schweißband für die Stirn. Ich persönlich finde, ich sehe hinreißend aus...
19.43 Uhr: Ich bin viel zu früh fertig. Ich sitze in meinem Sportlerdress am Esstisch, habe die Hände ratlos in meinen Schoß gelegt und gucke unser Wohnzimmer an. Jede Ecke. Die Zeit vergeht einfach nicht. Aus Langeweile esse ich noch ein Toast mit Himbeermarmelade, eine gute Grundlage, wer weiß, was für Spackos später wieder für den Kartoffelsalat zuständig gewesen sind. (Die Hälfte der Marmelade bleibt übrigens unbemerkt auf meiner Wange und assimiliert sich zu einem Teil des Kostüms)
21.15 Uhr: Osama bin Laden fragt mich zum fünften Mal. "Du, magscht no wasch? Kann i Dir wasch zum Dringän mitbringn?" Ich rolle mit den Augen gen kackbraun vertäfelter Zimmerdecke. "Nee, lass ma!" Ich sehe mich um und irgendwie scheine ich mich auf die falsche Party verlaufen zu haben. Nixe cool, nixe souverän, nixe süß verkleidet. Immerhin fangen jetzt ein Schaf und ein Teufelchen an zu tanzen. Wenn der nächste auch nur halbwegs annehmbare Song kommt, werde ich mich dazu gesellen, schwöre ich mir. Das kann ja so nicht weitergehen. Es kommt aber leider kein annehmbarer Song..
22.12 Uhr: Es kommen noch zwei Gäste. "Die Armen" denke ich bei mir, und schiebe mir noch zwei Gabeln von dem davon schwimmenden Kartoffelsalat in den Mund. Die Hälfte landet auf meiner Jogginghose, aber Fliegerseide zieht eh kein Wasser, also ist es nicht so schlimm. Ich habe inzwischen auf dem Klo auch die gröbsten Marmeladenreste entfernt und bin rein mental bereit, um dieser Feier eine letzte Chance zu geben. Ich inspiziere kurz die eben Eingetroffenen. Ein Siegmund Freud und ein Typ, der sich als Queen Lisbeth verkleidet hat. "Lustig" denke ich, kann mir aber trotzdem kein Grinsen abringen. Ich glaube, der Freud könnte ohne Schnurrbart was hermachen, aber die Tatsache, dass die beiden offensichtlich einen Extra-Auftritt brauchen, törnt mich auch gleich schon wieder ab.
22.58 Uhr: "Und, was machst du so?" frage ich Siegmund. "Ich arbeite im Labor an der Uni" antwortet er ganz ernst. "Als was denn?" "Na, als Arbeiter!" sagt er und prustet los. Sehr lustig! Was glaubt der denn, wer er ist? Dann erklärt er mir aber noch, dass er an einer Doktorarbeit über eine seltene Dickdarmkrankheit bei Pantoffeltierchen schreibt und somit quasi den ganzen Tag bei seinen Viechern hockt. "Wow!" denke ich bei mir und schüttel den Kopf über die Tatsache, dass offenbar immer nur die letzten Nerds bei mir klebenbleiben. Er fragt mich, was oder wen ich denn eigentlich darstellen soll. Noch so ne Standard-Smalltalk-Frage, gleich wirds mir echt zu blöd. "Ich bin eine Mischung aus Martina Navratilova und Al Bundy!" blöke ich ihn an. "Wer sagt denn, dass man sich mit nur einem Kostüm zufriedengeben muss, hä?!" Er lacht blöd.
23.36 Uhr: Siegmund hat sich inzwischen mit Frau Antje in die Sofaecke verzogen und macht Blinkeaugen. Ich gucke auf die Uhr. Eine gute halbe Stunde muss ich noch bleiben, dann ist die Anstandsfrist abgelaufen und ich kann endlich nach Hause fahren. Ich könnte mir noch eine Bowle genehmigen und schlendere gelangweilt in Richtung Buffet, wo ich der Queen begegne. "Na.." sagt er und lächelt mich an. "Frau Navratilova.... Schade, dass ich nicht als Hella von Sinnen gekommen bin, dann hätten wir direkt ein gemeinsames Thema gehabt." Ich muss jetzt gegen meinen Willen auch grinsen. "Och", sage ich, "das heißt nichts. Das Thema kann man sicher auch so finden. Ich meine, wer hätte gedacht, dass Siegmund Freud und Frau Antje thematisch soviel Konsens zustandebringen würden", und deute auf das sich umschlingende Paar in der Sofaecke.
01.49 Uhr: Die Queen heißt Paul und hat unter einem Stapel Höhner und Tony Marshall CD´s eine alte Punk-Compilation gefunden. Das lassen wir uns doch nicht zweimal sagen. Seine Pumps fliegen in die Ecke und ich bin froh, unter den dicken Sweater doch noch ein herzeigbares Top gezogen zu haben. Wir pogen los was das Zeug hält und zollen Sid Vicious unseren ganz persönlichen Tribut. Die Partygäste, die noch nicht poppend von dannen gezogen sind oder betrunken auf der Erde liegen, sind inzwischen zu sediert, um zu protestieren, und so feiern die Königin von England und eine bekannte lesbische Tennisspielerin ihre kleine Privatparty ganz ungestört und ausgelassen.
04.23 Uhr: Verschwitzt und aufgekratzt sind die Queen und ich vor meiner Haustür angekommen. Wir stehen ein bisschen zu nah beieinander und ich bemerke, dass er trotz der schweißtreibenden Tanzerei immer noch verdammt gut riecht. "Jetzt kommt der Moment", denke ich, und wir werden beide ganz still. Die Stille dauert eine Sekunde zu lang. Paul räuspert sich. "Äh, ja, ..." Ich reiße mich zusammen und versuche, die Schmetterlinge in meinem Bauch zu bändigen. "Du, wir können das ja nächstes Jahr wiederholen." sage ich mit etwas zu kräftiger Stimme und strecke etwas zu ruckhaft meine Faust in die Luft. "Punk lebt!" .... Stille.... In mir zieht sich alles zusammen. "Du blöde Kuh!" schimpfe ich mich innerlich aus. "Halt doch einfach mal die Fresse!" Paul guckt auf den Boden. Ich dann auch. Wir schweigen. Blöde Situation... Oder? Als Paul wieder hochguckt, grinst er wie ein Schuljunge.
04.24 Uhr: "Paul!" denke ich noch, bevor mein Hirn endgültig abschmiert, "so küsst doch ein braver Junge nicht..."