Kritische Betrachtungen zur Vergangenheitsglorifizierung

13.12.2011 um 01:21 Uhr

Was wollen die Piraten?

Der Mensch irrt, so auch der Autor dieses Blogs. In den Tagen vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin 2011 war ich der festen Überzeugung, Klaus Wowereit würde sich nur unfreiwillig zu einer Koalition mit den Grünen bereitfinden und stattdessen lieber eine Koalition mit PD§ED–Linkspartei und den Piraten eingehen, doch in einem dieser Punkte hatte ich mich gründlich vertan. Obschon er gern mit den Piraten spricht und diese auch hofiert, ist ihm eine große Koalition näher gewesen. Die Absage an die Grünen lässt sich wohl kaum mit einem Streit über ein Stück Autobahn erklären, welches tatsächlich als komplett überflüssig einzuschätzen ist, aber wiederum allein von einer Partei abgelehnt wurde: den Grünen, welche über den Sommer von 27 % Zustimmung immer mehr Anhänger an die aufkeimende Bewegung der Piraten verlor. Am Ende reichte es zwar für die Mehrheit mit der SPD, aber es gab zudem genügend andere Koalitionsmöglichkeiten. Wer eine rotgrüne Regierung wollte, durfte keinesfalls rot wählen. Zu viele taten es dennoch.

Warum es nun aber zu keiner Koalition mit den Piraten kam, darüber wird man sich indes schnell klar, wenn man sich deren Mitglieder und mittlerweile auch Abgeordnete genauer betrachtet. Wahrscheinlich war ein solches Experiment selbst der SPD zu gewagt. Die Zeitungen sind jedenfalls hoch erfreut ob der neuen Partei, kein Wunder, ist damit doch faktisch ein neuer Themenkomplex hinzugekommen, was wiederum die Auflage erhöhen könnte.

Vielleicht mögen die Mainstreammedien auch in der hohen Zustimmung einen Paradigmenwechsel vermuten, möglicherweise glauben manche der Journalisten selbst daran, dass die Wähler hier ein längst nötiges Exempel statuierten, mag sein, dass es Menschen gibt, welche den Verlust der Stimmen für die etablierten Parteien insgeheim lakonisch bejubeln, aber die realistische Einschätzung des nunmehr feststehenden Ergebnisses der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhauses kann eigentlich nur heißen: Eine kiffende Anarchistenfraktion mit Pennerattitüde hat es in das Berliner Parlament geschafft und wird sich dort in den nächsten fünf Jahren ihr lockeres Leben vom Steuerzahler finanzieren lassen.

Man könnte sich schon fragen, warum in Berlin ganze 129.795 Wähler ( Quelle: [1] ) einer bislang kaum bekannten oder gar erfolgreichen Partei ihre Stimme gaben. Wenn man die Wahlziele der Piraten auflistet, fallen fast ausschließlich unsachliche und linksdogmatische Positionen auf, so das universelle Gehalt, welches dem Bürger vom Staat gezahlt werden solle, der komplett kostenfreie öffentliche Nahverkehr, die Abschaffung der Religion, der Verzicht auf die Angabe des Geschlechts in Ausweisen ( = Gender Mainstreaming ) usw.

Besonders hervorgetan hat sich diese Partei indes durch die Forderung der Freigabe von Cannabis. Ist es also ein Wunder, dass diese Partei ausgerechnet in Friedrichshain und Kreuzberg über 15 % der Stimmen erhielt, wo in heruntergekommenen WGs der Geruch von Tetrahydrocannabinol zum Alltag gehört? Spielte die Religionsfeindlichkeit gegenüber dem Christentum eine Rolle, wenn man an den Spruch „Religion privatisieren“ ( nach der Logik einer linken Partei also sinngemäß: „Religion abschaffen, weil man sie dem Markt überlässt“ ) denkt? Hier hieß es wohlwissend um die Konsequenzen nicht „Religionen privatisieren“, weil man schließlich die Kirchensteuer erwähnte, also ganz klar die christlichen Kirchen ansprechen wollte ( vgl. hierzu [2] ).

Wie kompetent die Piraten sind, erkennt man am Beipiel eines Youtubevideos, welches einen ihrer Vertreter bei der Vorstellung ihrer Partei im Rahmen einer Sendung über Splitterpartien beim rbb zeigt ( vlg. Quelle [3] ).

Man könnte sich nun fragen, warum mündige Bürger einen derartigen Hype aufsitzen konnten. Denn von 2.469.702 Wahlberechtigten gaben immerhin 5,3 % ( berücksichtigt man die ungültigen Stimmen und die Menschen, welche von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch machten ) ihre Stimme den Piraten. Jeder zwanzigste Erwachsene kreuzte diese zur Wahl des Abgeordnetenhauses mit seiner Zweitstimme bewusst an.

Der Erfolg der Piratenpartei mag einfach zu erklären sein, durchsetzen wird sich jedoch vorerst wohl eine Legende vom Wutbürger, welcher nun sein Ventil gefunden habe. Die Wirklichkeit ist viel profaner. Die höchste Zustimmung erhielten die Piraten, wie bereits erwähnt, zufälligerweise in genau den Teilen Berlins, in welchen einerseits der THC–Gehalt der Luft signifikant über der Nachweisgrenze liegt, zum anderen der zeitgeistaffine Herdentrieb den Rest des Bewusstseins vernebelt. Zwischen dem Görlitzer Bahnhof und dem Boxhagener Platz liegt das Epizentrum dieser Bewegung. Die dortige Mentalität gebiert seltsame Blüten, mitunter auch quasipolitische. Durchstreift man selbige Regionen Berlins und studiert das Publikum vor allem rings um die Oberbaumbrücke, überkommt dem ortsunkundigen schnell ein Gefühl der Exotik in den Sinn, man spürt sich hineinversetzt in eine skurrile Welt schmutziger Lethargie, Mitläufertum und Selbsterfahrungszwängen. Alles wirkt auf zwar zum einen sehr frei und unkonventionell, aber andererseits lebt hier niemand wirklich individuell, die Eigendynamik einer selbstgefälligen Langsamkeit, Behäbigkeit und Ignoranz drängt allen Beteiligten zu den immer gleichen allabendlichen Ritualen die Spielregeln auf.

Diese Trägheit kommt den Piraten und ihren Anhängern entgegen. So ist es kein Wunder, dass sich die Piratenpartei durch einen schonungslosen Atheismus ins Bewusstsein der Berliner Wähler katapultiert hat, ist doch der latente Nihilismus der Straßenbiertrinker auf der Oberbaumbrücke und ihre Abneigung gegenüber dem Christentum als solchem ein Bindeglied, welches weit über den Populismus anderer Parteien hinaus geht. Man ist sich wirklich einig in der Verachtung moralischer Werte.

Dabei stellt sich indes die Frage, welchen Gegner man sich eigentlich sinnbildlich hinter der Kirche vorstellt. Man darf nicht vergessen, dass der Glaube in Deutschland fast vollständig marginalisiert ist. Und die wenigen Kirchgänger lassen sich von einem christlichen Ideal leiten, welches eine Barmherzigkeit und einen Altruismus lehrt. Wie weit ist dies von einer stilisierten in mittelalterlichen Sinne skizzierten Kirche entfernt, welches als Feindbild im 21. Jh. von den Piraten gezeichnet wurde?

Denn während die katholische Kirche in ihren Positionen nur Maximalforderungen für ihre Anhänger aufstellt, an welche sich ihre Gläubigen wohl nur partiell halten und ihnen eine innere Anstrengung und altruistische Handlungen abverlangen, führen sämtliche Bestrebungen der Piratenpartei in eine gesellschaftliche Anerkennung des von ihnen propagierten Müßigganges. Dem extremen Atheismus der Piraten steht also der wägende und prüfende Geist eines gläubigen Menschen gegenüber. Die Differenzen bestehen also zuerst in der Entschiedenheit ihrer Forderungen, einer Obsession, welche für einen Atheisten in einer pluralistischen Gesellschaft eigentlich untypisch sein sollte. Die Impertinenz des missionarischen Atheisten besteht also darin, dass er den religiösen Menschen ob dessen Haltung verurteilt und ihm eine andere Überzeugung diktieren möchte, was angesichts der Ambivalenz, welche auch innerhalb der Kirchen herrscht, umso fragwürdiger erscheinen muss.

So wird sich kein Katholik heutzutage für seine moralischen Vergehen geißeln, wohl aber über sein schlechtes Gewissen zu einer Abwägung aller seiner Aktivitäten und Meinungen und dabei einem Gleichgewicht seiner persönlichen Möglichkeiten und Freiräume gelangen und damit stets an seine moralischen Verpflichten erinnert werden. Dies heißt keineswegs, dass er auch immer in diesem Sinne zu handeln verstünde oder sein Dasein an den Positionspapieren des Papstes orientieren würde.

Wenn die Piratenpartei den Müßiggang propagiert, so ist dies nicht einfach das Gegenteil dessen, was man unter wertkonservativer Lebensphilosophie begreift, sondern wird hier ein schonungsloser Nihilismus gegen das dem Menschen innewohnende Prinzip der Sinnsuche zum gedanklichen Ausgangspunkt einer auf Lethargie beruhenden Weltsicht erklärt.

Dies zeigte sich überdeutlich in dem Auftritt eines ihrer Vertreter in einer Talkshow des ZDF, wo einer ihrer „Politiker“ sich zunächst zum „bedingungslosen Grundeinkommen“ und desweiteren zur Drogenfreigabe äußerte ( vgl. hierzu Quelle [4] – Video ab Minute 26 ), was von fast allen weiteren Gästen wohlwollend aufgenommen wurde.

Dass es auf dem Parteitag der Piraten durchaus zu einem solchem Beschluss kommen musste, war jedem Menschen, der sich mit dieser Partei im Vorfeld bereits beschäftigt hatte, vollkommen klar. In einer Unterorganisation der Piraten, der sogenannten „AG Drogen“ ( vgl. Quelle [5] ), wurden solche Ansichten bereits seit Jahren debattiert. Es war schlicht eine Zeitfrage, bis sich die Piraten dazu durchringen würden, mit diesem Ansatz in die Öffentlichkeit zu gehen.

Dennoch entbehrt diese Forderung nicht ganz einer gewissen Ironie. In dieser Talkshow „Lanz“ im ZDF bewies der komplett debil wirkende Latzhosenträger mit Palituch Claus–Brunner denn schon nur durch sein ungeschicktes Auftreten, wohin eine Gesellschaft steuern würde, in welcher das Kiffen zum gesellschaftlichen Alltag avancierte. Man fragt sich indes auch, wie ein solch abschreckendes, wandelndes Beispiel für langjährigen Cannabiskonsum die Menschen animieren solle, sich den skurrilen Überzeugungen der Piraten anzuschließen. Kann man den „Piratenpolitiker“ Gerwald Claus–Brunner als etwas anderes wahrnehmen als die Realsatire auf seine eigenen skurrilen Überzeugungen, welche er hilflos und stoisch in den Raum stellt?

Es fällt wirklich nicht schwer, anhand seiner peinlichen Auftritte im Fernsehen zu erkennen, welche Folgen der Cannabiskonsum a priori zeitigen muss: Behäbigkeit, Lethargie, infantiles Insistieren, unmittelbarer Rededrang und gleichzeitig die Unfähigkeit zur freien Argumentation. Dennoch erklärten die anderen Talkshowgäste sich mit seinen Ausführungen im wesentlichen einverstanden, was selbstverständlich Rückschlüsse auf den Geisteszustand der deutschen Prominenz zulässt und auch deren Haltung exemplarisch zum Ausdruck bringt.

Man ließ ihn also gewähren und seine Positionen langsam und eindringlich vortragen. Hierzu bediente er sich selbstverständlich der alten Scheinargumente, welche naturgemäß wieder und wieder aufgetischt werden, um die Legalisierung von Haschisch und Marihuana sowie angeblich aller anderen illegalen Substanzen durchzusetzen. So hätte die Prohibition in den USA schließlich auch zu einem Anstieg des Alkoholkonsums geführt, welcher durch einen vernünftigen Umgang mit der Thematik hätte vermeiden werden können. Natürlich stimmt dies zum einem, allerdings waren die Gründe hierfür die beständige Thematisierung des Alkohols selbst und vor allem die Tatsache, dass hier mit einer Tradition des Alkoholkonsums urplötzlich gebrochen worden war. Wenn man in Deutschland morgen jedermann die Schokolade verbieten würde, möge man sich die Folgen kurz vorstellen. Alsbald solidarisierten sich wohl auch einige Menschen mit den nunmehr ursächlich Betroffenen, und selbstverständlich machte ein solches neuartiges Verbot die Schokolade zu einem Statussymbol des Protests.

Beim Cannabis ist dies indes alles nicht der Fall. Das Verbot reicht weit zurück und Hanf wurde in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit nicht diskutiert. Es besteht keinerlei Grund zu der Annahme, dass hier eine Gängelung der Bevölkerung in diesem Zusammenhang stattfände. Demzufolge kann auch nicht von einer Prohibition gesprochen werden, sondern von einem Normalzustand.

Löst man diesen indes auf und legalisiert Cannabis, so würde allein durch die Freigabe ein neuer Markt entstehen, welcher sich schon aus der Tatsache ergibt, dass man sich gegen den Konsum einer staatlich nicht verbotenen Substanz kaum verwehren können würde. So ist das Internet voll von Webseiten, welche Haschisch verharmlosen und Foren, in welchen Kiffer ihre Positionen darlegen. Reglementierungen bezüglich der sogenannten „legalen Drogen“ werden gegenüber den Aktivitäten dieser Bewegung beinahe geräuschlos hingenommen.

Auch das Argument der Entkriminalisierung fiel wieder einmal mehr um seiner selbst Willen. Man wolle die Mafiastrukturen „austrocknen“, wie sowohl der „Piratenpolitiker“ Claus–Brunner, als auch sein Sidekick, der Journalist H.–J. Schumacher verlauten ließen. Der Drogenkrieg koste schließlich mehr Menschenleben als die Substanzen selbst. Unabhängig davon, dass ein deutscher Alleingang hier nur den Vertrieb betreffen würde, fabulierte man munter über die Zustände in Afghanistan und Kolumbien. Komischerweise kam es keinem der Anwesenden in den Sinn, dass nach einer Legalisierung ( von Heroin, Kokain, LSD, Cannabis usw. ) genau diejenigen ein Gewerbe anmelden würden, welche heute schon in diesem Geschäft tätig sind. Doch wir wollen realistisch sein. Natürlich strebt man bei den Piraten letztlich einen Kompromiss an. Man möchte die Legalisierung von Cannabis, alles andere wird verhandelbar sein. Somit greift diese an den Haaren herbeigewurschtelte Argumentation bezüglich der Bürgerkriege in den Anbaugebieten des Mohn und Kokastrauchs ins Leere. Doch unabhängig davon bleibt der Fakt bestehen, dass der Vertrieb in Deutschland im Falle einer solchen Gesetzgebung von genau den Leuten beherrscht würde, welche heute als Dealer im kriminellen Milieu agieren, und deren Anspruch auf eine Generalamnestie wäre der logische Schluss aus einem solchen Gedankenexperiment.

Damit macht sich die Piratenpartei zu einem Steigbügelhalter der Dealer und wie weiter oben bereits angedeutet auch der missionarischen Atheisten, was ihre Stellung im Parteienspektrum klar definiert. Zu den Beschlüssen auf ihren Parteitag heißt es in der Süddeutschen Zeitung:

Parteitag in Offenbach Piraten fordern Legalisierung aller Drogen

04.12.2011, 16:21

Mit großer Mehrheit haben sich die Piraten auf ihrem Parteitag dafür ausgesprochen, alle Drogen für Erwachsene zu legalisieren. Schließlich seien "Genuss und Rausch Bestandteil unserer Gesellschaft" und erfüllten "grundlegende, soziale Funktionen", heißt es als Begründung.

Die Piratenpartei setzt sich für die komplette Freigabe von Drogen ein. "Der Konsum und der Erwerb von Genussmitteln muss legalisiert werden. Andernfalls ist der Staat nicht in der Lage, regulierend einzugreifen", heißt es in einem Antrag, der auf dem Bundesparteitag in Offenbach mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen wurde.

Eine Bevormundung von Erwachsenen "beim verantwortungsvollen Umgang mit Rausch- und Genussmitteln widerspricht der Grundüberzeugung der Piraten und unserem Verständnis einer mündigen Gesellschaft", so der Wortlaut der Erklärung. Denn, so begründen die Piraten ihre Forderung weiter, "Genuss und Rausch sind Bestandteil unserer Gesellschaft" und erfüllen "grundlegende, soziale Funktionen".

Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Stoffen müsse aufgehoben werden. "Die bisherige Kriminalisierung der Konsumenten muss beendet und der damit verbundene Schwarzhandel durch kontrollierte Erwerbsstrukturen ersetzt werden", lautet die Forderung eines weiteren Antrags, der ebenfalls die Zustimmung der Partei fand. Damit übernimmt die Bundespartei Positionen, die zuvor bereits von den Landesverbänden NRW und Berlin beschlossen worden waren.

[...]

Nach heftiger Debatte nahm der Parteitag am Samstag mit 66,9 Prozent der Stimmen das sozialpolitische Modell eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) ins Programm auf. Damit wurde die erforderliche Zweidrittelmehrheit für Programmänderungen erreicht. Auch die Forderung nach einer Trennung von Staat und Religion wurde im Programm aufgenommen. "Ein staatlicher Einzug von Kirchenbeiträgen kann nicht gerechtfertigt werden", heißt es dort.

[...]

Parteivorsitzender Sebastian Nerz zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Offenbacher Parteitags: "Wir haben wenig Streit gesehen, das freut mich sehr." Zum Auftakt der Versammlung hatte er noch vor der Gefahr einer Spaltung gewarnt und zur Gemeinsamkeit aufgerufen. Mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 werde es voraussichtlich im nächsten Jahr einen außerordentlichen Wahlprogrammparteitag geben, sagte Nerz. Die endgültige Entscheidung zum Wahlprogramm werde dann im Frühjahr 2013 getroffen.

Außerdem soll im April 2012 ein Parteitag in Norddeutschland stattfinden - kurz vor der Landtagswahl im Mai in Schleswig-Holstein. "Wenn wir in Schleswig-Holstein gut abschneiden, können wir beweisen, dass wir auch in einem konservativen Flächenland stark sind", sagte der Spitzenkandidat der Kieler Piraten, Torge Schmidt. "Wir sind nicht nur ein urbanes Phänomen in Berlin." Dort hatte die erst vor fünf Jahren gegründete Partei bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September 8,9 Prozent der Stimmen errungen und liegt seitdem in den Umfragen auch bundesweit deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde. [6]

Das Fazit fällt nüchtern aus: Eine Partei ohne wirkliche Ernsthaftigkeit haben die Bürger in Deutschland weder gebraucht noch wird diese in der Zukunft eine große Bedeutung haben und nutzt letztlich nur deren Protagonisten zur Beschäftigung mit sich selbst.

 

Quellen:

[1] http://www.election.de/cgi-bin/tab.pl?datafile=ltw_be11.txt

[2] http://berlin.piratenpartei.de/themen/staat-und-religion/

[3] http://www.youtube.com/watch?v=q-cDewZk7wo

[4] http://www.youtube.com/watch?v=KzQM4X94Wyo

[5] http://wiki.piratenpartei.de/AG_Drogen

[6] http://www.sueddeutsche.de/politik/parteitag-in-offenbach-piraten-fordern-legalisierung-aller-drogen-1.1226177

 

 

 

12.12.2011 um 19:37 Uhr

Wie der Mauerfetisch die Aufklärung verhindert

Die Medien schreiben seit nunmehr zwanzig Jahren beharrlich über ihren „Osten“ und ihren „Westen“, als sei das Land noch geteilt. Ideologen hingegen scheren sich nicht darum, wo ihre Unterstützer geboren wurden. Wann verstehen unsere elitären Journalisten endlich, welchen Bärendienst sie der Bevölkerung angetan haben und dies noch weiter tun?

Anstatt die Chance zu nutzen, welche sich eigentlich jeden Tag aufs neue bietet, verzetteln sich die Damen und Herren von Spiegel Online aber nun einmal mehr und wundern sich über Nazis aus ihrem „Osten“ und ihrem „Westen“, welche miteinander Verbrechen planten.

Wenn man um des Selbstzwecks des journalistischen „Ost–West“–Separatismus Willen seit zwanzig Jahren eine innere Teilung beschwört, ist das eine durchaus frevelhafte und verwerfliche Angelegenheit, wenn aber aus dieser Idiotie heraus, es Verbrechern tendenziell leichter gemacht wird, ihre Taten zu begehen, da die medial beeinflusste Gesellschaft annimmt, dass diese stets in „ihrer Region Ost/West“ verharren und nur dort morden würden, nur weil die innerdeutsche Spaltung vom Herrn Journalisten X. Y. proklamiert wird, dann sollte man schon über den Tatbestand der Beihilfe nachdenken dürfen.

Das entscheidende an dieser Debatte sollte sein, dass es den Journalisten durchaus möglich gewesen wäre, Ostalgiker und Westalgiker zu geißeln und es somit der Bevölkerung zu erleichtern, mit ihren Gegnern ins Gericht gehen zu können. Alle Ideologen, ob es nun Scienties, Nazis, Kommies, NLPisten oder andere sind, haben es immer deutlich besser verstanden, sich zu organisieren, als es dem unbedarften Bürger gelang, sich gegen diese zu wappnen, da man stets durch Klischees und Vorurteile abhalten wurde, den einfachen Bürger, seinen Mitmenschen, als solchen zu akzeptieren. Dieser Zustand hält sich auch weiterhin. Die Ideologen hingegen wissen um ihr gemeinsames Ziel, daher vernachlässigen diese solche innerdeutschen Ressentiments, welche von den Massenmedien in die Gesellschaft getragen werden.

Unter Missachtung dieser einfach erkennbaren Tatsache verfasste man bei Spiegel Online erst Anfang Dezember 2011 nun folgenden Artikel:

09.12.2011

Zwickauer Zelle

West-Nazis sollen Ziele für Terror-Trio ausspioniert haben

Sie stammten aus dem Osten Deutschlands, ebenso wie viele ihrer bis jetzt bekannten Helfer. Doch die Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle wurden offenbar auch von westdeutschen Neonazis unterstützt - das sagte laut "Süddeutscher Zeitung" ein Insider vor Ermittlern aus.

München - Die mutmaßlichen Mörder der Zwickauer Terrorzelle sollen laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" auch im Westen viele Unterstützer und Mitwisser gehabt haben. Darauf deutet die Zeugenaussage eines Rechtsradikalen hin, den Beamte der Sonderermittlungseinheit "Trio" vernommen hatten.

Der Neonazi habe nach eigenen Angaben mit Kameraden aus Westdeutschland mögliche Tatorte ausspioniert. Er sei jedoch ausgestiegen, kurz bevor die Täter das Anschlagsziel festlegten. Kurz darauf sei ein türkischer Kleinunternehmer in der Gegend von den Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen worden.

Das Terror-Trio sei bei der harten rechtsextremistischen Szene im Westen bekannt gewesen, sagte der Zeuge laut der Zeitung. Man habe gewusst, dass es hinter den Morden an acht türkischen und einem griechischen Kleinunternehmer gesteckt habe. Der Zeuge selbst könne einem Ermittler zufolge für seine Unterstützung nicht mehr strafrechtlich belangt werden - die Tat sei mittlerweile verjährt. Um ihn zu schützen, werde seine Identität geheim gehalten.

Bislang ist der Unbekannte laut der Zeitung der einzige Rechtsradikale, der bei den Behörden aussagte. Seine Aussagen sollen sich mit den vorläufigen Ermittlungsergebnissen decken. Zwar fehlten noch Beweise, aber Indizien sprächen für eine Zusammenarbeit des Terror-Trios mit Kameraden aus dem Westen, zitiert die Zeitung einen Fahnder. Die Morde seien in der Szene akzeptiert worden, die Täter möglicherweise als Helden gefeiert worden. Vor allem zwischen den Neonazis in Franken und Thüringen soll es enge Verbindungen gegeben haben.

Irb [1]

Ende November bereits schrieb man dort desweiteren über eine sogenannte „Brigade Ost“, ein Begriff mit doppelt ostalgischen Zügen. Wäre die Ostalgie in Deutschland geächtet, würde selbiges auch für solche Nazigruppierungen gelten und würden diese von einer entspannten Bevölkerung aktiv begegnet werden können.

Aber für die Journalisten gibt es kein Deutschland. Sie verachten nicht die Ostalgie in ihren diversen Facetten und die selbige kultivierenden Milieus, sondern „den Osten“ als solchen. Diesen Unterschied messerscharf zu sezieren, vermeiden sie dabei peinlichst, um die Lebenslüge des Journalismus nach 1990 aufrechtzuerhalten.

Und sie werden wahrscheinlich sogar damit durchkommen. Die Leser des Spiegel vermuten hinter einer „Brigade“ schließlich keine Versinnbildlichung ostalgischer Befindlichkeiten, weil derartiges nur den Linken untergeschoben wird. Doch die Ostalgie ist kein parteiinternes Phänomen oder generell und grundsätzlich aus politischen Überzeugungen abzuleiten. Sie ist ein Zeichen der Selbstaufgabe und freiwilligen Zurückgebliebenheit.

Spinnt man den Gedanken weiter, kommen einem zwangsläufig diverse Fragen in den Sinn, deren Antworten dem journalistischen Umgang mit diesem Problem ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Würden nämlich bayerische und sächsische Nazis nicht ideologisch aneinander geraten, sobald man dort erkennte, dass der sächsischen Mentalität noch einige ostalgische Züge vertraut sind? Hätte es eine solche Zusammenarbeit überhaupt geben können, wenn die Gesellschaft als solche in der Abwicklung der Ressentiments schneller agiert hätte? Wenn die demokratische Mehrheitsgesellschaft in Zwickau und München sich gegenseitig als einfach nur als deutsch wahrnähme, entzöge dies nicht den einfach strukturierten Gemütern der Rechtsextremen schon deshalb die Basis ihrer Bestrebungen, weil selbige aufgrund ihrer immer noch vorhandenen ostwestalgischen Befindlichkeiten nicht so weit über ihre Schatten springen könnten, wie dies den normalen und in ihrer durchschnittlichen Begabung den Rechten weit überlegenen Bürgern längst gelungen wäre? Ist das Pflegen von Vorurteilen nicht prinziepiell ein Zeichen fehlender Empathie? Und hätte man die fehlende Empathie der Nazis gegenüber Menschen im allgemeinen nicht als Waffe gegen diese einsetzen können?

Die Antwort ist einfach: Man wollte es nicht. Schließlich verdienen die Journalisten gut an der Spaltung Deutschlands mit. Vielleicht nahmen sie an, dass man das Problem des Rechtsextremismus auch trotz einem Weiterbestehen der ostwestdeutschen Klischees hätte lösen mögen. Andererseits bleibt auch die Frage, ob man wirklich an einer Lösung interessiert war. Wenn der Hamburger Journalismus denn ohnehin kein bundesrepublikanisches Bewusstsein besitzt, wenn man dort in Menschen erster und zweiter Klasse unterscheidet, dann spielte wohl neben den Bestrebungen bezüglich einer Steigerung der eigenen Auflage wohl auch der „west“–deutsche Patriotismus eine größere Rolle bei der Berichterstattung, welche stets auch einen kolonialen Charakter besaß.

In der fehlenden Genauigkeit und vor allem der mangelnden Entschlossenheit, zwischen Demokaten und Nichtdemokraten zu unterscheiden, stattdessen peinlichst auf den Unterschied zwischen „Ost“ und „West“ zu setzen, verhinderten die Journalisten geradezu die innere Einheit der Demokraten. Auch in dem folgenden Artikel  beweist der Spiegel wieder einmal mehr exemplarisch ( und für spätere Historiker werden solche Schilderungen aussagekräftiger sein als Verfassungsschutzberichte ) seine Unfähigkeit, Deutschland als eine Einheit wahrzunehmen, gleichsam das restaurative Element im Denken ewig Gestriger zu dechiffrieren:

23.11.2011

"Brigade Ost"

Die Feierabend-Nazis vom Garagenhof

Von Julia Jüttner

[...]

Hamburg - Den Namen haben sie von ihrem Meister. Der sah die Gruppe junger Handwerker aus dem Erzgebirge als eine Einheit, weil sie in den neunziger Jahren gemeinsam zum Arbeiten vom östlichsten Zipfel Deutschlands in den Westen pendeln musste. Er nannte die Truppe aus dem Städtchen Johanngeorgenstadt an der tschechischen Grenze "Brigade Ost".

[...]

Die meisten Jugendlichen der "Brigade Ost" arbeiteten im Westen, aber lebten im Osten. Dort war ihr Lebensmittelpunkt und dort sollte er bleiben. Sie fuhren jedes Wochenende nach Hause, manchmal auch unter der Woche, trafen sich dann abends auf ein paar Bier und frönten ihrer rechtsextremen Gesinnung. Fremdenfeindlichkeit und Nationalstolz in einer dünn besiedelten, trostlosen Gegend, in der für den von den Nazis erschossenen Kommunistenführer Ernst Thälmann ein Denkmal erbaut wurde.

Die "Brigade Ost" hielt sie zusammen, machte sie stark. Manchmal jagten sie die, die sie als "Zecken" bezeichneten und deren politische Einstellung sie verachteten. Einige Jungs galten als gefährlich, einige sind vorbestraft. Im Ort nannte man sie "Stammtisch-Nazis". Wenn sie zu viel getrunken hatten, schlugen sie zu.

Doch die "Brigade Ost" blieb eine lose Clique ohne Struktur und Satzung, formierte sich weder zur Kameradschaft noch zu einem Verein - und so taucht die Gruppe auch nicht im Verfassungsschutzbericht auf.

[...]

Zwischen 100 und 150 Jugendliche habe es in der Stadt zu der Zeit gegeben, als sich die "Brigade Ost" zusammenrottete, erinnert sich einer. Und wie in vielen Gebieten Ostdeutschlands spalteten sie sich mit der Wende in ein rechtes und ein linkes Lager, der einende Feind, das System DDR, hielt sie nicht mehr zusammen. [...] [2]

Die Bezeichnung „Brigade“ ist selbsterklärend. Dahinter verbirgt sich ein DDR–Begriff für etwas, was man heute in einem Unternehmen als „Projektteam“ umschreiben würde. Gleichzeitig ist er eine Reminiszenz an die Zeit der SED–Diktatur, ein Zeichen des Stolzes auf die DDR. Der militärische Klang des Wortes gibt somit nicht die martialische Neigung derer wieder, welche hierin zusammengefasst wurden, sondern sagt vielmehr über deren ostalgisches Wesen etwas aus, was problemlos als Argument gegen derartige Zeitgenossen hätte eingesetzt werden können.

Da man aber seit zwanzig Jahren die Unterstützer des Mauerfetisch hofiert, kann es seitens des Spiegel indes weder zu einer Analyse der Begrifflichkeit „Brigade Ost“ oder deren Ursprung und schon gar nicht der Mentalität der Nazis in Sachsen kommen.

Deren eigentümliche Ostvernarrtheit ist genauso ein historisches Relikt wie der Revanchismus im Rechtsextremismus selbst und beruht auf einer psychischen Störung seiner Anhänger, deren klarstes Symptom eine fehlende Fähigkeit zur Empathie ist. Aber gibt es ein besseres Mittel gegen die Rechtsextremen als deren allzu offenbare Einfältigkeit und Infantilität? Indem man sich selbst nicht mit der Bundesrepublik und ihren 16 gleichwertigen Bundesländern identifiziert, begibt man sich auf deren Terrain, auch wenn selbige ihre Ansichten wiederum auf ein anderes Gebiet beziehen, wähnen sie sich dennoch nicht als Bürger des heutigen Deutschlands.

Das andere Hindernis zur Zerschlagung der rechtsextremen Gruppen ist wohl die Unfähigkeit konservativer Politiker, ihr Wählerklientel richtig einzuschätzen. So insistieren CDU–Politiker einiger Bundesländer auf den Einsatz von Spitzeln in der NPD, obwohl es längst als ein offenes Geheimnis gelten darf, dass die Nazis selbst ihre Spitzel beim Verfassungsschutz untergebracht und damit einen signifikanten Einfluss auf die Geheindiensttätigkeiten haben dürften.

Will der Staat nicht länger von der NPD infiltriert werden, muss er sofort handeln und seine Zahlungen an deren V–Leute im Verfassungsschutz komplett einstellen und stattdessen diese wegen Beihilfe zum zehnfachen Mord anklagen. Hierzu liest man bei Spiegel Online:

11.12.2011

Rechtsextremismus

130 V-Leute in der NPD - keiner meldete Zwickauer Zelle

Mehr als 130 V-Leute sind nach SPIEGEL-Informationen in der NPD aktiv - in der Parteiführung oder als einfache Mitglieder. Aber der Verfassungsschutz scheint von ihnen keine Informationen über die Zwickauer Zelle erhalten zu haben. Am Morgen wurde Matthias D., ein mutmaßlicher Unterstützer der Terrortruppe, festgenommen.

Wussten keiner der V-Leute in der NPD von der rechtsextremen Mörderbande oder gab es womöglich sogar welche, die ihr Wissen nicht weitergaben? Klar ist jedenfalls, es gibt nach wie vor reichlich Informanten des Verfassungsschutz in der rechtextremen Partei - mit womöglich weitreichenden Konsequenzen.

[...]

Widerstand aus Hessen, Niedersachsen und Bayern

Während die meisten SPD-geführten Bundesländer bereits ihre V-Leute aus den Vorständen abgezogen haben und zumindest teilweise bereit wären, sämtliche Quellen abzuschalten, gibt es in CDU-geführten Ländern wie Hessen, Niedersachsen und Bayern erheblichen Widerstand.

[...] [3]

Auch wenn man beim Spiegel an der Unschuldsvermutung zweifelt, ringt man sich noch nicht komplett zu der Einsicht durch, dass es niemals ein Interesse dieser V–Leute gegeben hat, sich gegen die NPD zu stellen und eine vernünftige Aufklärungsarbeit zu leisten.

Die Regierungen der Länder müssen erkennen, dass eine Unterwanderung sektiererischer Organisationen nicht möglich ist, da der Gruppenzwang und vor allem die Gehirnwäsche ideologischer Natur eine Spitzeltätigkeit ad absurdum führen muss. Es gibt keinen anderen Weg als den einer elektronischen Überwachung, welche zudem effizienter und vor allem unbestechlich ist.

 

Quellen:

[1] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,802614,00.html

[2] http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,799430,00.html

[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,802986,00.html

 

19.11.2011 um 18:28 Uhr

Ein Aspekt des Mauerfetisch

Es verschlägt mir beinahe immer noch die Sprache, obschon man sich daran gewöhnt haben müsste, nach 20 Jahren unaufhörlicher Propaganda.

Vor über zehn Jahren machten sich vier Neonazis von Jena aus auf, deutschlandweit ihr Unwesen zu treiben, neun Kleinunternehmer und eine Polizistin zu erschließen, Banken auszurauben und ein Bombenattentat zu begehen. Mutmaßlich vom Verfassungsschutz und diversen Personen im Thüringer Landeskriminalamt gedeckt, wurden diese Taten erst aufgedeckt als sie durch von Polizisten nach einem Banküberfall gestellt wurden – soweit die Fakten.

Die mediale Folgen dieser Ereignisse sind bislang noch unüberschaubar, aber es zeichnet sich bereits ab, wohin die Reise gehen wird. In einem Bericht des Magazins Aspekte wurde schon überdeutlich, dass sich der latente Mauerfetisch der Massenmedien, welcher seit 1990 niemals verschwunden war, wieder offen ausbrechen und von seiner quasirassistischen Seite zeigen wird.

Für einen vielleicht maximal zehnminütigen Bericht wurde ein Schriftsteller von München nach Jena bestellt, um sich hier mit einem NPD–Aussteiger und einem Jugendpfarrer zu unterhalten. Man zeigte im Filmbeitrag das obligatorische verfallene Haus, welches es sicherlich in jeder Stadt gibt, vermied Einstellungen, aus denen der Zuschauer ein angenehmes Bild Jenas erheischen hätte können und schloss wie der interviewte Autor mit der Quintessenz, dass es für nicht skandinavisch aussehende Menschen ein Problem darstellen würde, sich auf dem Territorium der früheren zweiten deutschen Diktatur ( man benutzt hier schlicht als Bezeichnung desselben eine geläufige Himmelsrichtung ) aufhalten zu müssen.

Es wurde klargestellt, dass man in der Redaktion der Sendung Aspekte ( vom Freitag, dem 18.11.2011, vgl hierzu Quelle [1] ) keine Vision einer gesamtdeutschen Normalität besitzt, keine Identifikation mit der Bundesrepublik als solcher vorhanden und die Spaltung weiter proklamiert wird.

Es wird somit nicht von einem Problem der NPD und des Rechtsextremismus ausgegangen, sondern eine regionale Betrachtung zum Dreh– und Angelpunkt erklärt. Das nicht erklärte, wohl aber angestrebte Ziel ist es, die Menschen in Jena bezüglich der über sie behaupteten Klischees zu desavouieren, zu demütigen und zu einem ostalgischen Protest anzustacheln. Und sicher, man wird durch ein solches Vorgehen stets bei einigen Personen erfolgreich sein. Nachdem man über beinahe zwei Jahrzehnte keine derartigen Meldungen über Thüringer in der rechtsextremen Szene vernommen hatte, kann sich diese Mordserie einer Gruppe von Schwerstkriminellen als existenzielles Problem der Thüringer Identitätsfindung erweisen. Der im Film interviewte Pfarrer König erklärte zwar in unmissverständlichen Worten, dass es sich um ein Problem einer bestimmten Generation handelte, aber können die Reporter des ZDF hier einfach nicht widerstehen, die Steilvorlage zu einer Generalabrechnung mit ihrem „Osten“ zu nutzen und alle von ihnen als Teil des Problems empfundenen Menschen in Sippenhaft zu nehmen. Hierzu ist der Begriff „Osten“ zwingend und soll auch nicht strukturell hinterfragt werden.

Die Medien machen sich hierbei das Versagen vieler zunutze, so der Politiker, welche – allen voran die Ministerpräsidentin – nun davon sprechen, die Sachverhalte müssten nun ausgeklärt werden, aber über Jahre hinweg nichts unternahmen, der Bürger Thüringens, welche sich in der trügerischen Sicherheit wähnten, solche Täter könnten nicht im Freistaat heranwachsen und der Behörden, welche wohl aus verschiedenen Gründen untätig geblieben sind. Welchen Einfluss die Ostalgie in diesem Zusammenhang spielt, werden wohl erst Historiker klären können, obgleich es jedem Bürger schon heutzutage klar sein muss, dass es sich bei dieser um eine wesentliche Ursache für das Desinteresse der Bevölkerung an solchen Taten handelt.

So ist Ostalgie nichts anderes als perverser Stolz darauf, von anderen zu einem Menschen zweiter Klasse herabgestuft zu werden, zu meinen, darin ein gemeinschaftliches gedankliches Rückzugsgebiet zu erkennen. Es handelt sich also um eine konstruktivistisch anmutende, fatalistische Abschottung gegenüber einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensphilosophie, welche in einer reinen Abwehrhaltung resultiert.

Die Vertreter der Massenmedien unterstützen diese Ostalgie, diese Abschottung, welche in ihrem Interesse die innere Spaltung Deutschlands fördert, eine Gleichbehandlung von Thüringern, Bayern, Rheinländern, Sachsen usw., welche sich vor allem in einem grundsätzlich ideologiefreien Umgang mit den Menschen auszeichnete, ist tatsächlich im deutschen Fernsehen die absolute Ausnahme.

Als Beispiel kann man gleichsam einen anderen Beitrag des Magazins Aspekte anführen, welcher dem oben zitierten vorangestellt wurde. Der Bericht zum Thema Boxen und Literatur umfasste auch einige Sätze eines Schriftstellers mit einer sogenannten „ost–deutschen“ Herkunft. Ganz abgesehen davon, dass man von einem Intellektuellen erwartet, keinen breiten sächsischen Dialekt zu sprechen, bewies dieser exemplarisch, dass der Bilderbuch–„Ost–Deutsche“ schlechthin sehr gut und ausschließlich als Pausenclown fungieren kann, ein gewisser „Olaf Schubert“ hat dies schließlich bereits vor Jahren schon als Geschäftsidee entdeckt und vermarktet es seitdem mehr oder weniger erfolgreich.

Da sich die Frage aufdrängt, warum ein in Minderwertigkeitskomplexe verliebter Sachse einerseits ein Publikum gefunden hat und andererseits von den Medienvertretern ( ZDF, 3sat usw. ) dafür auch noch unterstützt wird, kommt man nicht umhin an der Zurechnungsfähigkeit seiner Fans zu zweifeln, sowohl in der Bevölkerung als auch den Redaktionen der Fernsehsender. Das hierin erkennbar werdende Problem der Erfindung der zwei deutschen Grundmentalitäten, der Entwicklung dieser aufgrund der Aktivitäten von Personen, welche sich niemals mit der Wiedervereinigung Deutschlands identifizierten, mag die eigentliche Ursache für den Rechtsextremismus der 90er Jahre sein.

Der momentan wachsende Rechtsextremismus hingegen, welcher nicht regional begrenzt ist, hat andere Gründe, welche vor allem in der Akzeptanz von Verschwörungstheorien um den 11. September 2001 und darüber frei verfügbarer Internetvideos bei Youtube zu erklären ist. Deren Publikum ist es wohl, welches in den Foren des Spiegel Online und anderen Portalen versucht, das Thema des Rechtsextremismus zu marginalisieren, ihre eigene tiefere Ideologie nicht offenlegend.

Der gemeine Journalist wird dahinter kommen, dass in einigen Jahren, so man sich wieder ( oder immer weiter ) bemüht, immer gleiche Erklärungsmuster für den Nazismus heranziehen zu wollen, eine sehr merkwürdig ungebildete und an grundlegenden Erklärungsansätzen desinteressierte Generation heranwächst, deren Sozialisierung bloß global fassbar wäre.

Indes übernimmt solange der Freistaat Thüringen stellvertretend für den medialen „Osten“ die Rolle eines Sündenbocks, über welchen der Schriftsteller Steven Uhly sagte, dass er froh sei, ihn schnell wieder verlassen zu können. Und während man ob solcher Herabwürdigung noch kopfschüttelnd fast in Depressionen versinkt, bemerkt man doch die generelle Unfähigkeit einer gesamten Gesellschaft, sich ihrer vielen Irrtümer bewusst zu werden.

 

Quelle:

[1] http://aspekte.zdf.de/ZDFde/inhalt/14/0,1872,8368718,00.html

 

 

18.11.2011 um 00:11 Uhr

Ein Antrag der Jungen Union und seine Bewertung durch die Medien

von: catulus   Kategorie: CDU   Stichwörter: Junge, Union, Verbot, DDR, Symbole, Antrag, Ostalgie, Vergangenheitsglorifizierung

Die Junge Union hat es endlich verstanden. So oder ähnlich könnte man mutmaßen, wenn man bedenkt, wie die ersten Reaktionen auf einen Antrag der Jugendorganisation der CDU ausfielen. Seit nunmehr 21 Jahren ist Deutschland wiedervereinigt und souverän, und kein Status quo trübt nach außen die Eigenständigkeit eines solch ganz normalen Staates in der Mitte Europas. Wenn da nicht dieses Gefühl wäre, dass mancheiner es sich zur Aufgabe machen wollte, an diesem Zustand ständig herumzumäkeln, könnte man annehmen, dass nun auch die Politiker und Journalisten die Wiedervereinigung akzeptieren müssten, als einen Fakt und sich nicht mehr dagegen wehren sollten.

Reichlich objektiv berichtet die Website des Fernsehsenders N24 über den Antrag der Jungen Union auf dem Parteitag der CDU in Leipzig:

"Junge Union"

Verbot von DDR-Symbolen gefordert

Der Berliner Landesverband der Jungen Union hat anlässlich des Jahrestages des Mauerbaus gefordert, die Verwendung "besonders verbrecherischer Symbole der DDR-Zeit" unter Strafe zu stellen.

"Das Logo der Stasi gehört zu den Symbolen, welche aufgrund der Grausamkeiten, für die sie stehen, verboten werden sollten. Auch ein Verbot des NVA- und des SED-Logos sollte diskutiert werden", erklärte der Berliner "Junge Union"-Vorsitzende Conrad Clemens am Donnerstag. Die "Verbreitung und Verwendung" sollte mit einer Geldstrafe geahndet werden, verlangte er. "DDR-Nostalgie kann lustig und harmlos sein. Es muss aber auch klare Grenzen geben."

Der SED-Opferverband "Vereinigung der Opfer des Stalinismus" (VOS) unterstützte den Vorschlag der Jungen Union (JU). "Wenn man bei jungen Menschen das Bewusstsein dafür schärfen will, was eine Diktatur war, darf man nicht zulassen, dass sie sich die Symbole einfach aufs T-Shirt drucken", sagte der stellvertretende Vorsitzende Ronald Lässig der Nachrichtenagentur DAPD.

Kritik kam dagegen vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin. "Verbote sind bei diesem Thema wenig sinnvoll. Gerade Jugendliche reizt das doch nur, solche Symbole erst recht zu verwenden", sagte der Leiter des Projektes Jochen Staadt. Geeigneter seien bessere Bildungsangebote und historische Aufklärungsarbeit.

Liste der Symbole

Das "Stasi-Wappen" zeigt über dem Schriftzug "Ministerium für Staatssicherheit" eine um ein schwarzes Gewehr mit Bajonett geballte Faust. Das Logo der Nationalen Volksarmee (NVA) zeigt neben dem DDR-Staatswappen den Schriftzug "Für den Schutz der Arbeiter- und Bauern-Macht". Beim Logo der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ist in der Mitte ein Händedruck vor dem Hintergrund einer roten Fahne zu sehen. Der Händedruck symbolisiert die Vereinigung der KPD und der SPD im Jahr 1946, die allerdings unter sowjetischem Druck erzwungen wurde.

[...]

(apn, N24)                                                                             12.08.2010 19:41 Uhr [1]

Die Frage nach dem Reiz des Verbotenen darf natürlich nicht fehlen, wenn man eine Rechtfertigung einer Kritik an dieser Idee sucht. Letztlich wäre ein Verbot aber durchaus sinnvoll, da auch hier der Rahmen für das alltägliche Handeln des einzelnen Bürgers abgesteckt wird. Aus dem Artikel geht zudem hervor, was weiter unten noch von einigen anderen Zeitgenossen bestritten werden wird, nämlich, dass es sich um ein Verbot der die DDR verherrlichenden Symbole handeln soll, keineswegs um eine Ächtung der Bürger der Bundesrepublik Deutschland, welche auf einem historischen Territorium geboren wurden, welches mancheiner noch in selbiger DDR–Tradition betrachtet.

In den Onlineausgaben diverser Zeitungen wird dieser Antrag indes kaum ernst genommen. Man verweigert sich der Auseinandersetzung, wohl aus den üblichen Gründen:

  • Befürchteter Rückgang der Auflagen ( Ostalgiker kündigen ihr Abonnement )
  • Geringere Möglichkeiten der Berichterstattung ( zum Ost–West–Thema )
  • Mehrere Klischees ( als integraler Teil des Journalismus ) gingen verloren
  • Unklarer Ausgang der Debatte ( man könnte auf der Verliererseite stehen )

So heißt es dann auch in der Rostocker Ostseezeitung:

CDU will Verbot von DDR-Symbolen

Demmin/Leipzig (OZ) - Die Unions-Fraktion im Bundestag soll ein Verbot von bestimmten Symbolen der SED-Diktatur prüfen. Nach einem Beschluss des CDU-Parteitages in Leipzig vom Dienstagvormittag wird die Fraktion um Prüfung gebeten, „ob die Verbreitung und Verwendung von Symbolen, die in besonderer Weise für das SED-Unrechtsregime stehen, verboten werden kann“.

Die Initiative dazu war vom Bundesvorstand der Jungen Union gekommen. Deren Forderungen waren im Ursprungs-Antrag deutlich weiter gegangen. Die Junge Union (JU) hatte das Tragen von DDR-Symbolen - analog zu rechtsradikalen Symbolen - verbieten lassen wollen. Auch ein Verbot der „Verherrlichung der DDR durch sogenannte Ostalgie-Produkte“ wollte die Junge Union prüfen lassen.

Als „Blödsinn“, bezeichnete Marc Reinhardt, Vorsitzender des JU-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, diesen Vorschlag gegenüber OSTSEE-ZEITUNG.DE. Der Antrag wurde unter anderem auf Initiative des Nordost-Verbands vor der Abstimmung jedoch entschärft.

Björn Wisker [2]

Die klare Formulierung „Verherrlichung der DDR durch sogenannte Ostalgie–Produkte“ kann natürlich auch anders ausgelegt werden, wie weiter unten noch zu erfahren sein wird. Aber von Seiten des Nordost-Verbands eine „Entschärfung“ dieses Antrages zu erwirken, beweist doch bloß wiederum, welche Panik man vor den simpel strukturierten Ostalgikern hat, welche nicht nun lauthals im Netz gegen diese Idee Luft machen werden.

Die Welt Online zeigt sich indes auch nicht gerade von ihrer konservativen Seite, welche immer dann zum Ausdruck kommt, sobald es um wirtschaftspolitische Fragen geht, ein Verbot der DDR–Symbole wird dort – entsprechend einer dpa–Meldung als „kurios“, also lächerlich, bezeichnet. Nein, liebe Springer–Presse, dieser Antrag ist überfällig! Warum gerade die Welt Online hier auf der Seite der Gestrigen steht, bleibt ein Mysterium:

13.11.2011

Kuriose Anträge

Junge Union fordert Verbot von DDR-Symbolen

Ist das Ampelmännchen auf dem CDU-Parteitag in Gefahr? Neben den zentralen Themen werden in Leipzig auch eher kuriose Anträge verhandelt. [...] [3]

Diese Überschrift übernahm dann auch gleichsam die Leipziger Volkszeitung, welche übrigens wie die Rostocker Ostseezeitung auch, der Hannoverschen Verlagsgesellschaft Madsack angehört ( vgl. hierzu Quelle [4] ), also nicht ( mehr ) zum Springerkonzern, was den Gleichklang der Artikel nicht erklärt:

CDU-Parteitag in Leipzig

Kuriose Anträge auf Leipziger CDU-Parteitag – Junge Union will Ostalgie-Produkte verbieten

dpa

Leipzig. Neben den großen Themen wie Euro-Krise und Mindestlohn befasst sich der CDU-Bundesparteitag an diesem Montag und Dienstag in Leipzig auch mit „sonstigen Anträgen“. Darunter findet sich manch Kurioses. [...] [5]

Beispielhaft für alle protestierenden Ignoranten und DDR–Fetischisten heißt es auf der Website des Landesverbandes der SPD Sachsen–Anhalt:

15.11.2011

Ost-Produkte

Mormann: CDU diskutiert Verbot von "Ostalgie"-Produkten – Schlag ins Gesicht bekannter Marken aus den neuen Bundesländern

Die CDU diskutiert auf Antrag der Jungen Union auf dem Bundesparteitag in Leipzig einen Antrag, der sich im Kern mit dem Verbot des Tragens von DDR Symbolen befasst und der Prüfung, ob die Verherrlichung der DDR durch sogenannte "Ostalgie"-Produkte“ verboten werden kann.

Dazu erklärt Ronald Mormann, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion: "Dieser Vorschlag ist ein Schlag ins Gesicht vieler ostdeutscher Unternehmen, die in den vergangenen 22 Jahren viel Mut, Ausdauer und Kreativität gezeigt haben. Marken wie 'Rotkäppchen', 'Halloren' oder 'Hasseröder' haben sich auf dem bundesdeutschen Markt etabliert und sich zu gesunden, wirtschaftsstarken Unternehmen entwickelt, die auch Zugpferde für ihre Regionen sind.

Welchen Unsinn Herr Mormann hier erzählt, erfährt der Leser bei wikipedia. Dort heißt es beispielsweise über die Halloren Schokoladenfabrik:

[...] Rechtsform Aktiengesellschaft

Gründung 1804 Sitz Halle (Saale)

[...]

Branche Nahrungsmittelindustrie

Produkte Schokolade [...] [6]

Seit 1804 werden dort Schokoladenprodukte hergestellt, was dies unmittelbar mit Ostalgie zu tun und welchen Bezug dies zum Antrag der Jungen Union haben soll, erschließt sich wohl nur einem überzeugten Ostalgiker. Er fährt dann auch entsprechend seiner These in gleichem Tonfall fort:

Wenn die Junge Union meint, mit diesen Produkten und Marken würde die DDR verherrlicht, kann man nur den Kopf schütteln. Diese Produkte stehen nicht für die DDR, sondern für die Aufbauleistung der Menschen hier im Osten nach 1989. Wir haben allen Grund auf diese Unternehmen stolz zu sein und uns weiterhin für ihren wirtschaftlichen Erfolg stark zu machen." [7]

Hat da jemand Angst um seine Wählerstimmen? Natürlich bedarf es bei einigen seiner Landsleute wie auch vieler Bürger in anderen Regionen eines ehrlichen Umdenkens. Dennoch sollten nach 21 Jahren deutscher Souveränität nun endlich diejenigen zu Wort kommen dürfen, welchen die Verherrlichung der DDR seit 1990 ein unerträgliches und unverständliches Ärgernis ist.

Doch man sollte sich nicht zu früh freuen, hat die CDU doch schon vor Jahren bereits erklärt, gegen die Ostalgie vorzugehen. Gehandelt haben die Unionisten damals jedoch nur verbal, getan wurde nichts ( vgl. hierzu Quelle [8] ), was die Erwartungen an den diesjährigen Antrag deutlich schmälert und erwarten lässt, dass die Kritik an dem Vorschlag der Jungen Union nicht bloß obsiegen, sondern die CDU selbst intern zurückrudern wird.

Dies wäre insoweit problematisch, da es dann wie ein komplettes Scheitern wirkte, der Bürger den Eindruck erhielte, dass eine Ostalgieächtung gesellschaftlich nicht erwünscht wäre. Doch da eine solche Regelung schon lange als überfällig einzuschätzen ist, gibt es für die CDU – wenn man es ernst meint – dieses Mal keinen Weg zurück.

 

Quellen:

[1] http://www.n24.de/news/newsitem_6260517.html

[2] http://www.ostsee-zeitung.de/nachrichten/mv/index_artikel_komplett.phtml?SID=3b680c92b40f2e7990cdc10c601bc117&param=news&id=3290297

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/article13714920/Junge-Union-fordert-Verbot-von-DDR-Symbolen.html

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Verlagsgesellschaft_Madsack#Beteiligungen_an_Tageszeitungen

[5] http://nachrichten.lvz-online.de/nachrichten/cdu-parteitag-in-leipzig/kuriose-antraege-auf-leipziger-cdu-parteitag-junge-union-will-ostalgie-produkte-verbieten/r-cdu-parteitag-in-leipzig-a-113474.html

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Halloren_Schokoladenfabrik

[7] http://www.spd-lsa.de/wir-informieren/pressemitteilungen/pressemitteilungen-leser/items/111115_mormann/

[8] http://www.blogigo.de/thueringen_im_sueden/Ein-Hoffnungsschimmer-CDU-versus-Ostalgie/8/

 

 

17.11.2011 um 22:09 Uhr

Ein paar Gedanken zur Beurteilung des Rechtsextremismus im Internet

Angesichts der Nachrichten der vergangenen Woche über die vier gebürtigen Jenaer Rechtsradikalen, von denen sich zwei glücklicherweise selbst erschossen, darf man durchaus äußerst gespannt sein, welche Konsequenzen hieraus gezogen werden. Natürlich kann man vermuten, dass es in der Politik des Verfassungsschutzes selbst kaum zu nennenswerten Veränderungen kommen wird, schließlich verließen die vier den Freistaat schon vor langer Zeit. Als Ausrede wird dies sicherlich einigen Beteiligten einfallen. Wenn aber der Thüringer Verfassungsschutz, wie aus dem Bericht des Magazins SpiegelTV vom Sonntag deutlich hervorging, auch heute noch aus einer Ansammlung unfähiger Deppen besteht, eine spürbare Gefahr verkennend, welche von den drei Haupttätern ausging, sollte das für die thüringische Regierung Anlass genug sein, sich zunächst mit der eigenen Behörde auseinanderzusetzen. Das Hauptproblem war aber nicht allein der Thüringer Verfassungsschutz, sondern eines gewisser Teile des Freistaates selbst und zwar ein grundsätzliches und überzeugtes Verhaftetsein in alten Strukturen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich ohne die ( u. a. mediale ) Etablierung der Ostalgie und einer damit verbundenen, beständigen Weigerung eines Teils der Bevölkerung Thüringens ( nach Angaben des Thüringen–Monitors identifizierten sich 2008 noch 16 % der Thüringer mit der DDR ), viele heutige Probleme nicht ergeben hätten. Bezüglich der anderen über 80 % der Thüringer Bevölkerung muss man allerdings anmerken, dass diese sich etwas mehr um ihre Mitmenschen bemühen sollten, ganz konkret hieße das, über den alltäglichen minimalistischen Smalltalk hinausgehend debattieren, um die zu erreichen, um welche man sonst einen Bogen macht. Zwar ist die eigentliche Gefahr wohl gebannt, aber möglicherweise ist diese Einschätzung trügerisch.

Letztlich ist die Ursache wie auch die Wirkung der Ostalgie ( wie auch in durchaus etwas anderer Weise der Westalgie ) und dem strikten Verharren in stupiden Denk– und Verhaltensmustern nichts anderes als eine reaktionäre Bewusstseinstrübung. Man verweigert sich prinzipiell, nimmt vielleicht einige Modeaccessoires auf, schaut aktuelle Kinofilme und entdeckt die Freiheiten der Demokratie, indes sind dies alles nur Oberflächlichkeiten, es kommt vielmehr darauf an, frei von unempathischen und verabsolutierenden Ansichten zu sein. Aus der naheliegenden Einsicht, die Wahrheit und das Wissen darüber, wie die großen politischen Zusammenhänge ineinanderwirken, weder komplett verstanden zu haben, noch in einem Anfall zaudernden Fatalismus die unscharf empfundene Wirklichkeit gegen einfältig zusammengeschusterte Verschwörungstheorien austauschen zu dürfen, könnte mit geringem Aufwand und somit in wenigen kontemplativen Momenten für den einzelnen eine tiefe und grundlegende Erkenntnis über seine eigene Beschränktheit greifbarer werden.

Vielleicht ist es die derbe und volkstümliche Aversion gegen jegliche Benutzung des eigenen Verstandes, welche einer feindseligen Haltung gegenüber rational eingestellten Mitmenschen entspringt.

Man könnte sagen, das Bindeglied zwischen Kommunismus, Nazismus und Ostwestalgie ist der Hang zu einem kollektivistischen Wahn, welcher ein gemeinsames Bewusstsein, eine weltanschauliche Gleichartigkeit unter der Bevölkerung postuliert.

Eine solche Gleichartigkeit wird einerseits beschworen, andererseits kann selbige – da es sich nur um eine Illusion handelt – nur vermittels des Ausschluss aller andersartigen Menschen und des Rückzugs auf vermeintlich gemeinsame Positionen einer selbstdefinierten Minderheit behauptet und anschließend mit Hilfe großer Einbildungskraft vermutet werden.

Der Rechtsradikalismus fußt unter anderem auf diesem gedanklichen Konstrukt. Die Gleichartigkeit und Homogenität ist wie in allen Nationalismen eine übergeordnete Idee, welche nicht weiter beleuchtet werden darf. Davon abgesehen scheint es, als dass aufgrund unterschiedlicher Gedankenverbote unter Ostalgikern keine analytische Schärfe hinsichtlich weltanschaulicher Prägungen zu geben. Dies zeigte sich deutlich beim Thüringer Verfassungsschutz als einem zahnlosen Bettvorleger der Rechtsradikalen, welche offensichtlich diesen unterwanderten, während der ein oder andere dort wohl noch dachte, man würde seiner obligatorischen bürokratischen Pflicht nachkommen. Der Dienst nach Vorschrift der einen und eine Sympathisantenschaft der anderen in dieser staatlichen Behörde wirken somit nebeneinander sowie der eigentlichen Aufgabe der Institution effektiv entgegen. Während die trägen Bürokraten staubige Ordner verwalten, warnen die V–Leute der Rechtsextremisten ihre Organisationen vor Razzien und sorgen dafür, dass ihnen durch den Staat kein Ungemach drohen kann. Warum man bei der Einstellung der Mitarbeiter nicht auf deren moralische Integrität achtet, bleibt mir schleierhaft.

Eine Möglichkeit wäre, dass die nach 1990 in Thüringen aktive Verfassungsschützer als sogenannte „dritte Garde“ und Alt–68er keine Vorstellung davon hatten, wie gerissen rechtsextreme Organisationen agieren würden. Andererseits könnte es auch so sein, dass bereits im Zuge des Aufbaus des Thüringer Verfassungsschutzes auf willige Personen zurückgegriffen werden musste, welche eine verdeckte Agenda mitbrachten, ein trojanisches Pferd im Zentrum der Rechtsstaatlichkeit also, welches aufgrund eines politischen Chauvinismus und einer selbstgefälligen Ignoranz brav gefüttert wurde.

Dass es diesen Rechtsextremismus bundesweit gibt und selbiger weit verbreitet ist, erschließt sich aus einem Kommentar, welchen man unter einem Spiegel–Online–Artikel zur aktuellen Debatte um das Thüringer Neonaziquartett findet:

14.11.2011, 13:40   # 743

Cycokan            Benutzer            Registriert seit: 13.04.2005            Beiträge: 581

Mal ehrlich machen

Ich bin Ende 40, lebe in einer ganz durchschnittlichen Kreisstadt am Rande des Ruhrgebietes. Der Wirtschaft geht es gut, wir haben kaum Probleme mit Arbeitslosigkeit.

In jüngeren Jahren habe ich im wichtigsten Hotel der Stadt gearbeitet, dort, wo die örtlichen Unternehmen ihre Geschäftsessen und Tagungen abhalten, die Vereine ihre JHV veranstalten, die Parteien ihre Stammtische und Ortsversammlungen haben, die Unternehmerverbände sich treffen, Familienfeste gefeiert werden. Und weil das Hotel am Stadtrand im Grünen gelegen war, gab es auch noch eine Bierstube für die eher ländliche Bevölkerung aus der Nachbarschaft. Schützenverein, Turnverein, Freiwillige Feuerwehr, Neureiche aus dem Speckgürtel, Mieter aus Arbeitersiedlungen, Bauern, Vertriebene die in den 50er Jahren angesiedelt wurden. Wenige Ausländer, keinerlei Probleme, keine Banden, keine Kleinkriminellen, nichts, keine nennenswerte NPD–Wählerschaft im örtlichen Wahllokal. (Über Jahrzehnte immer exakt 2 Stimmen, jeder wusste wer es war, Vater und Sohn. Als Vater starb, gab es nur noch 1 NPD–Wähler).

Also, alles so richtig schön normal, durchschnittlich, provinziell. Aber, was musste ich täglich für einen ausländerfeindlichen und rechtsradikalen Mist mit anhören, von ganz normalen Durchschnittsbürgern, von Unternehmern, von Arbeitern, sobald das Stammtischgespräch in eine entsprechende Richtung ging. Da unterhält sich die freiwillige Feuerwehr, welches Haus sie zuletzt retten würde. Da kommt regelmäßig am späten Abend eine Polizeigruppe zum Absacker nach Dienstschluss und spricht von "Ka..." die mal wieder Probleme gemacht hätten. Das geht es im Fußball natürlich mal wieder gegen die "Stinkenden Itta...".
Selbst beim SPD Ortsverein sind es "die Ausländer, die uns die Arbeit wegnehmen".

Und immer schwingt dieser Unterton mit: "Man wird doch wohl noch sagen dürfen". Oder, "Die sind doch selbst schuld, so wie die sich hier aufführen."

Schnitt.

Meine Eltern, um die 80. Pensionäre, früher mittelständische Unternehmer, sie eher SPD–Wählerin, aber mit unglaublichen Vorurteilen gegen Ausländer, er, eher Unionswähler, beginnendes Alzheimer. Hat ständig nur noch seine HJ Zeit im Kopf und spinnt Verschwörungstheorien, dass doch die Juden an allem und jedem Schuld wären. Schwester, städtische Angestellte, unpolitisch, aber wenn, dann eher rechts. Aber, wegen wenig Beschäftigung mit solchen Themen, manchmal völlig irrational radikal in ihren Äußerungen. Bruder 1: Akademiker, Kriegsdienstverweigerer, linker 68er, Sozi, vor Jahrzehnten ausgewandert. Bruder 2: Kleinselbstständig. Rechtsradikal, versucht es zu vertuschen. Ließt seit Kindestagen Landser, spielte gern mit Panzern, ging gerne zur Bundeswehr. Ich: Kaufmann. Linker, evtl. Grüner. Kriegsdienstverweigerer, enttäuscht von der krypto-neoliberalen SPD unter Schröder. Und insgesamt: Fassungslos.

Fassungslos unter anderem darüber, dass wir hier zu diesem Thema diskutieren, als ob rechtes Gedankengut und latente Ausländerfeindlichkeit in diesem Land die Ausnahme wäre und sich auf ein paar Glatzen Hohlköpfe im Osten beschränken würde.

Macht euch doch auch mal ehrlich. Schaut euch in eurer Familie, in eurem Umfeld um. Ich wette, die Strukturen sind oft sehr ähnlich, wie bei mir. "Die" sind überall und viele bekommen es nicht mal mit, was für ein Gedankengut sie selbst in sich tragen und verbreiten. Denn: "Man wird doch wohl noch sagen dürfen..." [1]

Wahrscheinlich sind rechtslastige Haltungen in Deutschland also tatsächlich weiter verbreitet als man gemeinhin selbst glaubt, vor allem, wenn man persönlich keine Kontakte in eine solche Szene hat, täuscht man sich schnell, da die Verinselung der Gesellschaft vor allem in den letzten Jahren zugenommen hat und damit die Möglichkeit für den einzelnen, seine Vermutungen anhand von Lebenserfahrungen zu überprüfen, sank.

Dies ist die eine Seite, die andere hat vielmehr mit der Verbreitung rechter Ideologien über das Internet zu tun. Denn bei genauerer Betrachtung erklärt dieser Kommentar vielleicht auch, warum sich in Deutschland moderne Verschwörungstheorien so großer Beliebtheit erfreuen. Im Biederen versteckt sich tatsächlich oftmals eine durchaus derbe Einfältigkeit, welche man wohl, für sich selbst persönlich genommen, ignorieren kann, wissend oder fühlend, darüber stehend und dennoch umstellt von anderen, deren Denken eingepfercht in den engen Gassen eingeschliffener Strukturen keinen Zugang erlaubt. Daran mag man dann verzweifeln, die Frage bleibt aber, worin ein solches gesamtgesellschaftliches Phänomen begründet ist.

Natürlich lassen die Medien reichlich Platz für Spekulationen, spekulieren selbst, wissen kaum mehr als ihre immer weniger geneigten Leser. Aber gerade ihre Machtlosigkeit ist ein bestechendes Indiz dafür, wie gefährlich die um sich greifende Skepsis der Bevölkerung hinsichtlich der öffentlichen Meinung und damit auch anfällig für Verschwörungstheorien geworden ist. Dabei erscheint mir das Hauptproblem die Inkonsequenz der Medien im Umgang mit diesen zu sein. Selbstverständlich entlarven sich diese Theorien selbst, sobald deren Vertreter sich in antisemitischen und israelfeindlichen Konstruktionen verlieren. Doch scheint das Interesse derer, welche sich mit diesen Theorien identifizieren, sich grundsätzlich zunächst um Thesen zu drängen, welche beides nur mehr Behelfsargumentation benutzen. Während sich also der aufgeklärte Geist von diesen auf Youtube so mannigfaltig vertretenen Videos abwendet, findet der davon begeisterte Zuschauer hier zunächst fragmentarisch aufbereitete Zitate und verfälschte Daten der Geschichte, alles so schnell aufeinanderfolgend, dass er die einzelnen Argumente kaum nachprüfen kann. Die Frage, wem diese Theorien nutzen, kann man schnell beantworten. Alles, was man über die Infokrieger wissen muss, erfährt man aufschlussreich zusammengefasst in einem Thread eines Forums, in welchem der Autor wirklich übervorsichtig die Zusammenhänge erwähnt:

Infokrieg.tv sowie AZK Verbindungen zu Scientology

Wahrscheinlich sind einigen Internetusern schon öfters bestimmte Verschwörungstheorien oder Weltverbessererseiten aufgefallen, unter anderem sind die Webseiten Infokrieg sowie AZK darunter.

Durch Zufall bin ich über einen Thread in der Suchmaschine gestolpert, welcher eine mögliche Verstrickung dieser Organisationen mit Scientology beschreibt.

[...] [2]

Dabei scheint es eine Strategie der Scientologen zu sein, diesen neuartigen Weg einzuschlagen, allumfassend mag man deren Wirken indes schon einstufen, denn auch über den bekanntesten „Infokrieger“ erfährt man im Netz:

Alex Jones Promotes Scientology-Affiliated Leaders [...] [3]

Natürlich ist hier nicht der Raum für all diese hinter den Kulissen der Verschwörungstheoretiker ablaufenden Koalitionen zu sprechen, allerdings erklärt sich somit leicht der Rummel, welcher um all diese seltsamen Ideen gemacht wird. Das anziehende Element für die Bevölkerung mag aber auch ein anderes sein, welches – weiter oben war von der Inkonsequenz der Medien die Rede – allen Journalisten zu entgehen scheint. Trauen sie es dem Bürger nicht zu, differenziert zu denken, möchte man fragen, und kennt doch schon die Antwort. Wer hinter rechtslastigen Akteuren im Umfeld des Verfassungsschutzes einen staatlich organisierten Terror vermutet, kann kaum in der Lage sein, seinen Gedanken den nötigen Spielraum zu geben.

Man landet immer wieder bei den üblichen „Verdächtigen“ und behauptet, lamentiert und gibt sich gegenseitig recht. Dass ausgerechnet eine Sekte, der Ursprünge im esoterischen liegen, einen Hauptfinanzier der Infokrieger gibt, ändert an der Grundhaltung dieser Leute nicht viel.

Wer fragt, was dies mit dem Rechtsextremismus zu schaffen haben mag, sollte sich bei esowatch.de über die Hintergründe informieren. Die Verstrickungen zwischen UFO–Gläubigen, AIDS–Leugnern, skurillen Exilregierungen eines angeblich noch existierenden Deutschen Reichs usw. sind schier unüberschaubar. Aus einem solchen Wust verrückter und seltsamer Veröffentlichungen zu zitieren, erscheint mir unmöglich, da diese in einem prinzipiell widersprüchlich gehalten Stil ein in sich geschlossenes hermetisches Weltbild gestalten, selbiges in Auszügen wiedergegeben, viel umfangreichere Recherchen erfordert, als dem hier an dieser Stelle Genüge getan werden kann.

Doch genau in einem solchen Spektrum von Interessierten und Lesern finden geneigte rechtsradikale Internetuser ihre argumentativen Stützen, aufgrund derer sie in den Foren des Spiegel Online oder andere Portale offen eine Skepsis an der Unterwanderung des Thüringer Verfassungsschutzes durch Neonazis vertreten, sie sind da bereits immun gegen eine analytische Auseinandersetzung und grundsätzliche Infragestellung auch ihrer Ansichten. Der Verschwörungstheoretiker schneidet seine Leserschaft, wie es gute Sektierer immer machen, von den anderen Meinungen ab, obgleich es mir schleierhaft bleiben will, warum Menschen der Meinung sind, dass sich große Teile der Bevölkerung so intensiv miteinander verschwören, dass niemals etwas nach außen dringt.

Allerdings haben sich die Verschwörungstheoretiker nicht allein den Staat Israel und das Judentum als solches als ideologisches Feindbild auserkoren, sondern fußen vor allem auf der Vorstellung, dass hinter allem, was in der Welt geschieht, eine einzige mächtige Gruppe steht. Dies scheinen einige Leute bereits so stark verinnerlicht zu haben, dass eine Debatte über den Rechtsradikalismus in Deutschland mit diesen Leuten unmöglich ist, sie deuten bereits im Vorfeld jedes Argument und alle aufgeworfenen und zu diskutierenden Fragen in einer Weise, welche immun gegenüber der komplexen Wirklichkeit ist. Wenn es in den reihen des Verfassungsschutzes wie auch an dem ein oder anderen Unicampus selbst Rechtsradikale gibt und man zudem bedenkt, inwiefern Staatsbedienstete eine stoische Sachbearbeitermentalität entwickeln ( man kennt dies wohl aus eigener Erfahrung ), dann erklärt sich das Verhalten der zuständigen Stellen leicht, und niemand bedarf einer komplexeren Erklärung über seltsam anmutende Verschwörungstheorien. Die Realität ist oftmals viel banaler und profaner, als es den Phantasten und Illusionisten des Internet gefallen mag.

Dennoch wäre es kühn, bei einer solchen Betrachtung stehenzubleiben und sich alsdann aus der Debatte um solche Strukturen zurückzuziehen. Denn eine Behauptung der Verschwörungstheoretiker klingt tatsächlich nicht uninteressant und genau diese blenden Journalisten gern aus, man erfährt darüber schlichtweg gar nichts in den öffentlichen Medien, wenn die Sprache auf dieses Thema kommt.

Dieser Themenkomplex umfasst einen Teilbereich ihrer Spekulationen und lässt tatsächlich viele Fragen offen, es handelt sich dabei um die Freimaurerei. Es ist historisch unstrittig, dass aus deren Reihen tatsächlich einige skurrile Gestalten ihren Weg in die Bibliotheken der Welt gefunden haben. Dabei ist die Geschichte der Freimaurer so widersprüchlich und obskur, dass unabhängig von der Annahme einer weltweiten Verschwörung hier tatsächlich Vorsicht geboten scheint. Doch aufgrund der Verquickung, welche die Theoretiker bewirkt haben, lässt sich diese Organisation mittlerweile fast gar nicht mehr als eigenständig und von anderen Personenkreisen unabhängig denken, was bedauerlich ist.

Zudem bezichtigt man diese Gruppierung einer Gemeinschaftlichkeit, welche schlichtweg zu allumfassend und kaum kontrollierbar wäre. Zudem verbindet Freimaurer und Verschwörungstheoretiker der Hang zum esoterischen Denken, eine bezeichnender Weise frappierende Ähnlichkeit, wie die Aussagen der Freimaurer selbst belegen. Ich möchte mich allerdings hier nicht mit Vermutungen, Spekulationen und irreführenden Schlussfolgerungen der Verschwörungstheoretiker beschäftigen, also stammt das folgende Zitat somit auch keineswegs aus der Feder eines Verschwörungstheoretikers, sondern aus dem Freimaurerwiki, es ist also eine Aussage von Vertretern der Freimaurerei über ihre eigene Organisation. Um also zu verhindern, selbst in den Ruch der Verschwörungstheoretiker zu gelangen, zitiere ich diese also selbst und erlaube mir einige Kommentare zu dem Text, welcher aussagekräftiger ist, als es eigentlich manchem dort lieb sein kann.

Exemplarisch möchte ich also aus dem Freimaurerwiki zitieren, um klarzustellen, auf welche obskure Gemeinschaft Verschwörungstheoretiker zurückgreifen, wenn sie ihre Weltverschwörungen und vor allem ihren Antisemitismus verbreiten. Obschon in den folgenden Absätzen kein einziger Verweis auf den Staat Israel  zu entnehmen sein wird, nutzen rechtsradikale Internetuser selbige Aussagen, um auf vollkommen an den Haaren herbeigezogenen Wegen eine Verbindung zu konstruieren, wo letztlich keine ist. Die Gefahr hierin liegt in der Unwissenheit der Bevölkerung, welche sich über die Mainstreammedien leidlich schlecht informiert fühlt:

Freimaurerei und Kirche, New Age und Frieden

[...]

Freimaurerei und New Age

Es kommt darauf an, was man unter Freimaurerei und New Age versteht.

Es gibt unterschiedliche Arten von Freimaurerei. Grundlegend ist die „blaue“ Maurerei in drei Graden Lehrling, Geselle, Meister. Sie ist sind nicht speziell esoterisch. Aber in den sogenannten Hochgraden oder Seitengraden gibt es beinahe alles. Da hat manches Ähnlichkeit mit dem, was unter New Age läuft. Kabbalistische, alchemistische, hermetische, neuplatonische usw. Elemente gibt es auch bei New Age. Dazu allerdings auch gnostische und viel fernöstliche, welche bei den Freimaurern fehlen. Wenn man die Wurzeln der New Age-Bewegung etwas zurückverfolgt kommt man ins 19. Jahrhundert. Eine wichtige Gruppierung war die Theosophische Gesellschaft. Sie wurde 1875 gegründet. Gründer waren zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann, Oberst Henry Steele Olcott, war Freimaurer in New York. Die Frau war die Spiritistin Helena Blavatsky. 4 Jahre später traten beide in Indien zum Buddhismus über. Dort entstand auch ein indischer Zweig der TG, die Adyar-TG. Auch in Deutschland breitete sich die TG aus. Manche Theosophen waren Freimaurer, z. B. Dr. Franz Hartmann, Max Heindel und Theodor Reuß. Hartmann und Heindel gründeten seit 1889 eigene Rosenkreuzergemeinschaften (z. B. Hartmann 1889 "Fraternitas" in der Schweiz; Heindel die Rosenkreuzerbewegung 1908 in Columbus/Ohio). Reuss organisierte seit 1902 eine ganze Serie von Vereinigungen, darunter einen Memphis-Misraim-Orden (1908 mit Papus) und (zusammen mit Dr. Karl Kellner und Hartmann) den neueren O. T. O (mit der sog. "Academia Masonica" um 1912). Nachfolger von Reuss im O. T. O. wurde der legendäre Magier und Freimaurer Aleister Crowley. Rudolf Steiner war Theosoph. 1913 gründete er die Anthroposophische Gesellschaft, und bald darauf einen inneren Kreis nach freimaurerischen Gesichtspunkten. Die Impulse dazu hatte er von Annie Besant, einer engen Mitarbeiterin von Helena Blavatsky. Annie Besant hatte sich 1902 in Frankreich in den gemischten Freimaurer-Orden Droit Humain aufnehmen lassen und gründete in England dann selber eine Loge. Von hier hat sich diese Bewegung über die ganze Welt verbreitet. Sie gründete aber auch andere Orden, z. B. die Krishnamurti-Bewegung und einen Rosenkreuzer-Orden. Eine New-Age-Gemeinschaft lebt heute auf einem Grundstück, das sie in Oija für Krishnamurti gekauft hatte. Die dritte große Theosophin, Alice Bailey, gründete 1923 in New York die sog. Arkanschule als Übungsschule für Meditation. Diese Schule betrachtet sich als "Magnetisches Zentrum der Freimaurerei". Der Schulleiter in Genf war gleichzeitig Generalsekretär der Universellen Freimaurer-Liga. Baileys Mann war Freimaurer. Die Schriften von Alice Bailey waren von großem Einfluss auf David Spangler, von dem 1971 das erste esoterische Buch mit dem Titel "New Age" erschien. Obwohl Marilyn Ferguson in ihrem Buch "The Aquarian Conspiracy" (1980) eine längere Fußnote der Freimaurerei widmet, hat diese mit der New Age-Spiritualität nichts am Hut, auch nicht in den Hochgraden.

[...]

(etwas gekürzt als Teil eines Vortrags über die Geschichte der Freimaurerei gehalten am 26.5.1988)

Ausgearbeitet von Dr. phil. Roland Müller, Switzerland / Copyright © by Mueller Science 2001-2011 / All rights reserved

ESOTERIK von Dr. phil. Roland Müller

[4]

Wenn eines hier deutlich wird, dann die Fremdheit zwischen den freimaurerischen Gruppen, ihre unüberschaubare und daher zu Spekulationen einladend wirkende Mannigfaltigkeit und damit ein Geflecht von Strömungen, welche allesamt sehr merkwürdig und wenig humanistisch erscheinen, die Unkenntnis des einzelnen gegenüber einer riesigen labyrinthischen Verquickung, die sich nicht näher erfassen lässt.

Die Freimaurerei erscheint mir als Außenstehendem ein Urwald zu sein, ein dichter Dschungel, von dem der Insider wohl nur weiß, dass er dazu gehört, aber kaum, was in seinem Namen wo oder wann geschieht. So zum Beispiel gibt es den:

Arkanschule-Fernunterricht

Die Esoterische Schule der Theosophischen Gesellschaft sollte ursprünglich nach dem Buch eines Freundes von Helena Blavatsky, des englischen Hochgradfreimaurers John Yarker ("The Arcane Schools"), Arkanschule heißen. Diese Idee griff später die dritte große Theosophin, Annie Besants Rivalin Alice Ann Bailey (gest. 1949), auf. Sie gründete 1923 in New York die sogenannte Arkanschule - einen Fernunterricht - als Übungsschule für Meditation. Diese Schule betrachtete sich als "magnetisches Zentrum" der gesamten Freimaurerei.

Alice Baileys Mann war Freimaurer. Vielleicht hat sie auf seinem Schreibtisch die seit 1904 erscheinende Monatszeitschrift der US-Hochgradfreimaurer, das in mehreren 100 000 Auflage erscheinende "New Age Magazine", gesehen. Der Schulleiter der Arkanschule in Genf war gleichzeitig Generalsekretär der Universellen Freimaurer-Liga.

Jedenfalls sprach Bailey gerne von der Vorbereitung des Neuen Zeitalters. Ein tibetischer "Meister" diktierte ihr zahlreiche Bücher, darunter "Initiation, menschliche und solare Einweihung"(1922) und 1948 die "Wiederkunft Christi" (wobei sie freilich den Antichristus meinte). Sie hatte einen großen Einfluss auf die Kommune von Findhorn und David Spangler (1971).

Die Arkanschule existiert heute noch im Rahmen des 1922 gegründeten Lucis-Trusts.

Gnostische Kirchen

Seit 1890 wurden allerlei sog. "gnostische" Kirchen gegründet:

Jules Doinel gründete 1890 die erste gnostische Kirche, die Ecole Gnostique Universelle, später Eglise Catholique Gnostique. Sie tat sich schon 1893 mit den Martinisten unter Papus zusammen.

Mehrere ähnliche Kirchen wurden in der Folge gegründet

von den Theosophen die Liberal-Katholische Kirche (1916), zurückgehend auf eine Idee von Eliphas Lévi und inspiriert von Annie Besants "Esoterischem Christentum" von den Anthroposophen die Christengemeinschaft (1922); ebenfalls auf Lévi zurückgehend vom O. T. O. die gnostisch-katholische Kirche (1918); sie arbeitet in Ritual und Liturgie nach Unterlagen von Aleister Crowley von Jan van Rijkenborgh, einem Anhänger der Heindel-Bewegung, die Bruderschaft Lectorium Rosicrucianum (1924).

Horst Miers verzeichnet noch zahlreiche andere gnostische Vereinigungen, die sich zum Teil "die Umbildung der Sexualkraft" auf die Fahnen geschrieben haben.

Die Theosophische Gesellschaft als Inspirator der Modernen Kunst und des Naturismus

Die Theosophische Gesellschaft trug auch wesentlich zur Entstehung der modernen Kunst bei: Kandinsky (mit seiner Studie: "Über das Geistige in der Kunst", 1912) und Mondrian gehörten zu den Anhängern von H. P. B. Unter dem Einfluss der Theosophen standen auch kurz vor und nach 1900 der Zeichner Fidus sowie die Bewegungen der Naturisten (FKK) und des Monte Verità. Weiterbildungen der Theosophie erfolgten durch die Ehepaare Roerich (Agni-Yoga, 1925) und Ballard (I Am, 1932), viel später noch durch die Welt-Spirale (1962).

Monté Verità

1916 gründete Theodor Reuss auf dem Monte Verità bei Ascona eine gemischte Loge des O. T. O. Erster Stuhlmeister war der Tänzer und Choreograph Rudolf Laban und eines der Gründungsmitglieder die Tänzerin Mary Wigmann. Ein Jahr später zog die Loge nach Zürich und nannte sich dort "Libertas und Fraternitas". Bald darauf traten alle Frauen aus, und man trennte sich vom O. T. O. 1925 wurde die Loge als reguläres Mitglied in die Schweizerische Großloge Alpina aufgenommen.

[...] [5]

Ganz offen gesagt, handelt es sich hier um Originalquellen, welche aus dem Freimaurerwiki entnommen wurden und jedem Menschen mit einem PC zugänglich sind. Über die erwähnten Namen möchte ich mich nicht äußern, über alle hier erwähnten Personen existieren genügend Biographien.

Warum sollte also ein Mensch, welcher sich diese Texte ausgiebig zu Gemüte geführt hat, daran zweifeln, dass der gemeine Fraumaurer seine Lehre auf sehr obskuren Gestalten stützt, zudem wenn man selbst auf diese ziemlich peinliche Historie stolz ist?

Sicherlich hilft es dem Verständnis, wenn man sich überlegt, dass die Freimaurerei wohl nur der Rahmen ist, in welchem dieser Unfug betrieben wurde. Als Argumentationsstütze für Verschwörungstheoretiker dienen solche Ansätze aber allemal, einladend zum Fädenspinnen sind derartig merkwürdige Entwicklungen schon.

Wäre es nicht also endlich einmal an der Zeit, dass Journalisten und Politiker hier einen fundamentalen Nutzen in der Aufklärung über diese Strukturen erkennen und diesen auch der Öffentlichkeit mitteilen? Sonst werden Medienvertreter auch noch in Jahrzehnten mit den immergleichen Argumenten diejenigen warnen, welche sich dem Denken der sogenannten „Infokrieger“ sowieso niemals anschließen werden, während ihnen die eigentlichen rechtsradikalen Anhänger und Antisemiten wieder und wieder durch die Lappen gehen.

Will man wirklich den rechtsradikalen Sumpf auch im Netz austrocknen, muss man sich von den liebgewordenen Gedanken verabschieden, dass es einzig eine Frage des stumpfen Rassismus ist, sondern begreifen und verstehen, dass dahinter längst eine Industrie der Verschwörungstheoretiker zukünftige Generationen in die braune Irre führt. Es kann nicht so schwer sein, von journalistischer Seite die satanischen Strukturen einiger esoterischer Sekten ( also sowohl freimaurerischer als auch verschwörungstheoretischer Natur ) zu entlarven, vor allem, da sich leicht erkennen lässt, dass sich selbige auf eine christliche Vorstellung des Teufels beziehen, also in bezug auf antisemitische Behauptungen bar jeder Grundlage ins Leere fabulieren, was wesentlich für die Zerpflückung der Weltverschwörungstheorien wäre und jeglichem Rassismus den Boden entziehen muss.

Damit würde auch die Zustimmung zu diesen skurrilen Argumentationsmustern in den Portalen der Onlinedienste der Zeitungen verschwinden und man könnte sich dem Thema des Rechtsradikalismus als solchem frei und unbefangen widmen.

 

Quellen:

[1] http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=47799&page=75

[2] http://www.politik.de/forum/internet/218419-verschwoerungsseiten.html

[3] http://libertytothecaptives.net/alex_jones_promotes_scientologist.html

[4] http://freimaurer-wiki.de/index.php/Traktate_4:_Freimaurerei_und_Kirche,_New_Age_und_Frieden

[5] http://freimaurer-wiki.de/index.php/Arkanschule#Arkanschule-Fernunterricht

 

 

 

24.10.2011 um 19:21 Uhr

Macht das MDR zu!

Sowohl dem Leser als auch dem Autor dieser Zeilen ist es bewusst, es muss natürlich „der“ MDR heißen, aber ist der geschlechtsspezifische Artikel für diesen Sender bereits fast schon zu viel der Ehre für den unerquicklichsten aller öffentlich–rechtlichen Sender, welcher seit Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einen skurrilen Spagat übt. Einerseits wissen seine Betreiber um den steten Spott der Allgemeinheit, ja der gesamten Republik gegenüber einem strikt reaktionär gestalteten und nach rein ostalgischen Gesichtspunkten aufgebauten Programm, zum anderen hält man beständig daran fest, die Bevölkerung mit genau diesen Sendungen zu malträtieren, zu demütigen und keine Möglichkeiten zu nutzen, welche in einem grundlegenden Neuaufbau des Sendekonzepts liegen.

Mann kann es kurz und knapp auf einen Punkt bringen:

Der MDR agiert nicht unfreiwillig komisch, sondern macht sich freiwillig lächerlich und dies schon seit nunmehr 20 Jahren.

Darüber hinaus gab es immer wieder Anhaltspunkte dafür, dass die interne Firmenpolitik keineswegs rechtlich integeren Maßstäben genügt, worüber ausgiebig in der Presse berichtet wurde und was letztendlich auch zur Ablöse des jetzigen Intendanten geführt hat. Doch seine Nachfolgerin ist nicht besser. Äußerst interessant ist der Artikel, welchen man in der Onlineausgabe der BZ über Karola Wille findet:

Lesen Sie mal, was die künftige MDR-Intendantin in ihrer Doktorarbeit schrieb

"Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen"

11. Oktober 2011 08.20 Uhr, BZ Seinen Ruf als DDR-nostalgischer Schunkelsender hat der MDR seit seiner Gründung 1991. Und anscheinend hat man auch kein Interesse daran, den Mief loszuwerden. Denn der Verwaltungsrat des Senders will nun MDR-Chefjustiziarin Karola Wille als neue Intendantin durchsetzten. Die 52-Jährige hat eine bewegte SED-Vergangenheit.

Gegen die Juristin gab es zunächst Vorbehalte. Denn die Vita von Prof. Dr. jur. Karola Wille sorgte für Kopfschmerzen. Kaum volljährig, trat sie 18-jährig in die SED ein. "Aus Überzeugung" wie sie selbst zugibt. Aus einer SED-nahen Familie stammend, bekam sie problemlos einen Studienplatz an der juristischen Fakultät in Jena. Jahrelang war sie mit einem DDR-Militärstaatsanwalt verheiratet. Dementsprechend linientreu verfasste die kommende Senderchefin 1985 ihre Doktorarbeit zu Ausländerkriminalität im sozialistischen Staat: "Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen." Es gebe "eine historische Mission der Arbeiterklasse." Der größte DDR-Opferverband, die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) hat bereits gegen die Pläne protestiert, Karola Wille zur MDR-Intendantin zu machen. Der stellvertretende VOS-Bundesvorsitzende Hugo Diederich: "Wir wollen nicht, dass im MDR die DDR weiter fortgesetzt wird. Deshalb ist eine Frau, die in ihrer Dissertation noch 1985 dem Sozialismus gehuldigt hat, nicht wählbar. Es wäre das Beste, wenn der Verwaltungsrat dem Rundfunkrat einen unbelasteten Kandidaten zur Wahl vorschlägt." Doch das scheint im skandalgebeutelten und krisenumwitterten MDR niemanden zu stören. Seit zwanzig Jahren arbeitet Karola Wille für den Sender, seit 1996 ist sie Juristische Direktorin. Der erhoffte Neuanfang nach der Korruptionsaffäre um Ex-Unterhaltungschef Udo Foht bleibt wohl aus. Die Stimmen, die eine MDR-ferne Persönlichkeit als Senderchef forderten, sind verstummt. Wille wird nun daran gemessen, ob sie es schafft, "dass der MDR durch einen transparenten, glaubwürdigen und nachhaltigen Aufklärungsprozess wieder zur Ruhe kommt", wie es der MDR-Verwaltungsratschef, Gerd Schuchardt, hofft. Die Wahl im Rundfunkrat, bei der Wille zwei Drittel der Stimmen benötigt, um Intendantin zu werden, soll am 23. Oktober stattfinden. [1]

Dem entgegen liest sich der Artikel des Spiegel sehr brav. Man hat den Eindruck, als sei man dort sehr froh über die Wahl der neuen Intendantin. Hier der Artikel von Spiegel Online:

23.10.2011

MDR

Karola Wille zur Intendantin gewählt

Da waren es plötzlich drei: Nach Dagmar Reim und Monika Piel hat die ARD ihre dritte Intendantin. Gleich im ersten Wahlgang erreichte Karola Wille die nötige Mehrheit, um zur neuen Chefin des MDR gewählt zu werden. Weniger leicht dürfte es sein, den Skandal-Sender wieder auf Kurs zu bringen.

Leipzig - Der MDR-Rundfunkrat hat die Justiziarin Karola Wille (52) zur neuen Intendantin gewählt. Das meldeten die Nachrichtenagenturen dpa und dapd am Sonntag. Die bisherige stellvertretende Intendantin erhielt im ersten Wahlgang 32 Ja-Stimmen von den 39 anwesenden Mitgliedern. Senderchef Udo Reiter (67) scheidet zum Monatsende aus.

Wille war bisher die Stellvertreterin des Gründungsintendanten. Bei der Sitzung im thüringischen Friedrichroda war sie die einzige Kandidatin. Ihre Amtszeit beginnt am 1. November und dauert sechs Jahre. Sie ist damit nach Dagmar Reim (RBB) und Monika Piel (WDR) die dritte Chefin einer ARD-Anstalt. Gründungsintendant Udo Reiter (67) scheidet Ende Oktober aus. Vor vier Wochen war die Wahl des Chefredakteurs der "Leipziger Volkszeitung", Bernd Hilder, gescheitert.

Die Rundfunkratsmitglieder applaudierten beim Bekanntwerden des Wahlergebnisses. Bei vielen der mehr als 2000 Mitarbeiter des MDR ist sie beliebt und gilt schon länger als "Intendantin der Herzen".

Bei wem gilt die Kommunistin aus Überzeugung als solches, möchte man anfragen. Aus der Formulierung der Spiegeljournalisten geht selbiges nicht eindeutig hervor, man schüttelt indes den Kopf, ob dieser Anspielung auf DDR–Verhältnisse, ist es doch schon Häme, welche hier eingestreut wird.

Die gebürtige Chemnitzerin ist seit 1991 bei der Drei-Länder-Anstalt für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 1996 wurde sie juristische Direktorin, seit 2003 vertritt sie Intendant Reiter. Wille führt für die ARD die Verhandlungen mit den Fernsehproduzenten und ist Mitglied im Digital-Ausschuss von ARD und ZDF. Im MDR leitet sie die Arbeitsgruppe "Digitale Zukunft".

Wer nun noch ein Dossier erwartet, wie in der BZ, wird enttäuscht oder auch nicht, entsprechend seines politischen Standpunkts. Das Plädoyer der BZ kocht man jedenfalls beim Spiegel auf einen Satz zusammen:

Kritik gab es an ihrer juristischen Karriere in der DDR.

Und mehr kommt auch nicht! Der Spiegel hat zu seinen Wurzeln zurückgefunden, zum einen kritisiert man keine Kommunisten, schon gar nicht überzeugte, und zum anderen verurteilt man keine Steigbügelhalter. Denn Frau Karola Wille dürfte schon die Neuauflage vieler DDR–Fernsehsendungen planen und sämtliche durch den MDR zumindest in der Wahrnehmung der ARD repräsentierte Bundesländer in den folgenden Jahren gründlich desavouieren. Der Artikel endet:

Wille studierte in Jena Rechtswissenschaften und promovierte dort; später absolvierte sie noch ein juristisches Fernstudium. Die Honorarprofessorin für Medienrecht an der Universität Leipzig hat eine Tochter.

ore/dpa/dapd [2]

Mit keinem Wort erwähnt der Spiegel die Vita der neuen MDR–Intendantin, was sicherlich kein Zufall ist, möchte doch dieser auch weiterhin lustvoll die Ostalgie derjenigen geißeln, welche völlig unostwestalgisch diesen Sender auf dem Territorium ihres Bundeslandes dulden müssen und sich nicht dagegen verwehren dürfen, da der Rundfunkstaatsvertrag über ihre Köpfe hinweg ausgehandelt wurde.

Was wundert dies den Leser des Spiegel, kennt er doch vermutlich nicht den oben zitierten und inhaltsreicheren Artikel in der BZ. Dennoch wirft diese Aussage ein klares Bild auf die Mitarbeiter des MDR. Allein schon ihre Wahl ist ein Beweis für die Durchsetzung der Medienanstalt ARD mit seltsamen Elementen, welchen die Ostalgie wichtiger ist, als eine Besetzung dieser Position mit einer fähigen Person, welche vielleicht sogar den MDR in seiner momentanen Form auflösen und neue Sender an dessen Stelle etablieren würde, zum Beispiel einen Sächsischen Rundfunk, welcher nur das Land Sachsen umfassend, Fernsehsendungen in ganz anderer Art produzieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Außenwahrnehmung des Freistaates leisten würde. Desweiteren könnte der Freistaat Thüringen entweder mit dem Hessischen oder Bayrischen Rundfunk kooperieren und Sachsen–Anhalt an den Norddeutschen Rundfunk angeschlossen werden. Doch von einer solchen optimalen Lösung ist man jetzt wiederum Lichtjahre weit entfernt.

Was die Zurückhaltung des Spiegel betreffend seiner kurzen und knappen Aussage zur Vita der neu gewählten Intendatin anbelangt, so klang einiges in Bezug auf den MDR vor zwei Jahren noch etwas anders. Obschon man damals ein unsensibles Vokabular verwendete und sich stilistisch in subtilen und offenen Demütigungen der Bevölkerung der betroffenen Bundesländer erging, wird doch eines sehr klar. Damals hieß es im Spiegel Online:

09.11.2009

TV-Sender

Im nahen Osten - so fern

von Thomas Tuma

20 Jahre nach dem Mauerfall geriert sich der MDR als mächtigste TV-Stimme der neuen Bundesländer. Manches an dem Sender wäre noch immer schwer erträglich, wenn der nicht so einen vielschichtigen Intendanten hätte.

[...]

Da wird noch immer geschunkelt, bis der Kassenarzt kommt, und mit Shows wie "Damals in der DDR" gegen das mildtätige Vergessen angesendet. Da geht's in "Informationssendungen" wie "Dabei ab zwei" oder "Hier ab vier" überwiegend um überfallene Discountmärkte und missbrauchte Schülerinnen, Schlägertrupps, Vandalismus, Rechtsradikale und immer noch einen Kinderschänderprozess. Alles ist entweder "schlümm" oder "forschbor".

Und genau so will der Spiegel den MDR, dessen Publikum und die Bevölkerung in den gedemütigten drei Bundesländern haben. Man spottet über den keinesfalls überall in den drei Bundesländern gesprochenen Sächsischen Dialekt, geißelt die Tristesse und erwähnte zwingend den Rechtsradikalismus, wenn auch hier nur nebenbei. Da macht man keine Abstriche, man bleibt sich treu. Nur so erklärt es sich, dass die Ernennung ( Sollte man diese Entscheidung wirklich als Wahl bezeichnen wollen? ) von Karola Wille zur neuen Intendantin derart knapp kommentiert und nicht hinterfragt wird. Denn wie heißt es weiter im Artikel:

Seien wir höflich: Wer ein paar Tage nonstop MDR schaut, träumt danach nicht sofort von einem Kurzurlaub im Sendegebiet. Manches in diesem Programm wirkt befremdlich, vor bald zehn Jahren war es allerdings noch schier unfassbar.

Schließlich soll Hamburg ja wachsen, der Ort, an welchem der Spiegel verlegt wird und seine Angestellten leben. Man muss nicht einmal eine strikte Aversion gegen steifen Brisen und schlechtes Wetter im Juli zeigen, um eine gewisse Abneigung gegenüber der Stadt an der Elbmündung zu entwickeln, wenn man solche Zeilen liest.

"Warum Ostdeutschen anders bleiben sollten"

Damals unterzog der SPIEGEL den MDR einer Fern(seh)-Diagnose, die weniger Publikumsbeschimpfung sein sollte als Kritik an den Machern. Das Stück bescheinigte dem Sender, aus Quotengründen die DDR am Leben zu halten. Der Aufruhr war gewaltig. Allerdings nur im Osten, wo sich Leserbriefspalten und Internetforen mit Hass, aber auch Zustimmung füllten.

Im Kern kreiste die Debatte um zwei Fragen. Die erste lautete: War der Osten zu blöd für ein besseres Fernsehprogramm oder wurde er von westimportierten TV-Managern für blöd verkauft?

Allein zu einer Podiumsdiskussion in Leipzig kamen rund tausend Menschen, die schon dort einen relativ entspannten Reiter erleben konnten. Er macht auch heute keinen Hehl daraus, dass ein Teil seines Programms nicht mal seinen eigenen Geschmack trifft. Andererseits denke er eben "anwaltschaftlich", womit man bei der zweiten Kernfrage ist: Haben er und sein MDR ihren damals zehn Millionen Zuschauern in den Umbruchjahren eine Plattform für notwendige Identifikation geboten? Oder zementierten sie deutsch-deutsche Differenzen?

Zu einer Zeit, als sich der gemeine Sachse diversen Komikern mit Mauerfetisch ( man bedenke, es war die Zeit der Spaßgesellschaft ) nicht erwehren und steten Behauptungen eines Ulrich Wickert und anderen Schlaumeiern nur durch Wegschalten entgehen konnte, mag es vielleicht einfach ein Selbstschutzreflex gewesen sein, dieses hundsmiserabel und primitiv in Szene gesetzte Programm einer handwerklich stimmigen Verleumdungskampagne zuzusehen, welche den Sachsen und den Brandenburger unabhängig von ihren spürbar unterschiedlichen Wesenseigenschaften in eine gemeinschaftliche Zwangsjacke verpackte und – wie Oliver Welke heute – die Wiedervereinung schlichtweg leugnete, zumal man damals noch nicht auf n24 und n–tv ausweichen konnte und auch Phoenix und Co. noch nicht flächendeckend verfügbar waren.

Die Frage ist umso spannender, als die Ostautorin Jana Hensel in ihrem aktuellen Buch "Achtung Zone" ja gerade erklären möchte, "warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten". Sollten sie?

Ein netter Subson wäre an dieser Stelle wohl die Frage „Sollte sie?“ gewesen, denn Frau Hensel spricht zu allererst nur für sich selbst.

Interessanterweise machte die zweite Bedürfnisanstalt der neuen Bundesländer strategisch alles anders als der MDR: Der RBB-Vorläufer ORB schmiss von Anfang an vieles aus dem Programm, was nach Defa-Kitsch oder geschichtsklitternder Altlast roch. Das Programm hieß Aufbruch, das Ergebnis war quotentechnisch zunächst erschütternd.

Dabei verging in der Leipziger MDR-Zentrale kaum ein Jahr ohne Affäre. Mal ging es um Reiters verspielte Millionen, mal um Korruption, mal um Polit-Filz und immer wieder um Stasi-Fälle, mit denen der Sender anfangs nur zögerlich umzugehen verstand.

Reiters Credo wurde: "Der Hof ist wichtiger als der Bauer." Manchmal glich dieser Hof aber einem Saustall.

"Es gab kleine Mitläufer und echte Drecksäcke", sagt der Intendant heute. "Und jene, die mit großer Inszenierung öffentlich ihre tränenreiche Beichte abgelegt haben, waren nicht immer die Besten. Aber es gab auch tragische Schicksale."

Es erwischte den Zonen-Gottschalk Ingo Dubinski, den "Je t'aime - wer mit wem?"-Kuppler Frank Liehr, den "Mach dich ran!"-Moderator Hendrik Petzold und viele andere. "Die Stasi-Debatte hat mein Weltbild nicht erschüttert, sondern bestätigt", sagt Reiter.

Dies wäre doch ein Grund mehr gewesen, das Konzept komplett zu überdenken. Man hätte niemals einen solchen Rundfunk gründen dürfen oder diesen zeitnah nach seiner Gründung auflösen sollen oder zumindest daraus so etwas wie einen Kulturkanal á la 3sat oder arte machen können. Die Chancen bestanden zu Anfang jedenfalls. Doch der Intendant wollte schließlich genau diese Ostalgie, welcher er eine Plattform gegeben hat. Das Problem MDR hat er zu verantworten, wenngleich ein wirkliches Einsehen seiner Schuld nicht erwartet werden kann.

[...]

Und natürlich bedient sein Sender weiterhin diese Unzufriedenheitsbefindlichkeiten der vermeintlich zu kurz Gekommenen. Das merkt man schon daran, welche Formate aufgrund ihres schieren Erfolgs einfach nicht wegzukriegen sind.

"Escher" etwa spielt sich noch immer als Anwalt der Entrechteten auf, nennt Ross und Reiter, steckt den Kopf nicht in den Sand, hilft dem kleinen Mann und empfiehlt: "Sich wehren!" Wahlweise gegen Willkür oder einfach gegen die da oben. Selbst die Second-Hand-Viecher, die in "Tierisch, tierisch" eine neue Heimat suchen, sind mindestens ausgesetzt, oft auch misshandelt oder gequält worden.

Ist der Osten so larmoyant und miesepetrig? Stellen ihn die MDR-Chefs nur so dar? Es ist inhaltlich alles nicht mehr so schlimm wie noch vor wenigen Jahren, dafür geht es jetzt beiden nicht mehr besonders - Bürgern wie Sender.

[...] [3]

Und damit dies auch so bleibt, darf die SED–Anhängerin und überzeugte Kommunistin Wille nun ihren selbigen durchsetzen und dem Spiegel sowie allen weiteren Spöttern genug Ansätze bieten, weiterhin abschätzig über ein norddeutsches und zwei süddeutsche Bundesländer zu lamentieren, dass deren Bevölkerung ein solches Fernsehprogramm gutheißen, ja sogar einfordern würde, denn angesichts der gerade man 8 % Marktanteil ist wohl eher das Gegenteil der Fall.

 

Quellen:

[1] http://www.bz-berlin.de/archiv/die-vorzuege-des-sozialismus-sind-auch-im-internationalen-rahmen-umfassend-zur-geltung-zu-bringen-article1292033.html

[2] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,793497,00.html

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,660825,00.html

 

 

 

17.10.2011 um 21:17 Uhr

Eine seichte Sprache und wie die Welt Online dafür Werbung macht

Man kann schon seit vielen Jahren ein Phänomen beobachten, welches dem normalen Bürger bereits beim Lesen seiner Tageszeitung bewusst wird und dem man nun sogar ganz offiziell einen eigenen Namen gegeben hat. Die inhaltliche Entleerung des geschriebenen und gesprochenen Wortes, soll institutionalisiert werden, als „Leichte Sprache“.

An sich ist dies nichts wirklich neues. Denn hat sich neben dem Deppenapostroph schon seit einiger Zeit schließlich auch der Deppenbindestrich in den Schriftverkehr eingeschlichen und ist ein gefeiertes Statussymbol in der Coachingszene geworden. Dort gibt es keine Veröffentlichung ohne Bindestriche. es scheint nur eine Frage von einigen Jahren zu sein, bis das letzte zusammengesetzte Substantiv aus dem Duden gestrichen wird. Lassen wir es besser nicht soweit kommen. Doch hierzu ist eine Kenntnis der Aktivitäten notwendig, welche fast schon unbemerkt hinter den Kulissen stattfinden. Natürlich mögen einige Menschen diese Gefahr verkennen, doch einjeder kann es schließlich an sich selbst feststellen, wie oft er bei der Lektüre journalistischer Texte eine innere Selbstkorrektur vornimmt, den Autor hinsichtlich seiner orthographischen Ungenauigkeiten zurechtweist und vielleicht sogar dessen Rechtschreibfehler als Argumentationsstütze gegen seine politische Haltung benutzt, um sich selbst und seine eigene Position zu rechtfertigen.

Hier dazu ein vielsagender Artikel aus der Welt Online, welcher unverblümt die „Leichte Sprache“ als Weg in eine goldene und glückliche Zukunft preist:

Sprachstil

Autor: Jenni Roth, 17.10.2011, 09:35 Uhr

Viele Deutsche verstehen nur Teile der "Tagesschau"

Fremdwörter, Schachtelsätze, Passivkonstruktionen: Nicht nur Migranten tun sich mit der deutschen Sprache schwer. In Finnland ist man weiter.

‚Während Deutschland noch am Abgrund steht...’, möchte der geneigte Leser einwerfen, aber leider würde die Autorin dieses Artikels diese Worte nicht vernehmen.

[...]

Langsam liest die Sprecherin im finnischen Radio die Nachrichten. Wort für Wort, Satz für Satz. Keine Verschachtelungen, kein Passiv, kurze Sätze. Selkokieli heißt diese Sprachversion, die in Finnland bedeutend geworden ist. Das öffentlich-rechtliche Yleis-Radio etwa sendet täglich Selkokieli-Nachrichten.

Hierzulande kennt kaum jemand die "Leichte Sprache“

Eine vereinfachte Sprache, eine Art Pidgin-Deutsch, die unser Land so erklärt: „Deutschland ist eine Demokratie. In einer Demokratie herrscht das Volk. Also die Menschen, die in dem Land wohnen. Diese Menschen nennt man auch Bürger.“ Oder: „Gesetze sind Gebote und Verbote. Das heißt, das Gesetz sagt, was man machen darf und was man nicht machen darf.“

Die Leichte Sprache ist so einfach, dass sie ein Problem hat: Ihr haftet das Stigma an, nur für Dumme und Zurückgebliebene da zu sein. Tatsächlich stammt die Leichte Sprache aus der Behindertenarbeit. In Deutschland aber bemüht sich kaum jemand um das Leichte Deutsch.

Wir werden weiter unten erkennen, dass dem keineswegs so ist. Die Autorin der Onlineausgabe der Welt versucht hier, dezent tiefzustapeln. Aber schauen wir uns doch ihre weiteren spannenden Ausführungen an:

Die Finnen hingegen sehen es als Hilfe für viele Zielgruppen, für alte oder demenzkranke Menschen etwa oder für Migranten. „Wie sonst sollen sich Millionen von Ausländern integrieren und verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert?“, sagt Pertti Rajala, der Bücher in Selkokieli übersetzt. Beispielsweise eine Biografie von Marschall Mannerheim, der als „Retter des Vaterlandes“ vor dem Bolschewismus gilt. „Wer Mannerheim nicht kennt, kann in der finnischen Gesellschaft nicht gleichberechtigt leben“, sagt Rajala.

In Finnland leben, verglichen mit Deutschland, wenige Ausländer. Doch bei uns beschäftigt sich kaum jemand mit der Leichten Sprache. 2009 startete die Universität Hohenheim anlässlich der Bundestagswahlen ein Forschungsprojekt. „Politiker reden oft unverständlich. Deshalb verstehen viele nicht, was in den Wahlprogrammen steht.“ So könnte man die Studienergebnisse zusammenfassen.

Schachtelsätze, Fremdwörter, Bürokratismen: Die Uni stellte den Parteien kein gutes Zeugnis aus. Die SPD erreichte 10,5 von 20 Punkten auf der Verständlichkeitsskala; die Linke nur 6,5. Dafür war Frank-Walter Steinmeier mit 16,4 Punkten fast so verständlich wie ein Text in der „Bild“ (16,8). Immerhin übersetzten 2009 erstmals einige Parteien ihre Programme in die Leichte Sprache.

Vielleicht verstehen die Bürger unsere Politiker nur deshalb nicht, weil diese gar nicht verstanden werden möchten. Vielleicht ist es ihre Intension, sich möglichst unscharf zu äußern und dabei ein breites Spektrum an potentiellen Wählern zu erreichen.

Man muss nur Gustave LeBon zitieren, welcher in seiner „Psychologie der Massen“ auf Seite 88 schreibt:

„Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sichres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter die Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie.“ [1]

Eine solche obige Argumentation wie in dem zitierten WeltOnlineArtikel, welche ein Streben nach Verständlichkeit der Sachverhalte in Politikerreden betont, kann also bei näherer Betrachtung nur Kopfschütteln hervorrufen, da es diesen Dompteuren des gemeinen Bürgers keineswegs gelegen käme, auch nur ansatzweise richtig verstanden zu werden. Dahingehend ist es also kein Wunder, wenn Politiker in ihren Parteien darauf drängen, die "leichte" Synkopensprache auch in ihrem Metier zu etablieren, nutzen sie doch bereits die Anweisungen der Coachs und deren Rhetorikseminare. Beides könnte also problemlos eine Symbiose bilden. Man könnte es auch so formulieren, dass den Politikern bislang noch eine gesetzliche oder auch bloß administrative Legitimation fehlte, welche es ihnen förmlich verbietet, logische Argumentationsketten in ihre Reden einzubauen, weil sie sonst von einer angeblich überforderten Gesellschaft gar nicht mehr verstanden würden. Doch weiter im Welt–Online–Artikel:

Die Sozialpädagogin Annette Flegel übersetzt seit 2003 schwierige Texte in Leichte Sprache und hat das „Netzwerk Leichte Sprache“ mitaufgebaut, das auch die Regeln für die Leichte Sprache aufstellt und sie von Behinderten auf Verständlichkeit prüfen lässt.

Hier wurde, was der Ehrlichkeit halber erwähnt werden sollte, ein wenig geflunkert. Denn auf ihrer Website „Sprachflügel – Texte ohne Hindernisse“ findet sich die folgende Berufsbezeichnung:

[...] Annette Flegel

Online-Redakteurin und Diplom-Sozialarbeiterin (FH) [...] [2]

Indes, halten wir uns nicht mit solchen Details auf:

Ein Wörterbuch für Leichte Sprache

Noch sind es meist Behindertenverbände, die etwa Arbeits- oder Mietverträge übersetzen lassen. „Aber seit Deutschland die UN-Behindertenkonvention unterzeichnet hat, kommen sogar Anfragen vom Familienministerium“, sagt Flegel.

Das war am 24. Februar 2009, damit ist also die schwarz-gelbe Regierung unter Frau Merkel und Herrn Westerwelle gemeint ( vgl. auch Quelle: [3] )

Mittlerweile gibt es ein Wörterbuch für Leichte Sprache, das Bundesgleichstellungsgesetz wurde übersetzt und auch das Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz. Immer mehr Webseiten, etwa von Ministerien, informieren auch in Leichter Sprache. Deren Verfechter sind optimistisch – obwohl ihnen etwas Entscheidendes fehlt: Geld.

[...]

Leichte Literatur ist verpönt

Leichte Literatur ist ein Albtraum für Liebhaber der deutschen Sprache, die weit entfernt sind vom nordischen Pragmatismus. „Unser Nationalschriftsteller Aleksis Kivi ist kein Schiller. Weil er uns nicht so heilig ist, gibt es vielleicht weniger Widerstand gegen Übersetzungen“, sagt Virtanen.

Soll uns Deutschen daher die finnische Gleichmütigkeit und deren Leitfertigkeit als Vorbild schmackhaft gemacht werden, gleichwohl es verständlich ist, dass finnisch–ugrische Sprachen für den gemeinen Indoeuropäer beim Erlernen einer solchen schwerwiegende Probleme bereithalten und sich daher ein solcher Weg für die Finnen vielleicht sogar anbietet, um die eigene Sprache international interessanter für Studenten und Immigranten zu gestalten? Doch weiter im Text:

Er vergleicht die Leichte Literatur gern mit Adaptionen im Film oder auf der Bühne: Auch hier halte sich der Regisseur nicht wortgetreu an die Vorlage. „Es geht ja nicht darum, Originalliteratur abzuschaffen“, betont Annette Flegel. Es gehe um gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Leichte Sprache will nicht schön sein.

Leichte Sprache will aber für alle da sein.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ein zumindest normal gebildeter Bürger diese beiden vorangegangenen Sätze in halbwegs entspannter Weise ertragen kann, ohne sich dabei innerlich zu winden und fast aufzuschreien, ob der sowohl semantischen wie syntaktischen Primitivität. Eine „Sprache“ kann schlichtweg nichts wollen, wohl aber deren Erfinder, welchen der Autor dieses Blogs gern fünf schallende Ohrfeigen verpassen würde, begleitet von den in der deutschen Sprache üblichen Artikeln: der, die, das, ein, eine. Aber es geht noch viel weiter:

Weil nicht zuletzt eine große Schrift und Bilder zum Konzept gehören, ist die barrierefreie Sprache neben barrierefreiem Internet und Gebäuden auch für alte Menschen ein Thema, sagte Flegel. „Die Rampe für Rollstuhlfahrer ist ja auch für die Oma oder die Frau mit Kinderwagen gut.“ Dank der vielen Piktogramme könnten auch Analphabeten profitieren. Und leicht verständliche Formulare oder Gebrauchsanweisungen würden wohl viele Bürger gutheißen.

Man könnte es besser auch so formulieren, dass Analphabeten nun noch weniger Gründe finden, lesen und schreiben zu lernen. Andererseits lassen sich aus Piktogrammen auch sehr oft falsche Aussagen herauslesen.

Finnland geht auch hier mit gutem Beispiel voran. Die Sozialversicherungsanstalt Kela gibt Broschüren in Selkokieli heraus. Das Land plant einen Einbürgerungstest, wie man ihn in Deutschland schon kennt. Ein Übungsbuch soll bei der Vorbereitung helfen – auf Selkokieli. Und das wäre weltweit beispiellos.

Auch Belgien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Estland und die Niederlande haben mittlerweile eigene Zeitungen in Leichter Sprache. Doch bis zum „Leichten Alltag“ ist es nicht nur in Deutschland noch ein weiter Weg. [4]

Dies setzt voraus, dass man als Bürger diesen Weg gehen wollte. Natürlich kann man sich dies sehr gut vorstellen, vor allem, weil dann unsere Politiker noch weniger erklären müssten und unsere Journalisten in noch primitiveren Piktogrammen die Konsequenzen der politischen Entscheidungen entsprechend ihrer eigenen Ausrichtung nach rechts oder links so verdrehen können, wie es ihnen beliebt. Somit werden die Gazetten der beiden großen Spektren sich dem auch niemals entgegenstellen, vielleicht einige Autoren, denen es weniger Spaß bereitet, hinter jeder Wortgruppe einen Punkt zu setzen und ihre eigentliche Botschaft vielleicht gar nicht mehr vermitteln zu können. Vielleicht möchten diese auch noch in Zukunft verstanden werden, wissen aber um die Lethargie der heranwachsenden Generationen, welchen man damit die Lizenz zum einfachen Schreiben und nicht zuletzt auch zum einfachen Denken erteilen würde. Doch in den Chefetagen der Welt, der taz, des Spiegel, der Bildzeitung etc. ist man angesichts immenser Möglichkeiten, seine eigenen Kosten zu reduzieren, mit Sicherheit schon arg gespannt auf diese „Krisenchance“, welche vielleicht nicht ihren Absatz erhöht, wohl aber ihren Gewinn.

Es ist also nicht zu erwarten, dass die Einführung einer solchen „Leichten Sprache“  auf sich warten lassen wird. Nein, eine solche Einschätzung kann der Autor dieses Blogs keineswegs teilen und bestreitet dies auch ausdrücklich. In den letzten Jahren haben die Medienvertreter wie auch unsere Politiker ja schon bereits alles erdenkliche getan, um die deutsche Sprache zu entleeren und inhaltlich zu entstellen. Der abenteuerliche Verzicht auf bestimmte und unbestimmte Artikel, die Aufwertung von Wortgruppen zu Sätzen, in welchen nicht einmal mehr ein Prädikat verwendet wird, eine lässige und zugleich sehr kreative Orthographie in Verbindung mit einer grundsätzlichen Neigung zu zwei– bis vierbuchstabigen Abkürzungen sind mittlerweile selbst in den Onlineausgaben der großen Tageszeitungen nicht mehr die Ausnahme, sondern zu einer seltsamen Normalität verkommen. Und Lawinen, auch ideologische, wenn diese einmal im Rollen sind, kann man oftmals kaum mehr aufhalten. So wird es wohl oder übel auch in diesem Beispiel der "leichten Sprache" geschehen, dass die Bevölkerung erst rebelliert, wenn Fakten geschaffen wurden.

Doch eine weitere und noch intensiver betriebene Vereinfachung der deutschen Sprache würde es dem Durchschnittsbürger, wie leicht zu folgern ist, um einiges schwerer machen, komplexe Zusammenhänge zu begreifen, im Gegenteil würden sich genau hierdurch zusätzliche Verständigungsprobleme ergeben, welche einerseits das Erfassen von politischen Abläufen, aber auch das Hineindenken in solche Abläufe selbst unmöglich machen würden.

Denn wer sich nicht mehr der Zwischentöne und der Assoziationen bewusst ist, welche sich in einem geschriebenen Text auftun, wer sich nicht mehr mit den Freudschen Versprechern oder den Gründen für die Verwendung von Metaphern beschäftigen kann, fehlt letztlich auch der Zugang zum Verfasser einer Publikation.

Folgende Aussagen finden sich auf der Homepage der Betreiber des Konsortiums, welches sich wie heute üblich als „Netzwerk“ bezeichnet:

Herzlich willkommen beim Netzwerk Leichte Sprache

Wer wir sind:

Wir sind das Netzwerk Leichte Sprache. Ein Netzwerk ist eine Arbeits-Gruppe. Wir wollen, dass es mehr Leichte Sprache gibt. Zum Beispiel: bei Briefen vom Amt, Verträgen oder Anträgen. Leichte Sprache können alle besser verstehen. Was wir machen: Wir informieren über Leichte Sprache. Wir übersetzen schwere Texte in Leichte Sprache. Zum Beispiel Gesetze, Verträge oder Informationen. Wir machen Schulungen für Leichte Sprache. Zum Beispiel für ein Amt, für Mitarbeiter beim Wohnen oder für eine Firma. Wir machen eine Bücher-Liste. In der Liste stehen viele Bücher in Leichte Sprache. Wir machen Regeln für Leichte Sprache. Wir wollen Gesetze für Leichte Sprache. Denn Leichte Sprache soll ein Recht für alle werden. Was wir wollen: Wir wollen, dass es mehr Leichte Sprache gibt. Denn Leichte Sprache können alle besser verstehen. Wir wollen, dass Leichte Sprache ein Recht wird. Dafür haben wir Unterschriften gesammelt. Rund 13.500 Menschen haben unterschrieben. Für wen ist leichte Sprache? Jeder Mensch kann Texte in Leichter Sprache besser verstehen. Leichte Sprache ist besonders wichtig für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Leichte Sprache ist auch gut für alle anderen Menschen. Zum Beispiel: Für Menschen, die nicht so gut lesen können. Für Menschen, die nicht so gut Deutsch können. [5]

Als „leicht“ kann man diese Lektüre nach meinem Dafürhalten kaum bezeichnen, vielmehr erinnert der Text den Leser an die heutige Werbesprache, welche in ähnlicher Form überstrukturiert erscheint.  Nebenbei werden häppchenweise Details in unvollständige Sätze gequetscht, Adjektive werden bedenkenlos substantiviert und zusammengesetzten Nomen mit einem Deppenbindestrich der Garaus gemacht.

Dahinter stehen der gebürtige Leinefelder Stefan Göthling und die bereits oben im Artikel der Welt Online erwähnte Diplom–Sozialarbeiterin Annette Flegel, welche wohl aus Gründen der Einfachheit ihrer eigenen Website den Namen „Sprachflügel“ gab, somit ein „E“ gegen ein „Ü“ tauschte.

Ob damit eine subversive Aussage getroffen werden soll, bleibt unklar, dennoch scheint diese Bezeichnung eine gewisse subtile Perversion zu implizieren, da es sich bei den Protagonisten eines solchen Vorhabens fraglos um „Sprachflegel“ handelt, welche das Verständnis von komplexen Zusammenhängen über die Entleerung der Sprache durch Weglassen erklärender Nebensätze und dem Verzicht auf elementare Möglichkeiten der Konversation erschweren möchten.

Obschon Frau Flegel erklärt, dass es ihre Neusprechvariante schwer haben würde, von der Gesellschaft angenommen zu werden, macht die Verbreitung der ultimativen Synkopensprache schon Fortschritte, zum Beispiel bei den Grünen in Berlin. Eine Politikerin mit Namen Silke Gebel macht auf ihrem Blog ungeniert Werbung für das Projekt „Volksverdummung durch Weglassen“, wie man die „Leichte Sprache“ treffender bezeichnen könnte:

Leichte Sprache für Berlin

Das grüne Programm für Berlin ist jetzt auch in leichter Sprache erhältlich. Es kann auf der Seite des Landesverbandes hier heruntergeladen werden. Es ist üblich, dass grüne Programme in leichte Sprache herunter gebrochen werden. Politik muss für alle Menschen verständlich sein! Barrierefreiheit ist noch immer nicht in allen Bereichen üblich. Bei meiner baldigen Neugestaltung meiner Homepage werde ich darauf achten, dass alle Menschen unabhängig vom Breitbandanschluss oder der Sehstärke meine digitalen Inhalte verfolgen können. Mehr geht immer! (Bis es irgendwann Standard ist…) [6] ( vgl. Quelle: [7] )

Doch auch auf der Seite des liberal regierten Außenministeriums findet man die „Leichte Sprache“ problemlos. So heißt es auf einer Unterseite des Auswärtigen Amtes:

In der Menschen-Rechts-Politik brauchen wir Geduld - Ein Gespräch mit Markus Löning

[...]

Jedes Jahr gibt es mehr Menschen, die diese Hilfe brauchen. Zum Beispiel, weil es immer mehr Natur-Katastrophen gibt. Und weil die Folgen immer schlimmer werden.

Wo sehen Sie dort die wichtigsten Ziele?

Ich kenne die Antwort noch nicht genau. Aber aus dem Erdbeben in Haiti konnten wir viel lernen. Diese Dinge müssen wir tun:

Wir müssen den Menschen helfen, bevor etwas passiert. Besonders in Ländern, wo es viele Probleme gibt: Zum Beispiel viele arme Menschen, schmutziges Trink-Wasser
und wenig Bildung. Viele Natur-Katastrophen hängen bestimmt auch mit dem Klima-Wandel zusammen.

Piktogramm - "Leichte Sprache" - inhaltlich leerAbbildung 1

Zusammenarbeit

Hier müssen alle gut zusammen arbeiten. Wir müssen helfen, Katastrophen zu vermeiden. Und wir müssen den Ländern nach einer Katastrophe helfen. Beides gehört zusammen.

[...]

Das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen hat den Text
in Leichte Sprache übersetzt.

Die meisten Bilder hat das
Reinhild Kassing, © Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. gemacht.

Die anderen Bilder sind von: Mayer-Johnson LLC

Stand 02.05.2011

 

[...] [8]

Es handelt sich hierbei nicht um einen schlechten Scherz, dieser Text steht genau so auf einer offiziellen Seite des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland. Er liest sich aufgrund der gewollten Schlichtheit schleppend, spürbar infantil und zugleich belehrend, dennoch wirkt gerade diese bewusst implizierte Naivität wie Spott und Hohn gegenüber einem politisch interessierten Leser. Verwendet werden dabei sich ständig wiederholende Stilmittel. So fallen auch hier wiederum die einfach gestrickten Satzfragmente auf und desweiteren fast schon provokant eingesetzte Bindestrichkonstruktionen wie zum Beispiel: Natur-Katastrophen, Trink-Wasser, Klima-Wandel und die sicherlich sehr „konservative“ Menschen-Rechts-Politik. Ihr Pendant, die Menschen–Links–Politik, wird dann wohl später von der früheren Nerdfraktion, also der Piratenpartei, thematisiert werden, möchte man dann schon selbst spöttisch anmerken.

Man erkennt indes bereits auch hier die aus der Politikersprache bekannte Austauschbarkeit der Begriffe und deren Plastikwortcharakter, welcher eine wesentliche Grundbedingung, eine normative Eigenschaft heutiger Modewörter darstellt und damit genauso in die Denkschemata neoliberaler NLPisten, agitierender Antifaaktivisten und sonstiger Demagogen passt.

Man vergleiche zudem die beiden Piktogramme auf der Seite des Auswärtigen Amtes und der Homepage der Vertreter der „Leichten Sprache“ ( Abbildung 1 oben und Abbildung 2 unten ).

Piktogramm - "Leichte Sprache" - inhaltlich leerAbbildung 2 ( vgl. Quelle: [5] )

Man bedient sich faktisch der selben Graphiken und wohl auch der gleichen sprachlichen Versatzstücke, um jedem tieferen Verständnis der zu besprechenden Themengebiete eine unüberwindliche Hürde voranzustellen. Denn kann der Mensch schon aufgrund der Einfachheit eines Textes seine Gedanken nicht mehr in die Tiefe schweifen lassen, bleiben diese damit an einer Oberfläche, welche für alle Leser gleich ist. Damit wird die Vermassung der Gesellschaft weiter verstärkt und eine Diskussion der Inhalte beinahe unmöglich.

Demnach sollte man dies nun nicht einfach als ein Entgegenkommen von halboffiziellen und staatlichen Stellen betrachten. Diese Leute haben sich zu ihrem Vorgehen mehr als nur hinreichende Gedanken gemacht. Man muss annehmen dürfen, dass hinter einer solchen Vereinfachung der Sprache das Wissen um die Bequemlichkeit der Massen steht, welche ein solches Handeln nicht allein toleriert, sondern davon angezogen wird. Man will die Bevölkerung oder genauer den einzelnen Bürger auf diese Weise gegen die ihm ureigene Skepsis immunisieren. Was wie ein harter Vorwurf klingt, ist doch nur der logischste Schluss, da ein Handeln in dieser Richtung keineswegs erforderlich war oder ist.

José Ortega y Gasset schreibt in seinem Standardwerk „Der Aufstand der Massen“ auf Seite 125 über den Massenmensch folgende fast prophetische Worte:

„Nicht dass der Massenmensch dumm wäre. Im Gegenteil, der gegenwärtige ist gescheiter, hat größere intellektuelle Fähigkeiten als irgendeiner in der Vergangenheit. Aber diese Fähigkeiten helfen ihm nicht; im Grunde hilft ihm das undeutliche Bewusstsein ihres Besitzes nur dazu, dass er sich noch hermetischer in sich verschließt und sie erst recht nicht gebraucht. Den Wust von Gemeinplätzen, Vorurteilen, Gedankenfetzen oder schlichtweg leeren Worten, den der Zufall in ihm angehäuft hat, spricht er ein für allemal heilig und probiert mit einer Unverfrorenheit, die sich nur durch ihre Naivität erklärt, diesem Unwesen überall Geltung zu verschaffen. [...] nicht dass der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt.“ [9]

Und diese Gewöhnlichkeit kann durch die Entleerung des gesprochenen Wortes eine neue Dimension erreichen, die Frage bleibt indes, ob von dieser niedrigeren Stufe des Intellekts die Menschheit sich hernach wieder befreien können würde. Eine Möglichkeit, sich gegen ein solches Unterfangen zu wehren, besteht indes für jeden von uns, jeden Morgen auf neue. Denn niemand kann den Bürger zwingen, sich diesen Vorgaben zu beugen. So bleibt jedes Komma und jeder bestimmte Artikel, jedes Verbum und jeder verschachtelte Satz ein Stück weit Teil des Protests gegen eine Entmündigung des Bürgers durch die Usurpation einer seiner ureigenen Freiheiten, seiner Sprache.

 

Quellen:

[1] LeBon, Gustave: Die Psychologie der Massen, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1964, S.88.

[2] http://www.sprachfluegel.de/kontakt.php

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/UN-Konvention_%C3%BCber_die_Rechte_von_Menschen_mit_Behinderungen

[4] http://www.welt.de/wissenschaft/article13660679/Viele-Deutsche-verstehen-nur-Teile-der-Tagesschau.html

[5] http://www.leichtesprache.org/

[6] http://klopapiersprueche.wordpress.com/2011/05/10/leichte-sprache-fur-berlin/

[7] http://silke-gebel.de/

[8] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Menschenrechte/LeichteSprache/Interview_Menschenrechtsbeauftragter.html?nn=358016

[9] Ortega y Gasset, José: Der Aufstand der Massen, Lizenzausgabe für den Bertelsmann Lesering, Gütersloh, undatiert, Original aus dem Jahre 1929, S.125.

 

 

13.09.2011 um 18:45 Uhr

Gaddafis grünes Blatt – Warum konstruktivistische Sichtweisen das Leben erschweren

Es ist wahrlich schon lange kein Geheimnis mehr, dass sich in den Köpfen der jüngeren Generationen konstruktivistische Thesen breit gemacht und das rationale Denken vollends verdrängt haben. Eine Tatsache kann nach diesem Verständnis für den einen Menschen richtig und den anderen falsch sein, ohne dass man einen Widerspruch darin finden möchte.

Diese Spezies – die der Konstruktivisten – ist davon überzeugt, dass eine Meinung einer Person so etwas wie eine allumfassende Wahrheit darstellt. Dahinter verbirgt sich zum einen die Illusion, dass jeder auf seine eigene Art alles richtig mache, zum anderen wird der Egoismus legitimiert, welcher keineswegs gesellschaftsfähig geworden, sondern faktisch gleich zur Leitmaxime emporgestiegen ist.

Hier wird einem rational denkenden Menschen die Argumentation genommen, denn nach einer Wahrheit zu suchen, welche beiden Meinungen übergeordnet ist, hat für den Konstruktivisten etwas seltsam waches, reales, er ängstigt sich förmlich davor, seinen Standpunkt von außen und dennoch im vollen Bewusstsein seiner Gefühle zu betrachten, dabei wechselseitig hin und her springend, agil und bereit, seinen Standpunkt zu hinterfragen.

Doch eine Wahrheit ergibt sich stets im Kontext, in der Abwägung verschiedener zueinander stehender Fakten, aus welchen sich eine Struktur des Problems ablesen lässt. Die Stichworte hierzu sind vielleicht Nash–Gleichgewicht oder Ursache–Wirkungs–Prinzip, es geht auch um Prioritäten und gegenseitige Verflechtungen und daraus sich ergebende Konsequenzen.

Diese Dinge erklären sich für einen kritischen Realisten im Nu, er braucht keine endlosen Debatten um die Frage der Sichtweisen und der angeblichen Gleichwertigkeit dieser. Moral ist nicht relativierbar. Sicher, niemand sollte sich seiner sicher sein, glauben zu wissen, sondern stets wissen, nur zu glauben.

Um den Wahnwitz zu verstehen, kann man sich einen beliebigen Diktator nehmen – gerade wäre Gaddafi ein aktuelles Beispiel, und sagen, dass auch dieser eine eigene Meinung hätte und diese für ihn „richtig“ sei. Dieses „Ich–bin–ok–Du–bist–ok“–Denken ist eine der größten Lügen des Konstruktivismus. Man stelle sich also Muammar al–Gaddafi bei seinem Psychoanalytiker vor, während der Diktator erklärt, wie sehr er doch an die guten Gründe geglaubt habe, er sei doch nur ein ganz normaler Tyrann gewesen und habe es doch gut gemeint, sagt ihm sein Analytiker – so dieser Konstruktivist seien sollte: „Für Sie waren diese Jahre eine wichtige Erfahrung, und aus ihrer Sicht war es richtig. Aber aus der Sicht der Rebellen ist deren Perspektive richtig, deren Wahrnehmung ist eine andere.“

Man wird ahnen dürfen, was Gaddafi oder ein beliebiger anderer Diktator mit seinem Analytiker machen würde, wenn er eine solche Antwort erhielte. Gehen wir also davon aus, dass Gaddafi keinen Analytiker beschäftigt. Außerdem tun wir damit der Branche der Psychologen unrecht, da diese im Grunde eine letzte Bastion gegen die Westentaschentrickser unserer Zeit darstellen. Genau genommen entwickelte sich der Konstruktivismus aus einer Nischendisziplin der Philosophie heraus zu einem Teilgebiet der Coachingesoterik, welche über moderne Filme und Medienberichte wie Fernsehdebatten in unseren Alltag hineindriftet. Die Menschen übernehmen es, weil man ihnen den Konstruktivismus vorlebt. Zudem fühlen sie sich aufgrund des herrschenden Zwangs zur political Correctness fast schon genötigt, eine unklare Haltung einzunehmen, welche für sich wiederum das lavierende Argumentieren forciert. Man hat also einen Anreiz, eine stete Übertragung durch die Medien und ein Motiv, das Verschleiern eigener Haltungen, was zu einer Konditionierung führen kann, aber keinerlei Selbstschutzreflex, weil der Konstruktivismus auch zur geistigen Faulheit anstiftet, somit eine Versuchung darstellt, welcher man leicht nachgeben kann.

Was sind also die Konsequenzen?

Unzählige Menschen vertreten heute die Ansicht, dass jede Meinung und jede Auffassung von den Dingen akzeptabel und damit hinzunehmen sei, unabhängig davon, ob eine Aussage und die dahinter stehenden Absichten integer sind, ob eine Verhältnismäßigkeit der Ansprüche gegeben ist oder ob es nur um ein egoistisches Insistieren auf eigenen überzogenen Forderungen an das Leben geht.

Ein oft gewähltes Beispiel ist dabei das grüne Blatt. Der Konstruktivist meint, dass jeder Mensch ein solches unterschiedlich wahrnimmt und es deshalb sich nicht um das gleiche grüne Blatt handeln könne, somit sei nur das wahr, was der betreffende selbst dächte. Wird ein und dasselbe Blatt von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, so erkennt man die vielen Facetten welche es bietet, was vor allem etwas darüber aussagt, wie sehr unsere Wahrnehmung uns täuschen kann. Aber hier zu verweilen und unsere kognitiven Fähigkeiten als Menschen zu leugnen, weiter so zu verfahren, als sei es unmöglich die wahre Struktur zu ergründen, ist kein Zeichen von wacher und suchender Aufrichtigkeit, sondern eine Bankrotterklärung der eigenen Ratio, welche die Psyche des Menschen immer auch zu berücksichtigen hat. Die Frage stellt sich, ob der Verstand oder das Gefühl den Menschen in seinen Handlungen leitet. Für den Konstruktivisten ist dies ganz eindeutig letzteres, da er seinem Gefühl oder seiner Wahrnehmung nicht etwa mehr vertraut, aber sich geradewegs von seinen Affektionen beeinflussen lässt. Ein kritischer Realist hingegen sucht in den verschiedenen Wahrnehmungen eine tiefere Wahrheit, eine Logik, versucht unterschiedliche lose Fäden zu verbinden und eine für alle Seiten richtige Entscheidung zu treffen. Dabei begreift er seine eigene Unzulänglichkeit und orientiert sich an den gegebenen Möglichkeiten und den betroffenen Personen, ihrer Persönlichkeit und einer übergeordneten Moral. Er weiß dabei um seine Fehler und ordnet alles, bis sich eine oder mehrere etwa gleichwertige bzw. für alle Seiten erträgliche Lösungen ergeben. Der Konstruktivist hingegen betrachtet sämtlich alle Meinungen als gleichwertig, er leugnet die Unterschiedlichkeit dieser hinsichtlich der Bedeutung für alle Beteiligten und kommt vereinfachend zu dem Schluss, alle Menschen gleich zu behandeln, was zum einen den egomanischen Hedonisten einen ganz klaren Vorteil verspricht, den rational argumentierenden naiven Menschen indes in Probleme bringt. Sicherlich spürt man dies auch im normalen Alltag. Sobald ein Konstruktivist sich nicht traut, eine Stellung zu beziehen, laviert er zwischen den Fronten und stellt Meinungen gegeneinander, welchen er dann jeweils seinen Respekt bekundet. Eine Wertung ist ihm fremd. Er schüttelt damit nicht nur seine eigene Verantwortung, sondern auch seine kognitiven Fähigkeiten ab, macht sich zum Nacherzähler, zum Protokollanten, weil er – nach Kant – sich nicht traut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Der Verstand würde ihm den Weg weisen, wohin bliebe zunächst einmal offen und würde sich erst erschließen, wenn derjenige sich wirklich mit den Fragen befasst hätte, welche das gesamte Problem betreffen.

Dem obigen Beispiel folgend, betrachte man die untere Abbildung. Einige der hier dargestellten grünen Blätter weichen sehr stark von dem eigentlichen Blatt ab, andere zeigen eine fast dem Original identische Struktur und Färbung. Ein Konstruktivist zeigte hier großes Verständnis für die Wahrnehmung jedes einzelnen, erwürde soweit gehen, daraus abzuleiten, dass es alle diese Blätter gäbe, zumindest in der Vorstellung der Menschen und darüber hinaus noch einige mehr. Der Empiriker hingegen fände einen alle vereinigenden Kompromiss zwischen diesen und würde das Blatt auf diesen Nenner bringen wollen. Die gesamte Marktforschung und politische Kampagnen verfangen nach dem Prinzip des Empirismus: Wer etwas verkaufen will, kann es sich nicht leisten, konstruktivistische Überzeugungen zu pflegen.

ein grünes Blatt in verschiedenen Tönen und Kontrasten [1]

Immanuel Kant hatte ein Problem mit dem Empirismus. Dies ist verständlich, wenn man sich begreiflich macht, dass es nicht das arithmetische Mittel oder gar der Median sein kann, in welchen sich die Wahrheit manifestiert, sondern dass selbige auch am Rande liegen kann, gerade bezüglich kolportierter Meinungen und gesellschaftlich anerkannter Positionen wird dies sehr schnell deutlich.

Der Spruch, dass die Wahrheit immer in der Mitte läge, ist somit eine Floskel, welche ihren Ursprung im Empirismus hat, wobei selbiger schon sehr zweifelhaft, aber noch dahingehend akzeptabel ist, da man mit dessen Vertretern noch passabel argumentieren kann. Einen Empiriker zu widerlegen, ist logischerweise um einiges leichter, als einen Konstruktivisten von seinen Irrtümern zu überzeugen. Da man dem Empiriker oft klarmachen kann, dass er viele Einzelfaktoren nicht kennt, muss sein Mittelwert auch nicht der Wahrheit entsprechen. Ein Konstruktivist hingegen ist für selbige erst gar nicht zugänglich.

Um also eine Lösung für ein Problem zu finden, sollte man sich gerade im Sinne der Interpretation der Wahrnehmung durchaus der Naturwissenschaft und in diesem speziellen Beispiel des grünen Blattes der Biologie bedienen, der chemischen Struktur des maßgeblichen Pflanzenfarbstoffes. Hinter diesen Unstimmigkeiten bezüglich der Beurteilung der Farbe und Struktur stehen somit schlicht folgende Formeln des Chlorophylls, welche schließlich auch chemischen und biologischen Prozessen unterworfen sind:

Struktur von Chlorophyll ( a, b und d )

Struktur von Chlorophyll ( c1 und c2 ) [2]

Natürlich ist diese Aussage nicht vollständig richtig. Denn es sind hier sämtliche weitere Verbindungen und die chemischen und biologischen Prozesse innerhalb des einzelnen Blattes komplett ausgeblendet worden. Hinzu kommen die Reizung der ausgesendeten Wellenlängen in den Augen und die Weiterleitung der Reize ins Gehirn, deren Verarbeitung und sämtliche Einschränkungen, welche während dieses Prozesses eine Rolle spielen. Doch auch hier ist keineswegs Schluss. Die diesen chemischen und biologischen, psychologischen und seelischen Faktoren innewohnenden Details hat die Wissenschaft nur einen Bruchteil ihrer Rätsel entlockt. Doch sollte man daher aufgeben und sich treiben lassen? Sollte man nicht weiterforschen und nach den Rätseln des Universums suchen?

Der Konstruktivist macht es sich einfach, indem er sagt: „Ich bin ok, Du bist ok.“ Oder auch: „Ich habe mit meiner Meinung recht, Du hast mit Deiner Meinung recht.“ Aber die Farbe des Chlorophylls hat wenig mit einer Meinung zu tun, im Grunde ist sie, auch wenn wir die Wege unserer Wahrnehmung nicht begreifen, dennoch in einem großen Ganzen viel zu konkret und gäbe es, wenn hierzu der menschliche Verstand genügte, eine erschöpfende Erklärung, wie die angeregten Elektronen im Ligandenfeld Wellenlängen des sichtbaren Lichts aufnehmen und andere aussenden, wie diese in die Wahrnehmung des Menschen gelangen und dort mit Erfahrungen korrelieren. Es klingt staubtrocken, die Schönheit eines grünen Blattes so nüchtern zu erklären, aber letztlich zeigt sich, dass hier kein Platz für Meinungen ist. Die Dinge sind festgeschrieben im Universum, auch wenn wir sie nicht verstehen.

Die Tatsache, dass das Wissen des Menschen in allen Belangen seinen Bedürfnissen nicht entspricht, darf uns aber nicht dazu anhalten, zu lethargischen Müßiggängern des Geistes degenerieren. Doch genau dies tun wir, wenn wir uns dem Irrglauben des Konstruktivismus übergeben und eine Laissez–Faire–Bohemien–Mentalität abstreben. Außerdem schwächen solcherart Betrachtungen die Beziehungen zwischen den Menschen, welcherart diese auch immer sein mögen. Denn wir reden nicht miteinander über unsere Standpunkte, wenn wir jeden anderen gelten lassen. Der Konstruktivist gefällt sich in der Rolle des Analytikers, des Betrachters und nicht des Agierenden. Seine größte Angst ist es, auf eine Position bestehen zu müssen, welche er mit Nachdruck behaupten müsste. Doch wer immer im Seichten zu lavieren sucht, verlernt zu seinen Überzeugungen zu stehen. Dies heißt nicht, dass man nicht andere Meinungen tolerieren sollte, vielmehr ist es entscheidend nach der Verhältnismäßigkeit zu suchen und dieser Geltung zu verschaffen.

Doch da wir niemals wissen, was richtig und was falsch ist, sollten wir uns in allen diesen Dingen von moralischen oder zumindest den der momentanen Situation adäquaten Beweggründen leiten lassen. Ein solches Verhalten vereinfachte es auch, zu einem viel späteren Zeitpunkt die eigene Position zu verteidigen.

Das Problem ist, dass heute die Perspektive in den Mittelpunkt gestellt wird, wobei es der realen und nackten Wirklichkeit schier egal ist, aus welchem Winkel der kleine Mensch auf sie blickt. Der Stolz, welcher darin liegt, mag für manche ein Trost sein, dennoch nimmt gerade dieser den Menschen jenen intrinsischen Antrieb, welcher Generationen vor der unsrigen ausgezeichnet hat und den Wohlstand des 21. Jhs. erst ermöglichte. Diese Undankbarkeit der Bevölkerung gipfelt in der skurrilen Überhöhung sowohl des eigenen als auch des anderen Selbst, getragen durch die Errungenschaften anderer. Angestoßen von außen, bleibt ihnen nichts anderes, als langsam wieder zu sich selbst zu finden. Doch sollte dies so einfach möglich sein? Das Gift des Konstruktivismus ist in die Seelen der Menschen gedriftet und hat sie zu des Denkens unfähigen Zombies gemacht. Dagegen zu halten, heißt auch, an der eigenen Meinung immer auch Kritik zuzulassen, dem Gegenüber die Chance zu geben zu triumphieren, der echten Auseinandersetzung, den klaren Gedanken, der offenen Verletzbarkeit sich niemals zu entziehen.

 

Quellen:

[1] http://us.cdn1.123rf.com/168nwm/domdeen/domdeen1105/domdeen110500007/9601643-gr-nes-blatt-vein-bodhi-blatt-auf-wei-em-hintergrund.jpg

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Chlorophyll

 

 

07.09.2011 um 17:54 Uhr

Die falsche Wahl

In zwei Wochen wird nun in Berlin gewählt, und neben unsäglichen Wahlplakaten und seltsamen Stilblüten in Form unerquicklicher Slogans erscheint das Rennen um die ersten Plätze durchaus schon fast entschieden.

Außerdem hat man den Eindruck, als würde sich jede Partei Werbestrategen bedienen, deren politische Einstellung der eigenen widerspricht. So fühlt man sich von keiner der großen Parteien ernst genommen. Der Spitzenkandidat der SPD lächelt auf unzähligen Plakaten fast schon zynisch auf die Wähler herab. Eine alte Frau nimmt er bei der Hand und muss ob dieser Skurrilität sein Gesicht verziehen, oder er mimt den guten Onkel, wenn er sich von Kindern eine Alligatorenmaske überziehen lässt und den Jugendversteher inmitten pubertierender junger Frauen, die ganz gern mit ihren Handys spielen.

Die CDU setzt auf einen blassen Typen und Postwurfsendungen. Man erhält als Berliner Briefe ohne Absender und bleibt im unklaren darüber, was sich im Kuvert befindet, außer dass es sich um „Wahlinformationen“ handeln soll. Der schmierige Bernd Krömer lacht den Wähler genauso aus wie Klaus Wowereit, beide Parteien machen es ihren Anhängern damit äußerst schwer, sich überhaupt in zwei Wochen aufzuraffen. Die Grünen hingegen haben die Etikette entdeckt, einfallsfrei sind aber auch hier die Sprüche auf den Plakaten.

Doch geht es bei dieser Wahl wie so oft nicht so sehr um die Grünen und die beiden großen, sondern vielmehr um die kleineren Parteien, und damit sind in diesem speziellen Beispiel sogar die ganz kleinen gemeint, die Splitterparteien, welche man eigentlich nur gelegentlich wahrnimmt.

Drei dieser kleinen Parteien haben nach meinem Dafürhalten eine reelle Chance, in das Parlament einzuziehen, die moslemische BIG, die islamkritische "Freiheit" und das wahre Ärgernis, die Piratenpartei, über welche man vorsichtshalber einmal die Bürger etwas aufklären sollte, da die anderen beiden zumindest klar mit offenen Karten spielen und soweit polarisieren, dass sich die Medien nicht einmal trauen, diese beiden in Umfragen zu erwähnen.

Bezüglich der Piraten fällt es nicht schwer zu vermuten, dass hinter der einstigen Partei der Internetfreaks und Nerds im allgemeinen, nun eine Sammelbewegung entstanden ist, deren Ziele vor allem anarchistisch geprägt sind. Von den ursprünglichen Zielen, wie der Freiheit des Internet und der Kritik an Datenspeichern ist man zwar noch nicht abgekommen, doch fragt sich der gemeine Wähler, wie er die anderen Punkte einordnen soll. So unterstützt die Piratenpartei eine Legalisierung von Cannabis, wie in der Welt Online nachzulesen ist:

Piratenpartei in Berlin

Autor: Jens Anker, 04.09.2011, 08:56 Uhr

"Alkohol, Haschisch? Wir wollen Gleichbehandlung"

Die Piratenpartei hat in Umfragen die FDP überholt, steht vor dem Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus. Aber was will die Partei eigentlich?

[...]

Welt am Sonntag: Fordern Sie die totale Freigabe von Alkohol und Drogen?

Baum: Es gibt doch inzwischen viele Studien darüber, dass nicht mehr nachvollziehbar ist, warum Haschisch verboten ist und Alkohol nicht. Wenn man sich die Folgen von Alkoholsucht ansieht, dann sind die immens. Wir sind da für eine Gleichbehandlung. Wir sind dafür, stärker die Gefahren durch exzessiven Gebrauch von Rauschmitteln in den Vordergrund zu stellen. Das gilt dann auch für Alkohol und bedeutet eine Zurücknahme des Verbots beim Haschisch.

Welt am Sonntag: Geht es Ihnen nun um die Freigabe von Rauschmitteln oder nicht?

Baum: Ob wirklich alles freizugeben ist, muss man sehen. Grundsätzlich geht es darum, darauf hinzuwirken, dass das Problem der Beschaffungskriminalität bei Suchtkranken aufgelöst wird. Im Moment wird darüber nicht gesprochen.

[...] [1]

Keineswegs möchte ich mich hier über die Gefahren der Legalisierung von THC erschöpfend äußern, es muss hier reichen zu erwähnen, dass ein solcher Schritt weitreichendere Gefahren birgt, als mancheiner zu meinen glauben dürfte, schließlich würde man hiermit zu einem selbst für viele Kiffer dem Hanf den Reiz des Verbotenen nehmen, zum anderen würden sich viele Menschen, welche vor dem Betäubungsmittelgesetz Respekt haben, als Zielgruppe entdeckt und letztlich wären auch einige Mitmenschen davon betroffen, welche sich einer THC–haltigen Atmosphäre nicht freiwillig aussetzen wollen.

Darüber hinaus sind die Wirkungen auf das kognitive Denkvermögen hinreichend bekannt. Wissenschaftliche Studien belegen dies zwar immer wieder aufs neue, ihre Autoren relativieren indes die von ihnen erzielten Ergebnisse, weil absolute Feststellungen etwaige Schnellschlüsse implizieren und somit leicht anrüchig wirken ( vgl. hierzu auch Quelle [2] ).

Ein weiterer Grund, welcher gegen die Piraten einzuwenden ist, kann aus ihrem Verständnis zur Religion abgelesen werden. Ein Wahlplakat der Piratenpartei zeigt einen lachenden Ozzy–Osbourne–Verschnitt und dazu einen seltsamen Spruch, in dem es heißt, Religionen seien zu „privatisieren“. Was eine linksanarchistische Bewegung meint, wenn es ums Privatisieren geht, kann man sich denken. Privatisierung ist das Gegenteil von Verstaatlichung, und genau in den Spektren, denen man in der Piratenpartei Bedeutung beimisst, liegt ihnen nichts ferner als eine Privatisierung. Man lese weiter unten, was der Spiegel Online dazu schreibt.

Doch zunächst stellen wir einmal die Lippenbekenntnisse der Piratenpartei zur Religion ihrem Wahlplakat gegenüber und schauen, wie sehr sich doch all dies scheinbar widerspricht.

Die Piratenpartei schreibt:

Freiheit und Vielfalt der kulturellen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen kennzeichnen die modernen Gesellschaften. Diese Freiheiten zu garantieren, ist Verpflichtung für das Staatswesen. Dabei verstehen wir unter Religionsfreiheit nicht nur die Freiheit zur Ausübung einer Religion, sondern auch die Freiheit von religiöser Bevormundung. Wir erkennen und achten die Bedeutung, die individuell gelebte Religiosität für den einzelnen Menschen erlangen kann.

Die weltanschauliche Neutralität des Staates herzustellen, ist daher eine für die gedeihliche Entwicklung des Gemeinwesens notwendige Voraussetzung. Ein säkularer Staat erfordert die strikte Trennung von religiösen und staatlichen Belangen; finanzielle und strukturelle Privilegien einzelner Glaubensgemeinschaften, etwa im Rahmen finanzieller Alimentierung, bei der Übertragung von Aufgaben in staatlichen Institutionen und beim Betrieb von sozialen Einrichtungen, sind höchst fragwürdig und daher abzubauen. Im Sinne der Datensparsamkeit ist die Erfassung der Religionszugehörigkeit durch staatliche Stellen aufzuheben, ein staatlicher Einzug von Kirchenbeiträgen kann nicht gerechtfertigt werden.

Grundsatzprogramm der Piratenpartei Berlin beschlossen auf dem 2. Landesparteitag 2010. [3]

Hier nun das Plakat, welches zugleich eine sublimale Sequenz enthält, deren Aussage mehr als verwerflich einzuschätzen ist. Man achte auf den Kabelbinder oberhalb der abgebildeten Person:

Werbeplakat - Piratenpartei - Religionsfeindlichkeit - Spott [4]

Lacht da jemand etwa über seinen eigenen Heiligenschein? In einer säkularisierten Welt überhaupt religiöse Themen aufzugreifen, hieße nach allgemeinen Überlegungen eigentlich, die Bedeutung der 10 Gebote mehr in den Mittelpunkt zu rücken, anstatt sich von diesen noch weiter abzugrenzen. Man könnte auch sagen, je schwächer der Feind, umso leichter ist es, ihn zu bekämpfen. Nimmt man den dritten Satz aus ihrer Verlautbarung heraus, welcher wohl nur eine Besänftigungsfloskel darstellt, bleiben Begriffe wie „Datensparsamkeit“ oder „Alimentierung“, „Privilegien“ und der Terminus „Religionsfreiheit“, welche auch als ein „Freisein“ von jeglicher Religion verstanden wird. Dies könnte man klarer ausdrücken, unverblümter. Ihre eigenen Wähler wollen die Piraten sicherlich kaum vermittels solcher Euphemismen im Zaum halten, vielleicht mit Ausnahme der echten Nerds und Internetfreaks, also ihrer Anhänger früherer Jahre, welche sich in gewisser Weise diesem Antireligionsfeldzug nicht klaglos anschließen wollen würden.

Doch kommen wir nun zu der Frage der „Privatisierung“, einem Wort, welches in der Welt der Piraten grundsätzlich negativ konnotiert ist, wie man aus dem Spiegel erfährt:

07.09.2011

Piratenpartei in Berlin

Polit-Freibeuter kämpfen gegen die Realität

von Ole Reißmann

In mehreren Umfragen liegt sie vor der FDP: In Berlin könnte die Piratenpartei erstmals ins Abgeordnetenhaus einziehen. Die Newcomer wollen die Politik transparenter machen - ihr Wahlprogramm ist jedoch eine kaum finanzierbare Wunschliste.

Kostenloser Nahverkehr, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Lehrer auf 15 Schüler, Rauschkunde-Unterricht in der Schule, ein Herz für Hausbesetzer – das klingt nach den Grünen im Jahre 1983. Tatsächlich sind diese Utopien Auszüge aus dem aktuellen Wahlprogramm der Berliner Piratenpartei. Das Thema Internet, mit dem die Piraten bei der vergangenen Bundestagswahl zwei Prozent erreicht haben, kommt nur noch am Rande vor.

In drei Sätzen bringt es der Autor auf den Punkt: Wenn es einen anderen Grundgedanken jemals gab, mittlerweile ist diese Piratenpartei wohl nur noch ein Ort für kiffende und religionsfeindliche Hausbesetzer, also den Bodensatz der Gesellschaft.  So deutlich wird man beim Spiegel nicht, aber de facto spielt das eigentliche Thema, die Unzensierbarkeit des Netzes für die Piraten keine Rolle mehr. Sie haben andere Spektren für sich beansprucht. Die Frage ist also, sollten die ursprünglich von ihnen angetanen sie überhaupt noch ernst nehmen? Aber lesen wir weiter:

Die junge Partei hat in den vergangenen zwei Jahren vor allem mit sich selbst gekämpft und galt als schwer angeschlagen. Sie musste mit Tausenden neuen Mitgliedern zurechtkommen und Niederlagen in Serie einstecken: Parteitage endeten im Chaos, sechs Landtagswahlen gingen verloren. In der Piraten-Hochburg Berlin soll die Pechsträhne nun endlich durchbrochen werden.

Das könnte sogar klappen: Laut Umfragen ist die Fünfprozenthürde in greifbare Nähe gerückt. Fünf Jahre nach ihrer Gründung würden die Piraten dann erstmals in einem Landesparlament vertreten sein. Die FDP muss dagegen am 18. September mehr um den Einzug ins Abgeordnetenhaus bangen.

Die Wahlkämpfer der Piraten - allesamt Freiwillige, in Berlin beschäftigt die Partei nicht einmal eine Bürokraft - kleben dafür in der Hauptstadt mehr als 12.000 Plakate an, viermal so viele wie bei der Bundestagswahl. Kantige Gesichter sind darauf zu sehen, mit zum Teil ironischen Slogans: "Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht ja eh nicht wählen." Ein Kontrast zum Wohlfühleinerlei der anderen Parteien. Einige Piraten sind zur Unterstützung aus anderen Bundesländern in die Hauptstadt gereist. Tagsüber machen sie Politik, abends Party.

[...]

Renate Künast, die für die Grünen Bürgermeisterin werden will, denkt offenbar schon darüber nach, wie sie die junge Konkurrenz nur schnell wieder loswerden kann. Bei einer Kandidatenbefragung der Industrie- und Handelskammer konnte sie sich jedenfalls vorstellen, nötigenfalls zusammen mit den Piraten eine Koalition zu bilden - um sie "mehr ins Bürgertum zu ziehen, damit sie bei der nächsten Wahl in Berlin nicht noch einmal antreten und durchkommen", wie Künast sagte. Dann legte sie noch einen drauf: "Auch Piraten kann man resozialisieren." Ein Scherz, der für die Piratenpartei natürlich ein gefundenes Fressen ist.

Doch auch SPD und Linke fürchten womöglich die Piratenpartei. Jedenfalls erklärt die sich so, warum die Abgeordneten die auf Parteitagen beschlossene Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre erst für die nächste Wahl einplanen. Die Piraten, Durchschnittsalter 31 Jahre, fordern hingegen, schon 14-Jährige an die Urne zu lassen. Kein Wunder: Bei der Bundestagswahl entschieden sich neun Prozent der abstimmenden 18- bis 24-Jährigen für sie. [5]

Die deutsche Politik wäre also geradewegs somit zur Spielwiese für zynische Bohemiens geworden, zumindest in Berlin, zumindest wenn es den Piraten gelänge, die 5%–Hürde zu überspringen, was jeder Berliner zu vermeiden suchen sollte, dem irgendetwas an dieser Stadt gelegen ist.

Da Problem ist dabei, dass dem Bürger die anderen Parteien nicht wirklich zu empfehlen sind. Natürlich könnte man die Broschüren und Programmhefte der CDU und Grünen zerreißen, sich von ihren Plakaten abwenden und einer der beiden Parteien dann je nach innerer Gemütslage seine Protestkreuze schenken. Wahrscheinlich ist selbiges auch am sinnfälligsten, wenn man die folgenden Prognosen bedenkt, welche sich aus den letzten Umfragen ableiten lassen:


 Prognose zur Abgeordnetenhauswahl Berlin 2011 - gemittelte Werte aus drei Umfragen

Szenario - Abgeordnetenhauswahl Berlin 2011

Kommt die Piratenpartei nur auf 5,1 %, so erhält sie automatisch 5,7 % der Sitze, was zu folgender Situation führen könnte:

Szenario 2 - Wahlausgang Abgeordnetenhaus Berlin 2011[6]

Dann würde Berlin nicht mehr nur von Kommunisten regiert, welchen sich die Sozialdemokraten ergeben haben, sondern wäre die Folge möglicherweise eine Dreierkoalition, in welcher die Ziele der SPD vollkommen verloren gingen. Die Frage stellt sich, wie der Wähler die Sozis dazu zwingen kann, mit den Grünen zu koalieren. Eine große Koalition dürfte man hingegen für komplett unwahrscheinlich einschätzen und somit vernachlässigen.

In jedem Falle hat man wohl kaum eine richtige Wahl, solange zu viele Personen eine falsche treffen.

 

Quellen:

[1] http://www.welt.de/politik/wahl/berlin-wahl/article13582856/Alkohol-Haschisch-Wir-wollen-Gleichbehandlung.html

[2] http://www.thelancet.de/artikel/895734

[3] http://berlin.piratenpartei.de/themen/staat-und-religion/

[4] http://aquarium.teufel100.de/wp-content/uploads/2011/08/religionenprivatisieren.jpg

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784334,00.html

[6] http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm

 

 

 

14.08.2011 um 00:18 Uhr

Die Leitungsgesellschaft und ihre Anhänger

Es herrscht heutzutage ein Bild vom Menschen vor, welches bereits in seinem Selbstverständnis äußerst zynisch ist. Man spricht zwar einerseits von Direktheit und Geradlinigkeit, meint aber in Wirklichkeit damit eine gnadenlose Selbstbehauptung gegenüber anderen Menschen. Man wird genötigt, sich demonstrativ zu geben, und hier ist es schon beinahe egal, um welches Terrain es geht.

Deutlich merkt man selbiges, wenn man die heutige Sprache betrachtet, welche alle gesellschaftliche Bereiche erfasst zu haben scheint: Usability, Zeitmanagement, unzählige Aglizismen, Abkürzungen, welche schlicht unverständlich sind, haben den eigentümlichen Charme der Leichtigkeit des Seins. Hier gilt es mitzuziehen, kein Spielverderber zu sein, keine Kritik zu üben, sondern sich dem ins Perverse mutierten positiven Denken anzuschließen. In Worthülsen geben die Protagonisten dieser neuen Zeit ihren Mitbürgern gern und zu jeder Zeit Rat, sie stehen ihnen lakonsich und in formaler Art bei, solange sich der gemeine Bürger dieser Sprache gegenüber aufgeschlossen zeigt. Doch sie drohen diesem auch stets freundlich, sobald man den Pfad des Positivismus verlässt.

Sie verbergen dabei unter einer fassadenhaften Beschwingtheit manipulative Hintergedanken, aufgrund einer inhärent ein freies Selbstverständnis ausstrahlenden Wirkung aber scheinbar ohne Konsequenz für das eigene Leben. Doch selbige ist dennoch naheliegend, wenn man ein wenig weiterdenkt. Denn eine derartige Schaumschlägerei und ein lächerlich wirkender Illusionismus wirkt in den Menschen nach, der Zynismus formt sie und macht aus ihnen kalkulierende Wesen.

Die vielen netten Worte erreichen sozusagen eine Abstumpfung, man kann selbige also gar nicht mehr wirklich ernst nehmen, da man nie weiß, ob diese wirklich ehrlich gemeint sind oder nur aufgesetzt.

Zum anderen wird der Mensch damit auch in eine Spirale der Leichtfertigkeit hineingezogen, welche eine echte Tiefe in seinen Gedanken erschwert, wenn nicht irgendwann unmöglich macht. Man wird zum Zombie, zum einfältigen Bestätiger seiner Umwelt, verliert sich in zustimmenden Plattitüden und jede Schärfe wird zur unnachgiebigen Beleidigung. Gleichzeitig driftet man so in eine samtige Verlogenheit hinein, deren Folgen für den einzelnen und seine subjektive Einschätzung von der Welt auch auf seinen eigenen Charakter zurückfallen. Wohl nie zuvor in der Geschichte wurden Offenheit und Direktheit weniger geschätzt als heute.

Stattdessen versucht man sich in definitiösen Gehabe und steckt die Terrains für dreibuchstabige Abkürzungen ab, für welche mir der spöttisch gemeinte Anglizismus short comings einfällt, selbiger bekanntlich Unzulänglichkeiten bedeutet.

Und diese Unzulänglichkeit ist eine weitere dieser Seuchen der zweiten Dekade des 21. Jhs. Man spricht von einer Leistungsgesellschaft und meint indes nur die Strebsamkeit, sich diesen Idealen anzunähern, also vielleicht vielmehr eine Anleitungsgesellschaft. Denn seien wir ehrlich: Wer würde heute noch so viel „leisten“ wollen, wie es die Menschen in den früheren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten getan haben, und dies mit oft beiläufiger Selbstverständlichkeit? Es ist eine Zeit der Selbstüberschätzung und Selbstgewissheit, der Übertreibung. Niemand will aus diesem Traum unsanft geweckt werden, deswegen werden linke Genossen auch weiterhin in diesem Punkt den wirtschaftsliberalen Ignoranten reichlich zustimmen, und grobe gesellschaftliche Strukturen unterstützen die Menschheit auf ihrem Weg zur selbstverliebten Einfältigkeit. Denn schließlich haben die Linken auch etwas davon, wenn die Konservativen zumindest in der Theorie noch konservativ sind, sonst müssten sie nämlich einiges an ihrem Feindbild anders und vor allem auf eine komplexere Art erklären.

Vor dem Hintergrund der anstehenden Abgeordnetenhauswahl hier in Berlin vermisse ich gerade solche Themen. Wer kritisiert die immer und überall gegenwärtige Gehirnwäsche durch Beratungsdienste, Coachs und NLP? Ich habe den Eindruck, dass keine Partei den Anspruch erhebt, moralische Werte zu vertreten. Man streift durch die Stadt und stößt auf Plakate, welche allesamt dem Prinzip des neuen Establishments entsprechen, welcher einem Ausspruch des früheren RTL–Programmchefs Helmut Thoma entlehnt scheint. Er sagte: „Im Seichten kann man nicht ertrinken.“ Genau dies ist die Maxime der Parteien im Berliner Wahlkampf. Besonders die CDU mag sich diesem Weg verpflichtet fühlen, obwohl es zahlreiche Ansätze gegeben hätte, sich damit vom soziologischen Standpunkt ausgehend zu beschäftigen. Doch stattdessen versucht man mit Wortspielereien den Zeitgeist nachzuahmen. Wenn man den Slogan „gerade richtig“ mit einem Punkt in der Mitte versieht und die beiden Wörter großschreibt, soll unbewusst also von einer Geradlinigkeit ausgegangen werden. So verbleibt man schön in den sublimalen Niederungen manipulativer Suggestion. Die SPD macht es nicht besser. Ihr Slogan „Berlin verstehen“ bezieht sich auch auf die vielen Sprachen, also Deutsch und Türkisch, welche in der Hauptstadt favorisiert gesprochen werden, erstere mit stilistischen Abstrichen, sowohl innerhalb der Möchtegernelite als auch von denjenigen, welche mittlerweile stolz darauf sind, von den Neunmalklugen als Unterschicht bezeichnet zu werden.

Dementsprechend laufen parallel dazu im Fernsehen neue deutsche Kriminalfilme, in welchen die Genderagenda bis aufs genauste durchdekliniert wird, als ob es wirklich solche Fälle gäbe, welche detailgenau dem politisch korrekten Traum entsprächen. Rein zufällig sehe ich da eine Folge einer neuen Serie „Der Ermittler“. Da ich grundsätzlich dazu neige, keine deutschen Filme zu schauen, war ich nicht bloß entsetzt über die konsequente Umsetzung eines solchen Machwerks, sondern geradezu irritiert über die dort zelebrierte Selbstverständlichkeit, welche einer überheblichen Unerschrockenheit gegenüber den Zuschauern entspringen muss. Allein auch dieser Film ist Teil des Problems, einer grundlegenden Umerziehung hin zu einer minderheitenfaszinierten Gesellschaft, in welcher der Konservative als der heimliche Bösewicht, der nach außen anständige Bürger als der unanständige zählt. Vielleicht war ein solcher Erzählstil in früheren Jahren angebracht, als es noch wirkliche Konservative gab, aber heute?

Unter diesen Umständen ist es fast nicht vorstellbar, wie sich einfache Gemüter einer derartigen infamen Propaganda entziehen sollen, wenn sie sich nicht aus der gesamten Gesellschaft entfernen wollen. Es gibt mittlerweile eine ganze Generation von Menschen, welche niemals selbstständig zu denken wagten, weil ihnen die Klischees solange vorgekaut wurden, bis sie verdrängten, dass sie eigentlich keineswegs diesen entsprechend leben müssten.