ungebremst ins Chaos

03.07.2014 um 16:21 Uhr

Meine virtuelle Tür

von: blacksheep   Kategorie: was mich betrifft

Seit ein paar Wochen treibe ich mich mal wieder in chatrooms herum. Ich schätze, das ist meine Ersatzdroge seit ich aufgehört habe fernzusehen. Ernsthaft, mein TV-Konsum der letzten drei Wochen beschränkt sich auf WM-Fußballspiele.

Wow. Darüber hatte ich bislang gar nicht so genau nachgedacht... Egal, zurück zum Thema.

Chatrooms. Da hocke ich also an meinem PC und unterhalte mich mit allen möglichen Unbekannten über alles mögliche und schlage so die Zeit tot. Es kann ja mitunter sehr erfrischend oder auch hilfreich sein, mit jemandem der einem völlig fremd ist, mal über Probleme zu sprechen für die man keine Lösung findet oder über Dinge zu philosophieren die sonst kein Schwein interessieren. Man bekommt recht direkte, spontane und "ehrliche" Antworten weil niemand sich Sorgen darüber machen muss ob ich danach noch mit ihm spreche oder ihn zur persona non grata erkläre weil mir seine Meinung nicht passt.

Vorgestern hingegen habe ich eine ganz neue Erfahrung gemacht.

Es war kurz vor Mitternacht und ich hatte gerade beschlossen, endlich mal wieder vor zwölf ins Bett zu gehen, als es an meine virtuelle Tür klopfte. Naja, genau genommen bekam ich eine SMS von Julius der mir mitteilte, er sei gerade on gegangen. Mit einem Grinsesmiley dahinter. Dieser verrückte Vogel. Von wegen seriöser Unternehmer der 16 Stunden arbeitet und danach nur noch isst und schläft. Aber okay, sogar er muss irgendwann den Haushalt erledigen wenn es sonst keiner tut und da läuft dann halt nachts die Waschmaschine... Offensichtlich haben wir doch noch mehr Gemeinsamkeiten als ich dachte.

Ich also den Mozilla-Fuchs wieder aufgeweckt und in "seinen" Chatroom eingeloggt. Ja, ich weiß, manchmal bin ich bescheuert.

Es war... komisch. Mit jemandem zu "reden" bei dem man den Verlauf des Gespräches für gewöhnlich von seinen seh- und hörbaren Reaktionen abhängig macht ist schwerer als ich dachte. Für adäquate Reaktionen muss ich mich erstmal mit Chatabkürzungen und den Smiley-Tastenkombinationen vertraut machen... Das kp kein Plan heißt, kriege ich ja gerade noch so hin, aber der Rest... Woran ich mich wohl nicht so schnell gewöhnen werde ist dieses "hihi" wenn er irgendwas witzig findet was ich schreibe, weil es so nach Teenie-Gekicher klingt (obwohl es ja da gar keinen Ton gibt - faszinierend, oder?) und überhaupt geht es schwer in meinen sonst so phantasievollen Schädel, dass ausgerechnet Juli sich in Chatrooms rumtreibt. Aber bei ihm sollte mich wohl so langsam nichts mehr wundern...

Tatsächlich hat sich während unseres beinahe zweistündigen Gespräches herausgestellt, dass ich auch im Chat deutlich mehr rede als er. Wenn man Gespräche aufschreibt würde das bei uns sicher krass aussehen... Dabei hatte ich sonst immer den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Reden und Zuhören bei uns einigermaßen okay ist.

Das, was durch die Anonymität eines Chats leicht wird, nämlich ehrlich zu sein, ist hier nicht zwangsläufig von Vorteil. Sogar wenn man denjenigen, der am anderen Ende der Leitung sitzt, sehr gut kennt (wie gut Juli und ich uns nun tatsächlich kennen muss demnächst noch mal ausdiskutiert werden zwischen uns...) ist es unter Umständen leichter zu reden. Ich könnte ihm Dinge sagen, die mir NIEMALS über die Lippen kommen würden wenn er mir dabei gegenüber sitzt weil in gewissen Bereichen meine Peinlichkeitsschwelle sehr niedrig angesetzt ist (was vielleicht lächerlich ist wenn ich bedenke, dass er mich quasi in allen Lebenslagen kennt). Ich hatte auch den Eindruck, dass es ihm ähnlich geht, aber möglicherweise täusche ich mich da auch.

Als wir uns voneinander verabschiedet haben, waren wir uns in jedem Fall einig, dass wir auf diese Weise nun tatsächlich öfter miteinander "reden" können. Ob es wirklich so kommt wird sich dann zeigen.

Es war natürlich doch wieder 2 Uhr früh als ich ins Bett ging...